Bombenopfer und Täter
Anmerkungen zur gegenwärtigen Debatte um ein »Tabu« in der öffentlichen Diskussion

von Ulrich Sander

Gegenwärtig werden wir mit einer Fülle von Betrachtungen über den Bombenkrieg gegen Deutschland und seine Kriegskinder, über die Deutschen als Opfer bedacht, wobei das Buch »Der Brand« von Jörg Friedrich, ein Spiegel-Sonderheft und eine Fotostrecke im Stern besonders hervorstechen. Beim Lesen dieser Betrachtungen kommen Kriegskinder und Kriegshinterbliebene zu Wort. »Wir durften nie darüber reden«, ist dabei ein häufiger Satz. Dabei wurde seit Kriegsende in Deutschland immer wieder über den alliierten Bombenkrieg berichtet. Doch Jörg Friedrich und zahlreiche seiner Fans, die sich als große Tabubrecher sehen, behaupten, das Thema sei 50 Jahre nicht bearbeitet worden, bis er kam, um die Schuld der Alliierten nachzuweisen. Tabu? Was war denn die Serie im Hamburger Abendblatt vom Juli 1953 – ein Geheimdokument? In den Berichten »Aus den Tagen der Katastrophe 1943«, die das Abendblatt veröffentlichte, wird mitgeteilt, daß bis 1942 rund 1500 Menschen in Hamburg durch Bomben getötet und 25000 obdachlos wurden. Diese Zahlen steigerten sich dann gewaltig: über die Nacht zum 28. Juli 1943 wird berichtet, wie 30000 Menschen ihr Leben verloren, das sind drei Viertel der Bombenopfer Hamburgs. Es heißt in dem Bericht: »Von Billstedt her über Rothenburgsort, Hammerbrook, Hohenfelde, Borgfelde, St. Georg, Hamm, Horn, Wandsbeck, Eilbeck und Barmbeck – alles ein einziges heulendes Flammenmeer.«

Es gab in den 40er, 50er und 60er Jahren bei den erwachsenen Deutschen vorwiegend das Selbstmitleid als deutsche Bombenopfer und Vertriebene, das in Büchern seinen Niederschlag fand, im Unterricht, in den Medien. Wir sind Zeugen einer großen Täter-Opfer-Umkehrung, mit der offenbar ein Schlußstrich unter die Geschichte gezogen und ein weiterer Schritt zum »normalen Deutschland« gegangen werden soll. Natürlich sollen Kriegskinder zu Wort kommen, aber in jedem Fall müssen die Ursachen genannt werden, wie es durch deutsche Schuld dazu kam.

Und wie wäre es, derer zu gedenken, die als Widerstandskämpfer ebenfalls Opfer des Bombenkriegs waren? Schon im Sommer 1941 brachte die Widerstandsgruppe um den jungen Helmuth Hübener einen kurzen Text auf Streuzetteln unter die Leute: »Hitler hat die alleinige Schuld. Durch den uneingeschränkten Luftkrieg wurden bisher Hunderttausende wehrlose Zivilpersonen getötet. Die Royal Air Force ist nicht schuld an diesem Morden. Denn ihre Flüge sind nur die Vergeltung für den mit Warschau und Rotterdam durch die deutsche Luftwaffe eingeleiteten Mord wehrloser Frauen und Kinder, Krüppel und Greise.«

Der 17jährige Helmuth Hübener hat in Hamburg – mitten im Krieg – Flugblätter herausgegeben, um seine Altersgenossen anzusprechen, die Kriegskinder, wie sie später genannt wurden. So zitierte er die Ansprache des britischen Premiers Churchill in der BBC: »Wenn es sein muß, bringen unsere tapferen Bombenflieger Tod und Verderben über Nazideutschland. Wir wünschen es nicht, haben es nie gewollt, doch der Tod vieler Tausender hingemordeter Menschen in Rotterdam, Belgrad und nicht zuletzt in Frankreich, Norwegen und Polen, das Blut vieler freiheitsliebender Brüder in dem durch Gestapo-Terror niedergehaltenen Europa darf nicht ungesühnt bleiben.«

Der Jugendliche hatte ausgesprochen, was bis heute gern verdrängt wird – erst jetzt wieder in vielen Veröffentlichungen über die Bombardierungen durch die Westalliierten und in Studien zu den Kriegskindern: Daß der Bombenkrieg von Deutschland ausgegangen war, daß Hamburg und Dresden und die anderen Städte in Deutschland unversehrt geblieben wären, wenn der Krieg der Nazis verhindert worden wäre. Für solche Worte mußte Hübener sterben. In der Begründung des Todesurteils wurde dem Lehrling Hübener bescheinigt: Trotz Jugendlichkeit sei der Angeklagte »wie ein Erwachsener zu bestrafen«. Die Todesstrafe sei auch deshalb notwendig, weil Hübener und drei Freunde die zwei zitierten und über 50 weitere Flugblätter »in einem Arbeiterviertel einer Stadt verbreitet haben, in der zufolge der schweren Luftangriffe, denen diese ausgesetzt ist, die Gefahr einer zersetzenden Wirkung besonders groß ist, zumal nach den Bekundungen des Kriminalbeamten M. auch heute noch nicht davon gesprochen werden kann, daß der Marxismus in Hamburg völlig ausgerottet ist«.

Zwei Hauptbegründungen für das grausame Urteil wurden also hervorgehoben: die Zielgruppe Arbeiterfamilien und die Zielgruppe der Betroffenen des Bombenkriegs. Der jüngste vom Volksgerichtshof in Berlin zum Tode Verurteilte, der am 27. Oktober 1942 mit dem Fallbeil in Plötzensee hingerichtet wurde, hatte der arbeitenden Bevölkerung – in einem »marxistischen« Stadtteil – die Wahrheit über ihre Lage gesagt und zugleich die Ursachen für die schweren Bombenangriffe auf Hamburg verdeutlicht, die bei Deutschland lagen.

Auch das Interesse des Kapitals an Krieg und Bombardierungen thematisierte Hübener in einem Flugblatt von 1941: »Wenn die R.A.F. jemals dazu kommt, Berlin zu bombardieren, will ich Meier heißen, sagte er (Göring) zu Beginn des Krieges. Wohl kann der Luftmarschall der Nazis noch immer eine horrende Dividende – er ist eben ein gerissener Kriegsgewinnler und Geschäftsmann – aus seinen Rüstungswerken ziehen, doch der Traum von der uneingeschränkten, immer zunehmenden Luftüberlegenheit seiner Fliegerarmada geht dem Ende immer mehr entgegen. Es wird ein böses Erwachen geben.«

Das böse Erwachen kam ein Dreivierteljahr nach Hübeners Tod. Es erfolgten die schwersten Bombardierungen der Hansestadt, die »Operation Gomorrha«. Im Juli/August 1943 wurde die Wohnung seiner Großeltern, ja ganz Hammerbrook und Rothenburgsort zerstört. Unter den Toten weniger Tage waren auch seine Großeltern und seine Mutter. Viele derjenigen Nachbarn, die Hübeners Flugblätter bei der Polizei abgegeben hatten, überlebten dieses Jahr ebenfalls nicht. Sie sind Opfer – und Täter.

Quelle: http://www.jungewelt.de/2003/07-28/009.php

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