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Dion
Francis Dimucci erblickt am 18.7.1939 als Sohn von Pasquale und Frances
Dimucci das Licht der Welt. Zusammen mit seinen beiden Schwestern Joan
und Donna wächst er im italienischen Viertel New Yorks auf, in der
Bronx, 183ste Straße. Über seine Jugend erzählt Dion später einmal:
„Ich habe zwei Schwestern und 250 Verwandte. Ich kann mich erinnern an
riesige Tische. Alle sprachen gleichzeitig. Am Kopf saß der Großvater,
der die ganze Familie mit milder Strenge zusammenhielt. Mein Vater, ein Puppenspieler, hatte die Seele eines Künstlers
und bis heute den Körper eines Athleten. Meine Mutter gab uns ihr
herrliches Lächeln, ihr warmes Herz und Hühnersuppe“. Musikalität
und Show-Business bekommt Dion in die Wiege gelegt. Denn sein Vater läßt
nicht nur die Puppen tanzen, er tritt auch in Varietees auf. Oft nimmt
er seinen Sohn mit auf Tourneen und verschafft ihm so erste Einblicke
auf die Bretter, die die Welt bedeuten. So richtig Click macht es bei
Dion mit 12 Jahren. Hank Williams und sein völlig neuer Sound lassen sämtliche
musikalische Adern in ihm pulsieren. Dion wörtlich: “Ich war 12, als
ich den „Honky Tonk Blues“ von Hank Williams im Radio hörte. Ich
wurde sofort ein Fan und begann eine Plattensammlung. Es dauerte nicht
lange, da konnte ich mehr als 200 Countrylieder auswendig. So überwand
ich auch meine Schüchternheit und begann, in der Schule zu singen und
Gitarre zu spielen. Ich fand heraus, dass ich nur meine Augen zu schließen
brauchte, und schon war ich in meiner eigenen Welt und konnte die Leute
mitreißen“. Zum Geburtstag schenkt ihm sein Onkel eine gebrauchte
Gibson-Gitarre vom Pfandleiher. Damit schreitet Dion alsbald selber zur
Tat. An Straßenecken und in kleinen Bars erwirbt er sich seine
musikalischen Fähigkeiten und feilt an seinem angeborenen Talent. Dion´s
Vater erkennt sehr wohl das große Talent seines Sohnes und bemüht sich
deshalb um erste Radio- und Fernsehauftritte. Nicht ohne Erfolg. Ein
Auftritt in der Paul Whitman Show und im Roxy
Theater, wo er mit Tony Bennett singt, bringen ihn erstmals mit den Großen
des Shobiz in Berührung. Dion singt gleichwohl weiterhin in den Straßen
und lauscht mit Freunden aus der Nachbarschaft den populären
Doo-Wop-Vokalgruppen dieser Zeit (The Cadillacs, The Spaniels, etc.).
Auf Dion und seine Kumpels wirken die Harmonien des auf weißen
Geschmack getrimmten Ryth´m & Blues ungeheuer anregend. „Was die
können, kann ich auch“, denkt er sich und gründet 1956 mit seinen
Freunden Angelo D´Aleo, Freddie Milano und Carlo Mastrangelo eine
eigene Gruppe. Gottlob. Denn der straßenerfahrene Dion war auf bestem
Wege, für immer auf die schiefe Bahn zu geraten. Er hatte sich immerhin
schon der berüchtigten Straßengang “The Warlords” angeschlossen.
Das Millieu seiner Kindheit beschreibt Dion später einmal wie folgt:
“In meiner Nachbarschaft ging es knallhart zu. Sogar die Nonnen trugen
Tatoos!” Den Straßen kann Dion mit Hilfe der Musik entkommen.Den
Drogen nicht. Sie werden sein Alptraum für die nächsten zehn Jahre
werden. Doch zurück zur Musik und zum Jahre 1957. Das Jahr hat es in
sich. Rassenkonflikte überziehen das Land. Sie eskalieren, als eine
farbige Frau sich weigert, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen
freizumachen. Martin Luther King setzt ein Zeichen des Friedens mit
seiner „I had a dream Rede“. Dion setzt dem charismatischen Führer
des schwarzen Amerikas Jahre später ein großartiges musikalisches
Denkmal (“Abraham, Martin and John”). Auch in der Musik wird die
Rassendiskrimierung offensichtlich. Der vom Ryth´m & Blues
getragene Rock & Roll hat zu dieser Zeit seinen Zenith schon fast
wieder überschritten. Zwar sind die Hitparaden wie nie zuvor mit
farbigen Künstlern bestückt. Vehement feilen die Geschäftemacher des
Plattenbusiness jedoch an neuen stereotypen Stilen und weißen Sängerkarrieren,
speziell für einen weißen Geschmack, an dem auch die Erwachsenen
Gefallen finden. 1957 ist das Jahr der Teenager-Idole. Da ist zum
Beispiel ein dicklicher Junge libanesischer Abstammung namens Paul Anka,
der hemmungslos seine Sehnsucht nach der viel älteren „Diana“ auf
die Plattenrillen schluchzt (und einen Millionenseller landet). Dion,
Freddie, Carlo und Angelo nennen sich jetzt “Dion and the Belmonts”.
