Dresdens Untergang 1945 und seine Urheber
von Kurt Pätzold
Das jetzt – nach 60 Jahren – verübte Attentat von Demagogen auf die Gedanken und Gefühle von Generationen nachgeborener
Deutscher kommt nicht so plötzlich und überraschend, wie es die Reaktionen derer erscheinen lassen, die sich wieder ihres »Anstands« besonnen
haben und zum »Aufstehen« aufrufen
Dresden, 13. Februar 1945. Der Name der Stadt und das Datum bezeichnen eine der großen Tragödien des Zweiten Weltkrieges. Eine von Tausenden und
Zehntausenden. Eine der ungezählten jenes Krieges, den die deutschen Imperialisten am 1. September 1939 begonnen hatten.
Die Zahl der im Bombenhagel dreier Luftangriffe in der Elbestadt umgekommenen Menschen konnte nur geschätzt werden. Sie wird heute auf 25000 bis
40000 eingegrenzt und entspricht etwa der Zahl der Opfer jener Kette von Angriffen, die 1943 Hamburg zertrümmerte. Dieses Ungefähr wird auch die
in Dresden kürzlich berufene Kommission von Experten nicht zu beseitigen vermögen, um immer wieder zu Betrugszwecken zusammenspekulierten Angaben
entgegenzuwirken. Von manchen Opfern blieben nur unkenntliche Überreste. Daß am Abend zuvor der Bahnsteig, von dem in Görlitz ein Eisenbahnsonderzug
mit aus dem Osten Flüchtenden abfuhr, hoffnungslos überfüllt und nicht mehr betretbar war, bewahrte mich vor der Fahrt mit den Ahnungslosen. Ein
halbes Jahrhundert später erzählte mir ein Mitschüler, der in der brennenden Stadt lebend davongekommen war, seine Mutter sei nach dem Angriff
unauffindbar gewesen und geblieben. Vor dem Hintergrund solcher Biographien muß die Parole »No tears for krauts«, inzwischen auch abgewandelt
in »Keine Träne für Dresden«, was immer mit ihr an berechtigter Kritik, gerichtet gegen obrigkeitliche Ausbeutung der Geschichte und gegen nur
vorgetäuschte Betroffenheit vorgetragen und provoziert werden soll, als ebenso herzlos wie politisch dumm erscheinen.
Zwecklegenden
60 Jahre nach Hitler suchen in Deutschland vor allem Rechte das Geschichtsfeld Dresden zu besetzen und aus einer grausigen Erinnerung politisches
Kapital zu schlagen. Dreist nennen sie das einen Kampf gegen die Lüge und für die Wahrheit. Als diese stellen sie den Versuch hin, Dresden und
Auschwitz zu parallelisieren und gleich zu gewichten. So wollen sie »die Deutschen wieder den aufrechten Gang lehren«. Der Anspruch ist richtig
gelesen, wenn hinzugedacht wird: und den anderen ihre Rechnung präsentieren, gerichtet an »Massenmörder«. Denn als »Völkermord« denunzieren sie
den Luftangriff auf Dresden.
Die Verbreitung dieser Version besitzt ihre lange Vorgeschichte nicht nur in den Reihen der Nazis und anderer äußerster Kräfte der Rechten,
sondern ebenso in der vielberufenen Mitte der Gesellschaft. Zu der dürfte sich das Deutsche Historische Museum zählen, in dessen – bis heute
angebotenem – Abriß »Bombardierung von Dresden« die Signalwörter lauten: »die ungeschützte Stadt, die über keinerlei Luftabwehr verfügte« (als
wäre das den Alliierten anzulasten), die »weder über kriegswichtige Verkehrs- noch Industrieanlagen verfügte« (was sich mit einem einzigen Blick
auf die zeitgenössische Eisenbahnkarte des Reiches schlicht als unwahr erweist), der Angriff, der »keinerlei militärisches Ziel verfolgte« (als
hätte sich nicht nur rund 100 Kilometer entfernt eine schwer umkämpfte Front befunden, zu der die Wehrmacht Nachschub nur aus dem Westen erhalten
konnte), und der folglich das »Massaker von Dresden« genannt wird. Erhellend ist ein Vergleich dieses Textes mit dem aus dem gleichen Museum
stammenden über die »Luftschlacht um England«, worin bei der Erwähnung der Angriffe auf London Anfang September 1940 jedes Wort der Kritik an
der Ausweitung der Bombenabwürfe auf Wohnviertel und Zivilisten fehlt und erwähnt wird, daß so die Moral der Bevölkerung gebrochen werden sollte.
