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Wilhelm Ostwald Schöne Formen Das Gefühl für schöne und unschöne Formen ist im
allgemeinen gut entwickelt, fast ebenso gut wie das für wohl- und
übelklingende Tonharmonien. Zwar schien es in den letzten Jahren zuweilen,
als sei es verschwunden oder unterdrückt, da der Öffentlichkeit Formen als
schön angeboten wurden, die das Gefühl nicht billigte. Aber das hat sich als
eine vorübergehende Welle erwiesen, als ein bald mißglückter Versuch, die
Naturgesetze der Formenschönheit zu mißachten oder zu vergewaltigen. Naturgesetze der Formenschönheit? Gibt es denn
wirklich solche? Dann müßte man ja durch Beobachtung dieser Gesetze
gewissermaßen „künstlich“ schöne Formen schaffen können! Das ist doch
grundsätzlich unmöglich! Denn schöne Formen schafft doch nur der Künstler,
der gottbegnadete! Gemach! Von der allerhöchsten Kunstleistung führt
eine ununterbrochene Stufenleiter herab bis zu den einfachen Gestalten der
unbelebten Welt, den Kristallen. Wer zweifelt daran, daß Kristalle schön
sind? Und zwar alle. Es gibt überhaupt keine häßlichen Kristalle. Zwar ist
der Grad ihrer Schönheit verschieden, aber Häßlichkeit kommt bei ihnen nicht
vor. Selbst wenn ihre Formgestaltung vielfach gestört ist, wie etwa bei den
Eisblumen auf der befrorenen Fensterscheibe, entzückt uns doch das Walten der
natürlichen Formgesetze, das wir auch dort empfinden, wo wir erkennen, daß
die Grundlinien des Gebildes von den Strichen mit dem Wischtuch gebildet werden,
das vorher über die Glasscheibe geführt worden war. Woher rührt die ausnahmslose
Schönheit der Kristalle? Niemand ist im Zweifel darüber, daß es die geometrische
Gesetzlichkeit ihrer Formen ist, auf denen ihre Schönheit beruht. Selbst bei
der vielfach gestörten Kristallisation der Eisblumen ist diese Gesetzlichkeit
immer erkennbar und bedingt ihre Wohlgefälligkeit. Denn jedes Spitzchen ohne
Ausnahme ist nach dem Gesetz gebildet, welche zwischen den kleinsten Teilen
des Eises waltet und die Gestalt ihres Nebeneinander bestimmt. Gerade die
restlose Betätigung des Formgesetzes des Kristalls bedingt seine Schönheit.
Versucht man künstlich durch Schleifen die Schönheit der Kristalle zu
erhöhen, wie das bei den Edelsteinen geschieht, so kennen wir dafür nur den
einen Weg: die Form unter Wahrung der Gesetzlichkeit tunlichst reich und
mannigfaltig zu gestalten. Ungesetzliche Formen würden das Kleinod sofort
wertlos, weil unschön, machen. Hält man sich diese wohlbekannten Tatsachen vor
Augen, so sieht man sich zu dem Schlusse geführt, daß die Schönheit dieser
Gebilde auf der Gesetzlichkeit ihrer Formen |
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beruht.