Den Namen adoptieren sie von der Belmont Avenue in der Nachbarschaft.
Als Übungsräume dienen ihnen die Strassenecken, Dielen und Bahnsteige.
Für die mehr oder minder genervten Nachbarn sind die Doo-Wop-Harmonien
der Belmonts bald eine gewohnte Geräuschkulisse. Phil Noto, ein lokaler
Songschreiber, erkennt das Gold in den Kehlen der Belmont-Jungs und
nimmt Dion zum Vorsingen bei Bob und Gene Schwartz mit Letztere hatten
gerade die Plattenfirma Mohawk-Records gegründet. Dion singt den Five
Satins Song “Wonderful Girl”. Resultat des Vorsingens ist seine
erste Schallplatte: “The Chosen Few”. Die Scheibe findet tatsächlich
etwas Beachtung, vor allem in Boston. Zum Glück - für uns - gibt Dion
seiner Musik eine neue Richtung. Im Frühjahr 1958 kommt denn auch
Durchbruch mit “I wonder why” auf dem Laurie Records Label (vorher
Mohawk Records). Dions erster großer Hit! Er kommt in die
Billboard-Top-Twenty und bringt die Belmont-Jungs in die äußerst populäre
Tanz-Fernsehshow American Brandstand. Das ist der Durchbruch. Jahre später
kommt es für das Laurie-Label und die Belmonts so richtig Dicke. „Why
must I be a teenager in love...“ röhrt Dion mit tieftraugigem Timbre
in der Stimme aus den Äthern der Radiostationen. Der von Doc Pomus
geschriebene Song schafft es unter die ersten Fünf der Nationalen
Hitparade. Das Schicksal meint es wahrlich gut mit Dion. Selbst dem Tod
schlägt er ein Schnippchen. Auf der Winter Dance
Party Tour im Jahre 1959 verzichtet er aus Sparsamkeit auf den Flug zur
nächsten Tourstation, mit dem letztlich Buddy Holly, der Big Bopper und
Richie Valens ums Leben kommen. Nach einigen weiteren Hits, u.a. den
Rodgers und Hart-Standard „Where or When“, werden musikalische
Differenzen zwischen Dion und den Belmonts immer offensichtlicher. Die
Belmonts fahren auf der samtweiche Welle alter Standardmelodien ab, Dion
zieht es zum kernigen Rock´n Roll. Die Trennung ist unausweichlich.
Auch als Solokünstler bei Laurie Records landet Dion Hit auf Hit. 1961
erklimmt er zum ersten und einzigen Mal die absolute
Pool-Position in der Hitparade. Ein Songschreiber aus der Nachbarschaft,
Ernie Maresca, hat daran erheblichen Anteil. „Runaround Sue“ ist in
der Tat ein Klassesong mit einem mitreißender Beat. Nun geht es Schlag
auf Schlag. 1962 folgt „The Wanderer“. Bronx-Soul vom Feinsten! Zwar
wandert Dion damit „nur“ auf den zweiten Platz der Charts. The
Wanderer gilt aber seitdem als Dion´s Erkennungssong. Sage und schreibe
neun Hits bringt Dion unter die Top Ten. Er avanciert zum Teenager-Idol;
wird in einem Atemzug mit einem Ricky Nelson, Fabian oder Franky Avalon
genannt. Kein Wunder, dass ihn auch der Film entdeckt. In zwei Rock´n
Roll Filmen wirkt er mit: „Twist around the clock“ und „Teenage
Millionaire“. Leider wird sein dritter Film („Ten girls ago“) nie
ausgestrahlt. Ärgerlich. Ausgerechnet in diesem spielt er an der Seite
des großen Stummfilmstar Buster Keaton. Abgesehen von seinen filmischen
Eskapaden will Dion musikalisch reifen. Er verlässt Laurie Records und
unterschreibt als erster Rock´n Roll Sänger überhaupt bei Columbia
Records. Treu bleiben ihm die Hits, so „Ruby Baby“ oder „Donna,
the Primadonna“; ein Lied das er seiner Schwester Donna widmet. Am 23.
