„… am 13. Februar ist die Luft in Dresden anders …“(1)
von gruppe//sabotage

Prolog

Es ist Nacht. Ein älterer Herr im Wintermantel entzündet eine Kerze und stellt sie zu den anderen bereits leuchtenden Teelichtern. Seine Hände vor dem Schoß gefaltet verweilt er noch einen längeren Moment. In seinem Gesicht spiegelt sich tiefe Besinnlichkeit. Nach diesem Augenblick des Innehaltens macht er kehrt und geht gemessenen Schrittes auf seine BegleiterInnen zu. Jene tun es ihm gleich und nähern sich einzeln dem Lichtermeer.
Eine dreiviertel Stunde wird es noch dauern. Bis dahin werden sich hunderte Menschen um sie herum versammeln. Mit einem Male wird von allen Seiten Glockengeläut zu vernehmen sein. Die Gespräche werden verstummen. Alle Blicke werden sich dem zentralen Monument zuwenden und an ihm nach oben gleiten.
Der ältere Herr weiß in diesem Augenblick: Er ist nicht allein. Die „Opfer“ werden stets in der Erinnerung fortleben.

Wir befinden uns auf dem Platz rund um die Dresdner Frauenkirche am Abend des 13. Februar. An diesem Ort, zu diesem Datum kommen alljährlich sowohl bundesweite geschichtsrevisionistische Realitäten als auch diesbezügliche Dresdner Spezifika zum Ausdruck.
Im Folgenden wird das völkische, momenthaft religiöse und geschichtsrevisionistische Potential der als reine Gedenkveranstaltung deklarierten Handlungen untersucht. Hierbei geht es nicht um die Wiederholung bereits vorhandener Analysen. Vielmehr sollen mit Blick auf den 60. Jahrestag der Bombardierung Dresdens 2005 Veränderungen im bürgerlichen Gedenkverhalten und gegenwärtig hervortretende andere Facetten diskutiert werden.

Wie die Deutschen sich erinnern

Im Zuge der Wandlung des deutschen Umgangs mit der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit haben sich nicht nur einzelne bürgerliche Intellektuelle hervorgetan, die von der „Moralkeule Auschwitz“ nichts mehr wissen wollen. Sondern es sind neben dem bereits seit über sechs Jahrzehnte nach Wiedergutmachung an „deutschen Opfern“ krakeelenden Bund der Vertriebenen (BdV) führende Politpersönlichkeiten getreten, die mit Aussagen à la „Diese Menschen [„die Vertriebenen“] waren Opfer - und zwar in allererster Linie Opfer der verbrecherischen Politik der Nationalsozialisten und des Hitler'schen Aggressionskrieges.“ Geschichtsrelativierung betreiben.(2)
Bei solcherlei Aussagen wie der des Kanzlers wird der historische Kontext völlig ausgespart: Die Bedrohlichkeit der das NS- System stützenden deutschsprachigen Bevölkerungsteile für die alliierten Streitkräfte, „Nicht- Volksdeutschen“ und Verfolgten kommen nicht vor. „Wenn die Deutschen sich erinnern, erinnern sie sich dominant an drei Dinge: Fronterfahrung, Flucht und sogenannter „Bombenkrieg“. Es sind alles Ereignisse, in denen Deutsche sich als Opfer zu verstehen meinen. Die Shoah ist kein Thema.“(3) Die Relation von Vertreibung oder der Bombardierung deutscher Städte zu den deutschen Verbrechen verschwimmt und die industrielle Massenvernichtung von Millionen Menschen spielt in der vorrangig gewordenen Betrachtung des „eigenen Elends“ kaum noch eine Rolle. Sie erfüllt lediglich noch die Funktion, in der gezielten Gegenüberstellung zu den „deutschen Opfern“ – was sich an der Grenze zur Relativierung der Shoah bewegt - auf jene auszustrahlen und ihnen größere Fatalität zuzusprechen.
Ein Wandel in der deutschen Geschichtswahrnehmung hin zur Fokussierung auf die Deutschen als gleichrangige „Opfer“ hat eingesetzt, welcher auch von Regierungsseiten gestützt wird. Die offizielle Haltung der jetzigen sozialdemokratischen Regierung hat das „Denkens aus der Mitte der Gesellschaft“ manifestiert, wogegen die SPD in den 70er Jahren noch alle Forderungen des BdV ablehnte. Offensichtlich ist jene „Mitte der Gesellschaft“ nicht mehr willens, sich gegen revanchistische Vereinigungen zu stellen, sondern identifiziert sich eher mit deutscher Popkultur zwischen MIA, Paul van Dyk und Günther Grass.
Der dahinter stehende Tabubruch, dem Zivilisationsbruch seine Singularität zu nehmen, wird nicht bemerkt, weil er gesellschaftlicher Konsens ist. Zudem wird er in der Europäisierung der Erinnerung, welche einhergeht mit ihrer Reduktion auf das Leiden, und dem Aufgehen der Deutschen als der Täternation des Zweiten Weltkrieges in der gemeinsamen „europäischen Schicksalsgemeinschaft“(4) legitimiert. Der zeitliche Abstand zum Zivilisationsbruch – die Historisierung – soll die Verantwortung für die notwendig klare Positionierung zur deutschen Schuld und deren konsequenter Auslotung verwischen.
Parallel dazu setzte die Popularisierung der „Erinnerungskultur“ an „deutsche Opfer“ ein. Deutlich zeigt sich das an der in den letzten Jahren eingesetzten Schwemme von Publikationen – das populärwissenschaftliche GEO Magazin mit seiner November – Ausgabe 2004 mit Titelthema „Flucht und Vertreibung“ bietet eines der aktuellsten Beispiele – einer inflationären Zahl von Fernsehbeiträgen zu diesem Thema und an der gestiegenen Anzahl so genannter „Gedenkveranstaltungen“. Die sächsische Landeshauptstadt hat Vorbildwirkung. Öffentliches Gedenken, wie es inzwischen auch in Leipzig, Magdeburg, Rostock, Frankfurt am Main stattfindet, wurde durch Dresden inspiriert.

