|
Einleitung. |
|
Einmalige und vielmalige Kunstwerke. Wenn ein schöpferischer Tonkünstler, etwa ein Sänger, ein
Geiger, ein Orgelspieler sich weigern wollte, die von ihm erdachten Werke
aufzuschreiben, weil doch nie ein anderer Künstler die Noten genau ebenso
singen oder spielen würde, wie er selbst, würde man ihn mit Recht für töricht
halten. Denn außer dem persönlichen Anteil seines Vortrages steckt in jedem
musikalischen Kunstwerk so sehr viel, was sich aus den aufgeschriebenen Noten
wiederholen läßt, daß wir uns nicht zu schwer mit der Tatsache abfinden,
daß mit dem Tode des Künstlers die Möglichkeit verschwindet, seine
persönliche Leistung unmittelbar zu erleben. Daß heute schon die Schallplatte
einen sehr großen Teil jenes persönlichen Anteils zu verewigen vermag, sei
nur kurz erwähnt. Der Maler ist insofern günstiger
gestellt, als ein Bild unter allen Umständen viel länger dauert, als die
Töne, die der Sänger oder Spieler erzeugt hat, denn diese verschwinden im
Augenblick. Ferner ist er heute in der Lage, durch Vervielfältigung seines
Werkes ihm eine beliebige Dauer zu geben und ist nicht darauf beschränkt, daß
es wie im Altertum, wo es noch kein Druckverfahren gab, nur in einem Exemplar
da sein muß, mit dessen Untergang seine ganze Leistung verschwindet. Als mit
Beginn der Neuzeit der Holzschnitt und Kupferstich erfunden und entwickelt
wurden, hat ein so großer Künstler wie Albrecht Dürer das Verfahren alsbald
aufgenommen und zu einer hohen Stufe der Vollkommenheit gebracht. Denn es lag
ihm viel mehr daran, mittels seiner in großer Auflage übereinstimmend
herstellbaren und daher im Einzelblatt wohlfeilen Werke auf die breite Masse
seines Volkes zu wirken, als einzelne Zeichnungen oder Gemälde herzustellen,
deren Schicksal und Wirkung von der Willkür des Besitzers abhängig ist, |
|
Ende Seite 1 |
|
je nachdem er es der Öffentlichkeit zugänglich macht oder
vorenthält. Seitdem
sind beide Arten Bilder nebeneinander hergestellt worden. Anfangs überwogen
noch die einzelnen Tafelbilder, an welchen zunächst für kirchliche, sodann
für fürstliche bis bürgerliche Prunkzwecke ein großer und regelmäßiger
Bedarf vorhanden war. Dieser mußte aber notwendig zurückgehen, zunächst
seitens der Kirche, sodann auch seitens der weltlichen Käufer. Es blieben in
der Hauptsache nur noch die öffentlichen und privaten Bildersammlungen übrig,
für welche durch die Kunsthistoriker
und Kunsthändler ein äußerliches Interesse aufrechterhalten wird. Die
Wertung des Einzelwerkes, welche noch in der Zeit der Renaissance sehr
bestimmt und beständig war, wurde zunehmend unsicherer und begann sehr große
Schwankungen zu zeigen, so daß die Preise der Bilder gleich Börsenkursen,
auf und abgehen und entsprechende Spekulationen erzeugen, die mit den
inneren Kunstwerten nicht mehr im Zusammenhang stehen. Dazu kam eine sich
rapid entwickelnde Technik der Fälschungen, welche mit voller Sicherheit
bewies, daß die Kunstkennerschaft nicht über ausreichende Mittel verfügt,
Originale von Nachahmungen zu unterscheiden. Das
übliche Gerede von der unnachahmlichen und unersetzlichen persönlichen Hand des
Meisters, der gegenüber auch die beste Nachbildung wertlos sei, ist durch
diese Tatsachen so vollständig widerlegt, daß gegenwärtig kaum ein Bild
gegen Zweifel an seiner Echtheit geschützt ist. Die Verhältnisse haben eine
so beunruhigende Beschaffenheit angenommen, daß in den letzten Jahren die
Versammlungen und Besprechungen der Museumsleiter unter strengstem Ausschluß
der Öffentlichkeit haben stattfinden müssen, um eine allgemeine Panik der
Bilderbesitzer zu verhindern oder wenigstens aufzuschieben. Diese Tatsachen und manche andere
zeigen, daß die Zeit der Tafelmalerei im wesentlichen vergangen ist. Als
einziger Zweig, der noch Lebensfähigkeit besitzt, ist die Bildnismalerei
