| Studien zur Vererbbarkeit | Inhalt |
Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, die scheinbar zu dem Schluß kommen, daß Schizophrenie - zumindest teilweise - vererbbar sei. Bei einer genaueren Analyse der zugrunde liegenden Daten zeigt sich jedoch oft, daß diese einen solchen Schluß nicht zulassen.
Familienstudien
Diese Studien basieren auf der Idee, daß Familienmitglieder von Schizophrenen umso häufiger an Schizophrenie erkranken sollten, je näher sie mit diesen verwandt sind. Allerdings würde diese Voraussage auch aus der Annahme sozialer Ursachen der Schizophrenie folgen, so daß die Interpretation der Ergebnisse fragwürdig ist.
Die größte Studie dieser Art stammt wohl von Franz Kallmann, der nach eigenen Angaben über 1000 Fälle von Schizophrenie auswertete und, gestützt auf seine Interpretation der Daten, 1938 nicht nur die Sterilisation der Verwandten der Schizophrenen forderte, sondern darüber hinaus auch ihre Ehepartner an der Wiederheirat hindern wollte. Allerdings sind seine Untersuchungen mangelhaft dokumentiert und seine Ergebnisse waren für spätere Forscher nicht reproduzierbar.
Zusammenstellungen ähnlicher Familienstudien finden sich bei Zerbin-Rüdin und Slater u. Cowie. Eine kritische Würdigung dieser Untersuchungen, bei denen teilweise Tote nachträglich diagnostiziert und Untersuchungsmethoden nicht immer dokumentiert wurden, wurde von Rosenthal vorgenommen.
Zwillingsstudien
Eineiige Zwillinge stimmen in ihren Genen zu rund 100% überein, während dies bei zweieiigen Zwillingen nur bei etwa 50% der Gene der Fall ist. Eine erhöhte Übereinstimmung von Krankheitsmerkmalen bei eineiigen Zwillingen werten Zwillingsforscher deshalb als Beleg für die Vererbbarkeit der Krankheit.
Ganz schlüssig ist diese Betrachtungsweise aber nicht:
Auch die
erlebten Umwelteinflüsse solcher Zwillinge sind sich nämlich deutlich
ähnlicher als diejenigen zweieiiger Zwillinge. Menschen, die sich ähnlicher
sehen als andere und an ähnlicheren körperlichen Erkrankungen leiden,
werden mit großer Wahrscheinlichkeit auch ähnlichere Erfahrungen machen.
Die Ergebnisse der folgenden Untersuchungen könnten also auch als ein Indiz
für die Umweltbedingtheit der Schizophrenie gesehen werden.
Zwillingsstudien wurden neben den oben erwähnten Autoren u. a. auch von Kringlen, Fischer sowie Allen et al. durchgeführt. Viel interessanter als ein Vergleich von eineiigen und zweieiigen Zwillingen ist jedoch eine Zusammenstellung, wie sie von Kamin vorgenommen wurde:
| Studie | erkrankte % dizygote Zw. |
erkrankte % Geschwister |
|---|---|---|
| Luxemburger | 14,0 | 12,0 |
| Kallmann | 14,7 | 14,3 |
| Slater | 14,4 | 5,4 |
| Gottesmann u. Shields | 9,1 | 4,7 |
| Fischer | 26,7 | 10,1 |
| Kringlen | 8,5 | 3,0 |
Aus dieser Tabelle geht hervor, daß zweieiige Zwillinge von Schizophrenen mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit an Schizophrenie erkranken als sonstige Geschwister. Da diese Zwillinge sich genetisch nicht ähnlicher sind als "normale" Geschwister, kommen als Erklärung für das höhere Erkrankungsrisiko also nur Umwelteinflüsse in Betracht.
Noch etwas ist zu erwähnen: Bei einer von Hoffer u. Pollin durchgeführten (schriftlichen) Befragung von Schizophrenen und ihren Zwillingen bezeichneten sich 31,3 Prozent der schizophrenen, aber nur 17,2 Prozent der nicht schizophrenen Zwillinge als eineiig. Ganz offensichtlich hatten einige der Befragten aus psychischen Gründen falsche Angaben gemacht, durch welche die entsprechenden Studien natürlich verfälscht wurden.
Adoptionsstudien
Um die methodischen Schwächen der Zwillingsstudien zu beheben, wandte man sich der Adoptionsforschung zu. Der Grundgedanke ist dabei, daß - durch Adoption getrennte - eineiige Zwillinge dieselben Gene, aber unabhängige Umwelten besitzen sollten. Diese Annahme ist aber bereits falsch: Oft werden Adoptivkinder nämlich selektiv in Familien vermittelt, die der ursprünglichen Familie in gewissen Eigenschaften sehr ähnlich sind.
Heston untersuchte Fälle von Kindern schizophrener Mütter und stellte für diese Kinder, die zur Adoption freigegeben worden waren, ein erhöhtes Risiko einer Störung fest. Allerdings muß man bedenken, daß diese Kinder bei den Adoptiveltern wegen ihrer Vorgeschichte vermutlich besonders stark unter dem Verdacht standen, an einer psychischen Störung erkranken zu können. Möglicherweise war es dann gerade dieser psychische Druck, der bei einigen Kindern zu einer Art postpsychiatrischem Syndrom(F62.1/9) und den damit verbundenen Verhaltensauffälligkeiten geführt hat.
Wender zeigte in einer Studie, daß schizophrene Mütter durchaus adoptierte Kinder erziehen können, ohne daß diese in den Verdacht geraten, schizophren zu sein. Dies wird als Argument dafür angeführt, daß Schizophrenie nicht durch die Umwelt bedingt sein könne, da sie sich sonst auf das Kind übertragen müsse. Diese "Schlußfolgerung" ist absurd: Wenn die Mutter sich beispielsweise ein Bein bricht, ist das eindeutig umweltbedingt. Trotzdem würde niemand annehmen, daß sich der Beinbruch auf das Adoptivkind übertragen könnte. Wieso sollte sich also eine (durch psychische Verletzungen ausgelöste) Schizophrenie auf das Kind übertragen?
Kety untersuchte das Auftreten von Schizophrenie in der Verwandtschaft von Adoptierten, die nach der Adoption schizophren geworden waren. Er fand dabei heraus, daß die Blutsverwandten häufiger schizophren waren als die Adoptivverwandten. Hier spielt wieder selektive Adoptionsvermittlung eine Rolle: Wenn man in einer "schizophrenen Familie" geboren wird, kommt man mit größerer Wahrscheinlichkeit in eine "kranke" Adoptivfamilie, die das Entstehen von Schizophrenie begünstigt. So konnte Kamin anhand der Rohdaten der Untersuchung feststellen, daß in 24 Prozent der Adoptivfamilien der späteren Schizophrenen mindestens ein Adoptivelternteil in einem psychiatrischen Krankenhaus behandelt worden war. Bei den Vergleichspersonen war dies in keiner einzigen Adoptivfamilie der Fall gewesen.
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