Schuld

Der Gegensatz zwischen „Erinnerung“ als Ausdruck eines subjektiven, eher einsträngigen Vergangenheitsbildes und Historie als mehrperspektivische Darstellung, die mit realen historischen Dokumenten unterlegt wird, war nie gravierender. Das Subjektive hat in seiner Wirkung auf die Betrachtungsweise deutscher Geschichte erheblich zugenommen. In den letzten Jahren fand die Erinnerung über „oral history“(5) und halbwissenschaftliche Beiträge Eingang in die Geschichtsschreibung; kollektives Gedenken hat Hochkonjunktur, Gemeinschaftsgefühl wird auf politischen Großveranstaltungen kultiviert, ein positiver Bezug auf das „eigene Volk“ ist wieder „in“.
Die Fokussierung auf „deutsche Opfer“ ist nur möglich, indem entweder die Betrachtung der „Opfer von Vertreibung und Bombardement“ abgespalten vom Kontext Nationalsozialismus, deutscher Vernichtungskrieg und Shoah vorgenommen wird, oder die „deutschen Opfer“ mit Opfern des Nationalsozialismus gleichgesetzt werden Mit beidem findet eine Umwertung historischer Realität. „Die einstige Unvereinbarkeit der unterschiedlichen Erinnerungen der TäterInnen und Opfer wird großzügig glattgebügelt – übrig bleibt das Leid.“(6) Die „IG 13. Februar“ ließ vor drei Jahren in Dresden „Mahndepots“ – in den Boden eingelassene Edelstahlhülsen - an „Orte(n) des Leids der vom Luftkrieg Betroffenen neben solchen, an denen die Verbrechen an Juden, KZ- Häftlingen, Zwangsarbeitern etc. deutlich werden“(7) einrichten.
Die Verdrehung von geschichtlichen Dimensionen spiegelt sich ebenso in der Haltung wieder, dass man Bereitschaft zur Versöhnung mit den „anglo- amerikanischen Bombern“ demonstriert und vorrangig die „Schuld der Anderen“ hervorkehrt. „Da wird immer wieder darauf hingewiesen, dass im Kampf gegen Hitler jedes Mittel recht gewesen sein musste. Da wird allerdings vermieden zu fragen, ob Krieg derart ausarten darf: Ob man sich, selbst wenn man zuerst angegriffen und zur „totalen Kriegsführung“ gezwungen wurde, diese Massaker von Zivilisten erlauben kann? Diese Verdrängung dauert fort. Und dabei haben die Briten es nötiger als die Deutschen, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen.“(8)
Damit erdreistet man sich, von anderen zu fordern, was man selbst anerkennen müsste – eigene Schuld, die Schuld der Deutschen an ihrer eigenen Bombardierung. Bestes Beispiel hierfür ist die Dresdner Frauenkirche, die als Projekt der „Völkerversöhnung“ durch Spenden verschiedener Regierungen und Prominenter teilfinanziert wird, und den Briten damit ein „Freikaufen von Schuld“ angeboten hat.

