Das „Wunder von Dresden“ wundert uns eigentlich nicht
von gruppe//sabotage

Am 30. Oktober letzten Jahres wurde die wiederaufgebaute Frauenkirche geweiht. Für den Oberbürgermeister Roßberg hat Dresden damit “sein Gesicht wieder”. Für den sächsischen Ministerpräsidenten Milbradt ist es ein wichtiger Schritt für die angestrebte Wiedergewinnung des sprichwörtlichen Canaletto-Blicks. Und all die DresdnerInnen, die sich nicht damit anfreunden können, dass zwischen der Glanzzeit des Barock unter „August dem Starken“ in Dresden und der heutigen Zeit noch einige Jahre – insbesondere die des Nationalsozialismus – vergangen sind, haben ihren Ort zentraler Identitätsstiftung wieder. Das Bedürfnis nach Weltgeltung ist durch die internationale Medienaufmerksamkeit gestillt.

Obwohl barocke Architektur nur einen verschwindend geringen Teil der bebauten Fläche Dresdens ausmacht, wird die Stadt weitgehend als Barockstadt rezipiert. In den vergangenen 3 Jahrhunderten zeigten sich zahlreiche namhafte BesucherInnen “überwältigt” von der “Schönheit” Dresdens, die immer nur einen kleinen Teil der Stadt meint – die elbnahen Bauwerke des 18. Jahrhunderts und diverse Kunstsammlungen. Die Bekenntnis-DresdnerInnen sind überzeugt, in der schönsten Stadt der Welt zu leben. Die Stadt hat weit über ihre Grenzen hinaus eine hohe Symbolkraft. Dies deckt sich mit dem Drang nach Selbstaufwertung, der für die Konstruktion von Kollektiven unabdingbar, in Dresden allerdings in ganz besonderem Maße zu beobachten ist.
Das Identifikationsobjekt Dresden nahm im Bewusstsein der stolzen BewohnerInnen aber geradezu starre Formen an. Vielmehr als an dem heutigen Stadtbild, dass die Folge einschneidender und irreversibler Veränderungen ist - etwa der Zerstörung durch alliierte Bombardements und den Standards der DDR-Architektur – hängen die DresdnerInnen an einem mythologisierten Stadtbild.
Die Folge davon waren die intensiven Wiederaufbaubestrebungen, die an dem historischen Vorbild ausgerichtet waren. Jedem neuen Bauwerk modernen Stils geht eine heftig geführte und emotionale Debatte voran. Die „rückwärts gewandte Utopie“(Karl-Siegbert Rehberg) äußert sich in den hiesigen Bauvorhaben. Geschichte wird ungeschehen gemacht.

Eine Ausnahme darin stellt glücklicherweise die Neue Dresdner Synagoge dar. Der Bau widersetzt sich in seiner eigentümlichen, modernen Form gekonnt und provozierend den Dresdner Trends der historischen Reproduktion. Die legendäre Semper-Synagoge, die sich bei ihrer Errichtung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert noch harmonisch in die Silhouette Dresdens einfügte, war in der Reichspogromnacht 1938 von SA-Leuten und BürgerInnen zerstört worden. So banal die Feststellung auch ist – da sich Dresden vor allem als Kunst- und Kulturstadt begreift, deren BewohnerInnen sich zur NS-Zeit nichts zu Schulden haben kommen lassen, muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass Dresden in der Unterdrückung ganzer Bevölkerungsgruppen – vor allem die der JüdInnen - anderen deutschen Städten in nichts nachstand.
Zu gern hätten die Bekenntnis-DresdnerInnen einen Synagogenneubau gehabt, der sich der geschichtsvergessene Canaletto-Silhouette harmonisch anpasst. Dementsprechend groß war die Empörung über die Form des in sich gewundenen Quaders der neuen Synagoge. Durch den architektonischen Kontrast repräsentiert er nämlich eine offene Wunde in der deutschen und Dresdner Geschichte – die stete Erinnerung an den mörderischen Antisemitismus in der NS-Zeit und entzieht sich der Wieder-Vollendung des Stadtbildes des sprichwörtlichen “Alten Dresden”.

