Tourbericht 2.Teil

Gut geschlafen, aber am Morgen immer noch Nebel. Als ich später das Zelt verlasse, sehe ich was ich am Vorabend nur ahnen konnte. 100 Meter vom Besucherzentrum entfernt steht ein Zelt ganz allein auf dem riesigen Nordkap-Plateau. Bewaffnet mit Zahnbürste und Schreibzeug bin ich erneut für mehrere Stunden in der Nordkapphalle. Ein Besuch in der nördlichsten Bar der Welt darf natürlich auch nicht fehlen. Das Wetter wird besser. Nach Radfahren ist mir heute trotzdem nicht, dass hatte ich mir auch die letzten 30 km zum Kap geschworen. Jetzt, wo man das Meer sehen kann, sind die Klippen beeindruckend. Gegen Mittag zeigt sich sogar die Sonne! Nachmittags fahre ich mit dem Bus zurück nach Honningsvag, in einer Schutzhütte oberhalb der Stadt richte ich mich auf eine kurze Nacht ein.

300 Meter Klippen
entlang der Kante

der wirklich nördlichste Punkt Europas,
Landzunge Knivskjelodden
Klippen, Brandung, Meer

Dohlen, Knivskjelodden
Nordkapplateau, Bildmitte: mein Zelt

aus der Hütte
Honningsvag am Abend

Kurz nach 6 Uhr betrete ich das südgehende Hurtigrutenschiff "Vesterålen", welches mich in den nächsten 26 Stunden circa 450 Km Luftlinie Richtung Südwesten bis nach Harstad bringen wird. Bei Sonne geht die Fahrt immer zwischen den Inseln entlang und zu mehreren Häfen in den Fjorden. Die Liegezeiten erlauben einen Stadtrundgang in Hammerfest und am späten Abend in Tromsö. Nur durch einige am Ufer stehende Häuser bekommt man hin und wieder einen Eindruck von der Höhe der Berge. Grandiose Aussichten!

rauhes Land
Fischerboot vor Felsküste

Hurtigrutenschiff Finnmarken, Windpark
Hammerfest

winzige Häuser am Ufer
schroffe Küsten

Felsinseln im Sonnenuntergang
Eismeerkathedrale Tromsö

Erst kurz bevor das Schiff gegen 8 Uhr in Harstad einläuft, werde ich geweckt. Die Nacht hatte ich, wie einige andere Passagiere auch, auf einer der bequemen Ledercouchs in einem Salon am Bug des Schiffes verbracht und dabei ausgesprochen gut geschlafen. Von Harstad aus möchte ich die Inselgruppe der Vesterålen und Lofoten in den nächsten Tagen per Rad erkunden. Die Straße führt dabei häufig direkt am Meer entlang über die durch Brücken, Tunnel oder durch Fähren verbundenen Inseln. Besonders beeindruckend ist das alpenähnliche Panorama zwischen Sortland und Melbu sowie zwischen Fiskebol und Svolvaer. Das Wetter ist super, nicht zu warm, aber reichlich Sonne. Ich übernachte inmitten dieser Bergkulisse auf einem Campingplatz in Hammerstad.

Kvaefjorden bei Borkenes
Lofoten südlich von Sortland

Sortlandsundet und Lofoten
Lofoten im Gegenlicht

Lofotenpanorama
entlang der E10 vor Melbu

An diesem Zweiten Tag auf den Lofoten fahre ich von Hammerstad über Leknes, Ramberg und Reine zur Südspitze der Inselgruppe nach Å, den Ort mit dem kürzesten Namen. Genußradfahren auf 145 Kilometern. Die Landschaft reicht von einer flachen Insel mit einem alleinstehenden hohen Berg wie Gimsoya, über hügelige Inseln mit etwas Landwirtschaft wie Vestvagoy, bis zu alpengleichen schroffen Felsinseln wie Moskenesoya. Bei Flakstad und Ramberg gibt es sogar menschenleere, weiße Sandstrände. Eine fantastische, fast irreal anmutende Landschaft. Ich zelte auf dem Campingplatz von Å, wo vereinzelt Zelte, nur umgeben von Felsklippen und dem Meer auf kleinen Wiesenstücken stehen. Ein palmenfreies Paradies!

