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DIE HARMONIE DER FARBEN VON GEH. RAT WILHELM OSTWALD -- GROSS-BOTHEN |
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Vor dem Kriege, als es noch
lebensgefährlich war, in Berlin die Bellevuestraße beim Potsdamer Platz zu überqueren,
habe ich zuweilen an der Ecke dort beim Nachmittagkaffee das Treiben mit Aug
und Ohr aufgenommen. Namentlich der Gehöreindruck war stark und nicht
angenehm. Über dem Orgelpunkt des stetigen Straßenlärms, dessen Bestandteile
in eine ununterscheidbare Masse zusammenflossen, ertönte eine höchst diskordante endlose Oberstimme von schrillen
Radfahrglocken, Straßenbahngeklingel, Droschkenfahrerrufen und alles
beherrschend Autohupen, die ihre durchdringenden Laute in allen denkbaren
Tonlagen von sich gaben. Mit der allgemeinen Idee der Organisation der
menschlichen Tätigkeit beschäftigt, konnte ich hier die Frage nicht abweisen:
kann man denn nicht auch den Straßenlärm organisieren? Von meiner
Laboratoriumslehrerzeit her setzt sich bei mir, wenn eine solche Frage
auftaucht, alsbald ein Apparat im Gehirn automatisch in Bewegung, der nach
dem Abschnurren das Ergebnis, gut oder schlecht, abwirft. Er lautete auch in
diesem Falle bejahend. Nehmen wir an, wir wären imstande,
eine Polizeiverordnung folgenden Inhalts zu erlassen und durchzuführen: Alle
Auto- und Fahrradhupen werden zum Verkehr nur zugelassen, wenn sie, statt
wie bisher auf willkürliche und zufällige Töne eingestellt zu sein, aus
irgendeinen der Töne c, e, g des C-Dur-Dreiklangs eingestellt sind. Es kostet
ebensoviel, eine Hupe mit einem dieser Töne anzufertigen, wie mit jedem
anderen Tone, eine Belastung wird also nicht bewirkt. Aber welch ein Wandel
im akustischen Straßenbild! Der Grundbaß bleibt
derselbe. Aber an die Stelle des sinnlosen Durcheinanders der Oberstimme
tritt eine fortlaufende vielstimmige Melodie in den Tönen c-e-g, die durch
den beständigen Wechsel |
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von Ton und Tempo eine unerschöpfliche Fülle reizender
melodischer Überraschungen bringt, etwa wie Beethoven sie im ersten Satz seiner Heldensymphonie aus dem
Dreiklangsmotiv gebildet hat. Das könnte man stundenlang anhören, ohne müde
zu werden und ich muß mich aufrütteln, um nicht
durch die bloße Vorstellung in das entsprechende träumerische Wohlbehagen zu
versinken. Diese halbvergessenen Gedanken wurden
wieder hervorgerufen, als die Farbenforschungen, denen ich seit mehreren
Jahren fast alle Energie widme, die mir noch geblieben ist, mich zur Lösung
des alten Problems der Farbharmonie
geführt hatten. Farben stehen harmonisch
zueinander, wenn ihre Elemente einfache gesetzliche Beziehungen haben.
Diese Elemente waren bisher verkannt und man konnte sie nicht messen. Jetzt
kennt man sie und man kann sie messen. Bisher konnte man keine einfachen
Beziehungen zwischen Farben bewußt herstellen; man
war auf den künstlerischen Instinkt und glückliche Funde angewiesen, und die
Allgemeinheit war koloristisch völlig verwildert.
Dem gemäß macht nicht nur die Straße, sondern auch fast jeder Innenraum chromatisch den Eindruck des
Potsdamer Platzes am Nachmittag: die Farben brummen, schreien, schrillen
überall wüst durcheinander. Und wo man mühsam, etwa in einem Zimmer eine
leidliche Harmonie hergestellt hat, wird sie fast durch alles und jedes, was
dazukommt, sei es ein Mensch, ein Möbel, ein Zierstück, wieder zerstört. Gibt es einen Ausweg aus diesem
Tohuwabohu? Die Antwort lautet wie im ersten Falle: man muß
die Farbe organisieren. Wie
man aus den Tausendein aller möglichen Töne die wenigen Stufen der
Tonleitern unter Verwerfung aller anderen gewählt und aus ihnen den ganzen
Wunderschatz unserer Musik erzeugt hat, so kann und muß |
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man aus der eine Million übersteigenden Anzahl der
möglichen Farben eine beschränkte Anzahl auswählen, die streng gesetzmäßig
miteinander verbunden sind, und hat in ihnen das Material einer künftigen
Farbkunst, die aus inneren Gründen noch viel reicher werden kann, als die Musik ist. Dieser größere Reichtum liegt darin, daß die Mannigfaltigkeit der Farben dreimal größer ist,
als die der Töne. Eine Tonharmonie wird ausschließlich durch die Höhe oder
Schwingungszahl bestimmt. Die Farbe aber hat drei unabhängige Elemente: den Farbton, den Weißgehalt und den Schwarzgehalt, und es müssen alle drei
gesetzmäßig geordnet sein,
damit eine Harmonie zustande
kommen kann. Deshalb sind die bisherigen Versuche, die Gesetze der
Farbharmonik auszusprechen, gescheitert, da man immer nur die Farbtöne geordnet
hatte, die beiden anderen Elemente aber ungeordnet ließ. Deshalb hat es auch
nach der Entdeckung der Gesetze der Tonharmonie durch Pythagoras zweieinhalb
Jahrtausende gedauert, bis die Gesetze der Farnharmonie aufgestellt werden
konnten. Gegenwärtig, wo diese Gesetze bekannt
sind, ist es möglich, eine „Farbenorgel” zu bauen, mit der man Farbmusik
machen kann, wie man Tonmusik mit der Tonorgel macht. Diese Farborgel hat ein
gemeinsames Manual von 24 Tasten, nämlich 24 gesetzmäßig geordnete Farbtöne
des Farbkreises, und dazu |
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28 Register, von den lichtesten bis zu den
tiefsten, von den reinsten bis zu den trübsten Farben, also zusammen 672
Farben, wozu noch 8 Stufen Weiß, Grau, Schwarz kommen. Ich habe mir eine solche Orgel gebaut.
