Klettern in den Dolomiten

Pordoispitze (2952 m), Fedeleführe

von Michael Meyer

Mitte Juli. Wir haben noch einige Tage Urlaub. Das Wetter verspricht für morgen einen herrlichen Tag. Da möchten wir die von riesigen schwarzen Streifen durchzogene NW-Wand der Pordoispitze durchsteigen. Bei jeder Fahrt vom Sellapaß ins Fassatal ist uns die etwa 900 m hohe Wand immer wieder aufgefallen. Sie ist ein besonderes Schaustück und trotz ihrer Nähe zur Paßstraße bedrohlich wirkend und einladend zugleich. Wo sonst findet man eine Wand solchen Ausmaßes mit nur einer Stunde Zustieg? Laut Auswahlführer soll die Fedeleroute mit ihren 26 Seillängen in fast immer gutem Fels ein besonders lohnender Weg sein. Deshalb möchten wir hier Hand anlegen. Aber am Morgen haben wir erst einmal ein Problem. Der Benzinkocher will nicht so recht. Wir verlieren Zeit.

Dann marschieren wir von Schiavaneis einen Pfad entlang durch dichten Wald. Schon bald taucht wie ein riesiger Schild über uns die NW-Wand auf, die aus der Ferne so kompakt wirkt. Aus der Nähe betrachtet, ist sie stark zerklüftet. Über die schwarzen Bänder rinnt Wasser, das teilweise als imposanter Wasserfall über eine Kante rauscht und als feiner Nebel zerstäubt. Wir suchen mit Hilfe des Kletterführers den Einstieg. Weit über uns sehen wir zwei bunte Punkte. Das erleichtert die Sache etwas. Über schrofiges Gelände erreichen wir den ersten Standplatz. Wir legen die Klettersachen an und verstauen den Rest in den kleinen Rucksäcken.

Es beginnt mit einer Verschneidung. Auf der Suche nach den wenigen Zwischenhaken bewegen wir uns zunächst nach rechts. Die Kletterei ist hier nicht besonders schwierig, nur die Orientierung in einer solch großen Wand bereitet immer wieder Probleme. Oft gibt es mehrere Varianten. Die Seilschaft vor uns sichten wir nur ab und zu. Nur der breite Wasserstreifen erleichtert die Wegfindung. Schon liegt die Paßstraße weit unter uns. Am gegenüberliegenden Sellamassiv werden die Gipfel inzwischen von der Sonne angestrahlt. Bis zum Mittag klettern wir im Schatten. So ist es mitten im Hochsommer angenehm kühl. Meist wechseln wir zwei uns in der Führung ab, was Zeit spart. Auch nach zehn Seillängen zeigt ein Blick nach oben nur überhängenden Fels und tiefblauen Himmel. Unsere Bewunderung gilt den Erstbegehern, die 1929 den Weg durch diese riesige Wandflucht fanden, ohne sich mit großem Hakenaufwand nach oben zu nageln. Immer wieder findet sich ein Durchschlupf durch eines der großen Dächer. Manchmal müssen wir über wasserübergossenen Fels, was unseren Kletterschuhen und ihrer Reibungsfestigkeit nicht gut tut. Die Standplätze erkennt man meist daran, daß zwei Fiechtlhaken mehr oder weniger vertrauenerweckend durch Schlingenmaterial miteinander verbunden sind. Zur eigenen Beruhigung sichern wir uns mit zusätzlichen Klemmkeilen oder Friends ab. Obwohl wir recht flott unterwegs sind, erscheint der Weg endlos. Nun verraten uns die Stimmen der Seilschaft vor uns, daß wir langsam näher rücken. Kurz vor Mittag hole ich sie zum ersten Mal ein. Es sind zwei Österreicher. Gut für die Unterhaltung. Während sie weiterklettern, gönnen wir uns auf einem Absatz eine Rast, auch um ein Foto zu machen, das den herrlichen Tiefblick wiedergeben soll.

Weit nach Mittag haben wir endlich das riesige Querband erreicht. Wir kommen direkt unter einem großen Block heraus, der sogar von der Straße aus deutlich zu erkennen ist und mit seiner Größe eines mehrstöckigen Hauses daheim ein bedeutender Klettergipfel wäre. Hier rasten wir wieder und genießen die warmen Sonnenstrahlen. Weil wir so schönes Wetter haben, beschließen wir, den Weg nicht über das Ringband zu verlassen, sondern weiterzuklettern. Das Ringband erweist sich als Geröllhalde, 40 geneigt. Bis zum Einstieg in die Schlußwand nur gefährlich lose aufeinander liegender Schotter. Wie gut, daß wir Helme tragen. Aber die letzten sechs Seillängen bilden den krönenden Abschluß einer herrlichen Felstour. In zum Teil ausgesetzter Kletterei geht es zu einer riesigen Rippe, hinter der ein Kaminsystem fast bis zum Gipfel führt. Die Rippe hat Durchbrüche zur Talseite, in denen man gut biwakieren könnte. Ein sagenhafter Blick über das Fassatal ist durch diese Felsenfenster möglich. Nur einen Nachteil hat die Sache auch. Der Kamin wird an diesen Stellen sehr breit, um sich später wieder auf 30 cm zu verengen. Der Nachsteiger unserer Vorgängerseilschaft verkeilt sich mit seinem Rucksack an solch einer Stelle. Mit gemeinsamer Kraftanstrengung wird das Problem schließlich gelöst. Nach weiteren zwei Seillängen treffen wir uns am Ausstieg auf dem Hochplateau des Pordoigipfels wieder. Es ist jetzt 19 Uhr. Wir sind uns einig, daß die Route trotz ihrer verhältnismäßig niedrigen Einstufung (IV) mindestens so anspruchsvoll ist, wie manch höher bewertete.

Nach einem Rundblick von der Marmolada über das Fassatal, Rosengarten, bis Langkofel- und Sellagruppe mahnt die schon tiefer stehende Sonne zur Eile. Ein anstrengender Abstieg über die Pordoischarte und das Val Lasties steht uns noch bevor. Im Lastiestal sehen wir noch ein Herde Gemsen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie elegant sich diese Tiere im steilen Gelände bewegen.

Schon fast im Dunklen erreichen wir unseren Ausgangspunkt. Da wir keine Lust haben, noch ins Fassatal zu fahren, kochen wir vor Ort im Schein der Taschenlampe eine Suppe und lassen den Tag gemütlich ausklingen.

redaktionell bearbeitet by Th. Frank 26. Mai 1997