Ebbe bei Svolvaer
Insel Gimsoya

Strand bei Ramberg
Sommer, Sonne, Strand und Meer

Strandurlauber?
E10 Richtung Å

Bucht von Reine
Zeltplatz in Å

Die 10 Uhr Fähre von Moskenes zurück aufs Festland nach Bodo fährt nur in der Hauptsaison und die ist seit 2 Wochen vorbei. So vertreibe ich mir den Vormittag in den kleinen Orten zwischen Å und Reine. Vor dem Supermarkt wundere ich mich wieder, dass die Norweger den Motor ihres Autos während des Einkaufs laufen lassen, vermutlich eine Angewohnheit aus den langen Wintern. Mit der 14 Uhr Fähre erreiche ich nach gut 3 Stunden Bodo, einige Kilometer sollten heute schon noch rausspringen. Ab Loding folge ich für die nächsten beiden Tage der Küstenstraße (Rv17), die mich auch am weltgrößten Gezeitenstrom, dem Saltstraumen vorbeibringt. Kurz darauf sehe ich in gut 200 Meter Entfernung zwei große Tiere auf einer Wiese. In diesem Moment bin ich mir gar nicht sicher, ob es sich dabei um Elche handelt, aber alle Alternativen fallen aus. Es waren Elche. In den letzten Tagen hatte ich auch immer wieder Ausschau nach einem Rentiergeweih gehalten, aber die, die ich fand, waren entweder schon so verwittert, dass sie spröde und moosbewachsen waren oder noch so frisch, dass das Rentier noch dran hing. Spät abends schlage ich das Zelt in einem ehemaligen Marmorsteinbruch nahe Skalsvik auf.

Die Landschaft entlang der Küste ist großartig, leider kann ich nachmittags nicht mehr allzuviel davon sehen. Wolken verdecken die Berggipfel und es beginnt zu regnen. Auf einigen Abschnitten der Straße ist der Wind heute so stark, dass das Erreichen der 10 Km/h Marke ein Traum bleibt. Die Straße ist ebenfalls recht bergig und verläuft durch mehrere bis zu 3 km lange Tunnel, die aber alle beleuchtet sind. Der für Radfahrer gesperrte Svartistunnel lässt sich ab Ornes mit der Fähre umgehen. Drei Minuten nachdem die letzte Fähre des Tages Jektvik verlassen hat, erreiche ich den Fähranleger. Der für diesen Fall vorgesehene Plan B erweist sich als ausgezeichnete Idee. Das Wartehäuschen am Fähranleger wird für diese Nacht mein Luxus-Schlafplatz. So bleibt mir nicht nur eine Regennacht im Zelt erspart, nein, der Warteraum bietet auch Strom, Wasser, Licht und eine Heizung für meine durchnässten Klamotten.

auf der Küstenstraße Rv17
Norwegen

Berge und Meer
bei Skaugvoll

Mit der ersten Fähre des Tages geht es in südlicher Richtung über den Polarkreis nach Kilboghamn. Von dort fahre ich noch knapp 100 Kilometer entlang der Küste bis Mo i Rana. Das Wetter wird langsam besser, ab Mittag scheint sogar die Sonne. Da ich, aus Zeitgründen, von vornherein geplant hatte nicht den gesamten Rückweg mit dem Rad zu absolvieren und die Wetterprognose für die nächsten Tage nichts Gutes verheißt, ist jetzt die passende Gelegenheit um zügig einige Kilometer nach Süden voranzukommen. Nachdem ich mir und dem Rad ein Ticket besorgt und nocheinmal kräftig eingekauft habe, sitze ich nachmittags im Zug nach Trondheim. Stundenlang essen und die Landschaft bewundern, ohne treten zu müssen, auch mal schön. Es ist kurz nach 22 Uhr als der Zug Trondheim erreicht. Bevor ich mich auf Schlafplatzsuche begebe, möchte ich mich bloß noch informieren, wann und wie ich morgen mit dem Zug weiter Richtung Süden fahren kann. Eine halbe Stunde später sitze ich im vollbesetzten Nachtzug nach Oslo. Keine schlechte Lösung, kein billiger Spaß. Immerhin erwirbt man mit dem Ticket auch eine warme Decke sowie ein aufblasbares Kissen der norwegischen Staatsbahn. Der Tag endet also irgendwo im Fjell südlich von Trondheim.

