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Hohe Tauern Route zwischen Kaprun und Großglockner ![]()
Vom Großen Wiesbachhorn (3564m) zur Oberwalder Hütte (2972m) Anfang August 1996, zwei Tage Sonnenschein im Sommer, der keiner war. Vom Talort Kaprun (736m) am Eingang des gleichnamigen Tales im Unterpinzgau, in dem Energiegeschichte geschrieben wurde, erreichen wir 200 Meter höher das Ende der öffentlichen Fahrstraße. Am Parkhaus am Kesselfall-Alpenhaus (1034m) beginnt der Aufstieg zur DAV Hütte Heinrich-Schweiger-Haus (2802m). Autobusse und Schrägaufzug der Tauernkraftwerke AG werden als Aufstiegshilfe genutzt. Sie befördern uns an der Staustufe Wasserfallboden vorbei hinauf zur Sperrmauer Moserboden auf 2036 m.. Europas größte Stauseen liegen inmitten der eis- und schneebedeckten Dreitausender. Alpinistenherzen schlagen höher beim Anblick dieser Landschaft. Auch wir sind beeindruckt. Von der Staumauer aus steigen wir in etwa zwei Stunden hinauf zum Heinrich-Schweiger-Haus. 766 Höhenmeter bis auf’s Plateau sind ein gesundes Maß für die heutige sonnige Nachmittagseingehtour. Ein- und Aussichten auf die Bergwelt der Türköpfe, der Hocheiserregion, zum Kitzsteinhorn hinüber und hinunter auf Wasserfall- und Moserboden erfreuen das Auge. Langsam gewöhnt sich der Mensch an die Belastung; er paßt sich an.
Als wir die Hütte erreichen, sind wir froh, die Anpassung für heute beenden zu können. Nach einem Bierchen noch die Vorbereitungen für den morgigen Tag mit dem Aufstieg zum Großen Wiesbachhorn und der Überschreitung zur Oberwalder Hütte. Die Nächte auf Hütten sind überall gleich Aufstehende und sich Niederlegende begegnen sich, Schnarcher stören. Die Nacht ist noch lange nicht zu Ende, da wecken ein Piep der Armbanduhr und ein Lichtstrahl einer Taschenlampe die Schläfer. Mit gewohnten Handgriffen ertastet man seine Habseligkeiten und folgt auf leisen Sohlen den Weckern. Draußen auf dem Gang zieht man sich bei Taschenlampenlicht an, verstaut das Schlafzeug im Rucksack und geht zum Frühstück, das wortkarg eingenommen wird. Irgendwo poltert ein Gegenstand zu Boden, einer murrt deutlich. So beginnt der Tag auf einer Hütte.
Draußen ist es kalt, das Thermometer zeigt Minusgrade an. Im Schatten der Nacht gehen wir den Berghang hinauf zum Einstieg in die Wand am Unteren Fochezkopf. Von hier leitet ein im unteren Teil drahtseilversicherter Steig über das abweisende Wändchen hinauf zum Oberen Fochezkopf. Die ersten Klettermeter bringen den Körper auf Betriebstemperatur und vertreiben die Müdigkeit. Es wird hell. Der Tag bricht an. Wir betreten den luftigen Kaindelgrat, der zum Gr. Wiesbachhorn hinaufführt. Die Spur ist festgefroren und gut begehbar. Vor uns ist die abweisende, steile, glatte vereiste NW-Wand gut einsehbar, in der auch ein Kapitel Alpingeschichte geschrieben wurde. Wir steigen dann rechts haltend über Firn und gestuften Fels mit schneebedeckten Bändern zum Ausstiegsgrat. Nach reichlich zwei Stunden geben wir drei Zwönitzer auf dem 3564 m hohen Gr. Wiesbachhorn uns zum Gipfelgruß die Hand. Der Berg gehört zu den begehrteren Gipfeln im Tauernkamm. Seine Stellung in der Großglocknergruppe, seine Form und die oft weithin sichtbare Wolkenfahne zieht die Bergsteiger an, die klassische Aufstiege lieben und es weit ruhiger haben wollen, als es gewöhnlich am Großglockner ist. Das Wetter ist seit Tagen wieder einmal schön. Darum sind mehrere Seilschaften am Berg. Unsere Gipfelrast ist kurz, denn vor uns liegt noch ein weiter Weg. Beim Abstieg über den Gipfelgrat haben wir Gegenverkehr. Auf den abwärtsgerichteten Platten sind Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme angebracht. Nach etwa 300 Höhenmetern bergab stehen wir im Wielingerkees mit der gleichnamigen Scharte (3265m).
