Einführung in die Thematik
"Zink und Nucleobasen"


Inhalt:

  1. Bioanorganische Chemie
  2. Biologische Bedeutung des Zinks
  3. Chemische und biochemische Eigenschaften des Zinks
  4. Methoden und Ziele der bioanorganischen Chemie
  5. Unsere Modellkomplexe: Trispyrazolylborate
  6. Zink und Nucleobasen
  7. Beschreibung der Ausgangssituation für meine Arbeit
  8. Literaturverzeichnis

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Bioanorganische Chemie

Jeder lebende Organismus benötigt Spurenelemente wie Eisen, Zink, Cobalt, Iod oder Selen.[1] Die Chemie dieser essentiellen Elemente läßt sich nicht einfach einem etablierten Fachbereich der Chemie wie der Anorganische Chemie oder der Biochemie zuordnen. Deshalb hat sich in den letzten dreißig bis vierzig Jahren an dieser Schnittstelle die interdisziplinäre Fachrichtung der Bioanorganischen Chemie entwickelt.[2]

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Biologische Bedeutung des Zinks

Ein Arbeitsschwerpunkt im eigenen Arbeitskreis ist die Koordinationschemie des Zinks mit biologischer Relevanz. Die Bedeutung des Zinks als essentielles Spurenelement ist bereits seit Ende des letzten Jahrhunderts bekannt.[3, 4] Quantitativ ist es neben Eisen das wichtigste Spurenelement. Zink ist wichtig für Wachstum, Entwicklung und Fortpflanzung, [5, 6] für die Wundheilung und viele Aufbauprozesse.[2] Die Existenz von Zink in Peptiden wurde erstmals in den dreißiger Jahren entdeckt, und mittlerweile ist es in über dreihundert Enzymen, darunter Vertreter aller sechs Enzymklassen, nachgewiesen worden.[6, 7] Nach Vallee kann man die Aufgaben des Zinks in vier Bereiche einteilen: katalytisch, strukturell, regulierend oder nichtkatalytisch.[6]

Es ist somit am Stoffwechsel von wichtigen Metaboliten sowie insbesondere an Reaktionen der Genexpression beteiligt.[2, 6, 8] Dazu findet es sich in vielen DNA bindenden Proteinen wie Transcriptionsfaktoren (z. B. TFIIIA), den Steroidrezeptoren, nucleinsäurebindende Retroviren, DNA- und RNA-Polymerasen und Endonucleasen.[4, 9-12] Außerdem hat es komplexe strukturelle Einflüsse auf die Sekundär- und Tertiärstruktur von DNA, von DNA-Proteinkomplexen (im Chromatin, z. B. Histone [13, 14] ) und von verschiedenen RNA-Formen (z. B. Ribosomen).[6, 13, 14] Insbesondere DNA-Strukturen (z. B. Duplex, Triplex oder Hairpinstrukturen, [15, 16] Umwandlung von B in Z-DNA [17] ) werden durch Zink-Ionen stark beeinflußt. So erschwert Zink das "Schmelzen" von DNA (die thermische Zerstörung der Duplex-Struktur), erleichtert aber im Gegenzug die vollständige Rekombination zur Doppelstranghelix beim Abkühlen.[18, 19] O'Halloran [7, 20] spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer zentralen regulatorischen Funktion des Zinks in der Genexpression, ähnlich der des Calciums im Energiestoffwechsel.[8]

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Chemische und biochemische Eigenschaften des Zinks

Die Verwendung von Zink für bestimmten Aufgaben in Proteinen erklärt sich in vielen Fällen durch die spezifischen chemischen Eigenschaften des Zinks. Das gegen Redoxprozesse inerte zweiwertige Zink-Ion ist neben dem Kupfer-Ion das Übergangsmetall-Ion mit der größten Lewisacidität.[2, 8] Durch die fehlende Ligandenfeldstabilisierungsenergie (d10 Elektronenkonfiguration) zeigt es zudem eine sehr variable Koordinationschemie (Koordinationszahlen von 2-8 sind möglich, häufig sind 4, 5 und 6).[5, 21] Schließlich hat Zink eine hohe Ligandenaustauschrate, bildet also labile Komplexe.[8]

Eine der wichtigsten Funktionen von Zink liegt in der Stabilisierung der Sekundär- und Tertiärstruktur von Proteinen, die ihre Aktivität oder Spezifität durch Entfernen des Zinks verlieren.[6] Deshalb ist hier die Koordinationssphäre des Zink in der Regel mit mindestens vier festen Donoratomen abgesättigt.[11, 22] In Enzymen mit katalytisch aktivem Zink ist das Metall-Ion dagegen von drei Donoratomen der Aminosäure-Seitenketten (His, Cys, Asp oder Glu) im Enzym gebunden.[8] Durch die Besetzung der vierten Koordinationsstelle durch ein Wassermolekül bildet sich am Zink eine sogenannte "open site" Koordination. An dieser Stelle entwickelt sich die katalytische Aktivität.[6] Zu dieser Gruppe der Zink-Enzyme gehören beispielsweise die Carboanhydrase, die Carboxypeptidase und anderen Hydrolasen, die Alkohol-Dehydrogenase, Kollagenasen, einigen Aldolasen und Phosphatasen.[2, 4-6, 8, 10, 22, 23]

