Weiße Rosen in Dresden
von Olaf Meyer
Die Gedenkkultur anlässlich der Bombardierung am 13. Februar 1945 erfährt nicht erst zum 60. Jahrestag braune Schatten,
allerdings dieses Mal deutlicher als je zuvor
Seit Wochen schon mobilisiert die rechte Szene, als ginge es darum, den Zweiten Weltkrieg noch nachträglich gewinnen zu wollen, wenigstens
plakativ historisch umdeutend auf den Straßen der sächsischen Landeshauptstadt. Nicht, dass dort nicht schon seit Jahren am 13. Februar
Rechtsextremisten jeglicher Couleur ihr vorgebliches Gedenken der Opfer zelebrieren würden (
Dresden - wieder Zentrum der rechtsextremen 'Bewegung'?). Der 13. Februar 2005 soll nunmehr ein weiterer Meilenstein werden - hin zur Etablierung als jährlich größter bundesweiter
Nazi-Aufzug, getarnt als "Trauermarsch zum Gedenken der Opfer des alliierten Bombenterrors 1945 in Dresden".
Ein kleiner historischer Einschub sei an dieser Stelle erlaubt. Der Publizist Sebastian Haffner zitiert in seinen "Anmerkungen zu
Hitler" den als Nerobefehl in die Geschichte eingegangenen so genannten Führerbefehl vom 19. März 1945:
Alle militärischen, Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen, sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebiets, die sich
der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann, sind zu zerstören.
Weiter dokumentiert Haffner in seinem Buch die Erläuterung dieses Befehls durch Hitler:
Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu
seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil ist es besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk
hat sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft. Was nach diesem Kampf übrigbleibt,
sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen.
Außer auf der Website der auch in diesem Jahr verantwortlich zeichnenden Jungen Landsmannschaft Ostpreußen (JLO) wird der
Demonstrationsaufruf nach Dresden online so umfangreich plakatiert, wie selten zuvor für einen rechtsextremen Aufmarsch in der
Bundesrepublik geworben wurde. Die avisierte Mobilisierung - teilweise ergänzt durch eigene Aufrufe und Kommentare sowie Angebote
für organisierte Mitfahrgelegenheiten - ist politisch entsprechend kompatibel sowie geografisch fast schon flächendeckend. Dabei
reicht das Spektrum unter anderem vom Störtebeker-Netz über Wikingerversand, Aktionsbüro Norddeutschland, Widerstand Nord, Aktionsbüro
Mitte, Freier Widerstand, Aktionsbüro Rhein-Neckar, Aktionsbüro Saar, Aktionsbüro Thüringen, Nationaler Widerstand Berlin-Brandenburg,
Elbsandsteinportal, Nationales Infoportal Bayern hin zu weiteren diversen Freien Kameradschaften. Ebenso aktiv in das rechtsextreme
Mobilisierungsnetz eingebunden sind die "Deutsche Stimme", Junge-Nationaldemokraten- und NPD-Websites sowieso und darüber hinaus natürlich
auch das Nationale Jugendbündnis sowie das Nationale Bündnis Dresden.
Der Fraktionsvorsitzende der NPD im Sächsischen Landtag und Dresdner Stadtrat für das Nationale Bündnis,
Holger Apfel, betonte im Vorfeld, die JLO sorge "seit vielen Jahren dafür, dass das Gedenken an die Opfer des Terrorangriffs nicht jenen überlassen wird, die sich durch
einseitige Schuldbekenntnisse hervortun oder gar die gnadenlose Bombardierung deutscher Städte als Befreiungsakt feiern". Apfel tritt
nunmehr als Schirmherr über die JLO-Veranstaltung am 13. Februar auf, nach dem die JLO zuvor diese Schirmherrschaft Ministerpräsident
Georg Milbradt und auch Fritz Hähle (CDU-Fraktionsvorsitzender) erfolglos angetragen hatte.
Eine von der NPD-Fraktion angemeldete "Trauerkundgebung zum Gedenken an die Opfer des anglo-amerikanischen Terrorangriffs auf Dresden
vor 60 Jahren" auf dem Platz vor dem Sächsischen Landtag wurde von Landtagspräsident Erich Iltgen (CDU) mit der Begründung, das Ansinnen
widerspreche der Wahrung der Würde des Gedenktages, abgelehnt. Reiner Pommerin, Geschichtsprofessor an der TU Dresden, erklärte
unmissverständlich den historischen Standpunkt:
Das Wort Holocaust ist eindeutig auf das unvorstellbare Grauen von Millionen getöteter Juden konzentriert. Die NPD will mit dieser
Relativierung von den Verbrechen der deutschen Seite ablenken.
Der NPD-Landtagsabgeordnete Klaus-Jürgen Menzel indes äußerte, er sei der Ansicht, dass der Zweite Weltkrieg den Deutschen von den
Amerikanern aufgezwungen wurde. Anlässlich des stattgefundenen Neujahrsempfangs der NPD-Fraktion betitelte die Partei-Zeitung "Deutsche
Stimme" den Landtag übrigens bereits als "national befreite Zone".
