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Vorwort. Durch die seit
einigen Jahrzehnten betriebene wissenschaftliche Erforschung der heutigen,
aus dem 16. Jahrhundert stammenden Technik der Ölmalerei auf
Leinwandgrundlage hat sich ergeben, daß es überhaupt nicht möglich ist, auf solche
Weise dauerhafte Werke herzustellen. Man hat aber trotzdem nicht gewagt,
diese Grundlage zu verlassen und sucht durch die Aufdeckung alter Geheimnisse
die Aufgabe zu lösen. Die Geschichte
lehrt, daß es zwei Malverfahren gegeben hat, welche dies Ziel erreichen
ließen. Zunächst die Ei-Tempera-Technik einigermaßen, sodann die van
Eyck-Technik in großer Vollkommenheit. Über die erste sind wir genau
unterrichtet, doch wird sie heute kaum angewendet, weil sie dem Künstler
Beschränkungen auferlegt, die er nicht dulden will. Über die zweite sind die
Nachrichten undeutlich, doch ist sie sicher von der später (im 16. Jahrhundert)
eingeführten Ölmalerei mit Lein-, Nuß- oder Mohnöl verschieden. Denn sie hat
Werke ergeben, welche ein halbes Jahrtausend ungeschädigt überdauert haben,
was man von keinem Ölgemälde auf Leinwand sagen kann. Da eine
Auffindung dieser Technik sehr wünschenswert ist, sind mannigfaltige Versuche
zur Lösung des Rätsels angestellt worden; sie haben aber bisher keinen Erfolg
gehabt. An anderer Stelle (Umschau 1930, S. 430) habe ich ein Verfahren
beschrieben, welches ähnlich aussehende Werke ergibt und mit allen Angaben,
die wir über die Technik van Eycks besitzen, in restloser Übereinstimmung
steht. Es entstand nicht als Nachbildung jener alten Technik, sondern aus
der Summe unserer heutigen Kenntnisse als selbständiges Verfahren und jene
Übereinstimmung stellte sich erst nachträglich bei der Anwendung heraus. In
dem vorliegenden Werkchen finden sich genauere Angaben über die praktische Ausführung. |
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Dies ist indessen nicht der einzige, nicht einmal der Hauptinhalt dieser Schrift. Es enthält die technischen Erfahrungen und Fortschritte, die ich im Laufe von mehr als 60 Jahren als Maler mit guten Kenntnissen in der Chemie und der Physik gemacht habe und zeigt, wie unglaublich rückständig die heutige Technik der Kunstmalerei trotz der gewaltigen Leistungen unserer Zeit geblieben ist. Außer der Einführung der Zinntuben an Stelle der Schweinsblasen hat sie in vier Jahrhunderten keine Veränderung erfahren, und es ist zweifelhaft, ob jene Erfindung zum Vorteil der Kunst gedient hat. Ich habe dagegen zu zeigen versucht, wie vielfältig und ausgiebig der heutige Künstler seine Arbeit erleichtern und seine Werke verbessern kann, wenn er sich von dem lähmenden Einfluß der Tradition frei macht. Groß-Bothen,
Juli 1930. Wilhelm Ostwald. |
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