SECHSTES KAPITEL.

 

Einstellung gestufter Farben.

 

Allgemeines. Wir wenden uns nun zu einem besonders wichtigen Abschnitt der Maltechnik, der Herstellung von Mischungen. Die Anzahl der Farben, die wir in unserer Umwelt unterscheiden können, beträgt eine bis zehn Millionen. Es kann also nicht die Rede davon sein, für jede Farbe, die wir darstellen wollen, einen besonderen Farbstoff zu benutzen, denn weder gibt es so viele, noch könnte ein Maler sie handhaben. Die Tatsache aber, daß man durch Vermischung zweier Farb­stoffe verschiedener Farbe sehr viele neue Farben herstellen kann, welche einen stetigen Übergang zwischen den Endpunkten der reinen Farbstoffe bilden, zeigt den Weg, wie man mit wenigen Farb­stoffen sicher einen großen Teil, viel­leicht gar die Gesamt­heit aller Farben nachbilden kann. Dieser Weg läßt sich mit Sicher­heit nur beschreiten, wenn man als Führer eine allgemeine, wissenschaft­lich folgerichtige und praktisch bewährte Farben­lehre benutzen kann. Alle Maler werden mit mir einig darin sein, daß das, was sie als Farbenlehre ih­rerzeit gelernt hatten, ihnen keineswegs wirkliche Klarheit über die Frage des Mischens ge­bracht hat. Und sie hätten sie so bitter nötig; bringen sie doch (S. 13) bei weitem den größten Teil ihrer Arbeitszeit mit Mischen zu.

Ich bin in der glücklichen Lage mitteilen zu können, daß alle diese Mängel der Ver­gangenheit angehören. Es gibt seit einem Jahrzehnt eine allseitig erprobte und gesi­cherte Farbenlehre, welche nicht nur das Problem des Mischens, son­dern noch viele andere nicht minder wichtige, ja noch wichtigere Aufgaben zu lö­sen ermöglicht. Es ist daher ganz natürlich, daß daraus eine neue und wesentlich veränderte Stellung des Künstlers in der gesamten Handhabung der Farbe, der technischen wie der künstleri­schen hervorgehen muß. In den vorangegangenen Kapiteln konnte und mußte immer wieder auf diese Malerei der Zukunft hingewie­sen werden. Nun handelt es sich darum, sich die neuen Kenntnisse und Ord­nungsmittel anzueignen. Ich darf vorausschicken, daß dies erstaunlich leicht ist, so leicht

 

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und dabei so klar und förderlich, daß selbst recht junge Kinder sich mit drängendem Eifer dahinein vertiefen.

Unbunte und bunte Farben. Zu allererst teilen wir das ganze Gebiet der Farben in die beiden Klassen der unbunten: Weiß, Grau, Schwarz, und der bunten: Gelb, Rot, Blau, Grün usw. Aus der Entwicklungsgeschichte wissen wir, daß alles Sehen, auch beim Menschen, damit angefangen hat, daß nur die un­bunten Farben unterschieden wurden. Die Welt sah damals aus, wie eine Photographie: Hell und Dunkel mit den Über­gängen waren die einzige Mannigfaltigkeit, die wahrgenommen wurde. Der Reiz der Buntfarbe, der heute für uns so stark in den Vordergrund tritt, fehlte damals ganz und gar. Da diese graue Farbwelt sehr viel einfacher ist, als die bunte, beginnen wir natürlich mit ihrer Untersuchung und Be­schreibung.

Zuerst ist noch ein Wort über die alte Frage zu sagen, ob denn Weiß, Grau, Schwarz überhaupt Farben sind. Dem Maler kommt eine solche Frage albern vor, denn er hat Weiß und Schwarz ebenso auf seiner Palette, wie Rot und Grün. Tatsächlich sind es vorwiegend Philosophen gewesen, welche die Frage gestellt und verneint haben. Sieht man näher zu, so ist es eine Frage der Namengebung, nämlich ob wir Weiß und Schwarz Farben nennen wollen oder nicht. Da dafür alles spricht und nichts dagegen (was dagegen angeführt wird, be­ruht auf Willkür), so erledigen wir die Sache kurzerhand mit der Erklärung, daß wir auch Weiß, Grau, Schwarz, Farben nennen wollen.

