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Sitzungsberichte
der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften V. Gesammtsitzung 2. Februar 1905 |
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Ikonoskopische
Studien. Von W. OSTWALD |
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1.
Mikroskopischer Nachweis der einfachen Bindemittel. |
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PETTENKOFER berichtet in seiner
grundlegenden Schrift »Über Ölfarbe«, daß der weißliche Beschlag, der sich
auf vielen in der Kgl. Bayrischen Gemäldegalerie zu Schleißheim aufbewahrten
Ölgemälden eingestellt hatte, zuerst für Schimmel gehalten worden sei; eine
Untersuchung des Prof. RADLKOFER, die zweifellos auf mikroskopischem Wege
vorgenommen wurde, erwies indessen bald, daß die Erscheinung »nicht im
geringsten mit der Bildung organisierter Produkte zusammenhing«. Seit jener
Untersuchung mit negativem Befunde scheint nicht wieder ein Gemälde unter
das Mikroskop gebracht worden zu sein. Mich hatte bereits beim ersten Lesen jener Bemerkung der
Gedanke beschäftigt, daß man an einem Gemälde mittels dieses Instrumentes
erheblich mehr sehen könnte als die Abwesenheit von Schimmel, insbesondere
wenn man Querschnitte durch die übereinandergelagerten Gründe und
Farbschichten der Untersuchung unterzöge. Es gelang mir indessen nicht, einen
der mikroskopischen Technik Kundigen für die Angelegenheit zu interessieren,
und nachdem ich von anderer Seite begonnen hatte, den hier vorhandenen Problemen
meine Aufmerksamkeit zu widmen, kam ich bald zu dem Entschlusse, die
vielversprechende Arbeit selbst vorzunehmen. Unter tätiger Hilfe meines
Freundes Prof. WILHELM PFEFFER, dem ich auch hier meinen Dank dafür sage,
erwarb ich mir die erforderlichen Fertigkeiten und nachstehend seien die
ersten Ergebnisse der vorgenommenen Untersuchungen mitgeteilt. Die Aufgabe ist, an einer
vorgelegten Probe eines beliebigen Gemäldes dessen Technik mittels
unzweideutiger Kennzeichen zu ermitteln. Unter »Technik« ist hier die Gesamtheit
der materiellen Operationen verstanden, welche für die Herstellung des Bildes
ausgeführt worden sind. Diese kennzeichnen sich als ebensoviele
übereinandergelagerte Schichten aus den angewendeten Substanzen. Und zwar
wird man im allgemeinen vier Hauptschichten unterscheiden können (die
allerdings nicht immer alle vertreten zu sein (Ende Seite 167) |
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brauchen), nämlich den Bildträger, den Malgrund, die
Bildschicht, d.h. die Farben mit ihrem Bindemittel und endlich die Schutzschicht
(Firnis, Glas u. dgl.), welche die darunter liegende Bildschicht gegen
mechanische und andere Schädigungen zu schützen bestimmt ist. Der Bildträger dient dazu, die mechanische Unterlage für
die Herstellung des Bildes abzugeben, und hat daher in erster Linie die
Aufgabe mechanischer Festigkeit und Dauerhaftigkeit zu erfüllen. Seine Erkennung macht im allgemeinen nicht die
geringsten Schwierigkeiten, da man seine Beschaffenheit in den meisten Fällen
durch die Betrachtung der Rückseite des Bildes feststellen kann. Wo die
Rückseite nicht zugänglich ist, wie bei Wandgemälden, ist die Auskunft meist
durch die Bauart der Wand gegeben. Unter fast allen Umständen pflegt der
bloße Anblick, nötigenfalls an einer zu diesem Zwecke freigelegten Stelle