übriggeblieben, welche insbesondere für die Sitzungssäle der Verwaltungsräte
wirtschaftlicher Konzerne und andere repräsentative Räume einen laufenden
Bedarf zu decken hat. |
|
Ende Seite 2 |
|
Dieser ist aber quantitativ so gering, daß er durch etwa
ein Dutzend Künstler befriedigt werden könnte. Die
Gebrauchsgraphik. An die Stelle der Tafelmalerei ist
eine Form der bildkünstlerischen
Arbeit getreten, welche nicht ganz zutreffend unter dem Namen Gebrauchsgraphik
zusammengefaßt wird. Die Bezeichnung ist zu eng, da sie eine Beschränkung,
auf die Schwarzweißkunst andeutet. Da
gerade in unserer Zeit das Bedürfnis nach Buntfarbe sich auf das kräftigste
entwickelt hat, nachdem die Mittel zu seiner Befriedigung inzwischen von der
Technik reichlichst erzeugt worden sind, so gewinnt die Herstellung
buntfarbiger Werke mehr und mehr an Bedeutung. Gekennzeichnet ist die
Gebrauchsgraphik dadurch, daß sie von vornherein auf Vervielfältigung
eingestellt ist. Der
Hauptpunkt der gegenwärtigen Entwicklung liegt also in dem Umstande, daß das
Werk nicht mehr auf das eine, unmittelbar aus der Hand des Künstlers
hervorgegangene Exemplar beschränkt bleibt, sondern durch eines der vielen
heutigen Vervielfältigungsverfahren in hohen Auflagen, meist weit über
tausend hergestellt wird. Hierdurch erlangt das Handerzeugnis des Künstlers
die Beschaffenheit einer Vorlage, welche nicht für sich wirken soll, sondern
erst nachdem sie die Übersetzung in das Druckwerk erfahren hat. Der Künstler
wird deshalb seine Arbeit unter bewußter Rücksichtnahme auf das anzuwendende
Druckverfahren herstellen, was nach der einen Seite Beschränkung, nach der
anderen aber Befreiung bedeuten kann. Druckverfahren. Es wurde schon erwähnt, daß Holzschnitt und Kupferstich
die ersten Formen dieses Kunstgebietes waren. Schon hier machte sich bald
eine Teilung der Arbeit notwendig, da die technische Herstellung der
Druckplatte eine ganz andere Art von Kenntnis und Geschicklichkeit erfordert,
als die Zeichnung des Bildes. Am ehesten durch den Künstler selbst ausführbar
ist die Radierung. Hier zeichnet er statt mit der Feder oder dem Bleistift
mit der Nadel sein Bild in die leicht zu bearbeitende
Firnisschicht der Kupferplatte; das übrige tut die Salpetersäure. Er hat nur
die Unbequemlichkeiten zu überwinden, daß erstens das Bild spiegelverkehrt
gezeichnet werden |
|
Ende Seite 3 |
|
muß, und
daß zweitens seine Striche auf der Platte nur sehr wenig deutlich erscheinen,
so daß er lernen muß, die unmittelbare Anschauung in die stark abweichende
des ausgeführten Druckes zu übersetzen. Da dessen Aussehen ferner sehr stark
durch die Art beeinflußt wird, wie die Druckerschwärze auf der Platte
verteilt wird, übernimmt der Künstler sehr oft selbst sowohl das Ätzen wie
auch das Drucken, und dadurch gewinnen die Abzüge einen gewissen persönlichen
oder Kuriositätenwert, den man durchaus nicht mit dem Kunstwert im
eigentlichen Sinne verwechseln darf. Leider geschieht dies aber fast immer,
da hierauf die Preise beruhen, welche im Kunsthandel erzielt werden. Alle
anderen Druckverfahren sind viel weniger persönlich und erfordern die Betätigung
des Technikers nach der Arbeit des Künstlers. Durch die Einführung der
Photographie haben sie einen so hohen Grad der Vollendung erreicht, daß
nunmehr die Sachlage wie folgt geklärt ist. Der
Künstler ist heute vollkommen frei, sich jeder Technik für die Herstellung
seiner Vorlage zu bedienen, die ihm die vollkommenste Ausdrucksmöglichkeit
bietet. Er kann z. B. statt sein Bild mit der Nadel in den Firnis zu kratzen,
es mit der Feder auf Papier zeichnen, und zwar ohne es umzukehren, und kann
es so weit durchführen, daß alles darin steht, was er bringen will. Der
Techniker stellt danach eine Druckplatte her, welche der Vorlage nichts
schuldig bleibt. Die Photographie. Dies gilt zunächst für Schwarzweißzeichnungen.