Opferkultivierung

Dresden ist für die bundesweiten revisionistischen Viktimisierungstendenzen völlig austauschbar, nicht jedoch der bundesweite Diskurs für die Dresdner Opferrolle.
Wer es nicht glaubt, kann Dresden besuchen und sich davon überzeugen: Es ist alles an seinem Platz: die Frauenkirche, das Schloss, der Zwinger, die Semperoper – natürlich wurden im 2. Weltkrieg zerstörte Wohnhäuser durch eine modernere Bebauung ersetzt; diese können aber unmöglich gemeint sein, wenn die Zerstörung barocker Architektur beklagt wird. Ein Blick in die Galerien und Museen genügt: all die „Kunstschätze” sind noch da. Dennoch sind die vielen Bücher und Texte über „das alte Dresden” getrieben von der Überzeugung, irgendetwas fehle, irgendetwas sei unwiederbringlich verloren. Es ist kaum vorstellbar, dass dieser Platz nicht von einer beliebigen anderen deutschen Stadt eingenommen worden wäre, wenn niemand Dresden ins Gespräch gebracht hätte.
Und dennoch ist „das alte Dresden” und nicht irgendeine andere Stadt zum Mythos geworden. Eine gewisse Rolle mag dabei spielen, dass bereits die nationalsozialistische Propaganda Grundsteine legte - Dresden als barocke Kunststadt, die angebliche Sinnlosigkeit der Bombardierung sowie astronomisch hohe und völlig aus der Luft gegriffene Opferzahlen - und dass auch die DDR immer wieder auf Dresden zurückkam, um die Übel des Krieges im Allgemeinen und die Böswilligkeit der „imperialistischen” Westmächte im Besonderen zu „belegen”. Ähnlich wie zu anderen deutschen Städten auch erschienen über die Jahrzehnte zunächst eine Reihe mehr oder weniger beachteter Bücher zur Bombardierung Dresdens, etwa von Axel Rodenberger („Der Tod von Dresden“, 1951) oder Walter Weidauer, dem Dresdner Bürgermeister zwischen 1946 und 1958 („Inferno Dresden“, 1968). Ab 1963 machte sich auch der britische Holocaust-Leugner David Irving mit „The Destruction of Dresden“ an der Mythenbildung zu schaffen.
1982 trat die Dresdner Friedensbewegung auf den Plan; gemeinsam mit der Kirche wurde eine Veranstaltung organisiert – dass dazu 16.000 Leute kam unerwartet. In den folgenden Jahren fand die Veranstaltung, getragen von Kirche und Staat, regelmäßig statt. Dass die ursprünglichen OrganisatorInnen ahnten, welchen weiteren Verlauf die Entwicklung nehmen würde, ist unwahrscheinlich. Denn: Friedensgebete, ökumenischen Fürbitten und selbst die mit Fackeln auftretende FDJ sind noch eine gewisse Strecke vom revisionistischen Mythos entfernt.
Eine tragende Rolle kam dabei unter anderem der „IG 13. Februar 1945“ zu. Von „oral history“ (Beginn der Aufzeichnung von ZeitzeugInneninterviews 1987), über offensiv-öffentliches Trauern (Aufstellung von Gedenkkerzen zur Erschaffung eines „virtuellen Abbildes der zerstörten Stadt“(9) 1995) bis hin zur Gleichsetzung allen Leidens im Kontext von Krieg und NS: „Mahndepots“ 2001 und „Gemeinschaft der Zeitzeugen“(10) als „Opferpartnerschaft“ 1999 zu Guernica. Somit war diese Organisation nicht nur kontinuierlich wegweisend für die „Erinnerungskultur“, sie hat auch, zunächst wahrscheinlich ohne es zu wissen, den neuen, sich etablierenden Mainstream der deutschen Geschichtswahrnehmung genau getroffen. Verständlicherweise ist Matthias Neutzner, seines Zeichens Vorsitzender der IG, gegenwärtig von keiner Veranstaltung zum 13. Februar wegzudenken.
Das soll natürlich nicht heißen, dass diese Interessengemeinschaft für die lokale Rezeption der bundesweiten Viktimisierungstendenzen allein verantwortlich ist. Im Gegenteil, es gab permanent eine ganze Reihe von Initiativen aus der Friedensbewegung oder aus konservativen, kirchlichen oder neonazistischen Kreisen. Am 18. Januar 1990 wurde David Irving von Bela Ewald Althans, einem u.a. in der „Wiking Jugend“ aktiven Neonazi, auf eine Veranstaltung des Deutschen Jugendbildungswerkes eingeladen – die ZuhörerInnen waren fasziniert, die Tageszeitung „Die Union“ druckte einen begeisterten Artikel ab.(11)

