Alle Jahre wieder –Gedenken an »Dresden«
von Martin Blumentritt
Der deutsche Opferkultus
Vor zwei Jahren spätestens hörte man auf, allein den Luftkrieg über Dresden zu verurteilen, sondern erklärt den ganzen Luftkrieg der
Alliierten zum angloamerikanischen Terror (so als ob Goebbels heimlich die Feder führe). So wurden die zahlreichen Veranstaltungen,
die in Dresden stattfanden, auch allgemeiner: »Friedensläufe«, Kranzniederlegungen, »Ehrungen an der Trümmerfrau«, Kunstprojekte, eine
»Nacht der Stille« usw. wurden aufgeboten. Viele davon waren mit Warnungen vor dem zu erwartenden Krieg im Irak verbunden. Die Assoziation,
dass der Krieg der Alliierten gegen Nazi-Deutschland damit zum Unrecht erklärt wird, war die der Gedenkenden, keine von außen kommende
Unterstellung. Schon damals wurde die Zusammenarbeit der Stadtverwaltung Dresdens mit den Neonazis verbessert, indem im Innenstadt-Bereich
außer der offiziellen Gedenkfeier nur die Neonazidemo »Gegen das Vergessen« erlaubt wurde, während alle anderen Veranstaltungen, u.a.
solche mit Beiträgen der Überlebenden des Naziterrors, verboten wurden. Man wollte von den Gründen der Bombardierungen ebenso wenig
vernehmen wie von den Verbrechen Saddam Husseins.
Die Freude darüber, dass die Alliierten Nazideutschland niedergerungen haben, wird nicht erst seither, aber doch zunehmend für
verrückt erklärt, während in Formulierung und Gestus die Deutschen zu Opfern stilisiert werden. An vorderster Front werden wir wohl
auch dieses Jahr den Demagogen Jörg Friedrich erleben dürfen, der die Deutschen immer wieder in den geistigen Horizont des
Luftschutzkellers zwingt: Dies ist zu mehr nicht geeignet als den Luftkrieg zum Terror gegen Frauen und Kinder zu verklären. Solche
Schilderungen eines ungleichen Kampfes zwischen Bombern und Zivilbevölkerung blenden aus, dass die Bomber gegen feindliche
Verteidigungskräfte, Jagdflugzeuge und Flak-Batterien antraten, die Piloten auf dem Weg zu den Zielobjekten frierend und beengt in
unbequemen, lauten, leicht verwundbaren Flugzeugen saßen , die sie durch einen dichten Sperrriegel von Flugabwehr-Geschützen lenken
mussten. Wetterbedingungen, Treibstoffknappheit und Beschädigungen durch Flak-Treffer machten jeden Einsatz zu einer militärische
Konfrontation, die das Todesrisiko der Besatzungen deutlich erhöhte.
Diese selektive Betrachtung der deutschen Zivilbevölkerung, die wir auch dieses Jahr erwarten, kommt zu dem seltsamen Ergebnis, dass
ein »Brandkrieg« und »Luftterror« vor allem deutschen Frauen, Kindern und Greisen galt, und der Luftkrieg weder mit der Zerstörung
des Kriegspotentials der Deutschen noch mit der Hilfestellung für die Sowjetarmee etwas zu tun haben soll. Dieser verbreiteten
Auffassung trat Richard Overy bereits in »Die Wurzeln des Sieges« entgegen: »Harris hegte nicht den geringsten Zweifel daran, daß
›die Moral‹ ein äußerst problematisches Zielobjekt darstellte und einem ›aus der Verzweiflung geborene(m) Rat‹ entsprang. Er ging
davon aus, daß die Deutschen nicht so schnell zu demoralisieren waren, wie seine Kollegen hofften, und bezweifelte sogar den
strategischen Nutzen der Zerstörung der Moral, angesichts einer Alltagswirklichkeit, zu der das ›Konzentrationslager um die Ecke‹
gehörte. Harris hielt vielmehr an seiner Überzeugung fest, daß es darauf ankomme, die materielle Kriegsfähigkeit Deutschlands zu
zerstören, und dieses Ziel war seiner Ansicht nach nur mit massiver und fortgesetzter Bombardierung zu erreichen.«
Die Täter-Opfer-Verkehrung hat mit der Wucht seiner Eloquenz – abgesehen von hartgesottenen Neonazis – Jörg Friedrich am weitesten
betrieben, indem er Luftschutzkeller zu »Krematorien«, Bombenopfer zu »Ausgerotteten«, die fünfte Gruppe des Bomberkommandos zu
»Einsatzgruppen« erklärte. Und in dem dann nachgeschoben Bilderbuch wurden, für den, der es immer noch nicht verstehen wollte, Bilder
