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Statement zum Umgang mit antizionistischen Bands im AZ Conni (Ende März 2005)
von Heide Claarsen (gruppe//sabotage)
Musik verkörpert in seinen verschiedenen Genres Klangästhetik, Lebensgefühl und auch eine Art des Genusses. Doch kann dies nicht
abgekoppelt vom dem betrachtet werden, für oder gegen was sich einzelne Bands politisch positionieren. Das bedeutet, dass man nicht
nur Musik der Musik wegen hören kann, sondern immer auch hinschauen muss, für was sie steht, was sie aussagt und wozu sie aufruft.
Uns geht es hierbei explizit um MusikerInnen, die sich bewusst einseitig gegen den Staat Israel und „für das palästinensische Volk“
positionieren.
Dieses Statement soll eine Diskussion zum Umgang mit antizionistischen Bands dieser Art anstossen, die schon längst hätte geführt
werden müssen. Das AZ Conni versteht sich als ein Haus, in dem Standards wie Emanzipation, Aufklärung und ein kritisches politisches
Bewusstsein gross geschrieben sein sollen; wo Rassismus, Sexismus und Antisemitismus nicht toleriert werden. Erstere sind für die
meisten selbstverständlich nicht duldbar und werden insofern auftretend thematisiert und angegriffen. Doch scheinen „doppelte Standards“
für den Umgang mit Antisemitismus angelegt zu werden, wenn Bands wie Protestera mit eindeutig pro- Intifada („Global Intifada“ als
Songtitel) und anti-israelischer Positionierung eine Plattform gegeben wird. Die Definitions- und damit Entlarvungsgrenzen werden
verschwommener gezogen, obwohl klar sein müsste, dass sich nicht positiv auf die Intifada, als terroristischer Versuch durch
Bombenanschläge Israel anzugreifen, bezogen werden kann.
Der Meinungspluralismus im AZ Conni muss mindestens kritisch beleuchtet werden.
Im vergangenen Jahr spielte die umstrittene Band Protestera im AZ Conni, mit denen wir uns in die Diskussion über eine einseitige
Positionierung gegenüber Israel begaben, zu der eine revidierte, doch einst geäußerte Textzeile „burn Israel burn“ Anlass war. Allein
jene Äußerung – sie mag zurückgezogen worden sein, doch zeigte sich im Gespräch mit der Band deren antisemitisches Denken beispielsweise
im Beharren auf dem positiven Bezug auf die Intifada - hätte schon Grund genug sein müssen, Protestera das Konzert zu verweigern.
Ganz bewusst will und wollte Protestera nicht als essentiell anerkennen, dass Israel als Produkt des eliminatorischen Antisemitismus
entstand, der im Symbolbild Auschwitz seine unfassbare, grausame Dimension erlangte, und auch heute noch Zuflucht für verfolgte Juden
und Jüdinnen aus aller Welt ist - bemüht für sie ein sicherer Lebensort zu sein, und deshalb der jüdische Staat protektiert und
erhalten gehört.
Antisemitismus als Produkt der kapitalistischen Vergesellschaftung wird so lange bestehen wie die Verhältnisse Bestand haben. Deshalb
ist Israel als Ort der Umsetzung der bürgerlichen Emanzipationsgewalt der Juden und Jüdinnen der Staat, den es aufrecht zu erhalten gilt.
Zionismus war und ist die Antwort auf die Entrechtung, Verfolgung und Liquidierung sich als „jüdisch“ definierender Menschen und
jenen, die als solche klassifiziert werden/ wurden und sich deshalb mit der daraus erwachsenen Bedrohung auseinandersetzen
müssen/mussten. Dies muss in der Konfrontation mit Statements wie „End Zionism“ (Zitat der Homepage von Totalt Jävla Mörker) mitbedacht
werden und fordert nach einer scharfen Verurteilung solcher Aussagen.