Diese Art von Geschichtsunterricht hat mit Begriffen wie Dresden, »die Kunststadt«, »die Barockstadt«, »die Residenzstadt« und die »unschuldige
Stadt« weite Verbreitung und Akzeptanz gefunden. Das gilt auch für den Verweis auf die am Angriffstag in der Stadt stationierten Massen von
Flüchtlingen, als klage auch diese Tatsache die Besatzungen der Flugzeuge an. Der Name Zeiss-Icon, der eines der größten deutschen
feinmechanisch-optischen Rüstungswerke, muß in derlei Aufzählungen nicht gesucht werden.
Späte Belehrung
Gleichsam gegen den Strich gelesen ergeben Kritik und Verurteilung eine Liste von Bedingungen, die gegeben sein mußten, damit Dresden zum Ziel
eines Bombenangriffs werden durfte. Es hätte von strategischer Bedeutung sein, in der Kriegszone liegen müssen, keine Kunstschätze besitzen,
keine Flüchtlinge beherbergen dürfen und die Front der Landtruppen hätte bei Stalingrad oder jedenfalls weit im Osten verlaufen müssen. Hier
eine faschistisch geprägte Kriegführung, der kein Kriegsrecht galt und die kein Mittel verwarf, wenn es ihr nur zur Errichtung eines
zusammengeraubten Weltreiches tauglich erschien – und dort die schließlich obsiegenden Gegenkräfte, denen mehr als ein halbes Jahrhundert danach
erklärt wird, wie sie ihren Kampf hätten führen und beenden sollen: gerüstet und bewaffnet, aber nicht blutbefleckt, wie Pallas Athene in dem
Moment erschien, da sie dem Haupte des Zeus entstieg. Welch geschichtsfernes Bild! Und welche Anmaßung zugleich!
Als Jörg Friedrich vor mehr als zwei Jahren in seinem Buch »Der Brand« über das geduldige Vehikel der Sprache seinen Anschlag gegen ein
aufgeklärtes Geschichtsdenken über Faschismus und Krieg unternahm, schwafelten Medien landauf, landab vom Verdienst eines Tabubruchs, trieb
Reklame sein Buch zum Bestseller hoch, während sich die besonders zuständigen deutschen Historiker mit wenigen Entgegnungen begnügten, die
nicht in das Geschichtsbewußtsein der Bevölkerung durchschlugen. Erst als seine Sicht verdichtet in die Vokabel vom »Bombenholocaust« auf
Transparenten durch deutsche Städte getragen, die Alliierten in einem deutschen Landtag »Massenmörder« genannt, von den heutigen Faschisten
und deren Anverwandten Begriffe wie »Terrorflieger« und »Terrorgefallene«, auch »Menschheitsverbrechen« in öffentlichen Umlauf gebracht wurden
und darob wie schon 2002 im Ausland (trotz fortdauerndem Krieg gegen den Irak, verbreiteter Terrorismushysterie, Flutkatastrophe im fernen
Südostasien) Aufmerksamkeit entstand, da galt es wiederum »Schaden vom deutschen Volke« abzuwenden. Das soll die Massenansammlung deutscher
Michel nun gemeinsam und angestrengt erledigen. »Wir alle«, sagt der Bundeskanzler und vergißt hinzuzufügen, daß das Reinemachepersonal
in seinem Amt dazu nicht die gleichen Möglichkeiten besitzt wie er, und ein Arbeiter am Band einer Autofabrik nicht die gleichen wie eine
Lehrerin.