Dresden fällt nicht aus dem Rahmen

Als Dresden Ende 1990 Landeshauptstadt wurde, machte es sich notwendig, die farblose Stadt mit einer vielschichtigen Identität auszustatten. Diese Identität wurde aus der regionalen Heimatgeschichte, Dresdens überzogenem Ruf als Barock- und Kunststadt und den lokalen Institutionen und Vereinen – den Hochschulen, dem Fußballverein und nicht zuletzt den 13. Februar- Initiativen – konfiguriert. Folglich ist es nicht verwunderlich, dass die Dauerausstellung der IG 13. Februar 1945 („Lebenszeichen”) nach einer Tournee durch das gesamte Bundesgebiet einen festen Platz im Turm des Schlosses erhielt.
Der 13. Februar und die verschiedenen Gewohnheiten, mit denen er begangen wird, haben sich weiter gewandelt. Seit einem halben Jahrzehnt zieht Jahr für Jahr am Abend des 13. Februar eine der größten Neonazidemonstrationen Europas durch Dresden – es störte weder die gleichzeitig demonstrierenden Friedensinitiativen noch die zu Tausenden trauernden BürgerInnen.(12) Die Frauenkirche beherrscht wieder die Skyline von Dresden und zum 13. Februar am „Gedenken“ teilzunehmen, gehört zum guten Ton. Mehrere durchaus gut besuchte Veranstaltungen pro Jahr widmen sich den Themen Bombardierung und 13. Februar. Sei es die Buchvorstellung von Jörg Friedrich oder eine Podiumsdiskussion zur „Zukunft des Gedenkens“. Die Lokalpresse berichtet ausgiebig: zu den Veranstaltungen, um den 13. Februar herum und sonst bei jeder Gelegenheit; auch Einzelschicksale kommen nicht zu kurz. Kurzum, der revisionistische Diskurs durchdringt in Dresden das öffentliche Leben.
Eine Entwicklung jedoch ist neu: Im Jahre 2004 gab sich „das Erinnern“ einen „Rahmen“. Bis zum 21.9. hatte fast die gesamte High Society Dresdens unterzeichnet: OB Rossberg, Prominente aus Wirtschaft, Theater, Kirche, Stiftungen, Gewerkschaften, Parteien, ferner ProfessorInnen und mehrere Mitglieder der IG 13. Februar. Höchst offiziell: im Rathaus wurde der „Aufruf“ „Dresden, 13. Februar – Ein Rahmen für das Erinnern“ proklamiert. Jener beschreibt und manifestiert damit nochmals den Inhalt des „Gedenkens“, woran und warum („...weil die Betroffenen das Recht haben...“; um die „Friedenssehnsucht“ der „Generationen der Zeitzeugen“ weiterzugeben, die „Verpflichtung zum Einsatz für Frieden“(13) ...) erinnert werde, um sich dann von den Neonazis (deren Verharmlosung von NS-Verbrechen & „demokratiefeindliche und menschenverachtende Ideologien“), aber auch von allen kritischen Tendenzen („Verhöhnung der Opfer“) zu distanzieren. Selbst die Promotion des „Aufrufes“ wird von der Stadt übernommen, online und im „Bürgerbüro“.
Durch den von der breiten Masse der WürdenträgerInnen des bürgerlichen Spektrums unterschriebenen „Rahmen für das Erinnern“ wird die öffentliche Meinung maßgeblich geprägt. Er legitimiert revanchistische Tendenzen, manifestiert einen hegemonialen Deutungsanspruch und spricht kritischer Auseinandersetzung zum „Dresdner Gedenken“ jede Berechtigung ab. Wer sich zukünftig zum 13. Februar äußern will, kommt an der städtischen Richtlinie nicht vorbei.

