Unsere Mauern brechen, unsere Herzen nicht
Die Deutschen eignen sich die Geschichte des Bombenkriegs an
Deutschland ist auch immer dort ideologisch präsent, wo ihm noch die
unverhohlenste, fast naive Gegnerschaft entgegenschlägt. Während der Autor des deutschen
Weihnachtsbestsellers Der Brand, Jörg Friedrich, mit seinem Buch „vor allem in
Großbritannien auf vermintes Gelände“ (Spiegel 49/02) stieß, regte sich dort auf dem
linksliberalen Parkett sofort Zustimmung zu dessen Thesen. Während die großen
liberalen und konservativen Blätter daran Anstoß nahmen, daß Friedrich eine
Opfer-Aufrechnung von Ausmaßen betreibe und insbesondere Winston Churchill als
Ideologe des Vernichtungskrieges in die Nähe von Kriegsverbrechern stelle,
blies das britische Friedenslager zum Angriff auf das nationale
Geschichtsverständnis. Der Guardian, eine Mischung aus taz und FR,
ein globalisierungskritisches Schmierenblatt, das in den frühen 90er Jahren die
deutsche Journaille durch teilweise plump gefälschte Bilder und Berichte über
den serbischen Genozid an Bosniern noch überholte - der Guardian also
konstatierte im Zusammenhang mit der Diskussion über Der Brand: „Das
letzte gesellschaftlich akzeptierte Vorurteil sind antideutsche Gefühle.“
Gleichzeitig sah auch der deutsche Botschafter in London, Thomas Mattusek,
Handlungsbedarf. Am 7.12.02 gab er - natürlich dem Guardian - ein
Interview und verkündete, das Deutschlandbild in Großbritannien sei so sehr vom
NS bestimmt, daß in England aufhältige Deutsche mit Vorliebe als Nazis gemobbt,
ja sogar tätlich angegriffen würden. Der Guardian resümierte am 10.12.:
„Nicht Deutschland ist der Gefangene seiner Vergangenheit - wir sind es, die
Briten.“ Aber diese selbstkritische Erkenntnis einer Minderheit vermochte
nichts gegen die verstockte Haltung der Briten auszurichten: „Gleichwohl laufen
die Versuche von Deutschen, sich gegen die Diskriminierung zu wehren,
gewöhnlich ins Leere. Wer Nazi-Witze nicht komisch findet, hat eben - typisch
deutsch - keinen Sinn für Humor. Zudem, so das Killer-Argument, hätten die
Deutschen schließlich beide Weltkriege angefangen.“ (Spiegel 51/02)
Gegen Killer-Argumente dieser Art richtet sich Jörg Friedrichs Buch. Ein Buch,
dessen erste Auflage bereits als ausverkauft gemeldet wurde, nachdem es gerade
einmal zwei Wochen im Handel erhältlich war. Eine wahre Feuilleton-Lawine
rückte es in den Vordergrund des Interesses im depressiven Monat November, z.B.
indem ihm die seltene Ehre widerfuhr, in der Bild-Zeitung vorabgedruckt
zu werden. Ende Dezember waren schon 100.000 Exemplare verkauft.
Psychische Energie in depressiver Zeit
Wenn die Briten sich auch noch so verstockt verweigern und damit in Gefahr geraten, als
Ewiggestrige in Europa abgehängt zu werden, lassen sich die Deutschen nicht verdrießen
und gehen ihrerseits voran: Sie treten jedes Jahr einen weiteren mutigen Schritt heraus
aus dem Gefängnis der Vergangenheit.
Bereits 1997 hatte der inzwischen verstorbene Schriftsteller W.G. Sebald die These
aufgestellt, „daß es uns nicht gelungen ist, die Schrecken des Luftkriegs durch historische
oder literarische Darstellungen ins öffentliche Bewußtsein zu heben.“ (NZZ, 8.12.02) Das
Wirtschaftswunder hätte sich „aus einem Strom psychischer Energie“ gespeist,
„dessen Quellen das von allen gehütete Geheimnis der in die Grundfesten unseres
Staatswesens eingemauerten Leichen“ sei (ebd.). Der Brand scheint das
Buch zur rechten Zeit zu sein, denn es reiht sich nicht nur ein in die seit 10 Jahren
ansteigende Flut aggressiver Beschäftigung mit den Leiden und Beschädigungen,
die dem deutschen Kollektiv während des Krieges widerfahren seien. Es gibt
darüber hinaus, Sebalds Forderung einlösend, in Zeiten der Depression Auskunft
darüber, wohin psychische Energie - aus unzensierter Wiederaneignung nationaler
Opfergeschichte gewonnen - zu lenken sei. Man blickt immerhin auf ein seltsames
Jahr zurück. Es begann mit sich überschlagenden Bekenntnissen zur Wahrung des
Weltfriedens, die sich gegen den Afghanistan-Krieg richteten, in denen
Massaker, Flächenbombardements, ja die Auslöschung der Zivilbevölkerung
geradezu beschworen wurden. Es setzte sich fort in der nationalen Aussprache
über Günther Grass’ Krebsgang und die wenige Monate später sich anschließende
Fernseh-Version, Die große Flucht. Einig war man sich, daß es sich hier
um ein verdrängtes Kapitel deutscher Geschichte handele, das man nicht den
Rechten überlassen dürfe. Das sei nur möglich, wenn man den eigenen Schmerz,
das eigene Leid endlich an sich heran lasse. Im Sommer folgte die kollektive
Zelebrierung eines ostzonalen Hochwassers, das binnen weniger Tage von der
„großen Flut“ zur „Jahrtausend-Flut“ angestiegen war. Auch dieses Mal wurde
rhetorisch der Untergang, die Katastrophe, das Inferno gar beschworen, um dem
sandsackschleppenden Heimatschutz die existentielle Würde nationaler Rettung zu
verleihen. Die Ereignisse kulminierten, als die Bundesregierung, und mit ihr
die Mehrheit der Bevölkerung, die Konsequenzen aus Ground Zero zog und Regierende
und Regierte sich, anders als noch im Frühjahr, im offenen Widerstand gegen die
Vereinigten Staaten von Amerika zusammenfanden. Zum Jahresende schließlich, an
dem die psychische Energie der Deutschen durch keine Wohlstandspolster mehr im
Zaum zu halten ist, wird als Vorspiel zur Enthemmung ein Kapitel
Menschheitsgeschichte in deutscher Lesart vorgelegt, das Buch zum Bombenkrieg,
auf das offensichtlich alle inständig gewartet haben.