Ein Buch aus England
Frederick Taylor hat sein jüngst erschienenes »Dresden-Buch« (»Dienstag, 13. Februar 1945. Militärische Logik oder blanker Terror?« Aus dem
Englischen übertragen von Friedrich Grise, C. Bertelsmann, München 2004, 539 S.) nicht vorsätzlich in diese Auseinandersetzung hineingeschrieben,
die hierzulande eine gesellschaftliche erst noch werden müßte. Doch kommt er notwendig auf jede der seit langem umstrittenen Fragen. Wer sich
in dem halben Tausend Seiten beliest, wird sich an ihrer Diskussion sachkundiger beteiligen können. Und daß sich die braunen und die angebräunten
Demagogen auf Friedrich und nicht auf ihn beziehen und die Bild-Zeitung den Briten beschimpfte, kann zweifelsfrei als Empfehlung gelten. Nicht
minder die Sicht Taylors, der im verwüsteten Dresden 1945 »ein Symbol für das Übel des Luftkrieges, des totalen Krieges« erblickt, »in dessen
Zeitalter wir leider noch immer leben«. Das machen in diesen Tagen auf Dresdens Straßen auch Plakate mit den Namen von Städten sinnfällig, die
Ziel von Luftattacken waren, darunter die Namen Guernicas, Coventrys und Bagdads.
Taylor holt in seinem Buch weit aus, greift zurück in die Geschichte Sachsens und der Stadt, beschreibt ihr Leben und ihre Schönheit in
Vorkriegstagen. Erst im 13. (von 40) Kapiteln kommt er im engeren Sinne zu seinem Thema und läßt von der Legende nichts übrig, die Dresden
als eine Großstadt darstellt, die von Faschismus und Krieg kaum berührt, jedenfalls nicht geprägt worden sei. Er schreibt vom Industriestandort
und den Rüstungsbetrieben, von deren Produktion und von den ausgebeuteten Zwangsarbeitern (Juden, Polen, Tschechen u. a.), von Geschichte und
Bedeutung des Verkehrsknotenpunktes und vom Hinrichtungsort, an dem Deutsche, Polen und Tschechen unter der Guillotine starben.
Dann schildert er Vorgeschichte und Vorbereitung des Großangriffs. Er dokumentiert dessen Ziel: chaotische Zustände in einem Verwaltungs-,
Verkehrs- und Industriezentrum, das zudem Durchgangsstation für Flüchtlingsströme geworden war, und Unterbindung oder zumindest Erschwerung
des Nachschubs an Truppen und Kriegsmaterial für die Ostfront. Daß der sowjetische Alliierte die Fortdauer des Luftkriegs billigte, wovon die
in Jalta getroffene Abmachung über die Linie (Berlin, Dresden, Wien) zeugt, bis zu der er ostwärts vorgetragen werden sollte, ist
unzweifelhaft. Sekundär hingegen und fraglich blieb, ob Dresden während des Treffens auf der Krim als Angriffsziel ausdrücklich
genannt worden ist.
Bombenstopp?
Taylor läßt keine schriftliche oder mündliche Quellengruppe aus, um zu schildern, was in den wenigen Minuten jener Bombenabwürfe auf Dresden
am 13. und 14. Februar in der Stadt geschah, und stellt dar, was die britischen und, tags darauf, die US-amerikanischen Staffeln hinterließen.
Und er benutzt, um diese Seite des Krieges ohne einen Rest von Rücksicht oder gar Schminke zu charakterisieren, Begriffe wie »Gemetzel« und
»Massaker«, was ihm einen Bonus derer nicht eintrug, die das Geschehen nicht anders und als Kriegsverbrechen qualifizieren, darauf vertrauend,
daß die löchrigen und mitunter fadenscheinigen Normen des Kriegs- und insbesondere des Luftkriegsrechts kaum bekannt sind. Taylor, das vor
allem hat ihm Beschimpfungen eingetragen, besteht hingegen darauf, daß der Angriff auf Dresden, der sich zwar nicht nach Anlage und Absicht,
jedoch im Ausmaß seiner grauenvollen, unvergessenen Folgen von vielen Attacken auf deutsche Städte unterscheiden und nicht rechtfertigen,
sondern moralisch nur verdammen läßt, dennoch legitim war. Zudem: Auch in den Stäben des Bomberkommandos waren »alle normalen Hemmungen
menschlichen Verhaltens durch Jahre des totalen Krieges aufgebraucht«. Zwischen den Methoden der Kriegführung und den Zielen des Krieges
unterscheidend bezieht Taylor seine Leser gegen Schluß des Bandes ausdrücklich in die Überlegung ein: »Beim Gedanken an Dresden ringen
wir mit den Grenzen dessen, was selbst im Sinne der allerbesten Sache erlaubt ist.« Der »allerbesten Sache« – eben daran vorbeizudenken,
dahinein sollen die Deutschen gezogen werden.