Ordnen. Was die Ordnung dieses Gebietes anlangt, so ist sie sehr einfach. Vom Weiß ab lassen sich alle grauen Farben stetig aneinander reihen, bis wir zum Schwarz gelangen. Es ist also eine Ordnung ganz ähnlich der der Tonreihe, die vom höchsten Ton bis zum tiefsten durch stetige Übergänge führt. Nur sind in der Reihe der unbunten Farben Weiß und Schwarz bestimmte Punkte, was man vom höchsten und tiefsten Ton nicht sagen kann, und außerdem fehlt bei den unbunten Farben die Einteilung in gleich­artige natürliche Abschnitte, die Oktaven, welche für die Töne kennzeichnend ist.

 

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Da nach dem Mischungsgesetz aus den Endfarben alle Zwischenfarben hergestellt werden können, so folgt, daß man aus Weiß und Schwarz alle Grau. mischen kann.

Mischen. Nachstehend soll das Mischen von Farbstoffen be­schrieben werden, soweit es für unsere praktischen Zwecke nötig ist.

Es handelt sich hierbei ausschließlich um das Mischen trockener Pulver. Im Großen dienen dazu Mischtrommeln, Kollergänge und ähnliche Maschinen. Für uns genügen sehr einfache Geräte.

Zunächst brauchen wir einige Schüsseln mit abgerundetem, am besten halbkugel­förmigen Innenraum aus Ton, Porzellan oder Eisen von 1/4 bis 2 Liter Inhalt. Ferner zwei oder drei Reibkeulen, am besten aus hartem Holz, die zu den Schüsseln passen. End­lich eine einfache Waage. Für die meisten Zwecke reicht eine Briefwaage mit zwei Ein­stellungen etwa von 1 bis 25 g und 1 bis 250 g. Einige Blechlöffel machen den Be­schluß.

Man gewöhnt sich daran, alle Mischungen nach Gewicht vorzunehmen. Hat man, was oft vorkommt, die Menge eines Zusatzes erst durch Probieren festzustellen, so wägt man eine größere Menge ab, als man voraussichtlich brauchen wird, nimmt daraus den Zusatz nach Bedarf und wägt den Rest von neuem; der Unterschied ergibt die ver­brauchte Menge.

Alle Gewichte werden in Grammen (g) aufgeschrieben; andere wie Pfund oder Ki­logramm kommen nicht vor.

Die abgewogenen Bestandteile werden in eine der Schüsseln geschüttet und mit der Keule ohne starken Druck verrieben, bis das Ganze gleichförmig aussieht, was meist in einigen Minuten gelingt. Farbstoffe in Stücken kaufe man am besten gar nicht. Kann man es nicht vermeiden, so muß man sie in kleinen Mengen in einer Reibschale aus Porzellan mit ebensolchem Pistill sorgfältig pulvern, ehe man sie zum Mischen be­nutzt. Niemals füge man die Brocken zu einer größeren Menge pulver­förmiger Be­standteile, weil man alsdann sehr lange reiben müßte, um sie zu zerteilen. Mischen kann man beliebig große Mengen; pulvern gelingt am besten an kleinen Anteilen.

 

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Die gemischten Pulver bewahrt man am saubersten in weit­mündigen Glasgefäßen auf; Opodeldokgläser sind dazu gut brauchbar. Meist wird man es mit Mengen von 20 bis 50g zu tun haben, die sehr lange reichen. Denn zu den Vorzügen der neuen Technik gehört, daß man erstaunlich sparsam arbeiten kann. Man läuft nie Gefahr, beim Mischen unversehens viel zu viel Tünche zu machen, denn man lernt schnell, die Mengen abzu­schätzen, die man von dem vorgemischten Pulver zu nehmen hat. Und hat man zu wenig malfertig gemacht, so braucht man eben nur eine neue Portion fertiges Pulver anzuma­chen, ohne Zeit mit dem genauen Nachmischen verlieren zu müssen.

Auf die Gläser werden Zettel geklebt, die am besten die Mischungsvorschrift des Inhaltes unter der methodischen Be­zeichnung enthalten, die später beschrieben werden wird. Da­durch ist man in der Lage, jede einzelne Mischung bei Bedarf zu ergänzen, ohne erst die Hefte oder Tafeln nachschlagen zu müssen, in denen man die Vorschriften wohlgeordnet aufgeschrieben hat.