Man fühlt sich bei diesem Ausspruch ein wenig überrascht, da man sich vielfach
gewöhnt hat, zwischen Gesetz und Schönheit einen Gegensatz zu empfinden. So
sei betont, daß es sich hier nur über die ganz elementaren und primitiven
Schönheitsgefühle handelt und handeln kann, um eine Ästhetik „von unten“,
wie sie schon vor einem halben Jahrhundert G.T. Fechner, der geniale
Begründer der Psychophysik, gefordert hat. Was bei höheren und höchsten
Kunstwerken noch hinzukommt, ist eine Angelegenheit besonderer Art, die eine
besondere Untersuchung erfordert. Sie ist hier nur erwähnt worden, damit der
Gedanke an sie nicht die einfachen Betrachtungen stört, auf die wir uns hier
bewußt beschränken wollen. Wenn wir nun den Satz aussprechen: Gesetzlichkeit
bewirkt Schönheit, den wir rein erfahrungsgemäß gefunden haben, so entsteht
sofort die Frage, ob er allgemein gilt. Bewirkt jede Gesetzlichkeit
Schönheit? Bewirkt Gesetzlichkeit immer Schönheit? Gibt es ohne
Gesetzlichkeit keine Schönheit? So allgemein kommt uns die Bejahung dieser Fragen
sehr bedenklich vor. Immerhin können wir doch die Erfahrung fragen, ob und
wie weit sie zutreffend ist. Wir verfährt die Wissenschaft, um solche
allgemeinen Sätze zu prüfen? Man kann doch unmöglich alle Fälle untersuchen,
weil ihre Zahl unendlich ist. Sie verfährt so, daß sie willkürlich einige Fälle
untersucht, tunlichst solche, bei denen die Geltung des Satzes
unwahrscheinlich aussieht. Trifft der Satz jedesmal zu, so wird der Schluß
gezogen, daß er wohl allgemein zutrifft. Dabei besteht immer der Vorbehalt,
daß vielleicht doch künftig einmal ein Gegenfall gefunden werden könnte. Dann
wird dieser besonders sorgfältig untersucht und führt früher oder später zu
einer geeignet abgeänderten Gestalt jenes allgemeinen Gesetzes, die sowohl
die vielen zutreffenden wie die wenigen abweichenden Fälle umfaßt. Wir stellen also den Versuch an und wählen
irgendeine beliebige Form, z.B. die eines Komma (Abb. 1), der Deutlichkeit
etwas groß. Was können wir Gesetzliches damit anfangen? Die Antwort ist: es wiederholen. Denn alles Gesetz
bestimmt eine Gleichartigkeit des Seins oder Ge- |
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schehens,
, d.h. eine Wiederholung, nämlich jene, welche das Gesetz angibt. Wir wiederholen also das Komma, etwa indem wir es
mit einem Stempel oder einer Schablone irgendwie in einem Felde anbringen.
Das Ergebnis (Abb. 2) ist sicher- |
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lich
nicht schön zu nennen. Der Satz scheint widerlegt. Die bloße Wiederholung tut
es nicht Warum nicht? Weil sie nicht gesetzlich genug ist.
Die Ordnung und Verteilung der gleichen Form war willkürlich, also ungesetz- |
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lich.
Wir setzen also die gleichen Formen parallel längs einer Geraden Linie aus
(Abb. 3). Das Ergebnis ist immer noch nicht gut, aber wir sehen deutlich,
warum. Es sind die willkürlichen Abstände, welche unschön sind. Sobald wir
auch die Abstände gesetzlich, d.h. gleich gemacht haben (Abb. 4) ist alsbald
die Schönheit da. Zwar eine sehr bescheidene und schlichte, aber doch
unverkennbare Schönheit. In allen früheren Wiederholungen des |
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Kommas
waren zwar gewisse Gesetzlichkeiten zur Geltung gekommen, wie die gleiche
Größe, der Parallelismus, aber es war immer auch ein ungesetzlicher oder
willkürlicher Anteil vorhanden geblieben. Dieser hatte die Entstehung der
Schönheit verhindert. Erst als alle Bestimmungen gesetzlich geregelt waren,
erschien plötzlich die Schönheit, wie eine Blume, die sich erst entfaltet,
nachdem alle Bedingungen ihrer Bildung erfüllt sind. Somit erweist sich die
Willkür als der tödliche Feind der Schönheit. Dies ist ein Ergebnis von
größter Wichtigkeit, dessen Bedeutung für Kunstwerke höherer Art seinerzeit
eingehend untersucht werden soll. Für das hier untersuchte Gebiet hat es die
Bedeutung daß die Gesetzlichkeit, welche als Bedingung der Schönheit wirken
soll, eine so vollständige sein muß, daß für die Willkür kein Raum gelassen
wird. Wir werden später die Voraussetzungen kennenlernen, unter denen diese
Forderung eingeschränkt oder bedingt werden kann. Das Ergebnis mag schon
hier angedeutet werden: je einfacher die Art der Schönheit ist, um so
einfacher und eindeutiger muß die Art der Gesetzlichkeit sein, auf der sie
beruht. Was wir hier beobachtet haben, läßt uns die
Entstehung des Ornamentes erkennen. Das einfachste technische Verfahren,
eine Fläche zu schmücken, sei es eine Matte, eine Wand, der Deckel eines
Kastens, beruht auf der Anwendung eines Druckstempels oder einer Schablone,
welche beide ohne weiteres Zutun die erste Bedingung erfüllen, nämlich
lauter gleiche Formen zu ergeben; sie müssen nur in gerader Linie und
gleichabständig angesetzt werden, damit auch den anderen Bedingungen Genüge
geschieht. Das Muster, welches so entsteht, ist ein Bandmuster, das eine
gewisse Breite hat, der Länge nach aber beliebig ausgedehnt werden kann.