Viele Linke wollen nicht sehen, dass die Notwendigkeit besteht, den Staat Israel militärisch abzusichern(1), und sich der Bedrohung durch
den weit verbreiteten(2) oft als „Kritik an Israel“(3) getarnten Antisemitismus entgegen zu stellen. Es ist eine Selbstverständlichkeit sich
aus dem Bewusstsein um die gesellschaftlichen Zustände(4) mit Israel solidarisch zu erklären und deren territoriale Schutz- und
Verteidigungsbestrebungen zu unterstützen. Das heisst nicht, dass israelische Politik nicht auch strittige Punkte hervorbringt, doch
steht oben genannte Notwendigkeit primär, weil die Bedrohung an Leib und Leben für Juden und Jüdinnen gegenwärtig real und im Wachsen
begriffen ist.
In der Rezeption des Konflikts zwischen den Israelis und PalästinenserInnen(5) wird immer wieder das Moment „völkischer Selbstbestimmung“
auch in vielen linken Zusammenhängen betont(6). Hierbei wird das Bild vom „schwachen Steinewerfer“ gegen den „starken Raketenschiesser“
konstruiert, welches die Realität außen vor lässt; dass Kassam- Raketen gen Israel von PalästinenserInnen abgeschossen werden,
Fördergelder an die Palästinensische Autonomiebehörde nicht in Infrastruktur, Bildung oder Sozialen flossen sondern u.a. in militär-
terroristische Gruppierungen und dass die „Suicid Bombings“ eliminatorisch - antisemitisch sind.(7)
Israel wird als „Kolonialisierer“ dargestellt, als „terroristisch“ dämonisiert und Ursache- Wirkungskette werden in der medialen Darstellung verdreht(8).
Jener „Argumentationsstrategie“ bedienen sich auch Bands wie „Children of Fall“(9) oder „Totalt Jävla Mörker“(10), die beide demnächst im AZ Conni
zu Gast sind.
Daher muss man jene MusikerInnen als VeranstalterIn mit eigenen Bedenken konfrontieren und sich von ihnen distanzieren, das Konzert absagen.
Das ist die notwendige Positionierung gegen jeden Antisemitismus, derer es bedarf und welche wir fordern.
UPDATE Anfang Mai 2005:
Nachdem beide Bands im AZ Conni aufgetreten waren und man persönlich ins Gespräch gekommen war, erfuhr man, dass sich Children of Fall von
dem vier Jahre zurückliegenden Vorfall – verursacht vom mittlerweile nicht mehr in der Band spielenden Schlagzeuger – distanzieren und zum
Israel- Palästina- Konflikt einen differenzierteren Standpunkt einnehmen. Ähnliche Entschärfung wurde per Mail von Totalt Javla Mörker
geleistet, die darauf hinwiesen, dass Gitarrist Inge (auch Mitglied bei International Noise Conspiracy) das „End Zionism“- Statement
durchgesetzt habe, das innerhalb der Band aber sehr strittig sei.
(1) Dass das israelische Existenzrecht noch immer in Frage gestellt wird, beweisen nicht nur politische
Persönlichkeiten wie der malaysische Präsident Mahathir Mohamed, der am16. Oktober 2003 auf der 10. Islamischen Konferenz in Putrajaya zum
Kampf gegen die „jüdischen Weltverschwörung“ aufrief, sondern auch die Raketenbedrohungen von islamistischen Fundamentalisten in der arabischen
Welt. (Hierbei sei darauf hingewiesen, dass eher ein geringer Teil aller Moslems islamistisch - fundamentalistisch ist, doch letztere eben durch
ihre „Furore“ besonders deutlich wahrgenommen werden.)