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Methoden und Ziele der bioanorganischen Chemie

Als ein wesentliches Mittel der bioanorganischen Chemie haben sich in den letzten Jahren Untersuchungen an niedermolekularen Modellverbindungen etabliert.[2] Gerade wenn biochemische Methoden wie die Röntgenstrukturanalyse von Peptiden an ihre Grenzen stoßen oder über die Vorgänge an den Metallzentren wenig Informationen vorhanden sind, hat sich die Annäherung an deren Eigenschaften über Modelle als synthetische Analoga der aktiven Zentren als nützlich erwiesen.[24] Dabei ist es in der Regel nicht möglich, alle Eigenschaften des Vorbildes nachzubilden.[25] Vielmehr wird häufig versucht, das Bild einer bestimmten Eigenschaft schärfer zu erfassen.[24] Modellkomplexe sollten als grundlegende Merkmale eine Übereinstimmung mit ihren biologischen Vorbildern sowohl hinsichtlich struktureller Aspekte (Art und Anordnung der Donoratome um das Metallion) als auch bezüglich der spektroskopischen Eigenschaften aufweisen.[26] Ideale Modellverbindungen sollten zudem die gleiche Reaktion mit den Substraten zeigen wie das jeweilige Enzym.[2, 25, 26] Die Vorteile von solchen Verbindungen mit Modellcharakter liegen meist in einfacheren Synthesen und in der besseren Charakterisierbarkeit, die idealerweise durch eine Röntgenstrukturanalyse abgerundet wird.

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Unsere Modellkomplexe: Trispyrazolylborate

Im eigenen Arbeitskreis standen bisher Modellverbindungen für Enzyme mit katalytisch aktivem Zink im Mittelpunkt des Interesses. Die typische (His)3-Zn-OH Geometrie (oben beschriebene "open site" Geometrie) von Zink-Ionen im aktiven Zentrum von Enzymen ließ sich u. a. mit Hilfe von Trispyrazolylboraten (s. Abb.) nachbilden. In diesen Komplexen übernehmen die Stickstoffatome der Pyrazolringe die Funktion der Histidinreste. Die vierte Koordinationsstelle am Zink bleibt variabel. Pyrazolylborate mit Substituenten in 3- und 5-Stellung haben sich als besonders brauchbar erwiesen, da so die B-N-Bindung vor hydrolytischer Spaltung geschützt wird, [27] und durch große unpolare Reste zudem eine hydrophobe Tasche wie in Enzymen gebildet werden kann. Mit dem Komplex Hydrotris(3-tert-butyl-5-methylpyrazolyl)borato-zinkhydroxid (Tpt-Bu, MeZn-OH; siehe Abb.1: R= tert-Butyl) konnten beispielsweise Modelle für Intermediate des Katalysezyclus der Carboanhydrase dargestellt und untersucht werden.[27] Durch die Weiterentwicklung dieser Pyrazolylborate gelangte man schließlich zu Hydrotris(3-cumyl-5-methyl-pyrazolyl)-borato-zinkhydroxid (TpCum, MeZn-OH (1); siehe Abb.: R= p-Phenyl-isopropyl), einem stark nucleophilen Reagenz. Dieser Modellkomplex ist in der Lage, aktivierte Ester und Amide sowie nichtaktivierte Phosphorsäureester und Diphosphate zu spalten und stellt somit eine Modellverbindung für Hydrolasen und Phosphatasen dar.[28, 29] Die Reaktivität der TpZn-OH-Komplexe ergibt sich aus der Fähigkeit der Hydroxyfunktion, Gruppen mit relativ aciden Protonen (bis pK 10) zu deprotonieren. Die entstehenden Anionen können unter Verdrängung des entstehenden Wassermoleküls an das Zink-Ion koordinieren, wodurch ein stabiler Neutralkomplex TpR, MeZn-X (X = entsprechendes Anion) resultiert.[28]

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Zink und Nucleobasen

Entlang des Stoffwechselweges von Nucleobasen, Nucleosiden oder Nucleotiden [30] finden sich ebenfalls Zink-Enzyme (z. B. Cytidin-, [31, 32] und Adenosindeaminase, [32, 33] Aspartat-Transcarbamoylase, [4] Dihydroorotase [34-36] u.a.). Es ist daher interessant, die beschriebenen Modellkomplexe auch mit Substraten dieser Enzyme umzusetzen. Gerade Nucleobasen und eine Vielzahl ihrer Derivate, Metabolite oder Katabolite eignen sich durch das Vorhandensein von aciden Protonen als Reaktionspartner für Trispyrazolylborat-zinkhydroxid-Komplexe. Daher könnte die Aufklärung der Anbindung der multifunktionellen Nucleobasen an Zink in solchen Trispyrazolylborat-Komplexen Beiträge zum Verständnis der oben beschriebenen Funktionen des Zinks in der Genexpression liefern.