Schon fließen die Bächlein von den Hängen und sammeln sich in kleinen flachen Seen oder verschwinden gurgelnd in Rissen und Spalten des Gletschers. Für die noch frühe Tageszeit ist es zu warm. Der Firn weicht während des Aufstiegs zum Hinteren Bratschenkopf mehr und mehr auf. Auf diesem Gipfel halten wir Brotzeit und fotografieren. Danach geht es leicht absteigend zur Bratschenkopfscharte hinüber und von dort abfahrend hinunter in die Senke zwischen Klockerinkees und Bratschenkopfkees auf 3304 m. Zur Klockerin hinauf müssen wir im knietiefen aufgeweichten Firn. Wir brauchen mehr Verschaufpausen und haben dabei Gelegenheit zum Fotografieren und Schauen. Vom Gipfel der Klockerin (3422m) hat man eine sehr schöne Aussicht auf die nordseitigen Gipfel der Großglocknergruppe. Anhand der Karte ist es uns mögllich, den zahlreichen Gipfeln und Keesen ihre Namen zuzuordnen und unseren weiteren Weg zu erkennen. Nach Süden, den Hang abwärts über felsigen Untergrund gehend, gelangen wir in die ca 300 Höhenmeter tiefer gelegene Gruberscharte. Hier steht auf etwa halbem Wege die für Notfälle errichtete Biwakschachtel. Ihr Eingang befindet sich zur Zeit wegen des fehlenden Schnees drei bis vier Meter über dem Boden. Die Vorstellung, hier ohne Not einen Sonnenauf- oder -untergang zu erleben, wäre reizvoll. Unser Weiterweg führt nicht übers Bärenkopfkees zur Keilscharte, sondern über den Großen Bärenkopf (3406m). Von Ost nach West überschreiten wir den Höhengrat; eine lohnende Variante, da man nun auch den Blick nach Süden frei hat. So vom Sehen und Staunen süchtig geworden, besteigen wir aus der Keilscharte noch den am Wege liegenden Mittleren Bärenkopf (3357m). Leider haben wir da nicht den erwarteten Blick auf den größten Gletscher der Ostalpen, die Pasterze. Tiefe Wolken verhindern die Sicht, kühler Wind faucht uns an. Schlagartig hat sich das Wetter geändert. Eine Gewitterfront zieht über die Berge und erreicht uns, während wir den Bergkamm zwischen Oberem Pasterzenboden und Bockkarkees zum Eiswandbichl hinunterhasten. Ein Donnerschlag ganz in der Nähe zeigt uns, das Gewitter ist über uns und auf dem Weg nach Kärnten. So schnell, wie es gekommen war, so schnell ist es aber auch weitergezogen. Von Ferne grollt es noch über die Berge. Der Niederschlag in Form von Regen und Graupel war ergiebig. Wir sind am Ende der Tour noch tropfnaß geworden. Vom Winde getrieben und zerzaust quellen dicke Wolken die Pasterze herauf zum Oberen Burgstsall (2973m): So sind wir am Tagesziel angekommen, ohne zu ahnen, daß sich mit dem Gewitter bereits die Großwetterlage „Sommer 1996“ wieder eingestellt hat.
PS :
Man kann dem Kletter- und Bergführer nur beipflichten: eine schöne und anspruchsvolle Bergtour, wenn auf Wetter und Kondition gleichermaßen Verlaß ist.
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