DER KÜNSTLER UND DIE FARBENLEHRE

 

VON WILHELM OSTWALD

 

Geh.-Rat Prof. Dr. Wilhelm Ostwald, der große Bahnbrecher und Forscher auf dem Gebiete der Farben­lehre, sprach am 10. Dezember im Rahmen einer VDR-Veranstaltung im Herrenhaus zu Berlin über „Farbe und Form“. Wir freuen uns, die Möglichkeit zu haben, in folgendem den geschätzten Autor auch in der Re­klame zu dem umstrittenen Thema Stellung nehmen zu sehen.

 

Der Künstler:             Auf den Wunsch unseres Herrn Dr. Köhler habe ich mich zu einer Aussprache über die Farbenlehre bereit erklärt. Aber sie wird wohl zwecklos sein, denn ich glaube nicht, daß ich meinen Standpunkt ändern werde.

 

Der Forscher:           Und der ist unbedingt ablehnend.

 

Der Künstler:             Ja! Denn ich bin nicht gesonnen, mir Vorschriften von der Wissen­schaft machen zu lassen. Zwischen ihr und der Kunst besteht ein unversöhnlicher Gegensatz.

 

Der Forscher:           Die Wissenschaft macht ebensowenig Vorschriften, wie ein Weg­weiser oder ein Stadtplan. Sie sagt nur: wenn du diesen Weg gehst, so kommst du an jenen bestimmten Ort, oder wenn du an jenen Ort gelangen willst, so hast du die Wahl zwischen diesen Wegen, von denen einer der kür­zeste ist. Aber sie zwingt niemanden, gerade diesen Weg zu gehen und keinen anderen.

 

Der Künstler:             Aber ich habe doch gehört, daß die neue Farbenlehre vorschreibt: zu dieser gegebenen Farbe mußt du jene setzen und darfst keine andere nehmen.

 

Der Forscher:           Wer Ihnen das gesagt hat, hat sicherlich von der neuen Farben­lehre nichts gewußt oder verstanden. Oder er hat wider besseres Wis­sen geredet. Denn diese junge Wissenschaft hat eine große Anzahl erbitterter Feinde, sowohl unter den Künstlern wie unter den Kunstgelehrten.

 

Der Künstler:             Das muß doch seine guten Gründe haben.

 

Der Forscher:           Ja, das ist eine sehr merkwürdige Sache. Seit etwas mehr als hun­dert Jahren sind eine Anzahl verschiedener Farbenlehren für Künstler auf­getreten, so von Rumford, Goethe, Runge, Field, Chevreul und vielen anderen. Manche von die­sen Lehren werden auch auf den Akademien und Kunstschulen vorgetragen, bei uns am meisten wohl die von Goethe mit mehr oder weniger Abänderungen.

 

Der Künstler:             Sie sind alle nichts wert. Kein Mensch hat jemals mit Hilfe dieser Lehren eine wirkliche, schöne Farbenharmonie zustande gebracht. Das gelingt nur einem wirklichen Künstler aus seinem Farbengefühl heraus.

 

Der Forscher:           Ich bin ganz mit Ihnen einverstanden: jene Lehren geben dem Künst­ler keine richtige Führung und somit kennzeichnet eine vielfältige Erfah­rung sie als falsch oder ungenügend. Aber ich habe niemals gehört, daß ir­gendein Künstler oder Kunstwissenschaftler feindselig gegen sie aufgetreten wäre. Sie werden viel­mehr ungestört auf den Kunstschulen gelehrt, wobei dem Lehrer freisteht, welche von den unzulänglichen Theorien er vortragen will.

 

Der Künstler:             Weil sich hernach doch niemand darum kümmert, denn jeder weiß, daß damit nichts zu machen ist.

 

Der Forscher:           Dann muß ich also schließen, daß jene starke Feindseligkeit daher rührt, daß man weiß oder vermutet, mit der neuen Lehre sei etwas zu machen, weil sie richtig ist.