Etwas absolut Neues, so verkündet uns das Feuilleton, ein verdrängtes Kapitel deutscher
Geschichte werde erstmals aufgeschlagen. Nach 57 Jahren dürfe man endlich offen über den
Bombenkrieg sprechen. Gerade so, als hätte nicht bereits in den 60er Jahren David Irvings
Dauerseller Der Untergang Dresdens vorgelegen, als hätte nicht schon in
den 50er Jahren Gerd Gaisers Jagdfliegerroman Die sterbende Jagd in
Großauflagen vom heroischen Kampf gegen eine britische Bomber-Übermacht
gekündet, und als hätte nicht Walter Kempowski mit seinem Echolot seit
über einem Jahrzehnt jedes Verstehen, Entscheiden, Beurteilen, Reflektieren
außer Kraft gesetzt, weil umstandslos nebeneinander der Frontsoldat, die
ausgebombte Mutter, der Ostarbeiter und der Blockwart, nur noch nach dem
Gesichtspunkt der Gleichzeitigkeit, deutsche Alltagsgeschichte erzählen dürfen.
Im deutschen Kollektivgedächtnis, das derartige Bücher gar nicht zu kennen
brauchte, gab es seit 1945 eigentlich nur ein übergeordnetes Thema, wenn es um
den zweiten Weltkrieg ging. Der Historiker Götz Aly, Jahrgang 1947, bringt es
auf den Punkt: „Ich habe, lange bevor ich überhaupt den Namen Auschwitz kannte,
gelernt, dass in Dresden 200.000 Menschen unter alliierten Bomben umgekommen
seien und die ganze Stadt zerstört wurde. Ich habe bestimmt bis zu meinem
zwölften Lebensjahr nie etwas anderes gehört über den zweiten Weltkrieg als
das.“ (NZZ,7.12.02) Jörg Friedrich reicht deutsche oral history über
Dresden bei weitem nicht aus, er will ein gutes Stück weiter vorstoßen im Kampf
gegen ein über die Deutschen verhängtes Tabu: „Gucken Sie in irgendein
Schulbuch, ob diese Millenniumhandlung, diese Jahrtausendliquidierung der 160
Städte da auch nur mit einem Halbsatz auftaucht. Da steht drin, dass Dresden
überflüssigerweise bombardiert wurde. War ja schon so spät, im Februar 45. Wäre
es zwei Jahre vorher gewesen, könnte man ja darüber reden. Die Dresden-Debatte
versperrt den ganzen Blick auf den Bombenkrieg.“ (Titel Thesen Temperamente,
17.11.02)
Heulen wie ein Schloßhund
Was wäre eigentlich noch zu sagen zum Bombenkrieg gegen Deutschland? Es gibt eine relativ
gesicherte Opferzahl 400.000 bis 500.000 Tote. Jede Stadt hat in ihrer Lokalgeschichte der
Zerstörung und ihres Ausmaßes gedacht und Straßenzug für Straßenzug, Haus für
Haus die Kriegszerstörungen dokumentiert. Was fehlte noch? Das Gefühl, die Teilnahme,
die kollektive Erinnerung, das Recht gar, trauern zu dürfen über das Unglück
der Eltern und Großeltern, die alles verloren haben, damals. Und wirklich, auf
dem menschelnden Sektor, der immer schon allein der Aufrechnung vorbehalten
war, hat es Verbote gegeben, in der BRD wie in der DDR. Die zerbombten Städte
wurden eher als ein Menetekel für Verblendung und Maßlosigkeit ins offizielle
Gespräch gebracht, als Mahnung zu Wiederaufbau und demokratischer Gesinnung,
denn für eine Selbstinszenierung als Opfergemeinschaft, von der auch die
deutsche Zivilverwaltung immer schon wußte, daß Klage und Racheschwur nicht
auseinanderzuhalten wären. So endete etwa die DEFA-Verfilmung des Untertans
von Heinrich Mann aus dem Jahr 1951 mit dem mahnenden Bild einer zerbombten
Stadt und darin geschäftig herumwuselnden Trümmerfrauen. Die gleiche Funktion
hatte die Einblendung zertrümmerter deutscher Innenstädte in
Fernsehdokumentationen der BRD aus den 70er und 80er Jahren, die sich nicht mit
dem Bombenkrieg, sondern mit den deutschen Verbrechen befaßten und sich
erfreulich didaktisch darum mühten, Ursache und Wirkung ins Verhältnis zu
setzen. Solche Verarbeitung überlagerte die alltagsgeschichtlichen Bemühungen
eines Kempowskis, konnte aber nie darüber hinwegtäuschen, daß gegen die
offizielle Erklärungsversion ganz andere Bedürfnisse zäh weiter lebten: sich
als Opfer fühlen zu dürfen, wie ein Schloßhund zu heulen, sein ganzes Elend als
deutsches Elend der feindlichen Welt und den gefühlskalten Pädagogen ins
Gesicht zu schleudern. Diesem Bedürfnis war in der DDR bereits staatsoffiziell,
in der BRD später durch eine staatliche Vorfeldorganisation durchaus Rechnung
getragen worden. Die DDR hatte sich stets die Dresden-Türe offen gehalten, und
so standen die Trümmer der Frauenkirche, die man ja leicht hätte wegräumen
können, ganz wie seit 1991 die neue Wache in Berlin, als Mahnmal gegen Krieg
und Gewaltherrschaft, also in Wirklichkeit als Erinnerung an den „alliierten
Bombenterror“, wie es staatsoffiziell hieß, und wie man es von Goebbels’
Propagandamaschine übernommen hatte. Im Westen hat die Friedensbewegung der
frühen 80er Jahre den Bann gebrochen, als sie zum gemeinsamen Erleben
ungeheurer Schauer angesichts von Tod und Vernichtung einlud und für jede
deutsche Großstadt eine Art Videoinstallation herstellte, die die Wirkung einer
Bombe von der Größe der Hiroshima-Bombe veranschaulichte.
