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Nie wieder Deutschland, sonst Dresden!
Vor 56 Jahren wurde Dresden durch mehrere Bombenangriffe der Alliierten in Schutt und Asche gelegt.
Unter der Leitung von Sir Arthur Harris flogen Staffeln der britischen Royal Air Force, gemeinsam mit Fliegern der
amerikanischen Luftwaffe, drei Angriffe auf die Stadt. Den Bombardements fielen in Dresden weit mehr als 20.000
Menschen zum Opfer. Fast täglich wurden zu dieser Zeit Luftangriffe gegen deutsche Städte geflogen; die Ausmaße
der Zerstörung waren mal höher, mal geringer. Die Angriffe endeten dann, wie bekannt, am 8.Mai 1945 mit der
Zerschlagung des nationalsozialistischen Deutschlands.
Damit endete für Millionen Verfolgte des Naziregimes der Terror, dem sie jahrelang ausgesetzt waren. Unzählige
andere dagegen waren Unzähligen Deutschen zuvor, an den Fronten und in Vernichtungslagern, zum Opfer gefallen.
Unzählige Deutsche begreifen sich seitdem als Opfer alliierter Bomben und Besatzungen, als Opfer von Vertreibungen
und Verschwörungen. Sie werden nicht müde, darüber beleidigt zu sein, aus Tschechien und Polen - als die Faschisten,
die sie waren - unsanft zurück nach Hause vertrieben worden zu sein. Ebenso wenig werden sie aufhören, darüber zu
klagen, kein normales Volk sein zu dürfen, und auf die Schuldigen beständig mit dem Finger weisen: Sie werden "den
Juden Auschwitz nie verzeihen". Vor der Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld scheuen sich die Deutschen wie
vor den Ansprüchen der Zwangsarbeiter, denen sie nachsagen, sie wollten Deutschland bloß ausnehmen. Um Opfer sein
zu dürfen, brauchen sie Mythen, Geschichten, die Zusammenhänge vergessen machen. Dresden ist nur einer davon.
Dresden bedeutet den Deutschen Leid. So können sie ihren Opfern zugestehen, gelitten zu haben, jedoch nicht ohne
den Hinweis, daß es einem selbst ja auch sehr schlecht ergangen sei. Und weil dann alle irgendwie Opfer sind,
gibt es auch keine Täter mehr, erst recht keine Schuld und Verantwortung. Von menschlichem Leid unter Absehung
der konkreten historischen und gesellschaftlichen Umstände zu sprechen, halten wir für falsch. So etwa ist es
nicht möglich, das Leid, welches Kosovoalbanern durch das serbische Militär zugefügt wurde, mit dem Leid der
Gefangenen von Auschwitz zu vergleichen, wie es in der öffentlichen Debatte um den Jugoslawienkrieg hier gemacht
wurde. Dies würde der Singularität der jeweiligen gesellschaftlichen Ereignisse nicht gerecht werden. Die
Irrationalität des Vernichtungswillens und die unglaubliche Rationalität seiner Verwirklichung in den
Vernichtungslagern etwa sind Besonderheiten der Shoah. Der Antisemitismus trat nicht als Wirkung von Betäubungsmitteln
in Erscheinung, die der deutschen Bevölkerung von ihrer politischen Führung verabreicht wurden. Genauso wenig war
er die Ideologie einer Minderheit. Antisemitismus gehörte und gehört zum Deutschsein. Antisemitismus wirkt für das
Deutschsein konstitutiv, vollzieht sich dessen Konstitution doch durch die Aufrichtung des Judentums als genaues
Gegenprinzip dazu. Die nationalsozialistische Ideologie versieht den Juden mit allem, was als nicht-deutsch gilt,
sie macht ihn zum Anti-Deutschen.
Hätte man denn darauf warten sollen, daß die gleichen Deutschen, die erst nicht bei Juden kaufen wollten, später
ihre Läden plünderten, sie selbst zu guter Letzt denunzierten, verfolgten und in Vernichtungslager steckten, der
Barbarei in ihrem Land ein Ende setzen? Es war nicht oberstes Ziel der Alliierten, aber sie haben der Barbarei
ein Ende bereitet. Dies ist als wichtigste Wirkung ihres militärischen Sieges zu verstehen. Die Bombardierung
Dresdens ist als Schritt dazu zu betrachten. Wir empfinden keine Freude der Toten von Dresden wegen, aber um
sie zu trauern, empfinden wir als Hohn gegenüber den Opfern der Nazis.
Am 14. Februar 2001 wollten wir in Bremen eine Veranstaltung unter dem Motto "Dresden Night. 56 Years of Dresden
Bombraid." stattfinden lassen. Bereits im Vorfeld wurden wir für unser Vorhaben stark kritisiert. Der Trägerverein
des zakk hatte die Dresden Night jedoch kurzfristig wieder aus dem Programm genommen. Wir hoffen, hiermit unseren
Standpunkt deutlich gemacht zu haben. Wir haben uns entschieden, diese Party zu veranstalten, um in dem herrschenden
Gedenkdiskurs zu intervenieren. Auch in diesem Jahr werden alle Täter wieder Opfer sein dürfen. In der Semperoper
wird ein Gedenkkonzert stattfinden, und die NPD, die auf ihrer Homepage von "alliiertem Holocaust" schreibt, plant
einen Trauermarsch durch Dresden, mit schwarzen Fahnen und Kerzen.
Nie wieder Deutschland, sonst Dresden!
Twisting by the pool/Bremer Krätze im Februar 2001
Quelle: http://www.nadir.org/nadir/initiativ/kombo/k_45/k_45ad.htm
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