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XI. Lieber Freund! Sie beklagen sich, dass ich Ihnen allmählich alle
Malverfahren durch meine wissenschaftlichen Warnungen schlecht mache, so
dass Sie sich schliesslich gar nicht getrauen würden, irgend ein Bild dem
Käufer zu übergeben. Das ist eine Empfindung, die der anfangende Physiker
auch zu haben pflegt, wenn er auf die zahllosen Fehlermöglichkeiten bei
seinen Messungen aufmerksam gemacht wird und nun verzweifelnd ausruft, dass
es ja überhaupt keine genauen Messungen gebe. Das ist ganz richtig; absolut
genau ist keine Messung und absolut dauerhaft kein Bild. Aber die Genauigkeit
kann wie die Dauerhaftigkeit verschiedene Grade haben, und eine rationelle
Kenntnis der Bedingungen führt eben dazu, das unter den vorhandenen Umständen
dauerhafteste Kunstwerk herzustellen. Ende Seite 104 |
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So will ich alsbald betonen, dass man auch mit Ölfarben
recht dauerhafte Bilder machen kann, wenn man nur die Bedingungen einhält,
die für deren Erhaltung die günstigsten sind. Diese Bedingungen sind von
zweierlei Natur: einmal muss man dem Bilde die grösste Unveränderlichkeit
oder vielmehr die geringste Veränderlichkeit zu sichern suchen, zweitens
muss man das Bild darauf einrichten, dass die unvermeidlichen Veränderungen
ohne das Kunstwerk zu gefährden rückgängig gemacht werden können. Es handelt sich hierbei nur um die Veränderungen am
Bindemittel, denn ich mache hier wie immer die Voraussetzung, dass der Maler
nur dauerhafte Farbstoffe verwendet hat. Solche gibt es in hinreichender
Mannigfaltigkeit und Schönheit (S.36); ich werde hierauf nicht wieder eingehen,
zumal bei der Ölfarbe durch die Einbettung der Farbstoffkörnchen in die
harzige Masse ein besonders wirksamer Schutz gegen die Einwirkungen der Luft
und ihrer Verunreinigungen gegeben ist, so dass auch ein weniger beständiger
Farbstoff in Öl an Beständigkeit erheblich gewinnt. Nun wissen Sie bereits, dass das Festwerden der Ölfarbe
auf einer Sauerstoffaufnahme beruht. Die späteren ungünstigen Veränderungen
des Bildes beruhen auf der gleichen Ursache. Daraus ergibt sich, dass am Ende Seite 105 |
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fertigen Bilde der Zutritt der Luft
möglichst beschränkt werden sollte. Wie erheblich dieser Umstand ist, lässt
sich . daran erkennen, dass solche Bildstellen auf Leinwand, die auf der
Hinterseite durch den Holzrahmen gegen den unmittelbaren Luftzutritt
geschützt sind, regelmässig eine bedeutend bessere Erhaltung aufweisen als
die freien Stellen. Auch sind die ausgezeichnet erhaltenen altvlämischen
Bilder auf Holz gemalt, wodurch der Luftzutritt zur Rückseite der Farben sehr
erheblich gehemmt ist. Von diesem Gesichtspunkte aus wird man in der üblichen
Anwendung der Leinwand für Ölgemälde einen Fehler erblicken müssen, der die
Lebensdauer der Kunstwerke etwa auf die Hälfte herabsetzt. Abhilfe ist
indessen auf der eben gegebenen Grundlage leicht zu schaffen. Handelt es sich
um ältere auf Leinwand gemalte Bilder, so wird es sich zunächst
darum handeln, die Hinterseite gegen die Luft undurchlässig zu machen. Dies
geschieht am einfachsten und besten dadurch, dass man Zinnfolie (Stanniol)
mittels einer alkoholischen Schellacklösung aufklebt. Dieser Überzug lässt
sich leicht wieder entfernen, wenn dies aus irgendwelchen Gründen erforderlich
wird, und kann dem Bilde auf keine Weise schaden, namentlich wenn man auch
die Aussenseite der Zinnfolie durch einen Firnisüberzug schützt. Ende Seite 106 |
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Durch diese Massnahme ist auch die
Aufnahme von Feuchtigkeit durch die Leinwand, die eine der Ursachen des
Reissens ist, auf Null gebracht. Das gleiche Verfahren lässt sich auf neue Bilder