Wenn die Sprache birst
Der Brand, laut Spiegel ein „brilliant geschriebenes, packendes Buch“ (49/2),
zeugt Martin Walser in Focus 50/02 zufolge von „hoher Erzählkompetenz (...).
Durch diese Sprache ist das gegenseitige Vernichtungswüten für unsere Teilnahme
zugänglich.“ Die FAZ (30.11.02) schließlich konstatiert: „Indem die Sprache birst,
wird sie anschaulich (...) Jeder seiner Sätze hat eine Tendenz zum Schrei. Fast sechzig
Jahre nach Kriegsende geht es nicht mehr darum, Schuld festzustellen. Es geht
um die Feststellung des Schmerzes.“
Ein Buch, das sich wie ein Gegenentwurf zu Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“ liest,
das ein deutsches Volksbuch sein will, das man „Bomber Commands hilflose Opfer“ nennen
könnte, verlangt nach adäquater Sprache. Die Sprache, die birst, die Sprache
des Schmerzes wanzt sich ran, expressionistisch aufgeplustert, existentiell
verallgemeinernd, in abgehacktem Lapidar-Sound Betroffenheit auslösend, dieser
Sound, der zur maßlosen Übertreibung paßt und jede Lüge pseudopoetisch
verpackt. Dieses inbrünstige Gelärme will mehr als die Kriegsschuld scheinbar
gleichmäßig auf Deutsche und West-Alliierte verteilen: Deutscher Schmerz steht
über allem und ruft nach Konsequenz. Die etwa 40.000 Gefallenen der
Juliangriffe 1943 sind neben denen Dresdens, Tokios, Hiroshimas und Nagasakis
Chiffren des Äußersten, was Waffengewalt der Kreatur zufügt. Nicht wegen der
Ströme vergossenen Blutes, sondern der Art wegen, in der Lebewesen von der Welt
getilgt wurden mit einem tödlichen Hauch. (J. Friedrich: Der Brand, S. 193
- auch die folgenden kursiv gesetzten Zitate stammen aus dem Buch) Man könnte
einwenden, daß doch allein in der Stadt Leningrad während der deutschen
Blockade, die eine Hungerblockade war, mehr als eine Million Menschen zugrunde
gegangen sind, oder daß der tödliche Hauch doch von Zyklon B verbreitet wurde -
aber die Einebnung genau solcher Unterschiede bis hin zur Leugnung ist Ziel und
Vorsatz. Wer Bombenkrieg über Deutschland sagt, meint Heimat und das Bekenntnis
zur Heimat in existentieller Bedrohung, diese innigste Verbindung, die
Landschaft und Genre eingehen können, ist Friedrichs Botschaft. ,Weit
schweiften unsere Augen über die grünwellige Bucht, die bläulichen Hügel
Usedoms und Wollins, über die zahlreichen Schiffe, die mit uns auf der Reede
lagen.‘ Unter Dreck, Strohsack an Strohsack, warteten alte ostpreußische
Bauern, Kriegsversehrte und ,eine Frau, offenbar leicht geistesgestört, die
immerfort drei oder vier Töne in leiser Unentwegtheit vor sich hin sang‘.
Rechts und links dampften kleinere Flüchtlingsschiffe auf Swinemünde zu, halb
Ostpreußen lag auf dem Wasser. Was schwamm, hatte Leute geladen. (S. 171f.)
