Auswertung des 13. Februars
von gruppe//sabotage

Die Linke und der 13. Februar

Mit Beginn der 90er Jahre etablierte sich in der Linken die Meinung, dass der 13. Februar unmöglich weiterhin zur Thematisierung verschiedener pazifistischer Gesichtspunkte genutzt werden kann. Nach einiger Zeit wurde das geschichtsrevisionistische Potential dieses Tages diskutiert. Neben den Auseinandersetzungen innerhalb der Linken in diversen Veranstaltungen und Diskussionskreisen stellten sich einige die Frage nach Interventionsmöglichkeiten hinsichtlich des Revisionismus. Eines der ersten Ergebnisse dieser Überlegungen war ein Plakat mit dem Titel: "Ich scheiss auf euren nationalen Konsens" aus dem Jahr 1995 zur 50-Jahrfeier der Bombenangriffe. In diesem Jahr wurde der 13. Februar zum ersten Mal in seiner nationalen Dimension erkennbar, da unter anderem der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl an den Feierlichkeiten teilnahm. In den folgenden 9 Jahren wurde auf verschiedene weitere Aktionsformen zurückgegriffen.
So gab es unter anderem den Versuch, einer intensiven Störung der Trauerstimmung vor Ort durch Sekt- und Jubelfeiern mit Feuerwerk und Wunderkerzen, weitere Plakataktionen, öffentliche Vortragsveranstaltungen zum Thema Geschichtsrevisionismus, eine Filmvorführung an allen Zugängen zum Trauerort mit dem Titel: "Lieber eine Bombe auf den Kopf, als nach Auschwitz", als auch diverse Aktionen gegen die seit 1999 immer größer werdende Nazidemonstration.
Die Störungen der Trauerstimmung sind politisch weitgehend erfolglos geblieben. Jedoch bleibt festzustellen, dass die Situation vor Ort eine Radikalisierung erlebte; das Polizeiaufgebot nahm von Jahr zu Jahr zu und teilweise wurden BürgerInnen selbst handgreiflich.
Die erwähnten Filmvorführungen, mit dem Ziel, Auschwitz als singuläres Verbrechen aufzuzeigen, stießen auf ungewollte Sympathie. Den BürgerInnen gelang die Instrumentalisierung dieser Veranstaltungen, da "ja alle irgendwie Opfer sind".
Die Vorträge zum Geschichtsrevisionismus in diesem Jahr wurden von linker Seite gut besucht, BürgerInnen erschienen jedoch kaum.
Die Gegenaktivitäten zu den Nazidemos waren dem Ausmaß der Naziveranstaltung nie gewachsen. Zu keinem Zeitpunkt war ein organisiertes, erfolgreiches Intervenieren möglich. Die GegenakteurInnen bezogen sich inhaltlich fast ausschließlich auf die Nazis. Die Herstellung eines Bezugs revisionistischen Gesamtkontextes gelang kaum. Einige Kleinstaktionen wurden am Rande der Nazidemo durchgeführt, wovon wenige erfolgreich waren. In vielen Fällen kam es zu Festnahmen etc..
Die vermeintlichen Trauerveranstaltungen waren zu keinem Zeitpunkt und in keiner Weise ernstlich bedroht, jedoch wurden die Gegenaktivitäten wahrgenommen. Dies hatte zweierlei Wirkungen. Zum Einen verurteilte die Trauergemeinschaft die linken Aktionen auf das Schärfste, zum Anderen wurde es auch durch die stetig steigende TeilnehmerInnenzahl der Nazidemo notwenig, sich pro forma von der schärfsten Ausprägung des Geschichtsrevisionismus zu distanzieren. Aus dem Mund des Oberbürgermeisters Roßberg klingt das dann so: "Der 13. Februar wird von Links- und Rechtsextremisten instrumentalisiert." Das Gedenken am 13. Februar wird durch die TrauerakteurInnen als gefährdet betrachtet, da vor allem die Polizeipräsenz den BürgerInnen Angst bereitet.