am Ranafjorden
kurz vor Mo i Rana

Kurz nach 5 Uhr verlasse ich den Nachtzug in Hamar, gut 100 Kilometer nordöstlich von Oslo. Viel geschlafen habe ich nicht. Es ist noch recht kalt und dunkel draußen. Ich frühstücke in der Bahnhofshalle und plane den weiteren Tourverlauf. Bis nach Chemnitz sind es noch circa 1300 Kilometer, das Wetter in Südnorwegen wird vielversprechend, in einer Woche will ich zu Hause sein. In Hamar, einem der Austragungsorte der Olympischen Winterspiele von Lillehammer 1994, gehört der Besuch des sogenannten Vikingerschiffes für einen ehemaligen Eisschnellläufer einfach dazu. Ja, es ist der Hauptgrund, dass ich hier ausgestiegen bin. So schaue ich mir Samstag Morgen 6.30 Uhr eine der architektonisch schönsten Eisschnelllaufhallen der Welt an. Allen Eischnelllauffreunden sei gesagt, dass um diese Zeit auch die Norweger noch nicht trainieren. Weiter fahre ich entlang des Mjosasees, dann östlich an Oslo vorbei nach Rakkestad. Endlich wieder fahren bei Wärme, Sonne und Rückenwind. Die Landschaft ist hügelig, viele Felder und etwas Wald, Gartenzwergidylle.

Eisschnelllaufhalle Hamar
das "Vikingerschiff"

Heute geht es zurück nach Schweden, wo nicht nur niedrigere Preise und flachere Straßen locken. Der Wind kommt inzwischen leider wieder von der Seite und von vorn, aber Hauptsache Sonne. Während ich am Straßenrand bei Häby auf meiner Karte noch nach einer Ausweichrute für die autobahnähnliche E6 suche, hat sich dort ein ausgewachsener Baustellenstau gebildet. So viele Autos habe ich Wochen nicht gesehen! So aber kann ich nun gefahrlos auch die E6 benutzen. Was mir dabei nocheinmal besonders auffällt, sind die zahlreichen neuen Saabmodelle, die hier größtenteils schon mit Ethanol (E85) betrieben werden. Über Halden und Munkedal fahre ich mal näher oder ferner der Schärenküste nach Stenungsund, wo ich auf einem Sportplatz zelte.

Schärenküste
Brücke bei Stenungsund

Nachdem ich von Trondheim nur den Bahnhof kennengelernt und Oslo umfahren habe, steht mit Göteborg die erste Großstadt seit langem an. Über Kungealv fahre ich ins Zentrum Göteborgs. Eine lebendige Hafenstadt, wo es sich mit Sicherheit angenehm leben lässt. Regenschauer, die Großstadt, Gegenwind und Radwege mit einigen Extra-Kilometern entlang der Küstenlinie, lassen mich heute jedoch nur langsam vorankommen. In Kungsbacka schreibe ich mal wieder ein paar E-Mails in der Bibliothek. Sowohl in Schweden als auch in Norwegen konnte ich in den Bibliotheken, die es in nahezu jeder Kleinnstadt gibt, stets kostenlos und oft ohne Zeitbegrenznug ins Internet, sehr zu empfehlen. Weiter über Varberg fahre ich bis kurz vor Falkenberg.