des Bildes, und in etwas zweifelhafteren Fällen eine einfache chemische
Analyse endgültige Auskunft zu geben. Viel größere Schwierigkeiten machen die beiden folgenden
Schichten, der Malgrund und die Bildschicht. Ersterer ist fast immer,
letztere großenteils (nämlich bis auf die oberste Schicht) dem unmittelbaren
Anblicke entzogen. Infolgedessen pflegt bei Bildern, bezüglich deren sich
nicht etwa genaue Nachrichter erhalten haben, über diese Fragen nur wenig Bestimmtes
bekannt zu sein. Ist es doch namentlich bei den Gemälden der flämischen und
der niederdeutschen Schule noch bis heute ein ungelöstes Problem, mit welchem
Bindemittel und in welcher Malweise sie hergestellt worden sind. Verhältnismäßig einfach ist
endlich meist die Frage nach der Schutzschicht. In vielen Fällen ist sie
überhaupt nicht fest mit den anderen Schichten verbunden, insbesondere wenn
sie aus Glas besteht', so daß hier keinerlei Schwierigkeiten vorliegen, ihre
Natur festzustellen. In anderen Fällen, namentlich bei Öl- und
Temperabildern, besteht sie meist aus einem Firnis, d. h. einem
durchsichtigen Harze, das in einem flüchtigen Lösungsmittel gelöst war,
meist Mastix oder Dammar in Terpentinöl. Viel seltener sind Firnisse, deren
Harze in Weingeist gelöst waren, wie Schellack oder Sandarak; der neuesten
Zeit endlich gehört die Verwendung von Zellulosenitrat in Amylazetat als »Zaponlack«
an. (Ende Seite 168) |
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Ist die Aufgabe gestellt, die Beschaffenheit der beiden
mittleren Schichten festzustellen, So müssen diese offenbar in irgendeiner
Weise der Beobachtung zugänglich gemacht werden. Da es physikalische Mittel,
die übereinanderliegenden Schichten unberührt zu untersuchen, nicht gibt, so
bleibt nichts übrig, als ein Stück des Bildes einer chemischen Untersuchung
zu opfern. Aus naheliegenden Gründen muß dieses Stück so klein als möglich
sein: hierdurch ist bereits die Anwendung des Mikroskops nahegelegt. Auf das gleiche Hilfsmittel wird man durch die
Überlegung verwiesen, daß die Dicke der übereinanderliegenden Schichten meist
sehr gering ist, indem Sie Sich nach Zehntel- bis Hundertstelmillimetern
bemißt. Legt man durch einen Querschnitt diese Schichten frei, So ermöglicht
erst die optische Vergrößerung, Sie zu erkennen und den Einfluß etwaiger
Reagentien auf sie festzustellen. Nach den Methoden der mikrochemischen Analyse, wie Sie
in neuerer Zeit namentlich durch H. BEHRENS ausgebildet worden Sind, wird es
dann im allgemeinen nicht Schwer Sein, die anorganischen Bestandteile der im
Malgrunde und der Bildschicht verwendeten Stoffe festzustellen. Schwieriger
wird die Aufgabe bei den Bindemitteln, da diese meist nicht wohldefinierte
Stoffe sind, sondern zufällige Gemenge, wie Sie die Natur im Gummi, Harz,
Lein- oder Mohnöl, Eiweiß usw. liefert. Hier bietet sich zunächst das
verschiedenartige Verhalten dieser Stoffe gegen Lösungsmittel als Kennzeichen
an. Doch ist hiermit notwendig eine Zerstörung der räumlichen Ordnung der
Probe verbunden, welche die Beurteilung sehr erschwert. Ich habe es daher
sehr bald vorteilhaft gefunden, von den anderen Hilfsmitteln der
mikroskopischen Technik, der Färbung, Gebrauch zu machen, welche die Teile
des untersuchten Objekts in situ beläßt und außerdem gestattet, dauerhafte
Belegpräparate herzustellen, an denen nötigenfalls sogar Fragen entschieden