März 1963 heiratet Dion seine große Liebe Susan Butterfield. Aber es läuft
beileibe nicht alles glatt. Trotz Glück und Berühmtheit - irgend etwas
fehlt. Es ist die Musik. Er fühlt sich von den Plattenbossen in eine
musikalische Sackgasse gedrängt. Columbia Records will ihn in einen
Frank Sinatraklon verwandeln - weg vom Rock & Roll. Die Zeiten haben
sich eben geändert. Die amerikanische Musikszene wird von der
Beatlemania überschwemmt. Auf den Rock´n Roll werden Grabgesänge
angestimmt. Und Dion verfällt zunehmend dem Drogenkonsum. Zwei mittlere
Hits kann er noch landen: „Drip Drop“ und eine Cover Version von
Chuck Berry´s „Johnny B. Good“. Dann ist erstmal Feierabend. Dion
verschwindet aus den Pop-Charts. Los läßt ihn die Musik aber noch
lange nicht. In Greenwich Village treibt er sich herum und saugt Eindrücke
der dortigen Musikszene auf. John Hammond erwärmt ihn schließlich für
Country-Blues. Dion macht daraus den „Bronx-Blues“. Auch wenn das in
dieser Ära aufgenommene Material nie in die Charts kommt, kann man es
jetzt auf einer Doppel-CD hören („Dion, The Road I´m on, a
Retrospective“) Auf diesem Sampler findet sich auch die italienische
Fassung von “Donna, the Primadonna” - eine heute teuer gehandelte
Rarität. Es gibt sogar den Versuch einer Wiedervereinigung mit den
Belmonts und Laurie Records im Jahre 1966. Es reicht jedoch nur zu einem
gemeinsamen Album (“Together”), dann trennen sich wieder die Wege.
1967 fordern Drogen und Alkohol erbarmunglos ihren Tribut von Dion.
Seine Frau will sich von ihm trennen und zieht mit Tochter Tane (geb.
Nov. 1966) zu den Eltern nach Miami, Florida. Dion folgt ihr und lernt
Schwiegervater Jack kennen, einen bekehrten Alkoholiker und streng
religiösen Mann. Im April 1968 erhält Dions Leben eine entscheidende
Wendung. Susans Halbbruder stirbt auf tragische Weise und Dion überführt
zusammen mit seinem Schwiegervater die Leiche von Baltimore nach Miami.
Dort in Baltimore, in einem Hotelzimmer, mitten in der Nacht, überzeugt
Schwiegervater Jack den verzweifelten Dion, sein Geschick in Gottes Hand
zu legen. Von nun an ändert Dion sein Leben radikal. Befreit von seiner
zwanghaften Drogensucht widmet er sich ausschließlich der Musik. Sein
Album „Abraham, Martin And John“ kommt unter die ersten Zehn der
Charts und bringt ihn wieder ins Rampenlicht zurück. Doch der Glimmer
ist Dion nicht mehr wichtig. Er hat endlich seinen eigenen Weg gefunden.
Auftritte in kleinen Clubs sagen ihm zu. Er schreibt Musik, die ihm
wirklich etwas bedeutet. Einmal bekennt Dion, daß er seine Musik immer
als eine Art Tagebuch betrachtet hat, einen Weg sich auszudrücken, wenn
andere Wege für ihn versperrt waren. Auf dem Warner Brothers Label
folgen von der Kritik sehr gut aufgenommene Alben mit Titel wie „Sanctuary“,
„Sit Down Old Friend“ und „Suite For Late Summer“.Man
kann den Frieden in seinen Liedern förmlich spüren. Tatsächlich
enthalten die Platten musikalische Schätze. Ein Beispiel ist „Born To
Be With You“, produziert von Phil Spector und nur in England veröffentlicht.