Indem man die nötige Anzahl Bänder quer zu ihrer Richtung nebeneinander legt,
kann man so jede beliebige Fläche bedecken. Meist führt man aber das Band nur
als Rahmen um die Fläche herum, deren inneres Feld man dann entweder leer
lassen, oder mit einem besonderen Schmuck ausfüllen kann, je nach der
Beschaffenheit des Gegenstandes. Die Arbeitsweise der Wissenschaft fordert zunächst,
das beschriebene Verfahren der Wiederholung mit einem bestimmten Namen zu
bezeichnen. Wir nennen es Schiebung. Sodann zu fragen: ist die Schiebung die
einzige Art der Wiederholung oder gibt es noch andere? Die Antwort auf diese
Frage ist: es gibt noch zwei andere Arten der Wiederholung, nämlich die
Spiegelung und die Drehung. Die Erscheinung der Spiegelung ist jedermann
bekannt. Der Spiegel wiederholt den |
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Gegenstand
zwar auch, wie die Schiebung, aber in umgekehrter Ordnung., so daß Gegenstand
und Spiegelbild im allgemeinen sich nicht überdecken lassen, wie die nebeneinander
liegenden Formen der Schiebung, sondern sich verhalten, wie die rechte Hand
zur linken. Deshalb läßt sich mit dem gleichen Druckstock das Spiegelbild
nicht drucken. Mit der Schablone geht es; doch muß sie umgewendet und von der
anderen Seite bemalt werden, um das Spiegelbild zu ergeben. Diese etwas verwickeltere Beziehung zwischen der
Form und ihrem Spiegelbild bewirkt, daß bereits eine Verbindung ohne weitere
Wiederholung einen primitiven schönheitlichen Eindruck macht. Ein jedermann
aus Kindheitstagen wohlbekanntes Beispiel sind die Erzeugnisse der „Klecksographie“.
Faltet man ein Blatt Papier, macht auf die Innenseite nach der Falte zu einen
reichlichen Tintenklecks, legt es zusammen und reibt den Klecks aus, so daß
er sich möglichst reich entwickelt, so findet man beim Auseinanderfalten eine
aus Bild und Spiegelbild bestehende „symmetrische“ Figur, etwa wie ein
Wappenadler oder ein Schmetterling, die unmittelbar angenehm wirkt, so
gesetzlos der einzelne Klecks auch an sich ist. Seine spiegelbildliche
Wiederholung auf der anderen Hälfte, namentlich wenn beide Bilder an der
Falte, der „Spiegellinie“ zusammentreffen, enthält Gesetzlichkeit genug, um
jenen willkommenen Eindruck zu bewirken, der den Anfang alles Schönen
darstellt. So primitiv diese Schönheit ist, hat es doch Leute gegeben, welche
sich ausgiebig daran erfreut haben. So der Dichter und Geisterseher Justinus
Kerner, der sich dickbändige Sammlungen solcher Gebilde anlegte, da ihm die
Ursache ihrer Reize nicht klar und ihre Schönheit etwas Geheimnisvolles war.
