Es war in 1958 - vom Ozean her wehten kalte Winde über Long Island. Ihr laut aufbrausendes Geheul vermischte sich mit den vagen einschmeichelnden Sounds des Rock & Roll. Den Sounds eines anderen Lebens, den Sounds der Freiheit. In der Zeit als Alan Freed auf ein Telefonbuch hämmerte und das schreiende Saxophon von Al Sears die Luftwellen mit seiner Leitmelodie “Hand Clappin” verbrannte, sass ich da und starrte auf ein unbeschreibliches Buch über Flugzeuggeometrie, dessen Flugzeuge und Flügel mir für immer entkommen sollten. Und ich wollte ihnen entkommen und der ganzen Welt, bestehend aus SAT Tests, den College-Gremien - und dafür auf die Ewigkeit eintauchen in die Welt von Shirley and Lee. Den Diablos, Den Paragons, den Jesters. Lilian Leech und den Mellows - “Smoke from your cigarette”, Elisa and the Rockaways - “Why can´t I be loved?” - eine Frage, die meine ganze Teenagerzeit stark beanspruchte. Die Songtexte setzten sich in meinem Kopf fest, wie Shakespeare´s Gedichte mit all ihrem Ausdruck der Tragödie. “Gloria”, “Why don´t you write me Darling?”, “Send me a letter” - The Jacks. Ja, und da war Dion - das unglaubliche Opening zu “I wonder why” gravierte sich für immer in meinem Schädel ein. Dion, dessen Stimme so ganz anders war, als jede andere, die ich je gehört hatte. Dion brachte alle Stimmwendungen auf die Reihe, dehnte mühelos diese Silben, schwang sich bis zum Himmel hinauf, wo er mit den Sternen tanzte. Was für eine Stimme, die alle diese Einflüsse in einen ganz eigenen Soul absorbierte und modifizierte. Wie ein Wein, der sich in Blut verwandelt. Eine Stimme, die sich treu blieb. Unverkennbar aus New York: Bronx Soul. Es war eine Art von Stimme, die man nie vergisst. All die Jahre begleitete mich diese Stimme, genauso wie sie Euch begleitet hat. Da bin ich sicher. Und wann immer ich sie hörte, überfluteten mich meine Erinnerungen. Das was war und das was sein hätte können. Es war mein Glück, dass ich Dion persönlich kennenlernte und sogar meine Vorstellung vom Himmel Wirklichkeit wurde: Als Background für ihn zu singen. Er kann sich gar nicht vorstellen, wie lange ich diese Bassvokale geübt habe. Er hatte einfach den Rythmus und das gewisse Etwas. “Ruby Baby”, “Donna the Primadonna”. “Ich werde mein Hemd aufreissen und Rosie meine Brust zeigen” - The Wanderer. Das war eine so gute Verszeile, dass ich 20 Jahre später nicht widerstehen konnte, eine Variante davon in eines meiner Alben aufzunehmen. Was soll ich sagen: “Wer kann schon hipper sein als Dion!”

Lou Reed