Statt der Gläser kann man auch papierene Hülsen oder Käst­chen benutzen, die man sich aus Zeichenpapier von entbehrlich gewordenen Zeichnungen klebt. Am zweckmäßigsten sind vierseitige Dosen, höher als breit, z. B. 3cm breit und 10 cm hoch. Das Kleben geschieht über einem hölzernen Kern von entsprechender Gestalt. Man streicht an den gefüllten Dosen mit dem Inhalt oben einen Rand von 1 cm Breite an, da­mit man ihn auf einen Blick erkennen kann. Ein Verschluß ist nicht nötig; man deckt au­ßerhalb der Arbeitszeit einen allgemeinen Deckel aus Pappe über die Sammlung.

Abstufungen. Nachfolgend sollen zwei Ordnungen der Farb­mischungen beschrie­ben werden. Die erste ist einfach aus­zuführen, gestattet annähernd, alle nötig werden­den Mischungen in Vorrat herzustellen, ist aber insgesamt nur eine ungefähre Skizze der eigentlichen, genauen oder wissenschaftlichen Ord­nung. Sie hat den Zweck, den Künstler auf Wegen, die er bis­her schon gelegentlich gegangen ist, mit den Grundge­danken der neuen Fortschritte vertraut zu machen und reicht für praktische Zwecke aus. Auch wer später an die schwierigere

 

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genaue Einstellarbeit gehen will, tut gut, als Vorarbeit jene einfachere Einstellung einmal durchzuführen.

Viele Künstler werden sich nämlich mit der einfachen Ord­nung begnügen, weil sie bereits eine sehr große Verbesserung gegenüber dem bisherigen Zustand darstellt, der ja seit Jahr­tausenden keinen grundsätzlichen Fortschritt erfahren hat. Sie können nun schon viel schnellere und bessere Arbeit leisten, als bisher und empfinden keinen Drang, darüber hinaus zu gelangen.

Die anderen, wenigen werden sich sagen: wenn schon die grobe Annäherung an die wissenschaftliche Ordnung so große Verbesserungen bewirkt, wie groß werden sie erst bei ge­nauem Anschluß werden! Also wollen wir uns die Mühe nicht verdrießen lassen und uns so viel von der neuen Farben­lehre aneignen, als sich mit unserer künstle­rischen Hauptaufgabe nur vereinigen läßt.

Die graue Reihe. Es liegt zunächst die Aufgabe vor, regel­mäßige Abstufungen der grauen Mischungen herzustellen, so daß im ganzen Gebiet ein etwa nötig werdendes Grau in aus­reichender Annäherung vorhanden ist. Dies geschieht auf ganz dieselbe Weise, wie man die Abstufungen der Pastellstifte her­zustellen pflegt, nämlich durch stufenweise Verdünnung jedes­mal auf die Hälfte.

Als Ausgangsmaterial dienen Litopon und Rebschwarz. Da ihre Mischung immer ausgeprägt bläulich aussieht, so fügt man dunklen Goldocker zu. Aus 100 g Litopon, 100 g Reb­schwarz und 25 g Goldocker entsteht so ein annähernd neutrales Schwarz­grau. Mit der genauen Einstellung wollen wir uns vorläufig nicht aufhalten.

Die Mischung wird nun zu gleichen Teilen mit Litopon gemischt; dies ergibt die nächst hellere Stufe. Man nimmt z. B. 50g Mischung und 50g Litopon. Ebenso wird dies hellere Grau hieraus mit gleichviel Litopon (50g + 50g) ge­mischt, von dieser Mischung wieder 50 g mit 50 g Litopon eine hellere Stufe gemacht und so fort, bis man in die Nähe von Weiß gelangt ist. Meist wird dies die sechste oder siebente Mischung sein. Sie muß sich noch gut und auf den ersten Blick

 

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vom reinen Weiß unterscheiden und ungefähr wie das mit c bezeichnete Feld in der Graureihe auf Tafel I aussehen.

Die Mischungen haben also einen Gehalt von 1/2 1/4, 1/8, 1/16 1/32, 1/64 der Neutralmi­schung. Sie werden nun numeriert. Reines Weiß (ungemischtes Litopon) erhält die Nummer 0, die hellste, lichtgraue Mischung Nummer 1 und so fort bis zur Neutralmi­schung aus gleichen Teilen Rebschwarz und Litopon mit 1/4 Ocker. Um die Reihe nach dem dunklen Ende zu er­gänzen, wird diese Mischung nun mit einer gleichen Menge Rebschwarz gemischt und ergibt die nächste Stufe; reines Rebschwarz macht den Be­schluß. Es wird die Nummer 8 oder 9 sein.

