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Die
Zukunft der Kunst |
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Von
Wilhelm Ostwald † |
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Der unlängst verstorbene Gelehrte stellte uns diesen
Artikel kurz vor seinem Tode zur Verfügung. Darin entwirft er ein
beachtenswertes Zukunftsbild, in dem er den Künsten eine bedeutsame Rolle
einräumt. |
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Unter den verworrenen Verhältnissen, die in Europa und
darüber hinaus durch den kurzsichtigen „Frieden“ von Versailles
hervorgebracht worden sind, leiden in besonderem Maße die Künste. Der Verkauf
der Bücher, vor allem der literarischen, hat sehr nachgelassen, Gemälde
erwirbt kaum ein Mensch mehr, Theater wie Konzertsäle bleiben oft leer, so
dass die Männer und Frauen, die ihr Leben der Kunst gewidmet haben, mit den
schwersten Sorgen in die Zukunft sehen müssen, einige wenige besonders
berühmte ausgenommen. Deuten die gegenwärtigen Verhältnisse nicht auf einen
unmittelbar bevorstehenden allgemeinen Verfall aller Künste hin? Ich glaube nachweisen zu können, dass dieser gegenwärtige
Zustand vorübergehen muß und wird, und dass in nicht ferner Zeit vielmehr die
Künste eine viel größere soziale Wichtigkeit gewinnen werden, als sie je
vorher innehatten. Freilich nur unter der Voraussetzung, dass auch die
Künstler die soziale Seite ihres Berufes erkennen und sie bei ihrer
schöpferischen Tätigkeit viel mehr in den Vordergrund treten lassen, als dies
bisher zu geschehen pflegte. Die Ursache dieser bevorstehenden Blüte der Kunst liegt in
der außerordentlich schnellen Entwicklung der Technik im 20. Jahrhundert.
Sie hat den Menschen die Arbeit mehr und mehr aus der Hand genommen. Zunächst
die grobe Muskelarbeit: die gesamte Kraft der anderthalb bis zwei Milliarden
Menschen, die zur Zeit die Erde bewohnen, würde nur einen kleinen Bruchteil
der heute tätigen Maschinen in Bewegung halten können. Sodann aber auch immer
feinere und schwierigere Arbeit, falls sie nur von solcher Art ist, dass sie
sich viele tausend Male in gleicher Form wiederholt. Die Funktion des
Arbeiters beschränkt sich mehr und mehr darauf, dort einzuspringen, wo die
Maschine zufolge einer Unregelmäßigkeit zeitweise versagt, und diese zu beseitigen;
dann nimmt die Maschine ihre regelmäßige Arbeit wieder auf. Und je
vollkommener sie wird, um so seltener bedarf sie solcher Hilfe. Aus dieser Entwicklung ergibt sich unvermeidlich: immer
weniger und weniger Menschen sind notwendig, die Güter zu erzeugen, die sie
zu ihrem Leben und zu ihrem Behagen brauchen. Während noch vor ganz kurzer
Zeit auf das heftigste um eine Verkürzung der Arbeitszeit gekämpft wurde, Nr. 4545, Seite 444 Ende
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Ist sie nun durch die Entwicklung der Technik unmittelbar
erzielt worden. Der Achtstundentag wird sich wahrscheinlich noch verkürzen,
ja, es lässt sich noch nicht absehen, wo dieser Vorgang haltmachen wird.
Unter allen Umständen wird aber die Abkürzung der beruflichen Arbeitszeit
der Menschheit eine nie geahnte Fülle freier Zeit bringen. Dies wird wieder
eine vollständige Umwandlung der sozialen Umstände bedingen. Es lässt sich
schon jetzt voraussagen, dass sie im Sinne der Auflösung der Großstädte und
der Ausgestaltung der Gartensiedlung erfolgen wird. Die Großstädte sind zu
einer Zeit entstanden, als die Mittel des Verkehrs der Menschen ebenso wie
der Energie noch nicht entwickelt waren. Die Dampfmaschine konnte mit Riemen
und Transmissionen nur kleine Räume beherrschen: somit mussten die Arbeiter
zusammengepfercht werden. Heute gestattet die Elektrizität als Mädchen für
alles eine fast beliebige Lockerung der Betriebe, und die Normung ermöglicht
eine sehr weitgehende räumliche und zeitliche Unterteilung des Werkes.
Heimarbeit wird in weitem Umfange möglich; sie wird aber nur wenige Stunden
täglich in Anspruch nehmen. Garten- und Hausarbeit wird einen Teil der freien
Zeit ausfüllen. Wir wollen hier nicht im einzelnen darlegen, wie viel
glücklicher sich ein solches Darsein gestalten wird, wenn erst die schweren
Übergangsjahre überwunden sein werden. Sondern es soll die große Frage
berührt werden, welcher gute und wertvolle Inhalt für die freie Zeit gefunden
werden kann. Hierauf ist nur eine Antwort erkennbar: die Kunst allein kann
einen solchen Inhalt geben. Allerdings nicht nur die „hohe“ Kunst, die wegen
des immer einigermaßen beschränkten Kreises ihrer Liebhaber oft genug bedenklich
künstlich zu werden droht. Sondern eine reiche und mannigfaltige Kunst, dass
sie jedem eine Gabe zu bringen vermag, die ihn erfreut und beglückt. In der
Tonkunst haben Mozart und Schubert solche Ziele erreicht, und jeder mag sich
in den anderen Künsten nach ähnlichen Meistern umsehen. Ungern versage ich mir eine Schilderung der freudevollen
Möglichkeiten, die sich hier auftun, namentlich wenn man die fast
unbegrenzten Mittel der heutigen Technik in den Dienst dieser schönen Aufgabe
gestellt denkt. Das ist die Zukunft der Kunst. Sie kann größer und
bedeutsamer kaum gedacht werden. Nr. 4545, Seite 444 Ende
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