anwenden. Nur wird es aus Gründen, die wir gleich erörtern wollen, rätlich
sein, den Stanniolüberzug erst anzubringen, nachdem das Bild mindestens ein
Jahr alt geworden ist. Auf diese Weise ist zunächst der Sauerstoff auf der
Hinterseite abgehalten. Auf der Vorderseite pflegt der Maler einen Firnis anzubringen,
der neben anderen Funktionen auch diese ausübt. Gemäss dem, was im vorigen Briefe bemerkt worden ist, wird eine Einrahmung unter Glas
noch bedeutend wirksamere Dienste leisten. Es ist nicht schwer, die Verglasung
so sorgfältig herzustellen, dass nur ein Minimum von Luft eindringen kann,
und damit sind die Bedingungen geschaffen, die eine vielfach grössere
Lebensdauer des Bildes gewährleisten. Allerdings und dies auszusprechen
gebietet die wissenschaftliche Vorsicht - liegen noch keine längeren
Erfahrungen über etwaige andere Einwirkungen*) einer der *) Die gelegentlich ausgesprochene Befürchtung, dass
eingeschlossene Feuchtigkeit schaden könne, lässt sich dadurch beseitigen,
dass man eben keine Feuchtigkeit einschliesst. Ende Seite 107 |
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artigen Abschliessung auf die Bilder vor, und . die eben
aufgestellte Behauptung muss daher mit einem entsprechenden Vorbehalt
versehen werden. Aber andrerseits wissen wir bereits genug über die Vorgänge
im Ölbilde, um das angegebene Verfahren als das zur Zeit wissenschaftlich am
besten begründete und daher aussichtsvollste anzusehen. Das eben Gesagte bezieht sich auf solche Eigenschaften der
Ölfarbe, die untrennbar mit ihr verbunden sind. Neben den daher rührenden
Nachteilen hat aber diese Technik noch andere, welche von ungeeigneter
Anwendung herrühren. Diese entstehen hauptsächlich durch das
Übereinandermalen und den dicken Farbauftrag und zeigen sich darin, dass die
Farbschicht ihren Zusammenhang verliert und in Schuppen oder Schollen
auseinandergeht. Die Ursachen hierzu sind mehrfach. Allgemein wird man
sagen, dass eine derartige Trennung der Farbschicht dann eintreten wird, wenn
Bildgrund und Farbschicht ihre Flächengrösse in verschiedenem Masse ändern.
Und zwar werden solche Erscheinungen um so eher eintreten, je weniger
nachgiebig beide sind. Denken wir uns zunächst die Leinwand nur mittels einer
Tränkung mit Leim gegen das Aufsaugen des Öls geschützt und auf diesen Grund
mit so dünner Farbe gemalt, Ende Seite 108 |
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dass die einzelnen Teile der Schicht an den Fäden der
Leinwand befestigt sind und nicht miteinander eine zusammenhängende Platte
bilden. Dann ist eine Möglichkeit zur Schollenbildung nicht vorhanden, denn
wenn auch die Leinwand etwa durch Feuchtwerden ihre Dimensionen ändern
sollte (sie dehnt sich hierbei nicht wie Papier aus, sondern zieht sich im
Gegenteil zusammen, um sich beim Trocknen wieder auszudehnen), so folgt
eben jedes Stückchen Farbe dem Faden, an dem es festgetrocknet ist. Es ist
ganz wohl möglich so zu malen, namentlich wenn man sich von dem traditionellen
Vorurteil gegen gebleichte Leinwand frei macht und demgemäss einen weissen
Grund verwendet. Ein solches Bild wird nur in minimalster Weise vom
Dunkelwerden des Öls betroffen werden, da dieses nur einen kleinen Teil des
Farbauftrages bildet und auch in mechanischer Beziehung gewährt es eine
grosse Sicherheit für unveränderte Dauer. Sollte schliesslich zuviel von dem
wenigen Öl durch Oxydation verschwunden sein, so kann man dieses leicht
ersetzen und das Bild für eine neue Reihe von Jahrzehnten frisch machen. Alle diese Verhältnisse ändern
sich wesentlich, wenn man die Farbe in starken Schichten aufträgt. In
solchen Fällen bildet sich das feste Produkt aus dem Öl zunächst nur an der Ende Seite 109 |
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Oberfläche, da
die entstandene Schicht das unterliegende Öl gegen den Luftzutritt schützt.