Überzeugend wendet sich der Autor gegen das Starargument derer, die den Angriff als »sinnlos« bezeichnen. Es lautet: Die Deutschen hatten
den Krieg doch schon verloren. Ja, gewinnen konnten sie ihn nicht mehr. Aber dieser Krieg war noch nicht beendet und seine Fortdauer nicht
abzusehen. Taylor verweist auf den »Ardennen-Schock«, das unerwartete Debakel, das viele US-Amerikaner das Leben kostete. Er erinnert an
die unentschiedene und unbeantwortbare Frage, welche Widerstandskräfte dieses Nazideutschland noch zu mobilisieren vermochte, bis es die
Waffen strecken würde. Was sollte in diesem Moment in den militärischen Stäben der Alliierten für einen »Bombenstopp« sprechen? Es war
nicht nur die Dynamik eines auf hohe Touren gebrachten militärischen Apparats, der mit erfinderischer, technischer, organisatorischer
Intelligenz aufgebaut worden war und unterhalten wurde, die das Bomberkommando weiter planen, befehlen und Ziel auf Ziel vernichten ließ.
Der Krieg lieferte für diesen unmodifizierten und ungebremsten Einsatz todbringender Gewalt selbst täglich noch Argumente.
Meßlatte für die Barbarei?
In Pressegesprächen hat Taylor gegenüber deutschen Journalisten das Ansinnen abgelehnt, Großbritannien möge sich, etwa durch die Stimme der
Queen, offiziell für den Angriff auf Dresden entschuldigen. Wie solle das, so sein aktuell-pragmatisches Argument, in einem Lande
verständlich gemacht werden, in dessen Hauptstadt Menschen um Zehntausende ihrer Toten trauern, die Opfer jener Angriffe wurden, mit denen
die deutsche Luftwaffe 1940 den Gegner kapitulationsreif bomben wollte. Wobei sie ihre rücksichtslose Kriegführung mit Schlagern wie »Bomben
auf Engeland« besingen ließ. Wie in einer Stadt, auf deren Einwohner noch 1945 die V-2-Raketen gnadenlos niedergingen? (Die letzte explodierte
in London am 27. März 1945.) Verwunderlich, daß der Historiker sich dabei auf das Argument einließ, die Engländer hätten »bis Dresden« auch
vielen Deutschen als in allen Lagen fair gegolten. Dieses Bild hatte die Nazipropaganda unter anderem mit Filmen wie »Ohm Krüger« und
»Titanic« schon weithin zerstört.
Die Zerstörung Dresdens in ihre historische Koordinaten hineinzustellen und den Hergang von Legenden zu befreien heißt nicht, diesen Akt
des Krieges anders anzusehen denn als Barbarei. Aber was in diesem Kriege verdient die Bezeichnung »zivilisiert«? Wie soll zwischen Graden
der Barbarei unterschieden werden? Was ihr Maß sein? Die Zahl der Toten? Die Tonnenmasse der Trümmer? Der materielle oder ideelle Wert
zerstörter Kulturgüter und Kunstschätze? Die Art des Tötens und Sterbens, von Kugeln niedergestreckt, von Granaten oder Bomben zerfetzt,
verbrannt oder erstickt? Der Platz des Ereignisses in der Chronik des Krieges? Hätte die Barbarei dann erst nach dem 1. September 1939
begonnen, und wann exakt?
Es bleibt zwischen den Kriegshandlungen der Beteiligten nur eine begründete letzte Unterscheidung, die sich ergibt, wenn auch ihre Kriegsziele
in Betracht gezogen werden. Darauf hat der Theologe Karl Barth, den die Faschisten aus Deutschland vertrieben, in einem am 13. April 1945 aus
Basel an einen Freund gerichteten Brief mit Nachdruck bestanden: »Sie neigen im Augenblick dazu, das ganze heutige Weltgeschehen unter dem
Gesichtspunkt eines Circulus vitiosus zu sehen: eine Unmenschlichkeit, eine Gewaltsamkeit gegen die andere, Mord gegen Mord. Ist die Sache
so einfach?« Es existiere eine Differenz, entwickelte er sodann seine Position, zwischen jenen, die das »Attentat gegen die Menschheit«
unternahmen und dabei millionenfach Menschen sich zu ihren Instrumenten machen konnten, und ihren Gegnern, die dieses Attentat kriegerisch
abwehrten, dabei Mittel benutzend und nach Methoden verfahrend, die auch grausam und abscheulich waren und vor denen später selbst
diejenigen erschraken, die sie angewendet hatten.