Heimatliebe in Deutschland kann sich nicht beschränken auf die behagliche
Betrachtung von Landschaften. Es liegt keine Behaglichkeit in ihr, spätestens
seit 1933, und wo es den einen ein Graus ist, daß noch der grünste Hügel
darüber hinweglügt, wie endgültig die Idylle zerschlagen ist, treibt es den
Mehrheitsdeutschen angesichts der geschichtsträchtigen Bindung von Landschaft
und Vernichtung wohlige Schauer über den Rücken. Deutscher
Heimat-Expressionismus bedient sich daher konsequent des Volksempfängers: Nach
Süden zu, gegenüber der französischen Grenze, verdickte sich der Wall und
flocht die nahen Dörfer ein in seine Wehr. (S. 136)
Friedrich hat durch sein ganzes Buch säuberlich die Spuren gelegt, die eine wahrhaft furchterregende
Wiederaneignung deutscher Wehr- und Leidensgeschichte im Namen der Aufrechnung
ergeben. Was immer die Deutschen mit ihren Opfern angerichtet haben, Bomber
Commands Taten stellen alles in den Schatten: Bewegliche Kunst, Archivalien
und Bücher begeben sich auf die Flucht, zuerst hinter entlegene feste Mauern,
zuletzt in tiefes Felsengestein. Anders wäre fast alle Kultur zerstört. Die
Bibliotheken haben im Stein das meiste gerettet vor der im übrigen größten
Bücherverbrennung in geschichtlicher Zeit. (S. 515) Und wie den Büchern
geschah es einer ganzen Zivilisation: Deutschland wurde von Bomber Command
und zwei US-Flotten verwüstet wie noch keine Zivilisation davor. (S. 120)
Wo eine Zivilisation ausgerottet wird, ist der Auschwitz-Vergleich statthaft
und unvermeidlich: Die Leichenbergung entspricht der Tötungsprozedur. Der
Ausgerottete erhält kein eigenes Grab, erhält keinen eigenen Tod, weil ihm kein
Lebensrecht gehörte. Es wurde ihm ausgezogen wie eine Jacke. (S. 432)
Wenn diese größte Lüge schamlos ausgesprochen werden kann, ohne daß sie einem der zahlreichen
Rezensenten auch nur aufgefallen wäre, gehen die kleinen revisionistischen Lügen jederzeit
durch: Tiefe Bewegung löste in Bielefeld das Bombardement aus, welches die
Anstalt für geistesgestörte Kinder in Bethel traf. Der Einschlag in den
Schlafsaal tötete zwölf kranke Kinder. Pastor von Bodelschwingh, der
Anstaltleiter, kämpfte um eben die Zeit für das Leben seiner Schützlinge, das
als lebensunwert von den NS-Gesundheitsbehörden ausgemerzt werden sollte.
Bodelschwingh drängte die Euthanasie in seinem Asyl zurück, nicht aber Bomber
Command. Dessen Bomben schlugen ein zweites Mal ein und töteten Pfleger und
Kinder. (S. 210) Keine Rede davon, was in den 80er Jahren noch zum Skandal,
und zwar zum heilsamen Skandal führte: Daß genau dieser Pastor Bodelschwingh, -
gegen tiefsten Selbstzweifel ankämpfend, wie es sich für einen deutschen Pastor
gehört - dafür gesorgt hat, daß das ihm abgeforderte Kontingent behinderter
Menschen selektiert und zur Vernichtung übergeben wurde. Kein Wort darüber, daß
ihm nur deshalb noch geistig behinderte Kinder blieben, weil die
Euthanasie-Aktionen ausgesetzt wurden, und zwar nicht auf den Druck eines
preußisch protestantischen Pastors hin, sondern ganz vorwiegend wegen des
Protests katholischer Geistlicher und ebenfalls vorwiegend katholischer
süddeutscher Bauern und Kleinbürger hin. Pastor Bodelschwingh, Prototyp des
moralisch leidenden Mitmachers, verkehrt sich in einen deutschen
Widerstandkämpfer gegen die Fortsetzung der Euthanasie durch britische Bombergeschwader.
Wie sehr es Friedrich mit dem Nazi-Regime hält, wird schon dadurch deutlich,
daß er sich nicht entblödet festzustellen: Die NSDAP organisierte eine
pompöse Beisetzung und geißelte den „Kindermord von Bethel“. (ebd.)
Die da Vollzugshelfer bei der Ausrottung der deutschen Zivilisation waren, die britischen
Bomberpiloten, erscheinen als privilegierte Kindermörder, denen auch dann Kombattantenschutz
gegolten habe, wenn sie aus einem brennenden Flugzeug über Deutschland abgesprungen
waren. Der Soldat bleibt Rechtsperson, auch wenn er getötet werden kann.
Dies darf nur so lange geschehen, wie er selber tötet. Legt er die Waffe
nieder, genießt er Pardon. Das hat sich im deutsch-russischen Krieg oft anders
verhalten, aber letztlich endete auch dieser Krieg in Gefangenenlagern. Die
Heilbronner Kinder konnten die Waffen nicht niederlegen, weil sie keine in der
Hand hielten, erhielten darum auch kein Pardon - und wie hätte man sie auch
gefangen nehmen sollen? (...) Die Rechte der Bomberpiloten regelte die Genfer
Konvention, sprang er mit dem Fallschirm ab, war er gefangenzunehmen. (S.
432) So tiefes Verständnis für über 200 Lynchmorde an gefangenen
Bomberbesatzungen - die Friedrich an anderer Stelle keineswegs verschweigt -
hat es bislang nur im Volksmund gegeben, sie öffentlich auszusprechen, war zwei
Generationen von Deutschen weitgehend verwehrt. Man erinnert sich zwar der
Empörung über die Hinrichtungen einiger deutscher Lynchmörder 1945-47,
schriftlich festgehalten durfte diese aber nicht werden. Die Empörung wurde bis
jetzt aus dem öffentlichen in das private Gespräch verbannt.