von Auschwitz denen der Ergebnisse des Luftkriegs gegenübergestellt. Was bislang Nazidemagogen vorbehalten war, wurde nun von den
Mainstream-Medien in die Welt posaunt. Der nächste Schritt wäre dann, Dresden zum eigentlichen Holocaust zu erklären. Aber dies ist
auch dieses Jahr unwahrscheinlich, weil die ausländische Presse dies nicht gerade goutieren würde und man stets mehr auf das Ansehen
wertlegt, mehr auf den schönen Schein als das Sein. Als ich in Dresden im Februar 2004 ein Vortrag zum Thema Dresden hielt, musste
ein halbes Dutzend Mannschaftswagen der Polizei die Veranstaltung schützen und nach der Hälfte musste ich kurz den Vortrag unterbrechen,
damit ein Teil des Publikums gegen Neonazis einige schlagkräftige Argumente anbringen konnte. Offensichtlich besteht in Deutschland
ein reges Interesse an der Erhaltung der eigenen nationalen Dummheit, nicht nur bei Neonazis. Man sehnt sich einen kollektiven
Opferstatus herbei, während der Status als Täterkollektiv vehement verneint wird. Nun ist man bedacht, dabei nicht zu weit zu gehen:
bemühte Hohmann ein halluziniertes jüdisches Täterkollektiv, um das deutsche zu verleugnen, so war doch der einzige Erfolg, aus der
CDU ausgeschlossen zu werden. Martin Hohmann hatte den Anschlusszug verpasst, war man doch schon längst dabei als das »gebesserte«
Täterkollektiv aufzutreten, das den Schwur »Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg« auf »Nie wieder Krieg gegen Faschismus« verkürzte.
Auf dieser Schiene wird der jährliche Zug nach Dresden zum 60. Jahrestag mit Vollgas weiterfahren. Die Thematisierung des Bombenkrieges
der Alliierten als Tabubruch zu stilisieren, wäre, wie alle Tabubrüche, die zur schlechten Gewohnheit werden, ohnehin nicht mehr
glaubwürdig. Die seit Kriegsende jährlich stattfindenden Gedenkfeiern, die keine Chance für ein Vergessen ließen, hatten entgegen
solcher Redeweisen ohnehin gezeigt, dass die Deutschen an nichts anderes sich lieber erinnern lassen wollen als an »Dresden«. Darum
hatte der gute alte Wolfgang Pohrt schon vorgeschlagen, den Deutschen, die von Auschwitz ohnehin nichts hören wollen, doch wenigstens
zu sagen, dass ganz Deutschland eines Tages so aussehen wird wie damals Dresden, sollte es Ähnliches noch einmal versuchen wie das,
was Ursache der Bombardierungen war. An diese werden Deutsche allerdings ungern erinnert.
Wenn man Leserbriefe und Forums-Beiträge im Internet der Letztgenannten sich anschaut, dann merkt man, dass immer noch ein Bedürfnis
nach überhöhten Opferzahlen vorhanden ist, das durch die neueren Veröffentlichungen nicht mehr befriedigt wird. Die Legende von
Tieffliegerangriffen auf Dresden hätten so manche auch noch gern, aber selbst der Focus wusste davon zu berichten, dass es mehr als
das auch nicht mehr jüngste Gerücht nicht ist. So ganz verschwunden waren die alten Mythen von horrenden Todes-Zahlen ja auch aus der
Mainstream-Presse nicht. Die aus der Goebbels-Propaganda stammenden Zahlen – an die realistischen Zahlen zwischen 20.000 und 35.000
wurde jeweils eine Null angehängt – wurden allerdings damals im »Spiegel« als übertriebene Schätzungen statt als Lügen, die sie sind,
dargelegt, während weiterhin die reale militärische Notwendigkeit des alliierten Bombenkrieges bestritten wurde. Insbesondere die
Flächenangriffe sind den Hobbystrategen wie deutschen Historikern ein Dorn im Auge. Deren Notwendigkeit wurde allerdings im Rahmen
einer strategischen Diskussion in Großbritannien ermittelt, als man sich fragte, ob überhaupt die strategische Luftoffensive gestoppt
werden müsse, weil die Schäden gezielter Angriffe ernüchternd waren. Eine Ausweitung der Offensive erzwang den Verzicht auf genaue
Zielvorstellungen. Bei Nacht konnten die Flugzeugbesatzungen nur große bebaute Flächen treffen. Götz Bergander beschreibt dies:
»Wenn man sich also nicht länger gegenseitig etwas vormachen wollte, mußten die großen Flächen die Ziele sein, das heißt Stadtzentren.