Mythos

Um die Stadt Dresden und insbesondere um den 13. Februar hat sich ein Mythos etabliert, welcher sich aus verschiedenen Elementen speist. Diese spiegeln sich in den Riten, die am „Gedenktag“ begangen werden und in den verzerrten Darstellungen der historischen Geschehnisse.
Die Bombardierung am 13. Februar 1945 wird als militärisch sinnlos - und darüber hinaus menschenverachtend - angesehen. Hartnäckig hält sich die weit verbreitete Legende, Tiefflieger hätten auf den Elbwiesen Menschen gejagt, die aus der brennenden Stadt zu flüchten versuchten. Permanent werden übertrieben hohe Opferzahlen genannt. Die Stadt vor dem denkwürdigen Ereignis wird ausschließlich unter dem Aspekt der Kultur- und Kunststadt, als einzigartige „Barockperle“ betrachtet. Kaum jemand stellt sich die Frage, an dieser Stelle seien einige Persönlichkeiten der Politik und einiger Institutionen einmal ausgenommen, was in Dresden am 12. Februar geschah. Es wird ignoriert oder verdrängt, dass es auch in Dresden Deportationen und bis 1943 ein Arbeitslager gab, dass „hier die größte NSDAP – Dichte pro Kopf in der Bevölkerung und die erste Bücherverbrennung im Reich war und es antijüdische Pogrome, ZwangsarbeiterInnen und politische Verfolgung gab…“.(14)
Die heutige Dresdner „Erinnerungskultur“(15) müsse in der ihr zugeordneten Einzigartigkeit gehegt und gepflegt werden. Es ist festzustellen, dass von Seiten der rund um den 13. Februar aktiven Gruppierungen ein paranoides Bedrohungsszenario konstruiert wird. Man fühlt sich von „linken und rechten Extremisten“ bedrängt, sieht den „Gedenktag“ dem Missbrauch für falsche „Ideologien“ preisgegeben. Und dennoch gilt es von bürgerlicher Seite her zu konstatieren, dass es sich beim 13. Februar um ein „ganz intaktes Ritual“ handele, das „durch die Instrumentalisierungen bisher nicht irritiert [werden konnte]“.(16)
Die Inszenierung des „Gedenkens“ selber trägt einen religiösen Charakter. Es gibt einen „heiligen Ort“ - rund um die Frauenkirche, an dem kollektiv ein Ritual abgehalten wird. Ein bestimmendes Moment der zentralen Feierlichkeiten am späten Abend ist das Läuten aller städtischen Kirchenglocken. Es herrscht eine pathetisch - besinnliche Atmosphäre. Die „Gedenkenden“ schweigen gemeinschaftlich.
Völlig undenkbar ist für die Gedenkenden ein Stören dieser Zeremonie, welches so den Mythos als Ganzen in Frage stellt. Kommt es doch dazu, hat das aggressives Überreaktionen zur Folge, weil unvorstellbar und nicht nachvollziehbar bleibt, wie ein solch „heiliger Moment“ gebrochen werden kann. Die Stimmung unter den BürgerInnen ist nicht besinnlich friedenssehnsüchtig, sondern höchst angespannt.
Das Gedenken ist zum größten Teil von persönlichen Beziehungen abgekoppelt. Familienmitglieder bei der Bombardierung verloren zu haben, ist keinesfalls eine Voraussetzung dafür, sich am Abend des 13. Februar am Altmarkt, dem Ort der Leichenverbrennungen, oder am sinnstiftenden Monument der Frauenkirche einzufinden. Gleichzeitig lassen sich die Opfer nicht in die Reihe der „großen Persönlichkeiten“ einreihen, denen an Jahrestagen bestimmter biographischer Daten umfassend gedacht wird. Es wird einer anonymen Masse gedacht, die sich von anderen Kriegsopfern ausschließlich darin unterscheidet, dass es „eigene“ Opfer waren, die in der „eigenen“, nachher stark lädierten Stadt fielen.
Der Aspekt völkischer Identifikation wird gleichzeitig darin sichtbar, dass Gedenkveranstaltungen am 13. Februar wesentlich besser besucht sind als jene, die den Opfern der Shoah und nicht – deutschen Kriegsopfern, etwa der Alliierten, gewidmet sind. Den Begriff der Trauer auf diese Art des Erinnerns anzuwenden, ist falsch. Man ist darauf bedacht, öffentlich Masse zu demonstrieren.

