Literatur und Lüge: Der Braunbär und das Rhesusäffchen
von Gunnar Schubert

The great Dresden swindle, den diverse Publikationen zum Jahrestag der Bombardierung am 13. Februar 1945 kolportieren, ist bis heute nicht aufgeflogen.

Wenn in diesen Tagen aus Anlaß der Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945 die Besinnlichen ihre Stimme erheben, wird sicher auch jene Geschichte vom 10. November 1938 wieder zu hören sein: "Mein Weg führte über die Bürgerwiese und Ringstraße zum Pirnaischen Platz, schließlich zur Synagoge, die ausgebrannt und noch rauchend dastand ... In der Menge entdeckte ich auch einen kleinen, alten Fürsorgeempfänger, ein bärtiges, hinkendes Männlein, dem Franz Hackel und ich den Namen 'Der Diogenes von Dresden' gegeben hatten, weil er immerfort am Elbestrand in der Sonne lag und alles verfolgte, was in der Stadt so vor sich ging. Wir waren vom 'Stempelpark' her gute Bekannte, und als mich der Alte nun erblickte, meinte er fast beschwörend und mit blitzenden Augen: 'Dieses Feuer kehrt zurück. Es wird einen großen Bogen gehen und wieder zu uns kommen!' Dann entschwand er."

Die Erzählung, aus der dieser Passus stammt, veröffentlichten die Nachlaßverwalter des Dresdner Malers Otto Griebel 1986 unter dem Titel "Ich war ein Mann der Straße". Sie gilt seither als Mahnung, daß Krieg immer schlecht sei und Gewalt keine Probleme löse. Dresden mahnt! Selbst in seriösen Untersuchungen wird das Zitat am Schluß des Stücks bis heute kritiklos übernommen, obwohl es außer Griebel keine weitere Quelle gibt. Der Autor selbst ist alles andere als vertrauenswürdig, wenn es um Genauigkeit in zeitgeschichtlichen Fragen geht. Der letzte Bombenangriff auf die Stadt, so behauptet er, habe am 19. April stattgefunden. Es war aber zwei Tage zuvor. Eine der ersten Ausstellungen zur "Entarteten Kunst", auch unter dem Begriff "Schreckenskammer der Kultur" bekannt, fand am 23. September 1933 im Dresdner Rathaus statt. Es waren städtische Erwerbungen der Jahre 1918 bis 1926 zu sehen. Neben Kurt Schwitters und Otto Dix auch zweimal Griebel. Der nennt die Ausstellung permanent "Spiegelbilder des Verfalls der Kunst" statt korrekt "in der Kunst". Aber es ist eine so besinnliche, dabei durchaus selbstkritische Geschichte zum 9. November, daß ihr Wahrheitsgehalt nicht interessiert.

Otto Griebel trifft nur ein Teil der Schuld, denn seine Aufzeichnungen waren sporadisch und blieben "ohne unmittelbare Publikationsabsichten", wie es in der editorischen Notiz heißt. Die Einzelschriften wurden von zwei Herausgebern, Matthias Griebel, ein Sohn des Proletmalers, und Hans-Peter Lühr unter "fachlicher Beratung" eines Dr. Frommhold zusammengefaßt. Allesamt kommen sie bezüglich der Falschaussagen ohne Korrekturen oder einen Anmerkungsapparat aus, gleichwohl mehrfach in den Text eingegriffen wurde.

Interessant ist, was die Herausgeber dieser Kolportage nach 1989 haben werden können. Aus Lühr ein Anführer des "Dresdner Geschichtsvereins"; Griebel war bis vor einigen Jahren, wenn er nicht den Pausenkasper für die lokale "Bild" gab, Leiter des Stadtmuseums und wirkt eifrig an Neuauflagen von Publikationen zum Thema mit, etwa bei Richard Peters Fotoband von 1949 "Dresden - Eine Kamera klagt an" (Fliegenkopf Verlag).

Otto Griebels Erzählung ist der Prototyp für The great Dresden swindle. Seit Jahrzehnten findet eine Reproduktion der Reproduktion des Schwindels statt. Alle Lügen und Gerüchte werden per oral history verbreitet und werden allein durch ihren Zeitzeugenduktus in der Rang absoluter Wahrheit gehoben. Wer Einspruch wagt, wie der Historiker Helmut Schnatz mit seinem Buch Tiefflieger über Dresden? (vgl. LITERATUR KONKRET 1999), in dem er dem Dresden-Mythos der "Menschenjagden" nur einige Tatsachen gegenüberstellt, ohne den Mythos selbst angreifen zu wollen, bekommt zu hören: "Was urteilt ein fremder Historiker über unsere Stadt?"