Die bunten Farben. Mit jedem beliebigen bunten Farbstoff, den man verwenden will, kommt man noch etwas einfacher zustande, weil das anfängliche Einstellen auf Neutralgrau weg­fällt. Man nimmt also z. B. 50g Ultramarin, mischt es mit 50g Litopon und hat die Mischung 1/2 U. Davon 50g mit 50g Litopon ergibt 1/4 U und so fort. Man wird 7 oder 8 Stufen herstellen (1/128 U, 1/256 U), bis man die blasse letzte Stufe erreicht.

Hierbei bereitet die Frage eine gewisse Schwierigkeit, bei welcher hellen Stufe man mit der Verdünnung aufhören soll, da von dort die Nummern rückwärts gezählt wer­den müssen. Man kann nämlich nicht etwa umgekehrt vom reinen Farbstoff ab zählen, wie es am nächsten zu liegen scheint, weil die ver­schiedenen Farbstoffe sehr verschie­dene Ausgiebigkeit oder Tiefe haben und alsdann Farben von sehr ungleicher Valör gleiche Nummern bekommen würden. Umgekehrt haben die hellen Mischungen, an de­nen man eben noch gut den Farbton erkennen kann, gleiche Valör und können daher als Ausgangs­punkte der Bezeichnung dienen.

Um diese Schwierigkeit zu heben, finden sich auf Tafel I die acht Hauptfarben in solcher hellster Aufmischung angegeben, daß sie alle genau gleiche Valör haben. Man achtet also bei der Herstellung der Verdünnungen mit Weiß darauf, daß man auf­hört, wenn man der entsprechenden Farbe nahegekommen ist. Gleichheit kann man natürlich nicht erwarten; man hört bei jener Verdünnung auf, welche eben etwas heller erscheinen

 

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will, als die Farbe der Tafel. Im allgemeinen wird auch der Farbton Gelb, Kreß, Rot usw. mit dem Pulver nicht genau stimmen, doch wird man immer einen unter ihnen antreffen, der genügend nahe steht.

Auf solche Weise fertigt man sich Mischreihen von allen acht Hauptfarben Gelb, Kreß, Rot, Veil, Ublau, Eisblau, Seegrün, Laubgrün. Da man jederzeit einen neuen Farbstoff in etwa einer Viertelstunde bearbeiten kann, so nimmt man zunächst nur die billigsten, etwa Zinkgelb, Chromorange, Ocker, Englisch Rot, Kaput mortuum, Signalrot, Ultramarinviolett und -blau, Preu­ßischblau, dunkelgrünen Zinnober, Zinkgrün.

Die Mischungen werden mit den Anfangsbuchstaben des Namens (Z = Zinkgelb, Cg = Chromgelb, Co = Chrom­orange usw.) und einer Ordnungszahl bezeichnet, welche von der hellsten Mischung abwärts gerechnet wird. So bedeutet etwa E 1, die hellste Mischung von Englisch Rot, Uv 3 die dritt­hellste Ultramarinviolett usw.

Die trüben Farben. Man erhält auf diesem Wege eine Sammlung eingestellter Far­ben, die ganz ähnlich wie die käuflichen Pastell­stifte abgestuft sind. Bei jedem Versuch, damit zu malen, wird man aber gewahr, daß eine Unzahl notwendiger Farben fehlt, näm­lich alle trüben oder gebrochenen. Der verstorbene vorzügliche Pastellkünstler Anton Klamroth pflegte überall die Läden mit Malsachen abzusuchen, und kaufte alles auf, was er von trübfarbigen Pastellstiften finden konnte, so sehr vermißte er sie unter der Arbeit.

Wir haben uns also die Frage zu stellen, wie wir eine hin­reichend vollständige Sammlung trüber Mischungen herstellen können.

Die allgemeine Vorschrift ist: man mischt die ent­sprechende klare Farbe mit wert­gleichem Grau. Die Erklärung des Begriffes wertgleich wird weiter unten ge­geben wer­den. Vorläufig betrachten wir die Stufen gleicher Nummer als wertgleich:

Im einzelnen verfährt man wie folgt.