Wenn dann im Laufe der weiteren Oxydation die obere Schicht sich
zusammenzieht, ist die unterste noch weich und zerreisst zu Schollen.
Ähnliches tritt ein, wenn man auf eine halbgetrocknete Untermalung andere
Farben bringt, die meist auch mit anderer Geschwindigkeit trocknen. Eine
weitere Ursache zum Entstehen von Rissen ist eine zu dicke oder sonst ungeeignete
Präparation der Leinwand. Diese wird
gewöhnlich zuerst mit mehreren Schichten einer aus Leim und Kreide oder Ton
gemischten Farbe überzogen, auf welche dann oft noch eine oder einige
Schichten Ölfarbe kommen. Je dicker dieser Malgrund aufgebracht wird, und je
verschiedener die übereinander liegenden Schichten sind, um so mehr Gefahr
besteht für eine verschiedenartige Änderung der Ausdehnung, und somit für
das Entstehen von Rissen. Mir scheint, dass die allgemeine
Anwendung der Leinwand für Ölbilder eines der vielen Vorurteile ist, unter
denen die Kunst noch heute leidet. Zu einer Zeit, wo man grosse Bogen Papier
oder Pappe nur durch Aneinanderkleben kleiner herzustellen wusste, waren die
grossen Flächen der Leinwand willkommen. Gegenwärtig kann man Papier und
Pappe fast in allen beliebigen Dimensionen erhalten, und Ende Seite 110 |
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da man jedes derartige Produkt durch
einen Überzug von Leim oder Casein von passender Stärke in einen Malgrund
verwandeln kann, der nach Belieben in jedem gewünschen Masse „schluckt"
oder nicht, so liegt wirklich kein Grund vor, statt der Leinwand mit
ihrem unbequemen Keilrahmen nicht lieber Pappe zu nehmen. Insbesondere kann man jede Pappe
durch Aufkleben eines geeigneten Papiers mit jedem gewünschten Korn versehen,
und erlangt so Malgründe, die allen Anforderungen entsprechen. Ja sogar
Leinwand würde besser auf Pappe geleimt, statt auf den Keilrahmen gezogen,
denn im ersten Falle verliert sie alsbald die böse Eigenschaft, mit der
Feuchtigkeit ihre Flächengrösse stark zu ändern. Verfolgt man diesen
Gedankengang weiter, so gelangt man schliesslich auf den Plan, als Unterlage zum
Malen Metall in Blechform zu nehmen. Im Aluminium hat man ein ideales
Material dazu, das durch sein geringes Gewicht auch bei sehr grossen
Abmessungen handlich bleibt und dessen chemische Eigenschaften eine
schädliche Wirkung auf das Bild ausschliessen. Ob man unmittelbar auf das
mattgeätzte Metall malt oder besser zuerst einen Überzug von Papier oder
Leinwand gibt, wird von den Umständen abhängen. Jedenfalls ermöglicht die
Benützung der Metallfläche als Untergrund gewisse technische Ende Seite 111 |
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Effekte, die
eines eingehenderen Studiums wert sind, als ich es bisher habe
daran wenden können. Kann man auf solche Weise dem Untergrunde
eine beliebige Dauerhaftigkeit geben, so bleibt noch die Frage übrig, ob man
den üblen Eigenschaften des Öls entgegenarbeiten kann. Auch diese Frage lässt
sich bejahend beantworten. Der Wert des Öls als Bindemittel beruht darauf,
dass beim Festwerden die optischen Verhältnisse im wesentlichen ungeändert
bleiben und so der Maler im stande ist, seine Farb- und Lichtwirkungen auf
das feinste abzustimmen. Nun würde man aber dasselbe erreichen, wenn man die
mechanische Wirkung des Öls als Bindemittel von seiner optischen als
durchsichtige und stark lichtbrechende Umgebung der Farbkörnchen trennte und
beide Funktionen verschiedenen Stoffen zuwiese. Eine Lösung dieser Aufgabe
bestände z. B. darin, dass man auf stark aufsaugendem Grunde arbeitet; dann
geht der grössere Teil des Öls in diesen Grund und es bleibt zwischen
Farbstoffkörnchen nur soviel zurück, als zu deren mechanischer
Verbindung erforderlich ist. Die optische Folge davon ist, dass die Farben
infolge des Eintretens von Luft zwischen die Körnchen „einschlagen",
d.h. viel mehr Licht von der Oberfläche zurückwerfen und das Bild sowohl an
Tiefe wie Ende Seite 112 |
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an Farbigkeit verliert. Dadurch, dass
man die Zwischenräume wieder mit einem stark brechenden Mittel ausfüllt,
wird indessen die frühere Erscheinung hergestellt oder das Bild „herausgeholt".