 

Der Künstler:             Das wäre noch schöner! Dann könnte hernach jeder Anstreicherlehr­ling ebenso gute Harmonien machen, wie der beste Künstler! Wo bleibt da die wahre Kunst?

 

Der Forscher:           Da wären wir also auf konkretem Boden angelangt. Es ist die Sorge um die Konkurrenz, welche die Künstler zu ihrer feindseligen Einstellung ve­ranlaßt.

 

Der Künstler:             Es ist eine Schmutzkonkurrenz, wenn jeder Hergelau­fene soll Dinge machen dürfen, die nur dem echten Künstler vorbehalten sind.

 

Der Forscher:           Der Stand und Beruf der Künstler steht jedem frei, der etwas kann. Die Künstler sind mit recht stolz auf diese Freheit und rühmen sich ihrer Genossen, die sich aus geringem Stande zu künstlerischer Größe emporgear­beitet haben.

 

Der Künstler:             Das waren Auserwählte. Jetzt sollen aber Hinz und Kunz, wenn sie nur in paar Unterrichtsstunden in der Farbenlehre gehabt haben, dasselbe leisten können, was jene erst nach langen Mühen erreichten.

 

Der Forscher:           Das kann man doch nicht sagen. Hinz und Kunz werden viel­leicht gelernt haben, Farben harmonisch zusammenzustellen. Aber alles an­dere, was zu einem Bilde gehört, haben sie nicht gelernt und sind daher weit davon entfernt, als Künstler gelten zu können.

 

Der Künstler:             Dann sollen sie sich nicht als solche ausgeben.

 

Der Forscher:           Ich kenne keinen Fall, daß einer das getan hätte, bloß nach­dem er die Lehre von der Farbenharmonie begriffen hatte. Wir haben doch das nahelie­gende Beispiel in der Musik. Da lernt jeder Anfänger sehr bald, welche Töne harmo­nisch zusammengehen und welche nicht. Dann ist er auch im­stande zu sagen: mit diesem gegebenen Ton sind jene anderen harmonisch und alle anderen nicht. Aber es fällt ihm nicht ein, sich darum einen Künstler zu nennen. Aber wenn er ein Künstler werden will, muß er diese Dinge jedenfalls vorher lernen.

 

Der Künstler:             Farben sind nicht Töne.

 

Der Forscher:           Nein, sie haben Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten und die Ver­schiedenheiten sind größer. Darum hat auch schon vor 2500 Jahren Pytha­goras die Harmoniegesetze der Töne entdeckt, während die der Farben erst in diesem Jahr­hundert gefunden worden sind.

 

Der Künstler:             Wer gibt mir die Sicherheit, daß es nicht wieder ein Un­sinn ist, wie alle früheren Farbenlehren?

 

Der Forscher:           Zunächst der Versuch. es ist hundert- und tausendfältig bestä­tigt worden, daß wirklich die von der Lehre angegebenen Farbenzusammen­stellungen gut aussehen oder harmonisch wirken. Sodann die Beschaffenheit der Lehre selbst, die von den älteren um einen großen Schritt verschieden ist.

 

Der Künstler:             Nämlich?

 

Der Forscher:           Erst jetzt hat man gelernt, die Farben zu messen. Nun beruht die Entdeckung des Pythagoras darauf, daß der durch Messung der Saitenlän­gen, die den harmonischen Tönen entsprechen, Zahlenwerte für die Tonhöhen gefunden hat; einfache Verhältnisse zwischen diesen Zahlen bedingen die Harmonie. Nachdem man die Farben hat messen können, hat man auch einfa­che Verhältnisse zwischen Ihren Zahlenwerten herstellen können, und wieder erweisen sich die zugehörigen Empfindungen, die Farben, als harmonisch.

 

Der Künstler:             Wenn man’s so hört, so könnt es leidlich scheinen; steht aber doch schief darum. Damit werden Sie noch lange keinen Künstler ma­chen.

 

Der Forscher:           Nein.

 

Der Künstler:             Ja nun, wozu all der ganze Lärm.