Es gibt wenige deutsche Städte, deren Identität in solchem Maße auf Mythen beruht wie Dresden. Dazu gehöört das Bild der Kunst- und Kulturstadt, dem der Begriff der “Unschuldigkeit” implizit ist – als ob es keiner Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bedarf.
Gleichzeitig gibt es in dieser Stadt keinen anderen Ort, in dem derartig viele Mythen kulminieren wie dem der Frauenkirche. Sie gilt als das Wahrzeichen und gleichzeitig als Symbol für die Bombardierung, wie auch Dresden ein Symbol für das vermeintliche Unrecht alliierter Bombardierungen geworden ist. Nach dem Zusammenstürzen der Kirche war die Ruine Objekt unterschiedlicher Projektionen – bis zuletzt wurde sich anklagend an die Alliierten auf sie bezogen. Die Ruine der in der Nazizeit als “Dom der deutschen Christen” propagierten Kirche wurde von der SED 1966 als “Mahnmal gegen Faschismus und Krieg” ausgerufen. Die Geißelung der alliierten Bombardements als “imperialistisch” förderte die Dresdner Selbstwahrnehmung als unschuldige Kriegsopfer. Der verordnete Antifaschismus, der auch den DDR-BürgerInnen die Schuldfrage hinsichtlich des NS ersparte, implizierte außerdem, dass eine angemessene Auseinandersetzung mit der eigenen Involvierung in das nationalsozialistische Regime nicht stattfand.

Ab dem 13. Februar 1982 machte die Bewegung “Schwerter zu Pflugscharen” die Ruine als Ruine zum mahnenden Symbol für den Frieden.
Die Tradition zum Gedenken an die durch die alliierten Bombardements Umgekommenen hält bis heute an – eingebettet in einen revisionistischen Diskurs, der die Stadt Dresden und deren damalige BewohnerInnen zu unschuldigen, unbeteiligten, völlig überrumpelten und kunstverliebten Opfern macht. Dabei hat sich das spätabendliche, kerzenbeleuchtete Schweigen längst von der ZeitzeugInnenschaft abgelöst – und genau an dieser Stelle offenbart sich das identitätsstiftende Moment des alljährlichen Zeremoniells.
Fatalerweise wird der Erinnerung an die damals „volksdeutschen“ Opfer wesentlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Am 19. Dezember 1989 verhandelte der „Kanzler der Einheit“ Kohl mit Modrow, dem Ministerpräsidenten der DDR über eine Vertragsgemeinschaft von BRD und DDR in Dresden. Am Abend schließlich hielt er vor hunderttausend jubelnden und „Wir sind ein Volk“ – skandierenden DresdnerInnen auf dem Platz vor der Ruine der Frauenkirche eine seiner „wichtigsten und schwierigsten Reden“ und erfährt sein „Schlüsselerlebnis auf dem Weg zur staatlichen Einheit“ (Kohl). Während „Helmut, Helmut!“ aus tausenden Mündern ertönte, erfuhr die Frauenkirche eine weitere symbolische Aufladung: Als Symbol der Wiedervereinigung, der „friedlichen Revolution“, Demokratie und nationaler Emotionen. Nachdem er pflichtbewusst ein Blumengebinde zum Gedenken an den 13. Februar 1945 vor der Ruine niedergelegt hatte, rief er in Richtung des Meeres schwarz-rot-goldener Fahnen: „Von deutschem Boden muss in Zukunft immer Frieden ausgehen – das ist Ziel unserer Politik!“ und „Gott segne unser deutsches Vaterland!“

Die immense Überschätzung der Bedeutung der Bombardierung Dresdens treibt zuweilen absurde Blüten. So löste der Besuch der englischen Königin im Oktober 1992 große Empörung unter DresdnerInnen aus, die sich in zahlreichen LeserInnenbriefen in der miefigen Lokalpresse ausdrückte. Die Queen ließ sich nämlich im Auto im langsamen Tempo an der Frauenkirche vorbeifahren, die damals noch eine Ruine war. Sie ließ sich eben nicht darauf ein, auszusteigen, geschweige denn das Wort “Sorry” auszusprechen, das die Bekenntnis-DresdnerInnen in völliger Verdrehung der Geschichte zu eigenen Gunsten erwartet hatten. Der hier sprichwörtliche Satz “Sie ist nicht ausgestiegen” ist mit dieser, für gestandene DresdnerInnen kränkenden, Anekdote verknüpft.