werden können, die erst später aufgeworfen werden. Da die verschiedenen Arten der Maltechnik sich nur durch
die Natur der Bindemittel unterscheiden, während die Farbstoffe (mit gewissen
Einschränkungen) überall die gleichen sind, So habe ich die Untersuchung in
erster Linie auf die Erkennung der Bindemittel gerichtet. Und zwar gedenke
ich in der vorliegenden ersten Arbeit nur die homogenen Bindemittel zu
behandeln, während die heterogenen Emulsionen der Temperatechnik einer
Späteren Arbeit vorbehalten sind. Die für die Kunstmalerei am
meisten benutzten Bindemittel sind unzweifelhaft die trocknenden Öle,
insbesondere Leinöl, Mohnöl und Nußöl. Sie bestehen aus den gleichen
Glyzeriden, nur in etwas verschiedenem Mischungsverhältnis, und verhalten
sich als Bindemittel für Farben so übereinstimmend, daß ich zunächst kein
Bedürfnis gefühlt (Ende Seite 169) |
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habe, sie voneinander analytisch zu unterscheiden. Durch
Oxidation an der Luft, welche freiwillig erfolgt, durch Anwesenheit von
Katalysatoren, insbesondere Blei- und Manganverbindungen aber sehr
beschleunigt wird, gehen diese flüssigen Öle in harte, harz- oder
kautschukähnliche Stoffe über, welche die wesentliche und für Ölbilder
charakteristische Zwischensubstanz zwischen den Farbkörnern bilden. In den
meisten Lösungsmitteln sind diese Oxydationsprodukte unlöslich. Der Kürze
wegen will ich sie weiterhin trockenes Öl nennen. Das beste Reagens auf trockenes Öl ist nach meiner
bisherigen Kenntnis das gewöhnliche Methylviolett, d. h. ein Salz des
Hexamethylpararosanilins. Läßt man auf einem Objektträger eine dünne Schicht
des Öls fest werden und bringt darauf einen Tropfen einer sehr verdünnten
wässerigen Lösung des Farbstoffes, so macht sich alsbald ein ungewöhnlich
großer Teilungskoeffizient desselben zugunsten des Öls geltend: der Farbstoff
wird sehr stark gespeichert und die entstandene violette Färbung bleibt beim
Abspülen bestehen und kann auch durch langes Auswaschen mit Wasser nicht
entfernt werden. Ein Spänchen des trockenen Öls, das man abgeschabt und in
einen Tropfen der verdünnten Farbstofflösung gebracht hat, beginnt alsbald
sich dunkel zu färben. Die Farbstofflösung kann dabei so verdünnt sein, daß
die Färbung des Tropfens auf dem Objektträger nur eben sichtbar ist. Je
verdünnter der Farbstoff ist, um so weniger besteht Gefahr, daß andere
vorhandene Stoffe gefärbt werden, um so länger muß man aber auch die Färbung
fortsetzen. Doch habe ich mit einer Viertelstunde bisher stets bequemes
Auskommen gefunden. Beim längeren Aufbewahren der verdünnten Farbstofflösung
treten in dieser Veränderungen (anscheinend hydrolytischer Natur) ein,
welche die Schärfe der Reaktion stören. Es scheint, daß diese sich durch
schwaches Ansäuern der Lösung mit Essigsäure aufhalten lassen, doch muß ich
vorläufig empfehlen, nur frische Lösungen zu benutzen, bis die entsprechenden
Versuche, die natürlich längere Zeit erfordern, beendet sind. Harze werden unter diesen
Umständen von Methylviolett gar nicht gefärbt, ebenso wenig Lehn und andere
stickstoffhaltige Bindemittel. Auch die Fasern des Leins, des Hanfs und der
Baumwolle, die als Unterlage der Maltuche dienen, werden nicht gefärbt, wenn
sie nicht mit Leinöl getränkt worden waren, wie dies nicht selten geschieht.