Über den Morgen nach den ersten beiden Bombardierungen weiß Griebel eine weitere Schnurre: "... und es ist keine Legende, daß eine Einwohnerin an der Tiergartenstraße am frühen Morgen des 14. ein Scharren und Kratzen an der Tür vernahm, und als die Frau hinausschaute, stand mit bittend erhobenen Tatzen ein mächtiger Braunbär vor ihr, auf dessen Schulter ein blutendes Rhesusäffchen hockte."

Das ist recht niedlich, und wenn auch keine Legende, so doch eine Lüge. Denn gemäß einem Luftschutzbefehl mußten bei einem Angriff alle Raubtiere des Zoos erschossen werden. Laut mehreren Anwesenden hat ein Wehrmachtskommando die Aufgabe umgehend erledigt. Was aber den vormaligen sächsischen Ministerpräsidenten Max Seydewitz in seinem erstmals 1955 erschienenen Dresden-Klassiker Zerstörung und Wiederaufbau von Dresden, besser bekannt unter und präziser beschrieben mit seinem späteren Titel Die unbesiegbare Stadt, noch eine Gangart höher schalten ließ. "Die Flieger ... warfen dort Bomben mit Aufschlagszündern, Brand- und Flüssigkeitsbomben, Phosphor- und Benzinkanister ab ... Die Flieger wußten, daß sie ihre Bomben jetzt über Zehntausenden gehetzten unglücklichen Menschen abluden, die im Großen Garten Schutz gesucht hatten." Seydewitz, einmal ins Lügen geraten, findet zur Natur zurück. "Und plötzlich, mitten in dieses Durcheinander, stürmten zahme und wilde Tiere aus dem nahen Zoologischen Garten, der ebenfalls mit Bomben belegt war. Die rasendgewordenen Tiere sprangen über die Zäune des Zoos, rannten mit schon brennendem Fell oder erschreckt von dem Dröhnen und den Flammen und brüllten. Niemand konnte mehr unterscheiden, welche Kreatur die Schreie des Entsetzens und des Schmerzes ausgestoßen hatte: Die Menschen oder die Tiere ... Auch die Raubtiere hatten in ihrer entsetzlichen Angst alle Scheu vor den Menschen verloren. In diesem Hexenkessel wurden Löwen zu zahmen Haustieren, und eine Frau berichtete, daß sie die ganze Nacht auf dem Rücken eines Löwen saß, der sich unter der Berührung des Menschen nicht rührte, weil er sich dadurch wohl vor der mit so fürchterlichem Krachen verbundenen Gefahr geschützt glaubte."

Doch gerade in der Stunde der Wiedervereinigung von Mensch und Tier geschieht ein weiteres "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" (Seydewitz): "Die 'Helden' der anglo-amerikanischen Luftwaffe, die ihre Bombenlast auf alle Wehrlosen im Großen Garten abgeladen hatten, gingen dann noch im Tiefflug nieder, um mit ihren Bordwaffen auf diejenigen zu schießen, die von Bomben verschont geblieben waren."

Seydewitz wird hier nicht nur deshalb so ausführlich zitiert, weil sein Buch mit knapp 60.000 Stück in fünf Auflagen für zehn Jahre den Standard in der DDR setzte. In der Unbesiegbaren Stadt ist alles angelegt, was den Dresden-Schwindel bis heute trägt. Etwa die Verwendung - Seydewitz verzichtet großzügig auf fast alle Quellenangaben - von Nazi-Vokabular wie "Terrorangriff" zur Kennzeichnung der alliierten Bombardements. Oder er läßt eine Krankenschwester sagen: "Das ist doch kein Krieg mehr, das ist ein gemeiner Mord." Gerüchte werden bei ihm zu Tatsachen. War die Gleichsetzung der Westalliierten mit den Nazis noch dem Geist des Kalten Krieges geschuldet, ist der Rest reine Propaganda. Insofern ist die Wiederveröffentlichung alles andere als eine läßliche Sünde.