Abbildung 5 zeigt ein solches Klecksogramm. |
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Höhere Grade der Schönheit werden erreicht, wenn
man die gespiegelte Form nicht willkürlich oder zufällig nimmt, sondern
ihrerseits nach einem gewählten Gesetz gestaltet. Naturbeispiele für diese Art
Schönheit bieten die Schmetterlinge dar. Man betrachte nacheinander nur die
eine Seite eines aufgespannten Schmetterlings unter Zudecken der anderen
Seite, und dann den ganzen Schmetterling, der um die Körperlinie
spiegelbildlich oder symmetrisch gebildet ist. Obwohl in der Verteilung der
Farben und Formen schon auf der einen Seite die organische Gesetzlichkeit
ihrer Bildung leicht erkennbar ist, wird die |
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schönheitliche
Wirkung nicht nur verdoppelt, sondern um ein Großes vervielfacht, wenn man
das ganze Gebilde aufdeckt. Eine sehr bedeutende Steigerung der Schönheit wird
erzielt, wenn die Spiegelung mehrfach wiederholt wird. Man bewirkt dies,
indem man zwei Spiegel unter einem Winkel zusammentreffen läßt, der ein
ganzer Bruchteil des „gestreckten“ Winkels von zwei rechten ist. Während der
Gewinn bei der Teilung 1/2 (Winkel der beiden Spiegel 90°) nur mäßig ist,
wird er bei 1/3 (Winkel 60°) und 1/4 (Winkel 45°) schon sehr erheblich. In
dem bekannten optischen Spielzeug Kaleidoskop, das auf solcher mehrfachen
Spiegelung beruht, ist von dieser Wirkung Gebrauch gemacht, und es ist
bekannt, daß ganz zufällige Grundformen: Federn, bunte Glasstückchen,
Gewebflicken usw. so zu den hübschesten Gebilden verbunden werden. Da den
Grundformen gar kein Schönheitswert zukommt, beruht die Wirkung
ausschließlich auf der gesetzlichen Wiederholung der gleichen, an sich
eindruckslosen Form, die in gleichen Winkelabständen um den Mittelpunkt
geordnet ist. Auch hier kann man durch Vermehrung der
gesetzlichen Beziehungen stark gesteigerte Wirkungen erhalten. Wenn man
beispielsweise die bunten Glasstückchen so wählt, daß ihre Farben
untereinander harmonisch sind, so kann man eine Fülle der entzückendsten
„Rosen“ erzeugen. Die Technik bedient sich längst dieses Hilfsmittels
zur Gewinnung von Mustern vermittels des Winkelspiegels, zweier
Spiegelplatten, die durch ein Scharnier verbunden sind und leicht auf den
gewünschten Winkel eingestellt werden können. Stellt man ihn auf irgendein
Gebilde, so bilden dessen gesetzlichen Wiederholungen ein sternförmiges
Muster, das durch Verschieben die mannigfaltigsten Abbildungen erfährt, so
daß man eine unbegrenzte Auswahl von Vorlagen sieht. Auch hier wird man bald
die Wahrnehmung machen, daß solche Muster die schöneren sind, bei welchen
sich noch eine besondere, gleichsam überflüssige Gesetzlichkeit geltend
macht. Abbildung 6 zeigt das Komma im Winkelspiel 1/3. |
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Diese
Art der Ordnung ist nun keine einfache Spiegelung mehr, sondern ein Fall
jener dritten Art der Wiederholung, die oben als Drehung erwähnt worden war.
Die Drehung besteht darin, daß man zu der gewählten Grundform einen Punkt,
den Drehpunkt, bestimmt und um diesen die Form wiederholt, nachdem man sie
einen gan- |
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zen
Bruchteil des Kreises gedreht hat. Je nachdem man die Bruchteile 1/2, 1/3,
1/4, 1/5, 1/6, 1/7, 1/8 usw. wählt, erhält man zwei-, drei-, vier-, fünf-,
sechs-, sieben-, achtzählige Drehlinge. Während im Abendlande fast nur vier-
und achtzählige Drehlinge in Ornamenten verwendet worden waren, finden sich
drei-, fünf- und siebenzählige in den Ornamenten des nahen und fernen Ostens.
Insbesondere bedient sich die chinesische Schmuckkunst gern und oft der
siebenzähligen Drehlinge. Für die Kunst der Mauren sind zwölf- und
sechzehnzählige Drehlinge kennzeichnend. |
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Abbildung
7, a bis f, zeigt zwei- bis achtzählige Drehlinge, wie sie aus unserer vielbenutzten
Grundform, dem Komma, entstehen. Jeder Drehlind hat im allgemeinen einen
bestimmten Drehsinn, der sich umkehrt, wenn man statt der Grundform ihr
Spiegelbild benutzt, oder den ganzen Drehling spiegelt. Spiegelt man diese
zweite Form, so entsteht wieder die erste, wie bei allen Spiegelungen. Ist
aber die Grundform selbst symmetrisch und liegt der Drehpunkt in der
Spiegellinie, so gibt es nur eine Form des Drehlings ohne Drehsinn, die von
ihrem Spiegelbild nicht verschieden ist, und gleich ist dem Muster, das sich
durch geeignete Anwendung des Winkelspiegels ergibt. Abbildung 8 zeigt einen
solchen symmetrischen Drehling, wie er
aus |
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dem
Komma entsteht. Es sind dieselben Schmuckformen, die der Winkelspiegel erzeugt.