Ölspuren, die zufällig beim Herstellen oder Aufbewahren des Maltuches an die
Rückseite gekommen sind, lassen sich sehr schön durch ihre lokale Anfärbung
erkennen. Ich glaube berechtigt zu sein, die Färbung mit Methylviolett in
sehr dünner Lösung als eine spezifische Reaktion auf trockenes ÖL zu
bezeichnen. (Ende Seite 170) |
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Farbschichten, die aus Öl und irgendeinem Farbstoffe
bestehen, zeigen die Reaktion in gleicher Weise, soweit nicht der anwesende
Farbstoff" das Erkennen der violetten Färbung verhindert. Ich habe mich
insbesondere überzeugt, das Bleiweiß, welches verhältnismäßig weniger Öl
enthält, als irgendeine andere Ölfarbe, doch die Reaktion nicht wesentlich
stört. So zeigte beispielsweise ein gewöhnliches käufliches,mit
Bleiweiß in Öl grundiertes Maltuch, von dem ein Dünnschnitt (etwa 0,1mm
stark) mit Methylviolett angefärbt war, violette Färbung in der obersten,
weißen Schicht sowie an und zwischen den Leinfasern; dazwischen befand sich
ein Leim-Kreidegrund, der nicht gefärbt war. Dort, wo die Fäden des Gewebes
durch den Schnitt senkrecht getroffen waren, konnte man leicht erkennen, daß
das ÖL nur zwischen die Fasern und nicht in deren Inneres gedrungen war, denn
das Bild zeigte die eckigen Faserquerschnitte farblos, eingebettet in eine
tief violett gefärbte Zwischensubstanz. Die verschiedenen trockenen Öle zeigen anscheinend
übereinstimmendes Verhalten: ich habe Leinöl und Mohnöl untersucht und kehren
Unterschied gesehen. Ähnlich wie Methylviolett verhält sich M e t h y l e n b
l a u ,das in konzentrierter Lösung so ziemlich alles anfärbt, in sehr
verdünnter - aber auch ganz vorwiegend vom trockenen ÖL gespeichert wird. Ich
habe den Eindruck, als wenn die Reaktion mit Methylenblau ebenso empfindlich
wäre wie die mit Methylviolett, doch habe ich damit nicht sehr viel
gearbeitet, weil das letztere mich in jeder Beziehung zufriedenstellte. Ein weiterer sehr brauchbarer Farbstoff für trockenes Öl
ist- Malachitgrün. Die für Wasserfarben benutzten Bindemittel zerfallen in
die beiden Gruppen der stickstofffreien und der stickstoffhaltigen. Von
ersteren kommt wesentlich arabisches Gummi in Frage, während die letzteren
durch Leim, Eiweiß und Kasein repräsentiert sind. Für ersteres kommen
Färbemittel kaum in Betracht: durch seine Löslichkeit in kaltem Wasser und
die Abwesenheit der alsbald. anzugebenden Reaktionen der stickstoffhaltigen
Bindemittel erscheint Gummi zunächst genügend gekennzeichnet. Die genannten
stickstoffhaltigen Verbindungen werden durch sehr verschiedene Farbstoffe;
mehr oder weniger intensiv gefärbt. Um zunächst eine Übersicht zu gewinnen,
habe ich Blättchen von weißer Gelatine in den verschiedenen Farbstoffen stark
gefärbt und sie nach dem Abwaschen in reinem Wasser schwebend aufbewahrt.