Die Verbindung zum Mittelalter
Das Geschrei über die Toten sekundiert Friedrich mit der beschwörenden Anrufung zerstörter
Altbausubstanz und architektonischer Kostbarkeiten. In einer Mischung aus Werbebroschüre des
lokalen Fremdenverkehrsamts und bewegter Klage über Zerstörung und Verschwinden
von Kulturwerken feiert Friedrich die Städte als Organismen aus Material und
Geschichte. Land heißt absichtsvoll lapidar ein Abschnitt, der sich in
Wirklichkeit mit der Aufzählung deutscher Städte und ihrer
Bombardierungsgeschichte befaßt. Das Motto zu Land - Die Verbindung
zum Mittelalter ist nun auch abgebrochen (S. 177) stammt von Ernst Jünger. Friedrich hat es sehr gezielt
ausgewählt, denn er fährt fort: In den Städten siedeln die Lebendigen wie
die Vorangegangenen, die ihre Gehäuse hinterlassen haben, ihre Dome, Altäre,
Schriften, Papiere. Sie bebildern und beschriften die Orte als Orte eines
Geschehens. Vergangenheit überliefert ihre Schauplätze, darauf stehen die
Gegenwärtigen und sehen sich in einer Reihe. Geschichte ist Stein, Papier und
Erzählung, mithin überwiegend brennbar. Brände, Zerstörung, Raub und Massaker
sind die Kreuzwege der Stadtgeschichten. Alle Städte waren zumindest einmal
zerstört worden, aber nicht mit einem Mal alle. (S. 177) Die Verbindung zur
Vergangenheit reicht bei Friedrich zumeist weit zurück ins Mittelalter. Die
unendliche Aufzählung zerstörter Kirchen, Altäre, Glocken, Handschriften verweist
allzu deutlich auf einen Geschichtsmythos, der unmittelbar auf die deutsche
Romantik rekurriert. Ausgeblendet bleibt das wenige, was in deutschen Städten
auf einen anderen Weg verwiesen hätte, der nicht zum Brand geführt hätte, aber
auch nicht zur liebevollen Konservierung des Mittelalters. Das wären vor allem
Hinweise auf selbstbewußte Bürger freier Städte, in denen nicht immer der Dom
oder die Staufer-Zwingburg alles in den Schatten stellt, sondern die etwa durch
ein prächtiges Rathaus dominiert werden, wie etwa in Augsburg oder Lübeck,
freie Reichstadt die eine, Hansestadt die andere. Das Aufkommen merkantiler
Interessen, bürgerlicher Prachtentfaltung, demokratischer Umgangsformen gegen
die Dominanz von Kirche und Kaiser interessiert nicht, wo die Gegenwärtigen
in einer Reihe stehen sollen mit den Vorangegangenen, wo also eine
Einheit aus Geschichte, Landschaft und Volk gesucht wird. Das Auftreten
handfester Eigeninteressen und die Auflösung des Reichs im Gefolge der
napoleonischen Erneuerung führten bekanntlich nicht zu bürgerlichem
Selbstbewußtsein und bürgerlicher Revolution, sondern mündeten in eine
hocheffektive Form von Modernisierung und Industrialisierung, die unter
staatlicher Regie von einem aufs Private und ökonomische zurechtgestutzten Bürgertum
durchgeführt wurde. ökonomischer Aufstieg und nationale Einheit Deutschlands
waren überwölbt von einem romantisch erneuerten Reichsgedanken, mit dem sich
die Nation ein Zusammengehörigkeitsgefühl dekretierte, dem jede politische
Erneuerung Indiz für Fremdbestimmung und Verfall war. Nirgends stand Eskapade
und Eigennutz so sehr unter Verdacht wie in Deutschland, war öffentliches
Wirken als dauerndes Arrangement der Partikularinteressen gerade wegen des
undramatischen und unblutigen Prozederes des Interessenausgleichs so suspekt.
Entsprechend erging es den Städten, die an der Peripherie zwar modernisiert, im
Zentrum nach Möglichkeit aber soviel geheimnisumwittertes Mittelalter behalten
sollten wie irgend möglich. Stand bereits die Vollendung des Kölner Doms Mitte
des 19. Jahrhunderts im Zeichen eines Nationalgefühls, das den Anschluß ans
Mittelalter um so enger schmieden wollte, je offensichtlicher ökonomische und
gesellschaftliche Dynamik nach etwas ganz anderem verlangten, so überladen und
verzopft präsentierten sich seither Zweckbauten mit ihren historisierenden
Fassaden als unendliche Fortsetzung vormoderner Architektur, die von alter
Zunftherrlichkeit mitten in der Periode der großen Industrien kündete oder dem
Arbeiterschließfach etwas feudalen Barock ankleben wollte. Diese Zivilisation,
die sich Städte baute, die sie als Bürger nicht selbstbewußt bewohnen wollte
und konnte, die nicht aus Freude an der Schönheit Altes konservierte, sondern
aus Angst vor Veränderung, die am Alten vielmehr Mystik, Weihrauch und
autoritäre Führung schätzte, hielt alles bereit, was ihr schlimmes Ende
irgendwann einmal besiegeln würde.
Mission impossible
Die Überhöhung der Stadt als organischen Geschichtsbehälter, Museumsdorf und Bollwerk
gegen das, wofür sie historisch steht, für die bürgerliche Emanzipation, korrespondierte
stets aufs Engste mit alteingesessener Aggression gegen die anderen, weiter entwickelteren
politischen Zivilisationen. Diese anderen, das waren und sind
diejenigen, die man als Sieger, Besatzer und gescheiterte Umerzieher erdulden
mußte, jene, die sich heute noch mit den Deutschen ihre Nazi-Scherze erlauben
und im deutschen Fußball einen Wiedergänger der Wehrmacht erkennen wollen. Es
sind die, denen man übel nimmt, daß sie einen dauernd daran erinnern, daß
Deutschland zwei Weltkriege angezettelt hat, und die nicht nur stolz darauf
sind, die Deutschen besiegt zu haben, sondern sich erfrechen, die nationale
Überlegenheit ihres politischen Vergesellschaftungsmodells zu betonen.