In seinem kürzlich auch in Dresden
vorgestellten Buch "Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945" analysierte Frederick Taylor die Stadt
wegen ihrer Rüstungsindustrie als "durchaus legitimes" Kriegsziel. Menschlich und kulturell sei der Angriff aber eine furchtbare
Katastrophe gewesen. Keine abschließende Antwort habe er -
während einer Veranstaltung des Hannah-Arendt-Institus darauf angesprochen -
auf die Frage, ob die Bombardierung Dresdens ein Kriegsverbrechen war, zumal diese schwierige juristische Frage nur auf dem Boden
der damaligen Rechtsauffassung zu beantworten sei. Der britische Historiker betonte allerdings: "Viele Briten und auch ich wünschen
sich immer wieder, dass es niemals zur Zerstörung Dresdens durch die Royal Air Force gekommen wäre." Oberbürgermeister Ingolf Roßberg
(F.D.P.) äußerte zu Taylors Buch: "Man muss auch Wahrheiten zur Kenntnis nehmen, die möglicherweise unangenehm sind." Mehreren
Medienberichten zufolge haben linke Gruppen für den 13. Februar tausende Antifaschisten angekündigt. Man wolle "das Trauern um die
Täter nicht tatenlos hinnehmen".
Dresdner Persönlichkeiten, darunter Pfarrer Frank Richter (Demokratische Vertrauenswürdigkeit steht auf dem Spiel) und Schauspieler
Friedrich-Wilhelm Junge, beabsichtigen am Abend des 13. Februar mit möglichst vielen Menschen auf dem Theaterplatz als "Zeichen
der Mahnung und des Gedenkens" eine große symbolische Kerze nachzubilden. Die Interessengemeinschaft 13. Februar 1945 hat
mittlerweile die Dresdner Bevölkerung aufgerufen, an diesem Tag - als Zeichen stummen Protestes gegen den Auftritt von Neonazis
beim Gedenken an die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg - eine weiße Rose zu tragen. "Wir sind für die Überwindung von Krieg, Rassismus
und Gewalt", erklärte die Interessengemeinschaft, deren "Aktion Weiße Rose" von Dresdner Zeitungen und verschiedenen Organisationen
unterstützt wird. Einen Bezug zu den ursprünglichen Namensgebern für die politische Bedeutung der Weißen Rose, Sophie und Hans
Scholl, wollte die Dresdner Interessengemeinschaft allerdings scheinbar nicht herstellen. Unbeeindruckt zeigte sich die
Interessengemeinschaft "13. Februar" dann auch davon, dass bereits bei einem so genannten Gedenkmarsch von rund 700 Rechtsextremisten
am 15. Januar 2005 in Magdeburg unter dem Symbol der Weißen Rose marschiert wurde.
Fast umgehend wurde auf einer rechtsextremen "Dresden-Gedenkseite-13. Februar", auch unter "Massenmord" auf einem russischen Server
gehostet, aufgerufen: "Tragt in Dresden weiße Rosen! Als Zeichen stummen Protestes gegen das Gedenken an die Zerstörung Dresdens
im Zweiten Weltkrieg soll die Bevölkerung nach dem Willen von Gutmenschen am 13. Februar ausgerechnet eine weiße Rose tragen ...
Zum Gedenktag kommen alljährlich Oppositionelle nach Dresden, die den alliierten Bombenholocaust anprangern ... Weiße Rosen gehören
uns allen! Wir fordern daher alle Teilnehmer des Gedenkmarsches auf: Tragt weiße Rosen zum Gedenken an die Opfer des Holocaust von
Dresden!"
Allerdings ist dieses Ansinnen in der rechten Szene nicht unumstritten. So wurde es beispielsweise im Störtebeker-Netz als "schlechter
Scherz" kommentiert. Originalzitat: "Offensichtlich ist dem Verfasser des ... Aufrufs nicht bekannt, dass es sich bei der Weißen Rose
um ein Antifa-Symbol schlechthin handelt, mit dem man für gewöhnlich an die sogenannte Widerstandsgruppe der Geschwister Scholl
& Co. handelt, die während des Zweiten Weltkrieges wegen fortgesetzter Wehrkraftzersetzung und Begünstigung von Feindmächten
hingerichtet wurde. Und ausgerechnet damit soll man sich am 13. Februar in Dresden schmücken wollen ... Wenn man partout den
Blumenfreund spielen will, dann sollte man dies gefälligst mit einer Blume tun, die als Symbol des Deutschtums gilt, nämlich der
Kornblume oder besser auf Blumen am Revers ganz und gar verzichten. Besser man verzichtet ganz darauf, als das man für nichts
und wieder nichts die Äußerlichkeiten linksextremer Splittergruppen kopiert."
Abschließend sei - der historischen Klarheit des Deutschtums wegen - noch einmal aus dem bereits erwähnten Haffner-Buch zitiert:
Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein eigenes Blut für seine Existenz einzusetzen, so
soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden ... Ich werde dann dem deutschen Volk keine Träne nachweinen. (Adolf Hitler)
Die Ordnungsbehörden erwarten mittlerweile gut 5.000 Rechtsextremisten für den Abend in der sächsischen Landeshauptstadt. Dresden
am 13. Februar - ein ganz normaler deutscher Trauertag im deutschen Winter 2005?
Quelle: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19369/1.html
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