Wenn die Proben »bluteten«, d. h. ihren Farbstoff schnell abgaben, so wurde
dieser (Ende Seite 171) |
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verworfen; in jedem Falle ließ sich aus dem Betrage der
Färbung, die das Wasser nach einigen Tagen annahm, die Festigkeit der Bindung
oder vielmehr die Größe des Teilungskoeffizienten abschätzen. Auf solche
Weise ergab sich Säuregrün (mit Zusatz von etwas Salzsäure) als der
geeignetste Stoff für Gelatine; in der Tat verhält sich diese zu einer ganz
verdünnten Lösung des Farbstoffes (dem ich der besseren Benetzung der Proben
wegen ein wenig Alkohol zugesetzt hatte), ganz ebenso, wie ich es oben vom
trockenen Öl gegen Methylviolett geschildert habe. Annähernd von gleicher Intensität sind die Färbungen,
welche ich mit Jodeosin (als Ammoniaksalz gelöst) erhalten habe. Es ist für
manche Zwecke gut, außer dem sauer reagierenden Färbemittel, dem Säuregrün,
ein neutrales bzw. basisches zu haben, das eben im Jodeosin vorliegt. Wo die
Wahl frei ist, ziehe ich das erstere vor. Die drei genannten
stickstoffhaltigen Bindemittel färben sich annähernd gleich; auch habe ich
bei gelegentlichen Versuchen nach dieser Richtung mit anderen Farbstoffen
noch keine so erheblichen Unterschiede angetroffen, daß sich darauf eine
einzelne Kennzeichnung gründen ließe. Eine solche erfolgt aber leicht auf
Grund der wohlbekannten Löslichkeitsverhältnisse. Eiweiß löst sich in kaltem
Wasser, auch wenn dieses sauer oder basisch reagiert, Kasein löst sich in
saurem Wasser nicht und Gelatine quillt in beiden nur, löst sich aber in
warmem Wasser. Mit Säuregrün wird man also Kasein und Leim in situ beobachten
können, mit einer ammoniakalischen Lösung von Jodeosin dagegen nur letzteren,
während Kasein in Lösung geht. Eiweiß geht immer in Lösung, falls es nicht
durch Erhitzen oder durch Metallsalze koaguliert worden war. Da dies bei
Bildern kaum in Frage kommt, so ist damit die Unterscheidung der drei Stoffe
grundsätzlich ermöglicht. Es erschien mir noch wünschenswert, ein Verfahren zu
besitzen, um die in Lösung gegangenen Stoffe in so minimalen Mengen, wie sie
der mikroskopische Querschnitt ergibt, nachweisen zu können. Dies gelang in
unerwartetem Maße; für Eiweiß liegt die Grenze der alsbald zu beschreibenden
Methode bei einem hunderttausendstel Milligramm oder 10-8g. Der
Versuch wird folgendermaßen ausgeführt. Man läßt die Probe auf dem
Objektträger einige Minuten in einem recht kleinen Tropfen Wasser liegen,
fischt sie dann, ohne den Tropfen zu verbreitern, heraus und dampft diesen
schnell ein, indem man den Objektträger auf ein erhitztes Blech legt, dessen
Temperatur so hoch ist, daß ein darauf gespritzter Wassertropfen eben den
sphäroidalen Zustand annimmt. Nachdem der Tropfen verschwunden ist, erhitzt (Ende Seite 172) |
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man noch etwa eine Minute lang weiter, um das Eiweiß
sicher zum Gerinnen zu bringen, kühlt ab und bringt auf die Stelle, wo der
Tropfen gelegen hatte, eine starke Lösung von Säuregrün oder Jodeosin. Nach
einigen Augenblicken wird der Farbstoff mit der Spritzflasche vollständig
abgespült. Ist Eiweiß vorhanden, so findet man die Peripherie des früheren
Tropfens von einer scharfen grünen bzw. roten Linie gebildet, die man bei größeren
Mengen mit bloßem Auge, bei kleineren mit einer Lupe oder dem Mikroskop
(Vergrößerung etwa 6o) beobachtet. Die Erscheinung beruht darauf, daß bei der
geschilderten Art des Eindampfens sich das Eiweiß am Tropfenrande sammelt,
indem es dort gerinnt. Durch Arbeiten mit stufenweise, verdünnteren