Göteborg
abendliches Farbenspiel

Die ersten Kilometer des Tages fahre ich noch entlang der Küste, die ich aber bald verlasse, da die Umwege zunehmen. Schließlich will ich heute so weit wie möglich nach Süden kommen, um morgen früh mit der Fähre von Trelleborg zurück nach Deutschland zu gelangen. So fahre ich über Halmstad, Ängelholm und Lund bis kurz nach Staffanstorp. Von dort sind es lediglich noch 30 Kilometer bis Trelleborg. Das Wetter ist nach wie vor angenehm, nur der Wind kommt mal wieder recht stark von vorn. Am Abend stürze ich beim Anhalten über ein schräg auf dem Seitenstreifen liegendes, großes Reifenteil. Ich hatte es nicht gesehen. Weder mir noch dem Rad ist etwas passiert, Glück gehabt. Ich fahre noch ein paar Kilometer, um morgen früh nicht noch zeitiger losfahren zu müssen, denn die Fähre geht schon 8 Uhr. Nach 213 km baue ich mein Zelt auf einem abgeernteten Kornfeld auf.

Schattenspiele in Südschweden
ein Saab 900 im Rübenfeld

Für die letzten Kilometer bis Trelleborg werde ich circa anderthalb Stunden brauchen, bereits kurz vor 6 Uhr sitze ich auf dem Rad. Sonnenaufgang. Nachdem ich das Fährticket gekauft habe, werden die letzten 12 Kronen in frische Brötchen investiert. Punkt 12 Uhr läuft die Fähre in Saßnitz ein. Auf ähnlichem Weg wie vor 4 Wochen fahre ich über Bergen, Stralsund und Demmin zum Kummmerower See, wo ich nocheinmal auf einem Campingplatz übernachte.

Am nächsten Tag hat sich das Wetter eingetrübt, am Abend beginnt es auch noch zu regnen. Über Waren an der Müritz, vorbei an Wittstock und durch Kyritz fahre ich nach Friesack. Dort zelte ich nahe einiger Häuser, was die Leute aber nicht stört. Abgeerntete Felder, flaches Land, dunkler Wald und reichlich Wind, Brandenburg stimmt mich immer so melancholisch.

Über die Stadt Brandenburg fahre ich nach Belzig, von dort auf dem Europaradweg R1 nach Wittenberg. Der Radweg verläuft auf kleinen Straßen und Wegen, ist gut ausgeschildert und bietet um diese Jahreszeit leckere Pflaumen und Äpfel entlang des Weges. In einem Dorf nach Wittenberg sehe ich noch, wie eine ältere Frau in Kittelschürze auf der Dorfstraße mit einem Laubrechen voran einem Huhn nachstellt, welches gar nicht dran denkt, sich wieder einfangen zu lassen, köstlich. In der Dübener Heide werde ich von einem Mountainbiker eingeholt, der zum Wochenende von Berlin nach Leipzig nach Hause fährt. Wir unterhalten uns und ich fahre einige Kilometer in seinem Windschatten. Die letzte Nacht auf Reisen zelte ich nahe Bad Düben.

Allee in Brandenburg
fast wieder zu Hause

Von Bad Düben fahre ich nach Grimma, wo ich das letzte mal auf dieser Tour eine Bäckerei leer esse, fast zumindest. Weiter geht es über Rochlitz auf gut bekannten Straßen Richtung Chemnitz. Die letzten Kilometer nach Hause werde ich, wie voriges Jahr, von meinem Bruder abgeholt. Nach 35 Tagen und 5035 Radkilometern werde ich zu Hause schon auf der Straße von meinen Eltern in Empfang genommen. Ich habe einen Randpunkt Europas erreicht, eine schöne Zeit gehabt und bin froh, dass alles so gut gelaufen ist.

Über Fragen, Kritik und Anregungen freue ich mich immer und wünsche allzeit gute Fahrt!

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