1979 bringt Dion ein Album auf dem Lifesong Label heraus, mit dem Titel
„Return of the Wanderer“. Viele Leute glauben, das wäre Dion´s
Comebackalbum. Leider wird es von der Plattenfirma schwach vermarktet.
Gleichwohl sollte es in keiner Dion-Sammlung fehlen. Dion nutzte jetzt
seine Zeit, um alte Wunden zu heilen und vor allem kümmerte er sich um
seine Familie, die mittlerweile drei hübsche Töchter - Tane, Lark und
August - umfasst. Und er beginnt seine Musik Gott zu widmen. In den
achziger Jahren nimmt er vier Gospel-Alben auf. Mit einem („I put away
my idols“) gewinnt er sogar den Dove-Award und wird 1983 für den
Grammy nominiert. 1987 erhält Dion einen Anruf vom Radiosender WCBS-FM,
einen sehr populären Oldie-Sender in New York. Der Sender feiert seinen
15. Geburtstag. Und Dion soll für die Hörer das Geburtstagsgeschenk
sein. In Form einer Performance in der Radio City Hall. Normalerweise
greift Dion nur selten auf seine alten Hits zurück. Zuletzt ließ er
sich dazu 1972 hinreißen, im Rahmen eines großen Reunion-Konzerts mit
den Belmonts im Madison Square Garden. Seither hat er alle Versuche, ihn
wieder in die Oldies-Arena zurückzubringen kategorisch abgelehnt. Aber
etwas in ihm sagt jetzt plötzlich: „Ja“. Als das Konzert für den
19. Juni 1987 angesagt wird, sind die Karten innerhalb von 20 Minuten
ausverkauft. Nach dem sensationellen Event zieht Dion folgendes Resümmee:
„This night put together what I had been doing, what I did and what I
wanted to do“. Mit dem kurz darauf folgenden Album „Yo Frankie“
zeigt er sehr eindrucksvoll, dass man ihn noch lange nicht zum alten
Eisen zählen kann. Der Reigen auf diesem wundervollen Album spannt sich
von rockigen Songs höchster Qualität („King of the New York Streets“)
bis hin zu ergreifenden Balladen („Serenade“). Eine Reihe von Rockgrößen
geben sich auf Yo Frankie die Ehre und erweisen Dion damit ihre
Referenz. Lou Reed zum Beispiel. Oder Bryan Adams. Oder Patty Smith. Bei
„Written on the subway wall“ steuert Paul Simon einen hinreißenden
Einschub („Little Star“) bei. Die in diesem Jahr erscheinende
Biographie „The Wanderer“ (Co-Author Davin Seay) ist ein weiteres
Indiz für den neu erwachten Tatendrand des einstigen Rock´n Roll
Idols. 1989 kommt was kommen muß: Die Aufnahme Dions in die Hall of
Fame. Sein Freund Lou Reed hält eine bemerkenswerte Laudatio, die übrigens
auch auf dieser website zu finden ist. Dion kann heute auf eine
unglaubliche musikalische Karriere zurückblicken. Sie umfasst fast fünf
Jahrzehnte. Dabei blieb das einstige Teenager Idol aus den Straßen der
Bronx sich immer treu und vor allem seinem unverwechselbaren Sound. Ohne
jedoch im Gestern verhaftet zu bleiben. Hier unterscheidet sich Dion von
vielen anderen Rockveteranen oder ehemaligen teenage-idols, die auf
Nimmerwiedersehn in der Versenkung verschwanden. Dion zeigt sich Neuem
aufgeschlossen, wächst nach wie vor musikalisch und experimentiert
dabei mit neuen Sounds und Bands. „Ich bin der einzige Vater (und
jetzt Großvater), der seine Musik lauter spielt als seine Kinder“,
meinte Dion vor einigen Jahren. Das ist sicher nicht gelogen. Dion rockt
auch im neuen Jahrtausend weiter und kann auf seine immer noch riesige
Fangemeinde bauen. Hoffentlich beehrt uns Dion wieder einmal in
Deutschland, wie vor einigen Jahren, als er zu einer Stippvisite in München
war und nicht nur die strenge hiesige Kritik begeisterte. Wie hat Lou
Reed bei seiner Laudatio so schön gesagt: „Nobody could be hipper
than Dion“! Recht hat er
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