Es ist nach mehrjährigen Vorbereitungen eine Arbeit von vielen Wochen
gewesen, und mit dem Stimmen bin ich immer noch nicht ganz fertig. Sie hat
die Gestalt von 28 Kästen den 28 Registern entsprechend. Jeder Kasten ist
übereinstimmend in 24 Fächer geteilt, und jedes Fach enthält ein anderes,
genau eingestelltes Farbpulver, das nach Vermischen mit einem Bindemittel die
gewünschte Farbe ergibt. Habe ich ein Muster gezeichnet und die Harmonie
ausgedacht, welche ich verwenden will, so brauche ich nur zugehörigen
Register zu ziehen und die gewünschten „Töne” zu entnehmen, um mein Muster
harmonisch in Farbe zu setzen 1). 1)Solche Farborgeln, aus
Wasserdeckfarben in Näpfchen bestehend, werden bald durch den Verlag Unesma in Leipzig hergestellt werden. Im
gleichem Verlage sind meine Schriften und Tafelwerke zur Farbenlehre
erschienen. |
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Ich kann es nicht beschreiben, welche
Fülle von entzückender Überraschungen man bei
solcher Arbeit erfährt. Daß die Farben harmonisch zueinander
stehen werden, wenn man die Gesetze der Farbharmonik richtig angewendet hat,
weiß man. Aber wie jede neue Harmonie aussieht und wirkt, erlebt man immer
wieder zum ersten Male mit dem ganzen Reiz der ersten Berührung bisher stumm
gewesener Saiten. Und da schon die einfachsten Motive viele Tausend
Einzelfälle ergeben, die sich voneinander unvergleichlich viel mehr
unterscheiden, als in der Musik transponierte Harmonien, so bleiben die
Reize unerschöpflich neu. Ich muß mich immer wieder
zwingen, diese Farbgenüsse zu unterbrechen, um das Gefühl nicht durch ein
Übermaß abzustumpfen und mein Urteil in dieser neuen Welt nicht zu verwirren. Und dabei muß
ich mir sagen, daß diese Dinge künstlerisch nicht
höher stehen, als etwa die ersten Wohlklänge, die der beginnende
Klavierschüler dem Instrument zu entlocken lernt. Ich sehe es an den
Erzeugnissen einer künstlerisch begabten Mitarbeiterin, welche zwar erst von
mir gelernt hat, wie man in die Tasten der Farborgel greifen muß, welche aber mit ihnen nun eine viel ausdrucksvollere
Farbmusik zu machen weiß, als es meine methodischen Produkte sind. Und diese Tatsache wirft ein klares
Licht auf das künftige Verhältnis der Kunst
zu dem neuen Farbwissen. Frei von Fehlern zu sein, ist der niedrigste Grad
und der |
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höchste, sagt Schiller. Das Wissen ermöglicht, jenen niedersten
Grad der Fehlerfreiheit sicher zu erreichen. Zwischen diesem und der
höchsten Kunstleistung liegt aber
noch ein unendlicher Abstand, den zu durchmessen mehr gehört als die Kenntnis
der Farbharmonik. Aber bis jener niederste Grad, von dem aus der Künstler
seinen Aufstieg beginnt, Allgemeingut geworden ist, ist noch unendliche
Arbeit zu tun. Denn zurzeit ist er auf einige Wenige beschränkt, während
grundsätzlich jeder nicht farbenblinde Fortbildungsschüler ihn erreichen
kann. |
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Die Harmonie der Farben In: Vossische Ztg. Morgen-Ausg. -
(1919) , 312 vom 22.06. Auch in:
Innendekoration. - 30 (1919) , [11], S. 387-389 Auch in: Prager Tagebl. - (1919) , vom [26.06]. Auch u.d.T.: Die Farbenorgel . // In: Prometheus. - 30, Nr. 46
(1919) , 1555, S. 365-367 Auch in: Stijl. - 3 (1920) , 7, S. 560-562 |