Für Jörg Friedrich ist einfach jeder Bombenkrieg gegen eine Zivilbevölkerung ein Verbrechen,
das man ächten müsse. Natürlich unterschlägt er nicht, wer mit dieser Art der Kriegsführung
begonnen hatte. Ihm ist es allerdings darum zu tun, die Engländer und auch die
Amerikaner dafür anzuklagen, daß sie ab Erringung der Lufthoheit über
Deutschland, 1943, den Bombenkrieg gegen die Deutschen Städte nicht etwa
ausgesetzt, sondern dauernd weiter intensiviert und die Zahl der Opfer und die
Höhe der Schäden enorm gesteigert hatten. Friedrich hat recht, wenn er darauf
hinweist, daß die Angriffe zumeist direkt den Stadtzentren galten und eine
genaue Unterscheidung zwischen Wohngebiet und Industrieanlage vielfach gar
nicht beabsichtigt war. Die Engländer haben allen Ernstes versucht, die Voraussetzungen
für eine möglichst baldige Landung auf dem Kontinent durch eine völlige
Demoralisierung des Gegners zu erreichen, ein Vorsatz, der dem deutschen in der
sogenannten Luftschlacht um England ähnelt. Und doch stellt Friedrich jede
Wahrheit auf den Kopf, wenn er die Bevölkerungen Deutschlands und Englands
unterschiedslos als Durchhaltegemeinschaften bezeichnet. In Großbritannien
entwickelte sich nicht zuletzt angesichts der Niederlagen in Frankreich, der
Demütigung von Dünkirchen und der gescheiterten Norwegen-Expedition 1940 eine
Frontmoral, die durch den Luftkrieg nicht zu knacken war. Für Friedrich und
seine Fans ein klarer Fall: Die Zivilgesellschaft weiß, daß sie das Ziel ist
und sich dem gegnerischen Willen beugen soll. Mit den britischen Städten steht
sie im Wettbewerb der Leidensfähigkeit. Bombenkrieg prüft den nationalen
Zusammenhalt. (S. 465) Den zentralen Unterschied, dessentwegen das Konzept
moral bombing überhaupt erfunden wurde, läßt Friedrich verblassen. Die
Engländer haben erfahren müssen, daß ihre Politik des Appeasements, die ja
nicht nur vom konservativen Premier Chamberlain betrieben, sondern von der
oppositionellen Labour Party mitgetragen wurde in jeder Hinsicht gescheitert
war. Nicht nur wog der moralische Makel schwer, die Tschechoslowakei einfach
ausgeliefert zu haben, es wurde durch den epochalen persönlichen Beitrag Winston Churchills im Frühjahr1940
endlich Konsens, was in einer Klassengesellschaft nur unter existentieller
Bedrohung erkannt werden kann: Daß es etwas zu verteidigen gibt, für Proleten
und Nutznießer des Systems gleichermaßen, daß jeder Streit über den Zugang zu
gesellschaftlichem Reichtum auszusetzen sei - für die Zeit danach. Erst
Churchills Großbritannien konnte der Welt mitteilen, was sich Roosevelt mangels
öffentlicher Zustimmung noch lange nicht auszusprechen traute, was in der
Sowjetunion im Gefolge des Hitler-Stalin-Paktes ausgesetzt war und in
Frankreich zur Niederlage geführt hatte: daß gegen die faschistische Barbarei
der damals schon äußerst beschädigte Rest bürgerlicher Zivilisation in Anschlag
zu bringen sei, daß es sich tatsächlich lohnte, für seinen Erhalt zu kämpfen.
Wenn die englische Gesellschaft angesichts der deutschen Bombenanschläge
zusammengerückt ist und trotzigen Durchhaltewillen bekundete, dann eben nicht,
wie Friedrich und andere Deutsche es nahelegen, weil sie wegen des täglichen
Bombenterrors gar nicht anders konnte; der Widerstand der britischen
Zivilbevölkerung verdankte sich der Mobilisierung einer gesellschaftlichen
Moral, die man schlicht und einfach antifaschistisch zu nennen hat. In
Deutschland dagegen hätten eigentlich ganz andere Reaktionen auf die
Bombardierungen erfolgen müssen, hätte es dort ein ganz ordinäres Bedürfnis
nach Zivilgesellschaft gegeben. Wäre es wirklich so gewesen, wie linke und
rechte Ideologen behaupten, daß die Deutschen in ihrer Mehrheit wie gelähmt im
Zeichen des Naziterrors, den sie nicht wünschten, erstarrt wären, dann hätten
die Bomben gegen die Durchhaltemoral ganz anders einschlagen müssen, als die
deutschen Bomben in London. Dann wären die Industriearbeiter aus den Städten
geflohen, dann wäre es möglicherweise zu chaotische Fluchtbewegungen im ganzen
Land gekommen. Das schwebte den Engländern vor, in Millionen abgeworfenen
Flugblättern haben sie die deutsche Zivilbevölkerung darauf hingewiesen, daß
alle Industriestädte Kriegsschauplatz seien, und die Zivilbevölkerung gut daran
täte, sie zu verlassen. Daraus wurde nichts, das Nazi-Regime hatte kaum
Probleme mit Absentismus. Statt dessen wurde, Friedrich beschreibt es mit
Bewunderung, ein kollektives Luftschutzsystem organisiert, das nicht nur die
Zahl der Toten relativ niedrig hielt, sondern auch ermöglichte, unter