Wessen Schuld?
Wenn im Zusammenhang mit dem »Tod von Dresden« oder dem tausend- oder auch zehntausendfachen von Magdeburg (16. Januar 1945), Berlin (3.
Februar 1945), Pforzheim (23./24. Februar), Dortmund (12. März) und weiteren Groß- und Mittelstädten, die in der Endphase des Krieges durch
Bombenangriffe erstmals oder wieder furchtbar verwüstet wurden, die Schuldfrage gestellt und nicht engstirnig oder absichtsvoll in die
Militärstäbe der Alliierten delegiert wird, dann wird die Schuld hierzulande zumeist Hitler und seinen braunen Paladinen angelastet. Das
ist nicht falsch, aber doch unvollständig. Denn wie steht es mit den »Feldgrauen«? Was die Mehrheit der Deutschen in der Endphase des Krieges
litt, als sie nicht mehr nur Instrument des Systems war, sondern zu Millionen auch sein Opfer wurde, verantworten mit dem »Führer« in erster
Linie die deutschen Feldmarschälle, Generale und Generalstäbler, die im sicheren Wissen um die Unabwendbarkeit der militärischen Niederlage
befahlen, weiterzukämpfen, anstatt – wie es ihre Vorgänger 1918 getan hatten – die Erklärung der Kapitulation spätestens in dem Augenblick
zu verlangen, da die gegnerischen Truppen im Osten wie im Westen an der Reichsgrenze standen. Dann wäre nach den Verwüstungen Hamburgs,
Kölns und weiterer deutscher Städte denen Gleiches erspart geblieben, die erst 1945 Trümmerwüsten wurden. Dann auch hätte sich die kampflose
Besetzung Deutschlands anders vollzogen als seine Eroberung.
Die Trümmerwüsten, entstanden in den letzten Monaten des Krieges, besaßen ihren Ursprung in den Entscheidungen von Deutschen über die
Weiterführung des Krieges »bis fünf Minuten nach zwölf«, wie Hitler angekündigt hatte, was praktisch bedeutete bis fünf Minuten nach Dresden,
nach Chemnitz, Potsdam usw. Die diese Entscheidungen trafen, trugen auf ihren Schultern güldene und geflochtene Epauletten und an ihren Hosen
rote Biesen.
Aber nicht sie, die das uneingeschränkt verdient hätten, vereinen nazistische Publikationen zu einem Verbrecheralbum, sondern deren Widerparte.
Und keiner aus der elitären deutschen Militärclique wurde Opfer eines der verheerenden Bombardements. Wer zu dieser »Elite« gehörte, wußte
zudem Frau und Kind zumeist in sicheren und angenehmen Evakuierungsorten oder sonst weitab vom Luftkrieg. Nur Roland Freisler, der
blutbesudelte Vorsitzende des sogenannten Volksgerichtshofes, der in Berlin bei einem derartigen Angriff umkam, bildete eine Ausnahme.
Der Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar Sachsens, Martin Mutschmann, hatte sich im mit Schutzbauten nur völlig unzureichend
ausgestatteten Dresden einen »Befehlsbunker« im Garten seiner Villa bauen lassen. Auch diesen Teil des Krieges erlebte die »deutsche
Volksgemeinschaft« auf höchst unterschiedliche Weise. Worüber in unseren eben anbrechenden neupatriotischen Zeiten, in denen wir uns
wieder einmal auf den Weg – diesmal auf den in eine »zivilisatorische Volksgemeinschaft« – machen sollen, meist geschwiegen wird.
* Zum gleichen Thema siehe den Beitrag unseres Autors: Auch die Geschichte kennt ihre Zahltage. Die Debatte über den »Bombenkrieg«.
In: Michael Klundt (Hg.): Heldenmythos und Opfertaumel. PapyRossa Verlag, Köln 2004.
Quelle: http://www.jungewelt.de/2005/02-12/003.php
Download als *.pdf -File: Dokument downloaden