Exkurs

In diesem Jahr sahen sich die ProtagonistInnen der Trauerfeierlichkeiten genötigt, umgehend nach dem 13. Februar am 19. März eine Veranstaltung mit dem Thema "13. Februar - die Zukunft des Gedenkens" einzuberufen. Neben dem Dresdner Oberbürgermeister Roßberg, dem TU-Soziologieprofessor Prof. Dr. Karl Rehberg, einer Schülerin der 10. Klasse, dem Pfarrer der Frauenkirche und der Vertreterin der "Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit" gehörte dem Podium der Vorsitzende der Interessengemeinschaft "13. Februar 1945" an. Auf Interesse stieß diese Veranstaltung unter anderem bei der lokalen Naziszene, der Interessengemeinschaft "13. Februar 1945" und dem revisionistischen RentnerInnenspektrum. Der Veranstaltungsort war die bereits eröffnete Unterkirche der Frauenkirche. Einig waren sich weite Teile des Podiums in der Sorge über die Bedrohung des Gedenkens durch zunehmende Ritualisierung und Instrumentalisierung des 13. Februar. Neben den "Links- und Rechtsextremisten" wurden dafür die Angst der Mutter der Schülerin beim Nachhauseweg von der Gedenkveranstaltung und die "Geschmacklosigkeit" des Verteilens von ZDF-Mützen beim Trauern als Indikatoren herangezogen. Der OB äußerte sich zu den Opferzahlen vom 13. Februar 1945 wie folgt: "Allen die von mehr als 35.000 Opfern sprechen, müssen rechtsextremistische Motive unterstellt werden." Woraufhin der Saal von Gelächter und Zwischenrufen erfüllt wurde. Im Anschluss artikulierte der OB sein Vorhaben zur Berufung einer international und prominent besetzten Kommission zur Feststellung der endgültigen Opferzahlen. Die Beiträge aus dem Publikum kamen fast ausschließlich von organisierten Nazis und den Mitgliedern der Interessengemeinschaft "13. Februar 1945". Letztere diskutierten mit dem OB, ob eine Gedenktafel oder ein Monument dem "Thema" besser Rechnung tragen würde und ob es an diesem Ort (mitten in der Stadt) überhaupt angebracht wäre, wie bisher Jahrmärkte und Sportveranstaltungen stattfinden zu lassen. Alexander Kleber (Vorsitzender der "Jungen Landsmannschaft Ostpreußen" und Anmelder der Nazidemonstration vom 14. Februar diesen Jahres), der nicht zum Podium geladen war, versuchte seine Position durch eine umfangreiche Rede, die vom Moderator unterbrochen wurde, zu veranschaulichen. Ferner warf er dem Oberbürgermeister vor, "20 nationale Kränze", die bei der öffentlichen Kranzniederlegung platziert wurden, am Montag darauf entfernen und schreddern lassen zu haben. Nach der Veranstaltung flüchtete der Dresdner Oberbürgermeister vor Alexander Kleber und dessen monotoner Wiederholung des Vorwurfs. Die Vertreterin der "Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit" bedankte sich in ihrem Beitrag bei den Linken, indem sie darauf hinwies, dass sich diese während des Fackelmarsches der Nazis am diesjährigen 13. Februar mit vor die Neuen Synagoge gestellt hatten. Dem folgte die Aufforderung aus dem Publikum, sich von den Linken zu distanzieren.

(Um OB Ingolf Roßberg nicht als Lichtgestalt im provinzialen Dresden stehenzulassen, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass er im Rahmen dieser Diskussionsveranstaltung den Bombenangriff auf Dresden als "singuläres Ereignis" bezeichnete.)

Die Presse und der 13. Februar

Die Lokalpresse entbehrt jeglicher Kritik an den Trauerfestivitäten.
Spätestens Anfang Februar erscheinen Beiträge, die sich auf die vermeintliche Unrechtmäßigkeit des Bombardements, positiv auf die Trauerkultur und wohlwollend auf die Fortschritte beim Wiederaufbau der Frauenkirche beziehen. Auch über das Jahr fungiert die Thematik des 13. Februar als "Lückenfüller" und lokaler Identitätsstifter. Von den Trümmerfrauen über die Vertriebenenverbände bis zur Initiative zum Wiederaufbau der Frauenkirche findet jedes Engagement eine Schlagzeile. Die Nazis wurden bis zum letzten Jahr nur erwähnt, wenn Linke bei Gegenaktivitäten festgenommen wurden und dann auch nur als mutmaßliche Opfer brutaler linker Gewalt. Da der große Naziaufmarsch in diesem Jahr nicht am 13., sondern am 14. Februar stattfand, initiierte die Stadt und der DGB eine bürgerliche Gegendemonstration mit ca. 1.000 TeilnehmerInnen. Das erlaubte der Lokalpresse eine Bezugnahme auf die Nazis. Im nächsten Jahr wird die Nazidemo wieder am 13. stattfinden, da der 60. Jahrestag der Bombardierung 2005 ein Sonntag ist. Linke Gegenpositionen finden keine Erwähnung. Linke werden ausschließlich auf ihr Auftreten und nicht auf ihre Inhalte hin rezipiert.
Auch die überregionale Presse, von linken Zeitungen und ein paar Ausnahmen abgesehen, findet nicht den Weg zu einer kritischen Position zum 13. Februar. Eine Annäherung an dieses Thema erfolgt nur durch die Stilisierung des Wiederaufbaus der Frauenkirche und das alljährliche Gedenken. Dies korrespondiert mit den bundesweiten revisionistischen Diskursen angefangen mit Jörg Friedrichs "Der Brand" über das geplante Vertriebenenzentrum bis hin zur Etablierung ähnlicher Feierlichkeiten in anderen Städten, wie Magdeburg, Bielefeld und München.

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