Diese zweite Funktion aber könnte einem anderen Stoffe übertragen werden,
der nicht wie das Öl die Eigenschaft des Braunwerdens oder Nachdunkelns hat.
Solche Stoffe sind die zu Firnissen verwendeten
Harze wie Mastix, Dammar, Sandarak usw., und man bedient sich dieser Stoffe, wie
bekannt, bereits vielfach für diesen Zweck. Allerdings sind auch sie dem Einflusse
der Zeit unterworfen; sie werden aber nicht braun, sondern sie verlieren
ihren Zusammenhang und werden „blind", d. h. undurchsichtig. Wie dieser
Fehler zu bessern ist, hat indessen seinerzeit der unvergessliche P e t t e
n k o f e r gezeigt, der Mann, dem wir die erste erfolgreiche
physikochemische Behandlung dieser Probleme verdanken. Ein kürzeres oder längeres
Verweilen im Dampfe von Alkohol (oder einem anderen geeigneten flüchtigen
Lösungsmittel der Harze) gibt dem blind gewordenen Überzug ohne jede Berührung
des Bildes seine Durchsichtigkeit wieder Damit indessen ein solches Verfahren
vollen Erfolg hat, muss der Firnis nicht früher aufgetragen werden, als
nachdem das Öl ausreichend „getrocknet", d. h. in die feste Form Ende Seite 113 |
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übergegangen ist. Man muss also
das Bild nass fertig malen, dann längere Zeit (einige Monate) trocknen
lassen, und dann endlich den Firnis darüber ziehen. Gibt man dann (etwa auf
der Rückseite des Bildes) genau an, womit das Bild gemalt und gefirnisst
worden ist, so ist für alle Zukunft die Möglichkeit vorhanden, die
ursprünglich vom Künstler beabsichtigte und erreichte Wirkung wieder
herzustellen. Dies ist
indessen nicht der einzige Weg zum Ziel. Man kann ebenso auf undurchlässigem
Grunde mit einer Farbe malen, welche nur
so viel Öl enthält, als zur Bindung erforderlich ist, und im übrigen die
erwünschte Dünnflüssigkeit der Farbe durch den Zusatz solcher Flüssigkeiten
bewirken, die hernach verdampfen. Auch ein solches Bild wird einige Zeit nach
dem Auftrag der Farbe einschlagen, weil der flüchtige Zusatz verdampft ist,
und kann durch Firnis wieder herausgeholt werden. Als Verdünnungsmittel
empfehlen sich die bisher üblichen, insbesondere Terpentinöl und Spiköl;
letzteres ist viel weniger flüchtig und lässt also das Bild entsprechend länger
„nass". Will man das eingeschlagene Bild zum Zwecke des
Weitermalens wieder herausholen, so wendet man am besten ebendieselben flüchtigen
Stoffe ohne. weiteren Zusatz an, die man aber mit dem Zerstäuber und nicht
mit dem Ende Seite 114 |
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pinsel aufträgt. Man braucht nicht
zu fürchten, dass zu wenig Bindemittel verbleibt, namentlich nicht, wenn
bereits einiges Festwerden des Öls. stattgefunden hatte. Äusserstenfalls
macht es keine Schwierigkeit, ein Gemenge von Terpentinöl und wenig Mohnöl
mit dem Zerstäuber aufzutragen und so: jede beliebige nachträgliche Bindung
zu erreichen. In
diesen Darlegungen wird der Künstler vielfach die Beschreibung bekannter
Methoden erkennen.. Durch die Angabe der Gründe indessen, welche zu diesem
oder jenem Verfahren geführt haben, wird er gleichzeitig die Hilfsmittel
finden, nicht nur das Erlernte oder Gefundene sachgemäss anzuwenden, sondern
auch seine Mittel weiter zu entwickeln, ohne die. Zukunft seiner Schöpfungen
durch die Einhaltung ungeeigneter Verhältnisse zu gefährden. Mitte Seite 115 |