(2) 31,7 bzw. 44,4% der Befragten rechtfertigen ihre Abneigung gegenüber Juden mit der israelischen
Politik („israelbezogener Antisemitismus“) und rund 50% stellen die Loyalität einheimischer Juden zu Deutschland in Frage („antisemitische
Separation“). Sehr nachdenklich stimmt die Tatsache, dass ca. 65% der Befragten eine Abwehrhaltung gegenüber der Beschäftigung mit den Verbrechen
der Deutschen an den Juden im Dritten Reich entwickelt haben („sekundärer Antisemitismus“). Eine überraschend hohe Zustimmung erfährt zudem
der Vergleich der israelischen Politik mit der Judenvernichtung im Dritten Reich („NS-vergleichende Israelkritik“): Über die Hälfte der Befragten
stimmen der Aussage zu „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes, als das, was die Nazis
im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben“. aus Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld:
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit mit Schwerpunkt Antisemitismus, Leitung: Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, 2004
(www.honestly-concerned.org/Temporary/Heitmeyer-Studie.doc)
(3) „Wo genau verläuft die Trennlinie zwischen Antisemitismus und der Kritik an Israel? Aus dem
wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs lassen sich Kriterien ableiten, die eine solche Trennlinie markieren. Demnach gilt solche
Kritik an Israel als antisemitisch, die Israel das Existenzrecht und das Recht auf Selbstverteidigung aberkennt, historische Vergleiche der
israelischen Palästinenserpolitik mit der Judenverfolgung im Dritten Reich zieht, Israels Politik mit einem doppelten Standard beurteilt,
antisemitische Stereotype auf den Staat Israel überträgt, oder diese Kritik auf Juden generell überträgt, und Juden pauschal für die
Geschehnisse in Nah-Ost verantwortlich macht.“ aus Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld:
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit mit Schwerpunkt Antisemitismus, Leitung: Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, 2004
(www.honestly-concerned.org/Temporary/Heitmeyer-Studie.doc)
(4) z.B. durch den Kapitalismus bestimmte Lebensumstände und Zwänge, Antisemitismus, Deutsche
Ideologie im Sinne einer Verantwortungsabwehr der nationalsozialistischen Verbrechen durch den Grossteil der Deutschen und einer gegenwärtig
starken Fokussierung auf Globales Leiden und den Opferstatus der Deutschen durch Vertreibung, Fronterfahrung und Bombardierung.
http://www.dresdnerblaettl.de/2004/16/04160703.htm
(5) Es gilt im Nah-Ost-Konflikt eine Lösung zu finden, die den PalästinenserInnen ein besseres
Leben ermöglicht und für Israel weniger physische Bedrohung schafft.
(6) Dass man sich nicht positiv auf jedwedes „Völkisches“ beziehen kann, sollte eigentlich klar
sein und ist es doch in weiten Teilen der Linken nicht.
(7) Den Selbstmordanschlags- TäterInnen ist es egal wer, doch dass Juden und JüdInnen getötet
werden, die man für alles eigene Elend und Übel in der Welt verantwortlich zeichnet, ihnen „naturgegeben Böswilligkeit“ zuschreibt.
Jenes Denken gleicht dem nationalsozialistischen, das irrationale „ursächliche“ Zuschreibungen von allem Schlechten auf Juden und JüdInnen
tätigte und sie unabhängig von individuellen Einstellungen subsummierte.
(8) Behrens, Rolf: Israel am medialen Pranger – Eine Bedrohung für das „besondere Verhältnis“
(http://www.kas.de/publikationen/2004/4037_dokument.html)
(9) Das Tragen eines T-Shirts mit der Aufschrift „Burn Israel Burn“ eines der Children of Fall –
Bandmitglieder spricht für sich und gegen die Band. (Ausführlicher unter
www.turnitdown.de/55.html)
(10) “Since 1967 Israel has occupied the West Bank and the Gaza strip, and with US support
terrorized the Palestinians with a racist and unjust war. Palestinians got their land and homes stolen and are now forced to live in
refugee camps in their own country. Right now Israel is building a wall that makes the Berlin Wall look small around the West Bank to
keep the Palestinian people imprisoned. This reminds us a lot about Apartheid in South Africa, with the only difference being that
Israel kills and imprisons more people. Take action now. Check out www.palsolidarity.org. End Zionism.” Von der Website der Band
(http://www.totaltjavlamorker.com/lyrics.php)
www.gruppe-sabotage.tk
gruppe-sabotage@lycos.de
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