 

Der Forscher:           Den Lärm habe nicht ich gemacht. Die Farbenharmonielehre ist zunächst eine rein wissenschaftliche Angelegenheit gewesen, die sich als notwen­dige Folge der messenden Farbenlehre ergab. Diese hat ihre Bedeu­tung in zahlrei­chen Gebieten, von denen die Malerei nur einen kleinen Aus­schnitt darstellt. Wie je­der wissenschaftliche Fortschritt erleichtert und sichert auch die messende Farben­lehre alle und jede Arbeit, die irgendwie mit Farben zusammenhängt, also auch die Kunst der Malerei. Die Wissenschaft tritt also dem Künstler nicht als Konkurrent und Feind entgegen, sondern als Freund und Helfer.

 

Der Künstler:             Was soll mir die Farbenmessung denn helfen? Das geht doch nur den Naturforscher an.

 

Der Forscher:           Sie hilft Ihnen zunächst dadurch, daß sie Ihnen eine vollstän­dige Übersicht aller möglichen und denkbaren Farben verschafft. Als das vor etwa 15 Jahren zum ersten Male geschah, stellte sich heraus, daß große Ge­biete im Grün­blau und Blaugrün fast unbekannt waren. Die Mode bemächtigte sich alsbald der vernachlässigten Farben und die Damen schmückten sich mit Ihnen.

 

Der Künstler:             Ich erinnere mich.

 

Der Forscher:           Dann hat die Wissenschaft die Farben geordnet, genormt und be­nannt. Jede Farbe hat jetzt ihr Zeichen, wie den Tönen Noten zugeordnet sind. Das hat zur Folge, daß jetzt das ganze Reich der Farben sich klar überse­hen läßt, etwa wie das Straßennetz einer Stadt in einem guten Plan. Früher war die Mannigfaltig­keit der Farben wie ein Urwald, in dem an sich nur stellenweise zurechtfinden konnte. Heute kann sich der Künstler mit geringer Mühe in der Farbenwelt völlig zu Hause fühle; er beherrscht den ganzen Umfang dieses In­struments.

 

Der Künstler:             Das alles kann aber nicht die Inspiration des Künstlers ersetzen.

 

Der Forscher:           Es ist auch nicht dazu da, ebensowenig wie Harmonielehre und Kontrapunkt dem Musiker die künstlerische Inspiration ersetzen können und sollen. Sie müssen sich ein für allemal von der verkehrten Vorstellung freimachen, als solle die Farbenlehre den Künstler ersetzen oder verdrängen. Sie soll im Gegenteil dem Künstler sein Werk erleichtern. Wenn den Künstlern jemand besonders gute Farben und Pinsel zur Verfügung stellt: werden Sie ihn darum als einen Feind der Malkunst ansehen, weil sie bisher nicht so gute hatten?

 

Der Künstler:             Es wäre ein Segen.

 

Der Forscher:           Nun, so gewöhnen Sie sich, auch die Farbenlehre als einen Segen anzusehen.

 

Der Künstler:             Aber die Tatsache bleibt doch, daß der Anfänger mit ihr ohne weite­res Harmonien machen kann, um die sich der Künstler lange mü­hen muß.

 

Der Forscher:           Was hindert den Künstler, sich selbst die gleichen Kenntnisse anzu­eignen? Dann bleibt er den Anfängern ebenso überlegen, wie es früher war.

 

Der Künstler:             Das ist eigentlich wahr. Dann bleibt aber noch der wich­tige Ein­wand: der Eingriff in die künstlerische Freiheit. Ich will mir nicht vor­schreiben lassen, welche Farben ich nehmen soll.

 

Der Forscher:           Wir nehmen einmal an, daß Sie beginnen, ein neues Werk farbig zu gestalten. Sie wählen zunächst eine Hauptfarbe und tragen sie auf. Darin sind Sie frei, d.h. sie wählen sie so, daß die von Ihnen gewollte Wirkung möglichst genau er­reicht wird.

 

Der Künstler:             Richtig, und da darf mir niemand hineinreden.