Die hellsten Mischungen aller Art mit der Nummer 1 be­dürfen im allgemeinen keiner Trübung oder Brechung. Sollte

 

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ausnahmsweise eine solche erwünscht sein, so erhält man sie durch Zumischung von Grau 1.

Klare Mischungen der Stufe 2 werden mit Grau 2 zu gleichen Teilen gebrochen. Diese eine Zwischenstufe genügt. Man stellt je eine solche Michung aus allen Farbstof­fen her.

Von der Stufe 3 werden zwei gebrochene Mischungen her­gestellt. Man macht die trübere aus gleichen Teilen Farbstoff 3 und Grau 3. Für die klarere werden von der trü­ben Mischung und dem ungetrübten Farbstoff der Stufe 3 gleiche Teile ge­

nommen, so daß die fertige Mischung 3/4 Farbstoff 3 und 1/4 Grau enthält.

Stufe 4 muß drei trübe Zwischenstufen erhalten. Zunächst gleiche Mengen Farb­stoff 4 und Grau 4, so­dann gleiche Mengen von dieser Mischung und Farbstoff 4 und endlich wieder gleiche Mengen aus dieser letz­ten Mischung und Farbstoff 4.

In gleicher Weise

fährt man fort. Jede farbreichere Mischung braucht eine trübe Zwischenstufe mehr als die vorige.

Man kann die ganze Arbeit an Bild 1 übersehen. Nach der einen Richtung sind die Graustufen, nach der anderen die Farb­stoffstufen abgetragen, und die wagerechte Reihe zwischen je zwei gleichen Nummern stellt die trüben Mischungen dar. Die einge­schriebenen Brüche geben die Menge des Grau in dem Mischungs­verhältnis an. Man sieht, daß der größte Anteil Grau 1/2 beträgt und daß er um so kleiner wird, je länger die Zwischenreihe ist, d. h. je größer die Nummer der Ausgangsmischungen wird.

 

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Herstellung von Übersichtskarten. Sobald man einen Farbstoff wie beschrieben bear­beitet hat, richtet man aus den erzeugten Abstufungen eine Farbkarte her. Dazu zeich­net man ein Netz nach dem Bild 1 vergrößert (etwa 3 cm Maschen­weite) auf Papier und füllt die Felder mit Tünchen aus den Pulvern und Sichelleimlösung entsprechend der Vorschrift des Schemas aus. Man erhält ein höchst gewinnend aus­sehendes Gesamt­bild aller Abkömmlinge des Farbstoffes, das man eingehend und wiederholt studiert. Vor allen Dingen erkennt man, wie neben der unbunten linken Reihe sich parallele Rei­hen von Farben anordnen, die von Reihe zu Reihe reiner werden. Innerhalb der Reihe ändert sich die Reinheit nicht, die Farben werde nur zunehmend dunkler und bilden un­gefähr eine Schattenreihe. Später wird die Herstellung genauer Schattenreihen be­schrieben werden.

Diese Übersichtskarten sind nicht nur ein Hilfsmittel der Ordnung, sondern noch mehr eines des Studiums. Der Künstler kann nicht oft genug sein Auge über ihre Felder führen, da sie ihm die Möglichkeiten der Abwandlung eines jeden Farbstoffes erschöp­fend vor Augen legen und ihn zahllose gebrochene Farben kennen lehren, denen er bis­her nie begegnet war. Nun sind sie geistig wie technisch sein Eigen geworden und ste­hen ihm für sein Werk zur freien Verfügung.

Wenn er seine Mischungen auch für Öl- und Lackmalerei verwenden will (was drin­gend anzuraten ist), so muß er sich auch Tafeln mit diesem Bindemittel herstellen; als Unterlage benutzt er am bequemsten Pergamentpapier. Wie zu erwarten fallen dabei die Farben tiefer aus. Doch bewahren sie ihr gegen­seitiges Verhältnis, so daß das, was man in der einen Technik gelernt hat, auch der anderen zugute kommt.

Einschaltung von Farbtönen. Malt man einen Farbkreis von den oben angegebenen Farbstoffen und vergleicht ihn mit dem normalen auf Tafel 1, so erkennt man, daß große und unregelmäßige Lücken vorhanden sind, namentlich im blauen und grünen Gebiet. Es wäre bei der vorliegenden

 

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groben Arbeit unzweckmäßig, die Einstellung aller 24 Nor­men anzustreben; es genügt, die Lücken einigermaßen auszu­füllen.