unvorstellbaren Bedingungen unter der Erde zu vegetieren, um tagsüber
unverdrossen für den Endsieg weiter zu arbeiten. Die Partei zeigt in dem
Solidarwerk Flagge; es wurde die „zweite Machtergreifung“ genannt. Die Macht
über die Nöte kittet Volk und Regime erst recht aneinander. (S. 437) Einer
Bunkergesellschaft, deren Moral noch 1944 aus der Losung „Unsere Mauern
brechen, unsere Herzen nicht“ (Tagesspiegel, 22.12.02) bestand, konnte
Bomber Harris nicht beikommen, das moral bombing ist an der German
moral gescheitert. Aber hätte er nachlassen sollen, als er es wissen mußte,
Anfang 1944 etwa? England wollte die Invasion vorbereiten und den eigenen Jungs
und den verbündeten Amerikanern bei Landung und Eroberung Deutschlands keine
allzu hohen Verluste zumuten. England wußte zudem ab 1943 immer Genaueres über
die unfaßbaren Greuel, die die Deutschen angerichtet hatten. Auch wenn man sich
bis Ende 1944 der Tatsache des Holocaust weitgehend verschloß, aus der
Sowjetunion erfuhr man nach Stalingrad, in welchem Zustand zurückerobertes
Gebiet sich befand. Mitleidlosigkeit gegenüber einer „Zivilbevölkerung“, aus
deren Mitte heraus ja nicht nur die Barbaren gekommen waren, die auf dem
Rückzug möglichst alles vernichteten, sondern aus der eben auch all die Energie
zum Weitermorden und der Staat, der es organisierte, hervorging, war mit
kriegsentscheidend. Da nutzen die Kinder von Bethel nichts, die genauso
unschuldig sind wie alle anderen Kinder auch, da vermag das erschütternde
Einzelschicksal nichts auszurichten, außer den Boden für Kitsch, Lüge und
Betroffenheit für die falsche Sache zu bereiten und Erkenntnisse wie dieses
etwa: Die Ortseinwohner kämpften um ihr überleben. Aber bekämpften
niemanden, waren dazu weder willens noch gerüstet, und es existierte bis dahin
auch kein Kriegsbrauch, der sie einer Waffengewalt aussetzte. (S. 63)
Das Buch zur rechten Zeit
Was den Friedrich zu seinem Buch und die Deutschen zur großen nationalen Aussprache treibt,
ist nur allzu verwandt mit jener Moral, der nicht einmal mit Bomben beizukommen war. Jetzt,
wo sie wieder dürfen, fühlen sie sich wieder eins mit ihrer Geschichte, ihren
Städten, ihren Opfern, ihrem Weg eben. Mit Jörg Friedrich bezwecken die
Deutschen, den letzten Rest feindlicher Lufthoheit über deutsche
Selbstvergewisserung zurückzudrängen, den aggressiven Schlag zu landen gegen
ein Geschichtsverständnis, das heute noch in manchen Ländern und in Millionen
Köpfen von der deutschen Tat bestimmt ist, und es zugunsten der Gegenerzählung
vom deutschen Leid zu neutralisieren. Der Aufstand gegen Gesittung und
Zivilisation bestimmt nicht nur Jörg Friedrichs Geschichtsbild, es ist auch die
praktische Handlungsanweisung endlich mit einer Aneignung zu beginnen: Die
taktische Aneignung der Geschichte ist eine leere Klage, auch wenn sie schon
Goethe führte. Der Aneigner ist Subjekt und darum subjektiv. Es gibt auch eine
nichtangeeignete Geschichte, wie die des großen Brandes. Auch das ist ein
subjektives Nicht-wollen. Den Unwillen zweier Generationen erklärt die Zeit. Es
war nicht die Zeit dafür. Doch die Zeit, das, was wechselt, wechselt auch die
Aneignung der vergangenen Zeit. (S. 218) Das ist kein Deutsch, und der
Autor ahnt mehr als daß er wüßte, was sein Gestammel will: die Aneignung der
deutschen Leidensgeschichte für neue unerhörte Taten. Wo Friedrich den Auftrag
nur verschwommen formuliert, wissen Leser und Feuilleton mühelos anzuknüpfen.
Der ewig Zu-Kurz-Gekommene, Walter Kempowski, dem zunächst Günther Grass mit dem Krebsgang die Schau
gestohlen hat und jetzt, kaum ein Jahr später, Jörg Friedrich, meint: „Aber
dringt das wirklich in die Tiefe? Gehen die Menschen, die dieses Buch oder
andere Bücher gelesen haben, danach zu dem alten Flüchtling im Nachbarhaus, der
Haus und Hof im Osten verloren hat? Zu der Kriegerwitwe, die ihren Mann
verloren hat und ihre beiden Söhne? Gehen die Menschen, die keine Erinnerungen
an den Bombenkrieg mehr haben, ins Altersheim und fragen nach?“ (Welt,
12.12.02) Genau das ist es nicht: Mitgefühl miteinander hatten die Deutschen
noch nie, ein kollektives Gefühl gegen die anderen aber sehr wohl. Kempowski
geht im gleichen Interview daher schon einmal den entscheidenden Schritt
weiter: „Die Leser nehmen es zur Kenntnis, wundern sich über das barbarische
Tun, ganze Städte auszuradieren, erinnern sich vielleicht an eigene Erlebnisse.
Aber irgendwelche politischen oder gesellschaftlichen Folgen wird das Buch
nicht haben.“ Da ist sie, schon drohend aufgebaut, die ewige Klage über
Vergeblichkeit in der Aneignung der eigenen Geschichte wegen unterbleibender
Folgen.