Am Vorabend des 13. Februar 1990 veröffentlichte die „Bürgerinitiative für den Wiederaufbau der Frauenkirche“ einen offenen Brief unter dem legendär gewordenen Motto „Ruf aus Dresden“. Darin wurde weltweit zu Spenden für den geplanten Wiederaufbau der Frauenkirche aufgerufen und sich ausdrücklich an die ehemaligen Siegermächte im zweiten Weltkrieg gewandt. Die wieder zu errichtende Frauenkirche wollten sie – so wörtlich - zum „europäischen Haus des Friedens“ avanciert wissen. Das blumige Wort „Frieden“ taucht an unzähligen Stellen in dem Aufruf auf. Dennoch ist dieser Begriff in diesem Zusammenhang so leer wie das Wort „Versöhnung“ dreist ist, das im gleichen Kontext immer wieder auftaucht. Die Forderung, ein Bauwerk, das den Bomben der Befreier zum Opfer gefallen ist, mit finanzieller Unterstützung aus den Ländern der damaligen Siegermächte zum universalen Versöhnungssymbol zu erklären, verkennt im Land der TäterInnen die historischen Tatsachen. Gegen jede Vernunft hat sich der Blick auf die wiederaufgebaute Frauenkirche als Friedens- und Versöhnungssymbol durchgesetzt – so schnell, wie sich die eifrigen BefürworterInnen auch gegen die Kritik an dem (archäologischen) Wiederaufbau durchgesetzt hatten. Millionenspenden aus den USA, Großbritannien und anderswo werden als angemessene Aufarbeitung der Geschichte betrachtet. Der Sohn eines britischen Bomberpiloten fertigte das vielgerühmte Kuppelkreuz. „Opfer spendeten für die Erben der Täter“ stellte die ZEIT richtig fest. Eine von den Nazis wegen ihrer jüdischen Herkunft vertriebene Familie aus Brasilien spendete eine hohe Summe. Die Skulptur „Flamme der Versöhnung“ kommt aus Gostyn, einer kleinen Stadt in Polen, in der die Wehrmacht ein Massaker angerichtet hatte. Der Queen, die sich bis heute für die Bombardierung Dresdens nicht entschuldigt hat, haben die DresdnerInnen verziehen, da sie ein Benefizkonzert für die Kirche veranstaltet hatte.
Hunderttausende SpenderInnen aus aller Welt trugen der Kirche den Titel „Spendenwunder von Dresden“ ein. Wegen der anfänglichen zivilgesellschaftlichen Initiative zum Wiederaufbau wird sie außerdem als Vorbild für die Leistungen bürgerschaftlichen Engagements gefeiert.

Für das örtliche Publikum das Medienevent des Jahres stellt der zweiteilige Fernsehfilm „Dresden“ die „Steinerne Kuppel“ (der Volks- und andere Münder) schließlich in eine Tradition des Widerstandes gegen das NS-Regime. Neben anderen historischen Ungenauigkeiten - bei aller Absicht, den historischen Geschehnissen im Detail gerecht zu werden - klaren Falschdarstellungen und Absurditäten, unterstützt der Pfarrer der Frauenkirche, gemimt von Wolfgang - „Das war wie Hiroshima!“ - Stumph das rührende deutsch-britische (Versöhnungs-)Paar bei der Flucht. Der „Dom der deutschen Christen“ als Hort christlicher Nächstenliebe und antifaschistischem Gewissens.
Am Ende des Filmes der tränenrührende Schwenk über die wiederaufgebaute Frauenkirche der Gegenwart und hunderte positiv betroffene Gesichter. Horst Köhlers Stimme im Hintergrund sagt „Schalom“ und „Friede sei mit euch!“. Dresden ist mit dem Bauwerk wieder bei sich selbst und in der Gewissheit, mit dem „Symbol des Friedens und der Versöhnung“ international positive Trends zur Bewältigung der Geschichte geschaffen zu haben.

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