Unsymmetrische Drehlinge entstehen im Winkelspiegel nicht. |
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Alle diese Formen lassen sich durch Schiebung zu
endlosen Bändern und durch Schiebung der Bänder nach einer anderen Richtung
zu unbegrenzten Flächenmustern entwickeln, wobei je nach Wahl der Abstände und
der Richtung die verschiedenartigsten Gebilde entstehen, bei denen man
mannigfaltige Nebengesetze zur Geltung bringen kann. Alle diese Muster sind
schön, ohne jede Ausnahme. Allerdings in verschiedenem Maße, das von den
gewählten Sondergesetzen abhängt. Aber doch so unzweifelhaft, daß wir sicher
sind, hier die Quelle der ornamentalen Schönheit aufgedeckt zu haben. Denn
die ausgesprochenen Grundsätze finden sich in aller Schmuckkunst angewendet,
von der um Jahrtausende zurückliegenden, sehr früh entwickelten der Ägypter
bis zu den wildesten Auswüchsen des Expressionismus von heute, oder
vielleicht von gestern. Allerdings decken die dargelegten Bildungsgesetze
nicht das ganze Gebiet der Ornamentik. Wir haben bisher die Flächenmuster aus
den Bandmustern durch Querverschiebung entstehen lassen. Eine andere,
unmittelbarere Art der Flächenmusterung entsteht durch restlose Teilung der
Ebene. Die Geometrie lehrt uns, daß von allen |
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regelmäßigen
Vielecken nur die Dreiecke, Vierecke und Sechsecke die Fähigkeit haben, die
Ebene lückenlos zu bedecken; Abbildung 9, a bis c, zeigt die entsprechenden
„Netze“. Indem man unter Wahrung der zugehörigen Symmetriegesetze
wohlgeordnete Linien zwischen den Netzpunkten zieht, erhält man eine
gewaltige Fülle schönster Flächenmuster, von denen nur ein ganz kleiner Teil
durch die bisherige Schmuckkunst entdeckt worden war; die wissenschaftliche
Bearbeitung eröffnet uns den ganzen Schatz. Um zu zeigen, um was es sich
handelt, sei ein Beispiel aus tausenden durchgeführt. Wir gehen von den Punkten des Dreiecknetzes (Abb.
9a) aus und bemerken, daß um jeden Punkt sich je sechs gleiche Dreiecke durch
Drehung versammelt finden. Das ist das Grundgesetz der Dreieckmuster. Ferner
finden sich in jedem Dreieck drei Spiegellinien, die aus jeder Ecke nach der
Mitte der Gegenseite Führen und das Dreieck in symmetrische Hälften teilen.
Das sind hier die obwaltenden Formgesetze. - Wir legen uns nun selbst das
Gesetz auf, daß unser Muster als „Thema“ nur Linien enthalten soll, die
zwischen zwei Netzpunkten verlaufen. Hierfür ist es nötig, eine Anzahl von
elementaren Netzdreiecken zu größeren Dreiecken zusammenzufassen, innerhalb
deren sich freie Netzpunkte finden, zwischen denen eine Themalinie gezogen
werden kann; wir wählen das Dreieck, dessen Seiten vier Maschen |
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enthält;
es ist aus 4x4=16 Grunddreiecken zusammengesetzt. |
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In Abbildung 10a ist ein solches Dreieck mit seinen
Netzpunkten und seinen drei gestrichelten Spiegellinien dargestellt. Als
Thema wählen wir die Linie a b, die eine Ecke mit einem inneren Knotenpunkt
verbindet. Wegen der drei Spiegellinien vervielfältigt sich das Thema, indem
insgesamt sechs solche Linien entstehen. Abbildung 10b zeigt diese sechs
Linien innerhalb des Dreiecks, die sich zu einem Stern mir drei Spitzen
ordnen. Stellt man solche Dreiecke unbegrenzt zusammen unter Fortlassung der
Dreieckseiten, die ja nicht zum Muster gehören, so entsteht das wunderschöne
Muster Abbildung 10c. |
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Es
ist meines Wissens neu; denn es ist mir nicht gelungen, es in den umfassenden
Werken von O. Jones, Racinet oder Bossert aufzufinden. Man staunt über die
Schöpferkraft der Wissenschaft, der es mit einfachsten Mitteln möglich ist,
zu schaffen, was die gesamte Künstlerschaft aller Zeiten und Völker nicht
gefunden hat. Und dies Muster ist nur eines von tausenden, das sich bei