Indes, der öffentliche Auftritt Jörg Friedrichs im überfüllten Veranstaltungssaal der Berliner Urania beweist
es, Deutsche Geschichtsaneignung auf der Höhe der Zeit ist wieder möglich: „Ein
Trauma. Das Wort fällt oft an diesem Abend. Zum Beispiel von dem 1926 in
Hamburg geborenen Zuhörer, der eigens für den Vortrag und die Diskussion
angereist ist. Er hatte die Bombardierung Heilbronns erlebt und bei der Bergung
der Leichen mitgearbeitet - eine Erfahrung, die ihn bis heute nicht losläßt.
‚Der Afghanistan-Krieg hat mir klargemacht, daß sich wiederholt, was ich vor
mehr als 50 Jahren erlebt hatte.‘ Durch Afghanistan hatte er überhaupt erst
gemerkt, ‚daß ich auf einem Trauma sitze’“. (Tagesspiegel, 27.11.2002)
Die Welt (23.11.02) hat zur Vorsicht eine ausgewiesene Linke, 68erin und
Feministin, Cora Stephan, beauftragt, Volkes Stimme auf essayistisches Niveau
zu heben. Unmittelbar am traumatisierten Hamburger anknüpfend geht sie in die
Vollen: „Ist Deutschland mit der Beschreibung der anderen Seite der Medaille
exkulpiert? Wer käme darauf. Aber hat sich die Welt nun mit einem historischen
Flankenschutz für Gerhard Schröders ‚deutschen Weg‘ auseinander zu setzen, mit
Geschichtsrelativierung, ja Revanchismus; ist hier eine weitere Spielart des
deutschen Antiamerikanismus zu verzeichnen? Debattenbeiträge dieser Art sind
vorhersehbar. Und es stimmt: Das Buch erscheint zur rechten Zeit. Im von
Hitler-Deutschland angezettelten Zweiten Weltkrieg haben fast alle ihre
Unschuld verloren. Die unbestreitbare Schuld der Deutschen hat es ihren
Nachbarn lange Zeit ermöglicht, über die eigne Verstrickung hinwegzusehen.
Jetzt aber bricht die eigene Lebenslüge auf. Die Debatte über eigene Völker-
und Menschenrechtsverletzungen, auf der junge Historiker in Polen oder
Tschechien insistieren, zeigt das. Die Gründe dafür liegen gewiß nicht in einem
die Deutschen entlastenden Relativismus. Sie liegen in der Notwendigkeit,
Europa ein gemeinsames Fundament zu geben.“ Gegen wen sich dieses deutsche
Europa richten wird, vermeldet die FAZ am 17.11.02 unter der von
Friedrichs Sprache inspirierten Überschrift „Aschenreste“: „Denn es vereint
sich das lange als notwendig erachtete Schweigen über den Schrecken und die
Schuldfrage des Bombenkriegs mit einem neuen, aus der Skepsis gegenüber Amerika
erwachsenden Selbstbewußtsein in Deutschland. Daß Präsident Bush zu den größten
Bewunderern Churchills zählt, paßt da perfekt ins Bild. Daß es zudem Walt
Disneys Zeichentrickfilm Victory Through Air Power gewesen sein soll,
mit dem der britische Premier den zaudernden Roosevelt 1943 auf der Konferenz
von Quebec für seine Bombenkriegsstrategie gewann, läßt Churchills Bild und
Amerikas Klischee zu einer dämonischen Fratze verschmelzen.“ Was die Zeitung
für Deutschland fertig bringt, gelingt der Zeitung für Ägypten allemal. Der
Schriftleiter der ägyptischen Tageszeitung Al Ahram und Übersetzer der
Rommel-Memoiren ins Arabische, Anis Masour, schrieb über Friedrichs Brand:
„Der Historiker entschuldigt die Greueltaten Hitlers nicht. Er will lediglich
zeigen, dass Churchill schlimmer war als Hitler, ohne dass man ihn dafür
gehängt hätte. Dieses Buch aber liefert die Begründung für eine Verurteilung
ihn zu hängen, zu verbrennen, so wie sie es mit den Deutschen gemacht haben.“
(Undatiertes Zitat aus Welt, 19.12.02) Nun steht ja alles dafür, daß der
Churchill-Fan Bush mit Walt Disney im Handgepäck nicht nur im Irak ein den
Menschen freundlicheres Regime herbeizwingen wird und dadurch nicht zuletzt
auch den Anis Masours der djihadistischen Welt eine etwas leisere Gangart
abnötigen könnte. Dieser Krieg, der wahrscheinlich ohne die von interessierter
Seite vorhergesagten Flächenbombardements gegen die Zivilbevölkerung ausgehen
wird, von der Bush recht gut weiß, daß sie keine deutsche Wehrwolfsgemeinschaft
ist, dürfte auch geeignet sein, dem Traum vom deutschen Europa für absehbare
Zeit einen Riegel vorzuschieben. Sollten die Deutschen sich das aber keine
Lehre sein lassen und schon weil das Wohlstandspolster schmilzt genauso wie
jeder dahergelaufene Islamist weiter zündeln und schließlich aus Trotz über das
Scheitern ihres Weges in Europa und anderswo sich wieder zusammenschließen zur
Durchhaltegemeinschaft der Opfer von Ausrottung, sollten sie also tatsächlich
ihre dämonische Fratze wieder praktisch zeigen wollen, dann kann man nur auf
der schon vor 12 Jahren geprägten Forderung, „Bomber Harris, do it again!“,
beharren und hoffen, daß der nächste englische Premier kein Abonnent des Guardian
ist.
von Justus Wertmüller (Bahamas 40/2003)
Quelle: http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web40-3.htm
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