So sind z. B. die laubgrünen Farben, die man in der Land­schafts- und Blumenmale­rei so notwendig braucht, allzu spär­lich vertreten. Man geht so vor, daß man aus den zwei Farben, welche eine Lücke beiderseits begrenzen, eine Mischfarbe herstellt, die dann annähernd in die Mitte der Lücke eintreten wird.

Hierbei ist folgende Regel auf, das strengste einzuhalten: es werden nur benach­barte Farben gleicher Nummer oder gleicher Stellung in der allgemeinen Mischungstafel Bild 1 gemischt, und zwar auch zunächst zu gleichen Teilen. Also z. B. nur reines Zink­gelb Mischung 4 mit reinem Zinkgrün Mischung 4 usw. Die entstehende Mischfarbe ge­hört dann gleichfalls an dieselbe Stelle der Mischungstafel, erhält die Nummer 4 und fügt sich der allgemeinen Ordnung ein.

Solche Mischungen halb und halb werden mit allen gleichartigen Paaren vorge­nommen, die man aus den Ab­mischungen von Zinkgelb und Zinkgrün zusammenstellen kann. Das Ergebnis ist eine Gruppe abgestufter Farben von solcher Beschaffenheit, als wäre man von einem reinen Farbstoff ausgegangen, dessen Farbton in der Mitte liegt, mit allen zugehörigen gebrochenen oder trüben Abkömm­lingen. Man malt auch hiermit eine Farbentafel aus.

Auf solche Weise füllt man alle großen Lücken der Farb­töne aus. Sind hernach noch allzu große Abstände nach­geblieben, so kann man wieder in der eben beschriebenen Weise einen Zwischenton einschalten, wobei es gleichgültig ist, ob dazu die Abkömm­linge reiner Farbstoffe verwendet werden, oder Farbtonmischungen, die man zur Aus­füllung, wie eben beschrieben, eingeschaltet hat.

Es hängt von den Bedürfnissen des Künstlers ab, wie weit er nach dieser Richtung die Feinheit der Abstufungen treiben will. Anfangs wird er sich mit größeren Abständen begnügen; später wird er nach und nach Zwischenfarben einschalten, was ja immer ohne Störung der vorhandenen Ordnung möglich

 

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ist. Jeder Künstler muß so oft lange Tage auf die glückliche Stunde der schöpferischen Arbeit warten, daß es ihm willkommen sein wird, die Zwischenzeiten mit der Verfeine­rung seines Werk­zeuges auszufüllen.

Überblick. Nachdem diese Arbeit in einigem Umfange ge­leistet ist, kann der Künstler feststellen, daß er nunmehr das ganze Gebiet aller möglichen Farben restlos beherrscht. Er kann sich keine Farbe ausdenken, die er nicht in seiner Sammlung fertig gemischt vorfindet. Dagegen findet er umgekehrt in ihr sehr vieles vor, was ihm vorher nicht bekannt oder nicht geläufig gewesen war. Dadurch wird er wunderbar frei in der farbigen Gestaltung neuer Bildgedanken und ihrer Ausführung und gewahrt, wie be­schränkt durch das bisherige Malverfahren die Farbgebung des Werkes zu bleiben pflegte, weil man un­willkürlich die fertig vorhandenen Farben bevorzugt hatte. Ferner ist er technisch sehr vielseitig vorbereitet. Er kann die vorgemischten Pulver mit Alaunleim, Sichelleim, Stärkekleister als Deckwassertünchen anwenden, kann sie mit jeder belie­bigen Tempera binden und kann durch Anmischen mit Lein- oder Mohnöl, Mallack oder irgendeinem anderen Bindemittel dieser Klasse Ölbilder herstellen. jedesmal hat er die ganze Skala aller denkbaren Mischungen, die er für sein Werk etwa ge­brauchen könnte, fertig in seiner Sammlung und verbraucht zum Anmachen nicht mehr Zeit, als mit Aufset­zen von Tuben­tünchen.

Die große Bequemlichkeit und Freiheit, der sich bisher nur der Pastellmaler (und auch dieser keineswegs überall) erfreuen konnte, findet er nun auf alle anderen Techni­ken übertragen und zu einer großen Vollkommenheit entwickelt. Kurz: er kann seinem Genius frei die Zügel schießen lassen, und dieser wird nirgends durch ein technisches Hindernis gestört oder eingeschränkt.

 

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