In einem entwickelten und hochindustrialisierten Land wie Deutschland, dessen Städte mit Fabriken, Werkstätten, Eisenbahnanlagen, Kasernen,
politischen und wirtschaftlichen Verwaltungsbauten gespickt waren, würden Bomben, die irgendwo im Ballungsgebiet niedergingen, außer
Wohnhäusern zwangsläufig kriegswichtige Einrichtungen zerstören; ebenso zwangsläufig aber auch Krankenhäuser, Schulen, Kirchen und
kulturhistorisch wertvolle Bauwerke.
Außerdem hatten sich die Initiatoren des Flächenbombardements von den Gedanken und Berechnungen Professor Lindemanns, dem
wissenschaftlichen Berater des Primierministers, überzeugen lassen, daß die Wohnviertel legitime Ziele seien. Die Überlegung war die,
daß möglichst viele Arbeiter obdachlos gemacht werden müßten. Wenn sie, die Ausgebombten, dann – und sei es nur vorübergehend – nicht
an ihrem Arbeitsplatz erschienen, würde dies einen Produktionsausfall bedeuten, der in der Summe beachtlich sein und einer Beschädigung
der Fabrik gleichkommen würde.
(...) (Churchill erklärte) in einer seiner großen Kriegsrundfunkreden am 10. Mai 1942 deutsche Städte, in denen sich Rüstungsbetriebe
befanden, zu Angriffsobjekten, und er forderte die deutsche Zivilbevölkerung auf, diese Städte zu verlassen (...) Die Warnung mußte
der deutschen Führung zu diesem Zeitpunkt grotesk erscheinen, jedoch sie war ernst gemeinte spekulative Propaganda.«
Die Luftwaffe trat im 2. Weltkrieg erstmals als Waffe auf, die kriegsentscheidend war, der Kampf wurde erstmals in allen drei Dimension
geführt, vorher war sie weder in Bezug auf Geschwindigkeit, Reichweite und Tragfähigkeit dazu in der Lage. Hauptziel und objektiver
Zweck war es, die materielle Kriegsfähigkeit der Deutschen zu treffen. Das strategische Konzept ging auf den Italiener Giulio Douhet
(1869-1930) zurück. Er war der Auffassung, dass die Vernichtung der Kampfkraft des Gegners, vor allem durch Ausschaltung seiner
Produktionsquellen und seiner Kampfmoral, erfolgen sollte. Dies hatte also ökonomische Hintergründe, die Bedeutung der Wirtschaft
für die moderne Kriegsführung hatte sich im Vergleich zum ersten Weltkrieg erhöht. Die Verflechtung von Front und Kernland, von
kämpfender Truppe und Wehrwirtschaft, wurde immer enger. Der Begriff der Rüstungsindustrie ist ohnehin nur schwer eingrenzbar.
Man kann schlecht ermitteln, welche Schraube einer Schraubenfabrik für einen zivilen Zweck, welche für ein Geschütz oder Bomber
verbraucht wird. Auch die Kabelindustrie gehört allein deswegen zur Rüstungsindustrie, weil U-Boote, Flugzeuge, Panzer ohne sie
nicht funktionieren würden. So gut wie alle Rohstoffe oder Zwischenprodukte waren ebenso kriegswichtig und wenn es nur Filz oder
Pappe war. Ein exaktes Kriterium Kriegs- und Friedenswirtschaft zu unterscheiden, existierte nicht. So gesehen sind Vorschläge von
nachträglichen Hobby-Strategen nicht nur zu spät, sondern auch unangemessen. Sie dienen nur dazu, die Rede von »unschuldigen Opfern« –
Frau, Kind, Greis muß man schon sein, um nicht ein schuldiges Opfer zu sein – zu rechtfertigen, von der wir auch dieses Jahr einiges
hören werden.
Quelle: http://www.conne-island.de/nf/118/25.html
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