Eiweißlösungen habe ich die erwähnte Grenze feststellen können, an der die
Reaktion bei einiger Übung jedesmal mit Sicherheit eintritt. Sehr erleichtert
wird die Beobachtung, wenn man sich für diesen Zweck Objektträger aus
Milchglas anfertigen läßt; in der Tat, bedeutet die Anwendung einer solchen
Unterlage nach bekannten optischen Verhältnissen ungefähr die Erhöhung der
Empfindlichkeit auf das Doppelte. Auch Kasein läßt sich auf gleiche Weise erkennen. Wie
weit dort die Grenze geht, habe ich noch nicht ermittelt. Hier ist natürlich
Eosin nicht anwendbar; am besten ist es, den Auszug vor dem Eindampfen mit
Essigsäure anzusäuern und die Koagulation nicht erst dem Säuregrün zu
überlassen. Schließlich seien noch einige Worte über die Technik
dieser Versuche gesagt. Es wurde meist eine sehr mäßige Vergrößerung, 50 bis
100 benutzt. Die Präparate wurden durch Schneiden zwischen Kork mittels eines
kleinen Handmikrotoms meist 0,1mm stark hergestellt; bei kleineren Dicken
tritt zu leicht ein Zerfallen ein. Bei Geweben wurde vor dem Schneiden eine
dicke Lösung von arabischem Gummi mit 15 Prozent Glyzerin aufgestrichen und
getrocknet, um die Fäden während des Schneidens zusammenzuhalten. Wird der
Schnitt dann in einen Wassertropfen gebracht, um das Gummi fortzulösen, so
zerstreuen sich allerdings auch die meisten Fasern- es werden aber doch so
viele von den aufgetragenen Schichten des Malgrundes festgehalten, daß man
nichts Wesentliches verliert. Handelt es sich um Betrachtung des Gewebes
selbst, so kann man den Schnitt in Xylol beobachten. Ein Einbetten der
Objekte in Paraffin oder Celloidin, wie (lies sonst üblich ist, verbietet
sich hier durch die Natur der zu beantwortenden Fragen. Häufig sind die
Schichten alter Bilder so spröde, daß sie beim Schneiden zersplittern; dann
kann man sich, wie mir W. PFEFFER zeigte, dadurch helfen, daß man das Objekt
einige Zeit im Alkoholdampf bei Zimmertemperatur verweilen läßt. (Ende Seite 173) |
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So dicke Schnitte sind natürlich meist undurchsichtig.
Da ich mich ferner bald überzeugt hatte, daß meist bei auffallendem Lichte
viel mehr zu sehen war, als bei durchfallendem, so lasse ich mittels eines
Linsensystems (zwei Brillengläser von je 15cm Brennweite) ein verkleinertes
Bild des Glühstrumpfes einer Auerlampe auf das Objekt fallen. Bei dem großen
Abstande des angewendeten Objektivs (Leitz Nr. 3) läßt sich dies sehr leicht
ausführen und man erhält überaus glänzende Bilder. Zum Einbetten aufzubewahrender Präparate dient eine
wässerige Lösung von 40 Prozent arabischem Gummi und 3o Prozent Glyzerin.
Mit diesen einfachen Hilfsmitteln und unter Anwendung der oben geschilderten
Reaktionen läßt sich bereits eine recht weitgehende Kenntnis von der
Beschaffenheit und Technik eines vorgelegten Bildes erreichen. Welche
Bedeutung dies für das Studium der geschichtlichen Entwicklung der Maltechnik,
für die Kennzeichnung der verschiedenen Meister, Schulen und Werkstätten und
endlich für die Beschaffung rationeller Grundlagen für die Erhaltung der
Bilder hat, kann ich an dieser Stelle nur andeuten. Doch ist, bevor die Aufgabe
angegriffen wird, die geschichtlich gegebenen Kunstwerke in der angegebenen
Weise zu untersuchen, zunächst noch das Studium der mannigfaltigen
Temperabindemittel durchzuführen und dann die Zuverlässigkeit der Methode an
Material von bekannter Herstellungsweise zu erproben. Beiden Aufgaben
gedenke ich mich alsbald zu unterziehen. (Ende Seite 174) |
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