methodischer Durcharbeitung des Grundgedankens ergeben. Natürlich ist mit dieser nüchternen Ausführung des
Grundgedankens seine Fruchtbarkeit noch bei weitem nicht erschöpft; sie ist
vielmehr überhaupt noch nicht in Anspruch genommen worden. Man kann ja statt
der geraden Linie zwischen den Endpunkten a b irgendeine andere, irgendwie
gestaltete |
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Linie
als Thema einführen und unter Berücksichtigung der Spiegelverhältnisse mit
ihr das Muster ausarbeiten, und bekommt jedesmal ein neues, schönes Gebilde,
dessen starke Wirkung darauf beruht, daß alle seine mannigfaltigen Formen aus
jener einzigen Themalinie abgeleitet sind. Statt aller Worte weise ich auf
Abbildung 11 hin, deren zwölf Formen in der angegebenen Weise aus der ersten
entstanden sind. Diese ist das gleiche Muster, welches in Abbildung 10 als
unbegrenztes Flächenmuster entwickelt wurde, nur eingeschränkt auf die sechs
Dreiecke, die um jeden Eckpunkt herum liegen. Jeder kann nach dieser
Anleitung entsprechende Muster in beliebiger Anzahl entwickeln und wird
erstaunen über den ungehemmten Reichtum an Schönheit, der ihm aus dieser
Quelle entgegensprudelt. Und solcher Quelle gibt es tausende. Von den Werken der Kleinkunst wenden wir uns zu
denen, wo die Kunst die größten Massen zu gestalten hat, der Architektur. An
Reichtum und Schönheit der Formen übertrifft die Gotik alle anderen Baustile.
Dabei sind ihre Meisterschöpfungen trotz ihrer unabsehbaren
Mannigfaltigkeiten von einer Einheitlichkeit der Gestaltung, welche um so
stärkere Bewunderung erregt, je tiefer wir uns in sie versenken. Bekanntlich
handelt es sich bei den Domen um Sammelschöpfungen, zu denen in den Bauhütten
zahlreiche Künstler in mehreren Generationen organisiert waren. Wie kam
trotzdem die ungeheure Einheitlichkeit jener Schöpfungen zustande? Durch die strenge Durchführung eines Grundgesetzes
aller Abmessungen. |
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Man denke sich eine lange wagerechte Linie gezogen
und von ihrem linken Ende unter dem Winkel von 45° (einem halben Rechten)
eine zweite Gerade erhoben. Beide Linien seien so lang gezogen, daß man die
ganze Höhe des Gebäudes, etwa eines Domes bis zur Turmspitze, in den Winkel
so hineinstellen kann, daß der andere Schenkel durch diese Spitze geht. Dann
wird vom Fuß des Turms, genau senkrecht unter dem Berührungspunkt, eine Senkrechte
auf den zweiten Schenkel gezogen. Von dem Punkt, wo dieser getroffen wird,
fällt man wieder eine Senkrechte auf den ersten Schenkel, von deren Fußpunkt
eine Senkrechte auf den zweiten Schenkel und so fort, bis die so entstandenen
Maße auf ein Millimeter heruntergegangen sind. Allerdings kann man diese Zeichnung nicht in
natürlicher Größe ausführen. Man macht das größte Stück in einem stark
verjüngten Maßstabe, etwa 100:1, und geht an geeigneter Stelle zu 10:1, und
dann zu 1:1 über. Abbildung 12 gibt eine Vorstellung von dem Aufbau dieses
Maßstabes. – Für die Ausführung des ganzen Werkes ergaben nun die so
erhaltenen Strecken die Maße, die sorgsam eingehalten wurden. So waren alle
Einzel- |
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formen
untereinander und mit dem ganzen Werk durch ein strenges Gesetz verbunden,
daß ihre Zusammengehörigkeit sicherte, so frei und mannigfaltig auch die
Einzelheiten behandelt wurden. Man gibt sich beim Beschauen des Gesamtwerkes
nicht bewußt Rechenschaft von dem Walten des Gesetzes, fühlt aber unterbewußt
die große Einheit des Ganzen und empfängt den entsprechenden starken
Schönheitseindruck. Was den genaueren Ausdruck dieses sich gesetzmäßig
verjüngten Maßstabes anlangt, so lehrt eine einfache geometrische Betrachtung,
daß jedes dritte Maß die Hälfte des ersten Maßes ist, während zwischen zwei
aufeinanderfolgenden Maßen das Verhältnis besteht, wie zwischen der Länge der
Diagonale und der einer Seite eines Quadrates, zahlenmäßig rund 7:10.