Um die ausführlich dargestellte Relativierung von deutscher TäterInnen - Geschichte und das wieder erstarkte völkisch motivierte „Erinnern“ nicht einfach nur geschehen zu lassen, bedarf es Widerstände. Zum einen theoretischer, analytischer Durchdringung und Bloßstellung von Geschichtsverdrehung und zum anderen praktischen Handelns, das Gedenkrituale wie zum 60. Jahrestag der Bombardierung Dresdens lautstark kritisiert oder stört und eine Front gegen die Opferstilisierung der deutschen TäterInnen bildet.

„Warum ist es niemandem eingefallen, daß wir mit jedem Tun eine Zukunft verwirklichen? Selbst wenn wir damit beschäftigt sind, uns zu erinnern. Wir, tun Erinnerung‘ in diesem Augenblick, um im nächsten etwas zu erreichen, und wäre es nur das Vergnügen, ein Vergangenes zu erwecken.“

(1) Stephan Fritz, Pfarrer der Frauenkirche, auf der Diskussionsveranstaltung "13. Februar - Die Zukunft des Gedenkens" am 19. März 2004.
(2) Gerhard Schröder in seiner Rede zum "Tag der Heimat" des BdV am 3. September 2000.
(3) Phase 2, Leipzig, Viktimisierung der Deutschen, in: Phase 2.10, Dezember 2003.
(4) ". IN DER GEWISSHEIT, dass die Völker Europas [.] entschlossen sind, die alten Trennungen zu überwinden und immer enger vereint ihr Schicksal gemeinsam zu gestalten [...]." Verfassung für Europa - Vertragsentwurf des Europäischen Konvents, Protokolle und Erklärungen zum Vertragswerk, hrsg. von Thomas Läufer, Bonn 2004.
(5) Ein ursprünglich von den Holocaust Studies genutztes Instrument, das von "BombenkrieghistorikerInnen" unkritisch verwendet wird, trotz offensichtlich falscher Aussagen in den ZeitzeugenInnenberichten. Jene treten an die Stelle von Tatsachen, wenn dies "nützlich" erscheint. Zudem besteht durch diesen unsachgemäßen Umgang mit "oral history" die Gefahr einer Falschgewichtung durch meinungsbildende Stellen á la .Jemand hat Tiefflieger gesehen, also waren auch welche da..
(6) Phase 2, Leipzig, German Gedächtnis. Das Konzept einer feindlichen Übernahme, in: Phase 2.09, September 2003.
(7) http://www.dresden-1945.de/verein/geschichte/index.html.
(8) "Sorry" ist manchmal das schwerste Wort - Vor dem Deutschland-Besuch der Queen: Debatte um Bombenangriffe, Sächsische Zeitung, 28. Oktober 2004.
(9) http://www.dresden-1945.de/verein/geschichte/index.html.
(10) Ebd.
(11) Die Union, 15. Februar 1990.
(12) Erst als die Nazidemo 2004 auf den 14. Februar fiel, gab es ein bürgerliches Bündnis dagegen.
(13) http://www.dresdnerblaettl.de/2004/16/04160703.htm.
(14) Gunnar Schubert, The Great Dresden Swindle. Review von Helmut Schnatz, Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit, Köln 2000, in: literatur konkret 25 (2000/2001), abgedruckt auch in Cee Ieh 96, Februar 2003.
(15) So die gängige Rhetorik unter den ProtagonistInnen der Gedenkveranstaltungen.
(16) Karl-Siegbert Rehberg, Professor für Soziologische Theorie, Theoriegeschichte und Kultursoziologie an der TU Dresden auf der Diskussionsveranstaltung "13. Februar - Die Zukunft des Gedenkens" am 19. März 2004.

www.gruppe-sabotage.tk

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