 

Der Forscher:           Geschieht auch nicht. Wenn Sie nun die anderen Farben in Ihr Bild setzen, sind Sie nicht mehr frei, irgendeine beliebige zu nehmen.

 

Der Künstler:             Natürlich muß ich nun die anderen Farben zur ersten stimmen. Dazu hilft mir eben mein künstlerisches Gefühl.

 

Der Forscher:           Sehr gut. Es ist also, wie es im Faust steht: im ersten bin ich frei, im zweiten sind wir Knechte.

 

Der Künstler:             Knechte ist zuviel gesagt. Es gibt doch immer mehrere Farben, zwischen denen ich wählen kann. Aber Ihre Harmonielehre will mir vor­schreiben, daß ich nur diese und keine andere nehmen darf. Darauf lasse ich mich nicht ein.

 

Der Forscher:           Die Harmonielehre denkt nicht daran, denn Sie gibt keine Be­fehle, sondern Auskünfte. In diesem Falle lautet die Auskunft so, daß zu jeder gegebenen Farbe 34 andere angegeben werden können, welche zu ihr unmit­telbar harmonisch stehen. Übernehmen Sie es, auf Grund Ihres künstlerischen Gefühls zu Ihrer Aus­gangsfarbe 34 verschiedene harmonische Farben zu ermi­schen?

 

Der Künstler:             Es wäre jedenfalls eine lange Arbeit.

 

Der Forscher:           Die Farbenlehre hat diese Arbeit ein für allemal besorgt und Ihnen allen zur Verfügung gestellt. Harmonien kann man nicht machen, son­dern sie beste­hen an sich und man kann sie nur suchen und finden. Der Künstler hat die Gabe, ei­nige von Ihnen zu finden. Die Wissenschaft aber kann, nachdem das Grundgesetz entdeckt worden ist, das ganze Gebiet methodisch absuchen und sie findet mittels ihrer Methoden alles, was vorhanden ist. Dar­unter auch das, was der Künstler mit Hilfe seines Gefühls gefunden hatte.

 

Der Künstler:             Sollte das wirklich möglich sein?

 

Der Forscher:           Warum denn nicht? In der Tonkunst ist die Aufgabe seit vielen Jahr­hunderten gelöst. Niemand wundert sich darüber, daß seitdem kein Künstler ein neues harmonisches Intervall geschaffen, d.h. entdeckt hat, denn es gibt keines.

 

Der Künstler:             Warum hat es denn bei den Farben so viel länger gedau­ert, als bei den Tönen?

 

Der Forscher:           Weil die Sache bei den Farben viel verwickelter ist. Die Harmo­nie der Töne hängt nur von einer Größe ab, der Schwingzahl. Die der Farben wir aber durch drei Größen bestimmt, nämlich Farbton, Weißgehalt, Schwarzgehalt, und das ergibt natürlich viel verwickeltere Verhältnisse, deren Aufklärung nicht leicht war. Darum sind auch bei den Farben soviel mehr harmonische Verbin­dungen vorhan­den.

 

Der Künstler:             Da habe ich nichts mehr zu sagen. Aber ich komme über eines nicht hinweg: wo bleibt nun der Künstler?

 

Der Forscher:           Er ist nötiger als je. Denn er kann nun von einem höheren Stand­punkte aus seinen Flug nehmen und kann daher größere Höhen errei­chen als früher. Denken Sie wieder an die Tonkunst. Jeder theoretische und technische Fortschritt hat hier nicht hemmend, sondern immer nur steigernd auf die Entwicklung der Kunst wie der Künstler gewirkt.

 

Der Künstler:             Das lasse ich mir gefallen.

 

 

 

Seiten 853 bis 855 in

Die Reklame

Zeitschrift des Verbandes deutscher Reklamefachleute e.V.

Fachblatt für das gesamte Werbewesen

Herausgeber und Eigentümer: Verbandes deutscher Reklamefachleute e.V.

Schriftleiter der „Reklame“: Dr. Wilhelm Köhler, Berlin W30, Motzstrasse 11

1 Dezemberheft, 21. Jahrgang 1928 Heft 23

 

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