Und es ersteht der Dresden-Mythos von der "Kunststadt" (Seydewitz, immer wieder). So erträumt der Autor eine "vom Dresdner Bürgertum als Protest gegen den Feudalismus errichtete (gemeint ist: finanzierte; G. S.) Frauenkirche" als Beleg für Bürgerstolz und Engagement. Eine Lüge, die der Kurator der Stiftung Frauenkirche, Kurt Biedenkopf, knapp fünf Jahrzehnte später gleichwohl wiederkäut: "Wie schon der ursprüngliche Bau wird jetzt auch der Wiederaufbau ausschließlich aus Spenden finanziert." Nicht reden mögen diese Leute über die Austreibung von Künstlern, die der barocken Monströsität etwas Leben entgegensetzen wollten, etwa die Künstlergruppe Brücke. Sie mögen nicht reden über die "Spiegelbilder"-Ausstellung, die reichsweit auf Tour ging und 1937 in München, protegiert von einem Maler mit Dresdner Ausbildung, den Grundstock bildete für die Exhibition "Entartete Kunst". P. O. Rabe schrieb über München den trostlosen Satz, es habe "keinen Sinn, einen Trost suchen zu wollen darin, daß einige wenige vielleicht gekommen waren, um Abschied zu nehmen von Kunstwerken, die sie liebten. Man darf nicht zweifeln, daß das propagandistische Ziel, der echten Kunst der Gegenwart den Todesstoß zu versetzen, damals in weitem Umfang erreicht worden ist."

Man mag nicht darüber reden, daß in Dresden und zwei weiteren sächsischen Städten am 8. März 1933 reichsweit die ersten Bücherverbrennungen stattfanden. Die "Kunststadt" war auch einer der wichtigsten Orte für die Sammlung geraubten Gutes für jenes große Museum der Nazis am Ende der Zeiten. Dresden, dessen Bombardierung ja auch deswegen so unnötig gewesen sei, da der Krieg nicht erst am 8. Mai, sondern bereits im Februar schon lange zu Ende war - weswegen die Deutschen, pardon: die Nazis, spätestens vor Stalingrad nur noch mit Palmwedeln schossen -, jene einzige Großstadt im Reich, die noch bis zum Tag der Kapitulation eine funktionierende NSDAP-Verwaltung hatte. Am 7. Mai wurde die letzte NS-Tageszeitung des Tausendjährigen Reichs gedruckt, die aber aufgrund der historischen Mißlichkeiten nicht mehr zur Auslieferung kam.

Der Berg an Dresden-Literatur ist kaum mehr überschaubar. In dem Fotoband Dresden Vaterstadt 1945-2005, der soeben im Nicolai Verlag erschien, ist, wie im Fall Griebel, ein Vater-Sohn-Gespann zugange: Der Verlag nennt das Werk aus Trümmerfotos, die der Frontheimkehrer Jochen Zimmermann mit seiner Kleinbildkamera geschossen hat, und Bildern des aus Ruinen auferstandenen Dresdens, die Sohn Harf Zimmermann besorgte, "eine faszinierende Begegnung von Vater und Sohn im Spannungsfeld der Geschichte".

Dabei ist von Belletristik noch nicht gesprochen. Etwa Max Zimmerings Phosphor und Flieder von 1954 (letzte Seite: "Während die vier Menschen Walter Ulbrichts Worten über den weiteren Aufbau der Grundlagen des Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik lauschten, kam Marga.") oder Eberhard Panitz' Die Feuer sinken im Militärverlag - grandiose Werke mit stilistischen Anleihen aus "Landser"- und "Lore"-Romanen. Auch von der Geschichtsrezeption des orthodox-verbohrten, unbelehrbaren Bürgerrechtlertums, welches 1982 Dresden für seine Friedenspropaganda entdeckte, wäre noch zu reden. Ob Hiroshima. Grosny, Bagdad, Belgrad - Dresden mahnt.

In der Elbtalwanne liegend, von der Außenwelt, also neuen Erfahrungen und Erkenntnissen abgeschirmt, hat sich in Dresden eine quasi inzestuöse Daseinsform, modisch: Parallelgesellschaft, entwickelt, welche sich ständig aus sich selber reproduziert. Eine ständige unanständige Lüge.

Und so ist es bis heute. Wer das aber nicht für möglich hält, der komme am 13. Februar nach Dresden. Und ich zeige ihm, daß das alte Dresden lebt. Jene kollektive Unschuld aus Erlebnis- und Bekenntnisdresdnertum, die nicht sterben kann.

Quelle: http://afa13.antifa.net/modules.php?op=modload&name=News&file=article&sid=21

Download als *.pdf -File: Dokument downloaden

zurück