Zuerst mußte hier die Vorlage aus scharfen Linien bestehen, wie eine
Radierung; inzwischen ist es auch gelungen, die Halbtöne tadellos zu drucken. Hierdurch trat freilich die
photographische Aufnahme nach der Natur als höchst gefährlicher Wettbewerber
auf. Unglücklicherweise traf dies mit einer Richtung in der Kunst zusammen,
welche die Erwerbung einer sicheren und genauen Technik als etwas Nebensächliches,
ja fast Kunstwidriges erscheinen ließ, so
daß die Photographie, die ja ohnehin in der Fähigkeit, das Material und
seine Feinheiten auszudrücken, der Handarbeit weit überlegen ist, die
Zeichnung zunehmend verdrängt. Während |
|
Ende Seite 4 |
|
früher die bebilderten Zeitschriften ausschließlich Wiedergaben
von Handzeichnungen brachten, sind sie heute fast vollständig mit
photographischen Bildern gefüllt, und man muß bekennen, daß neben diesen die
wenigen Handzeichnungen keinen guten Eindruck machen. Dies liegt vor allem daran, daß
die Photographen inzwischen gelernt haben, die besonderen Vorzüge ihrer
Technik zu betätigen, ohne wie früher eine Nachahmung der handgemalten
Bilder anzustreben. Diese neue Kunst verfügt über so unverhältnismäßig viel
reichere Möglichkeiten schönheitlicher Gestaltung, daß sie heute schon, wo
diese Entwicklung noch jung ist, den Beschauern eine unabsehbare Fülle neuer
Eindrücke aufgetan hat, an denen die Künstler vorbeigegangen waren, ohne sie
aufzunehmen. Und dazu kommt ihre mühelose Genauigkeit in Zeichnung und
Lichtführung, welche viele Erzeugnisse der Künstlerhand in solcher Richtung
dürftig und unzulänglich erscheinen läßt. Erst die Photographie hat uns u.
a. gelehrt, das Grau der Flächen als geschlossene Farbe zu empfinden. Die übliche Rede, daß die tote
Kamera niemals die künstlerische Hand ersetzen würde, wird zwar noch heute
eifrig wiederholt, man verliert aber innerlich immer mehr den Glauben an sie.
Vielmehr empfindet man umgekehrt, daß die Hand des Künstlers niemals die
Schönheiten ausdrücken kann, welche eine gute Aufnahme in der Feinheit der
Zeichnung, in der Kennzeichnung des Materials, in dem Spiel des Lichts dem
entzückten Auge schenkt. Und je allgemeiner und sicherer der Lichtbildner
lernt, sich der Kamera zu bedienen, um so reicher wird der Schatz der
Schönheit, der nun auch der breiten Masse zugänglich wird. Die Farbe.
In einer
Beziehung jedoch ist die Photographie noch sehr rückständig und wird es
voraussichtlich noch lange bleiben: es ist die Farbe. Die übliche Lehre, die
dem photographischen Farbendruck zugrunde liegt, daß alle Farben sich durch
Mischung aus drei Grundfarben sollen herstellen lassen, ist falsch. Es hat
noch nie jemand einen reinen Farbenkreis nach dem Dreifarbenverfahren
wiedergeben können, und seit einiger Zeit ist auch die Ursache dafür bekannt
geworden. |
|
Ende Seite 5 |
|
Aber gesetzt auch,
dieser Mangel wird überwunden - welche technische Aufgabe wäre heute
unlösbar! -, so besteht doch kein Zweifel, daß die getreue Wiedergabe der
natürlichen Farben noch kein Kunstwerk sein wird, ebensowenig wie die getreue
Wiedergabe der Formen es war. Erst wenn die einen und die anderen in einem
gesetzlichen Zusammenhang stehen, kann Schönheit erzielt werden. In solchem
Sinne haben die Lichtbildner in fast hundertjähriger Arbeit endlich Form und
Licht einigermaßen beherrschen gelernt. Bis es ihnen aber gelingt, unter den
tausend gleichgültigen Farbwirkungen in der Natur die künstlerisch wirksame
festzuhalten und sie mit guten Formen zu vereinigen, wird voraussichtlich
nicht viel weniger Zeit nötig sein. Inzwischen steht dem Künstler dieses
Gebiet konkurrenzfrei offen: Neue Sachlage. Hierzu kommt noch ein einzigartiger Umstand
von sehr weitreichender Bedeutung. Während die Hauptgesetze der Tonlehre
auf Grund der Messung der Tonhöhen schon den Griechen vor 25 Jahrhunderten
bekannt waren und die Entwicklung der Tonkunst zu der wunderbaren Höhe ermöglichten,
die sie gegenwärtig einnimmt, sind entsprechende Grundgesetze der Farbe erst
im gegenwärtigen Jahrhundert entdeckt worden und haben deren Festlegung nach
Zahl und Maß möglich gemacht. Die ganze Entwicklung, mit welcher die Tonkunst
zweieinhalb Jahrtausende ausgefüllt hat, steht der Lichtkunst noch bevor. Es
ist daher unmöglich vorauszusehen, welche Formen die künftige Lichtkunst
annehmen wird. Sicher ist nur, daß dabei ein weit ausgiebigeres Handhaben
der Farbe in allen ihren Erscheinungsformen eintreten wird. Eine Anleitung
zu technischer Beherrschung des mannigfaltigen Farbenmaterials ist daher
nicht nur für die Kunstmaler von Bedeutung, sondern einfach für jedermann,
wie Lesen und Schreiben heute eine selbstverständliche Fertigkeit ist,
nachdem es im Mittelalter eine seltene und geheimnisvolle Kunst gewesen war. |
|
Ende Seite 6 |
|
|