Hiernach kann man von jeder gegebenen Hauptlänge die kürzeren Maße durch
folgeweise Hälftung und Einschaltung der Zwischenwerte im Verhältnis 10:7,07
berechnen. Um dem Laien eine Anschauung zu geben, sind in
Abbildung 13 die nebeneinanderstehenden senkrechten Linien in der beschriebenen
Weise abgestuft. Man fühlt alsbald die schöne Gesetzlichkeit der Reihe. |
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Aus
den mitgeteilten Beispielen – denn es sind nur Beispiele aus einem breit
entwickelten System, welches alle Formgebung bis zur freiesten
Naturwiedergabe umfaßt – kann man die Tragweite der Gleichung Gesetzlichkeit
= Schönheit abschätzen: sie ist unübersehbar weit. Es ergibt sich alsbald die
Frage: welche Gesetzlichkeit? Und die Antwort lautet: jede. In der
Unterrichtsstunde über praktische Dichtkunst, welche der erfahrene und
tüchtige Poet Hans Sachs dem eigenwilligen Junker Walter in Wagners
Meistersingern erteilt, werden diese Verhältnisse mit Klarheit dargelegt.
Auch dort fragt der Junker, woher denn die Regel stamme, nach der er sein
Gedicht einrichten soll. Und die Antwort lautet: Ihr stellt sie |
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selbst,
und folgt ihr dann. Der Gesetze, nach denen ein Gedicht, ein Bild, eine
Schmuckform gestaltet werden kann, gibt s in jedem Falle eine große, wenn auch
abzählbare Menge. Je nach dem Gefühl oder der Stimmung, die zum Ausdruck
gebracht werden soll, wird der Künstler die eine oder die andere wählen, und
er wird um so sicherer die ausdrucksvollste finden, je vollständiger sein
Überblick über die vorhandenen Möglichkeiten ist. Das ist seine Freiheit. Hat
er aber das Gesetz der Form einmal gewählt, so ist nun seine Aufgabe, es so
rein und fehlerlos wie möglich durchzuführen. Denn dadurch unterscheidet sich
der Dilettant vom Künstler, daß jener überall mit dem Gesetz in Konflikt
gerät, weil er nicht die Mittel kennt, ihm zu genügen, während der Künstler
sich frei innerhalb der selbstgewählten Formen bewegt, die ihn kleiden, wie
ein schönes und zweckmäßiges Gewand, während sie dem Dilettanten Ketten sind,
die bei jeder Bewegung drücken und klirren. Das Bemerkenswerteste an diesen Betrachtungen ist,
daß sie ermöglicht haben, von dem Urgeheimnis der Schönheit einen Zipfel zu
lüften. Es ist zwar nur ein bescheidenes und primitives Gebiet, zu welchem
wir Zutritt gefunden haben. Aber um ein so mannigfaltiges und vielverzweigtes
Problem zu lösen, darf man nicht mit seinen höchsten und verwickeltsten
Erscheinungsformen beginnen, sondern muß umgekehrt mit seinen einfachsten,
verbreitetsten und daher zugänglichsten anfangen. Denn ein Gebäude kann man
nicht von der Spitze abwärts errichten, sondern man muß mit der Legung
haltbarer Fundamente beginnen. In solchem Sinne, im Sinne der von G. Th.
Fechner geforderten „Ästhetik von unten“, die ich lieber Kalik nennen möchte
(vom griechischen kalos, schön), um sie grundsätzlich von der „Ästhetik von
oben“ zu unterscheiden, sind die vorstehenden Betrachtungen angestellt
worden. |
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