Die Erforschung des Koordinationsverhaltens von Nucleobasen gegenüber Metallen ist ein sehr aktives Forschungsfeld, das insbesondere durch die Arbeit mit Platinverbindungen geprägt ist, da diese als Antitumor-Mittel Verwendung finden.[37-41] Neben Platin wird mit einer Vielzahl von anderen Metallen (zum Beispiel Cu, Co, Zn, Ni, Mn oder Erdalkalimetallen) gearbeitet, zum einen aufgrund der jeweiligen biologischen Funktion der Metalle, zum anderen da sie spezielle spektroskopische Methoden erlauben. Weiterhin werden die Wechselwirkungen der Metalle mit verschiedenen Fragmenten der Nucleinsäuren, von der freien Nucleobase über Nucleoside und Nucleotide bis hin zu Oligonucleotiden untersucht.[15, 16, 42-67] Weitere Arbeiten konzentrieren sich auf die Verknüpfung von Nucleobasen über Wasserstoffbrücken und dem strukturellen Einfluß von Metall-Ionen auf solche Strukturen, [51, 68-73] denn die Verknüpfung über Wasserstoffbrücken ist ein wesentliches Element in der Speicherung des genetischen Codes über die Watson-Crick-Basenpaare. Diese Forschung erfolgt insbesondere im Hinblick auf das große medizinische Interesse an Molekülen oder Komplexen, die selektiv an Nucleobasen oder DNA-Sequenzen binden können.[43, 57, 74, 75]

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Beschreibung der Ausgangssituation für meine Arbeit

Die ersten Umsetzungen von Nucleobasen und Derivaten mit Trispyrazolylborat-Zinkkomplexen im eigenen Arbeitskreis erfolgten durch M. Ruf und K. Weis.[76-78] M. Ruf konzentrierte sich bei seiner Arbeit auf doppelt aktivierte Aminfunktionen, wie sie bei Uracil und Xanthin (und auch in Uridin und Xanthosin) gefunden werden. Außerdem setzte er Stoffwechselvorläufer des Uracils, die Orotsäure und die L-Dihydroorotsäure, sowie Thioderivate von Purin (6-Mercaptopurin) und Pyrimidin (6-Methyl-2-thiouracil) mit den Trispyrazolylborat-zinkhydroxid-Komplexen um.[78] K. Weis stellte bei seinen Arbeiten mit Phosphorsäureestern von Uridinmonophosphat fest, daß es bei der Reaktion mit den Trispyrazolylborat-zinkhydroxid-Komplexen zu einer Konkurrenz zwischen der Koordination der Nucleobase und der Spaltung der Phosphatester kam.[77]

Offen blieb in diesen Arbeiten, ob und wie andere Nucleobasen, wie Cytosin, Hypoxanthin oder Thymin, mit den Trispyrazolylborat-zinkhydroxid-Komplexen reagieren und warum durch M. Ruf keine Reaktion mit Adenin und Guanin erzielt werden konnte.[78] Es mußte also das Wissen über die Reaktionsmöglichkeiten der Trispyrazolylborate mit Nucleobasen vervollständigt werden. Besonderer Bedarf bestand nach strukturellen Daten, die die genaue Anbindung der Nucleobasen an das Zink zeigen. Darüber hinaus bestand die Frage, ob und auf welche Art solche Trispyrazolylborat-Zink-Nucleobasen Komplexe mit anderen Nucleobasen über Wasserstoffbrücken "kommunizieren" können.

Da der cumylsubstituierte Trispyrazolylborat-Ligand (TpCum,MeZn-OH 1 bzw KTpCum,Me1a) durch die Arbeiten von M. Ruf gut etabliert war, wurden erste Arbeiten mit diesem System durchgeführt. Um einer sterischen Behinderung von Wasserstoffbrückenbindungen zwischen den gebundenen Nucleobasen durch die iso-Propylreste der Cumyltrispyrazolylboratliganden zu begegnen, sollten zudem Komplexe aus Nucleobasen und den phenylsubstituierten Trispyrazolylborat-zinkhydroxid-Komplexen (TpPhe,MeZn-OH 2) dargestellt werden.

Die damit beschriebene Aufgabenstellung dieser Arbeit sollte zu neuen Einsichten in die Wechselwirkung des Zinks mit Nucleobasen führen.

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letzte Änderung: Text: Juli 1997
Seite: 07.07.2001
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