Vom reichen Mann und armen Lazarus

Predigt zu Lukas 16,19-31 in der Evangelischen Kirchengemeinde Bonn-Holzlar am 1. Juni 1997 (1. Sonntag nach Trinitatis)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Der für heute vorgeschlagene Predigttext ist die Beispielerzählung vom reichen Mann und vom armen Lazarus. Bevor ich den Text vorlese, will ich Ihnen drei der Fragen nennen, auf die ich nachher eingehen werde.

Ich lese aus Lukas 16 (19-31).
Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.
Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte, sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.
Es begab sich aber, daß der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.
Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers in Wasser tauche und mir die Zunge kühle, denn ich leide Pein in diesen Flammen.
Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, daß niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.
Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, daß du ihn sendest in meines Vaters Haus, denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.
Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören.
Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun.
Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Die erste Hälfte ist bei Lukas ganz kurz und knapp erzählt. Wir müssen manches mitbedenken, was damals üblich war oder was die meisten dachten.

Lazarus hatte seinen Bettelplatz an der Tür des Reichen. Er lag dort, konnte nicht von Haus zu Haus gehen zum Betteln, war wohl gelähmt. Die verwilderten Hunde werden ihm eher lästig geworden sein, aber er konnte sie nicht verscheuchen. Er hatte sich sättigen wollen mit dem Brot, mit dem sich der Reiche und seine Gäste die Finger abwischten und das sie dann unter den Tisch warfen. Wir dürfen ergänzen: Er bekam diese Abfälle selten oder nie.

Wir erfahren einiges vom Schicksal des Lazarus, aber nichts über seine Person, seinen Charakter, seine Handlungen. Im Gegensatz zum Reichen hat der Arme im Gleichnis einen Namen, und der bedeutet etwa "Gott hilft". Deshalb dürfen wir uns den Lazarus als gottesfürchtig denken.

Vom reichen Mann sagt Lukas nur, daß er praßte und sein Leben genoß. Das heißt, daß es über den Reichen nicht mehr zu sagen gab, daß der Reiche sich um Gott nicht kümmerte und um bedürftige Mitmenschen auch nicht. Daß der Reiche als gottloser und liebloser Prasser in die Hölle kam, war für die Hörer damals ganz natürlich.

Aber daß Lazarus auf den ersten Platz aller Gerechten kam, in Abrahams Schoß, das war für sie eine Überraschung. Lazarus hatte Geschwüre am ganzen Leib, war gelähmt und arm. Er war, wie die Mehrheit damals meinte, von Gott mit Krankeit und Armut gestraft. Auf ihn konnten und durften die anderen herabsehen.

Jesus sagt aber mit dieser Pointe: Gott liebt die Armen und Kranken und Hilflosen; dünkt euch nicht besser als sie, verachtet sie nicht. Das ist die erste Lehre aus der Erzählung.

Aus gutem Grund werden die Armen als Schatz der Kirche bezeichnet. Wenn sie hier in unserer Gemeinde fehlen, ist unsere Gemeinde buchstäblich fehlerhaft. Und Krankheit ist keine Strafe Gottes; das sagt Jesus auch bei anderer Gelegenheit (Joh 9,3).

Warum kam der reiche Mann in die Hölle? Er fragt gar nicht danach. Vielleicht hat er das schon in dem Augenblick begriffen, als er Lazarus in Abrahams Schoß sah. Er bittet nur um einen Tropfen Wasser. Als Antwort sagt Abraham, noch bevor er die kleine Bitte ablehnt: Gedenke, Sohn, daß du dein Gutes empfangen hast, und nun wirst du gepeinigt. Diese Antwort klingt so, als kämen alle, denen es auf Erden gut geht, in die Hölle.

Ich finde das völlig unbefriedigend und ungerecht. Kann das überhaupt so stimmen? Der spätere Preis für das gute Leben ist mir viel zu hoch. Außerdem ist dem Reichen vorher nicht gesagt worden, daß er hinterher einen derart überhöhten Preis bezahlen würde. Wie kommen wir da heraus?

Die Umkehrung der Schicksale nach dem Tode war damals eine geläufige Vorstellung. Deshalb dürfen wir annehmen, daß Jesus damit nichts Neues sagen wollte. Er hat diese Vorstellung hier nur benutzt und nicht als Gesetz aufgestellt. Aber einfach abtun dürfen wir sie trotzdem nicht. Sie steht noch einmal als Jesuswort bei Lukas:
Weh euch Reichen! Denn Ihr habt euren Trost schon gehabt.
Weh euch, die ihr jetzt satt seid! Denn ihr werdet hungern.
Und umgekehrt steht dort:
Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer. (Lk 6,20.24)

Die Umkehrung der Schicksale ist also mehrmals erwähnt. Aber sie ist hoffentlich kein Automatismus. Wenn Jesus sie in der Erzählung aufgreift, dann sehe ich darin dieselbe ernste Warnung, die bei Matthäus so lautet:
Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in das Reich Gottes gelangt (Mt 19,24). Dies Wort erschreckte schon die Jünger so sehr, daß sie fragten: Ja, wer kann dann selig werden? Jesus antwortet: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich.

Warum ist es für Reiche schwer, in das Reich Gottes zu kommen? Für Reiche gibt es viele Vergnügungen, die sie gefangennehmen können. Sie haben es schwerer als Arme, sich in die materielle Not armer Mitmenschen einzufühlen. Man gewöhnt sich so leicht an das Elend, genauer: an das Elend anderer. Von ganz Armen, die im Elend leben, hört man, daß sie alles miteinander teilen.

Wie alle Gaben, so kann auch der Reichtum uns zum Guten dienen oder vom Guten ablenken. Vor allem wegen dieser Ablenkung haben es Reiche viel schwerer, in das Reich Gottes zu kommen, aber es bleibt ihnen möglich. Der Reiche im Gleichnis war so mit seinem Reichtum beschäftigt, daß er den notleidenden Menschen an seiner Seite nicht sah.

Dies ist die zweite Lehre, die wir aus dieser Erzählung ziehen können. Der Mensch neben uns, der uns braucht, ist wichtiger als Sachen und Vergnügungen. Wir sind gerufen, den Nächsten und seine Not zu sehen und das Nötige zu tun.

Für sein eigenes Schicksal nimmt der Reiche die harte Antwort Abrahams klaglos hin. Er spricht jedoch Abraham ein zweites Mal an und bittet ihn, den Lazarus zu den fünf Brüdern zu senden, um sie zu warnen. Abraham lehnt das ab und sagt: Sie haben Mose und die Propheten, die sollen sie hören. Diese Aufforderung in der zweiten Antwort Abrahams ist der Kern der Erzählung.

Mose und die Propheten, das steht für die hebräische Bibel, für unser Altes Testament. Sonst wird die hebräische Bibel im Neuen Testament oft einfach die Schrift genannt. Und hören, das heißt hier zugleich gehorchen.

Mose, das ist die Weisung in den fünf Büchern Mose, das Gesetz, darunter die zehn Gebote. Bei Mose steht auch, wie man die Armen behandeln soll, daß die Armen Rechte haben, Anspruch auf Mitmenschlichkeit. Wer seinen Acker aberntet, soll etwas für die Armen liegen lassen.

Die Propheten klagen immer wieder öffentlich die Hartherzigkeit gegenüber den Armen an.

Mose und die Propheten, dort hätte der reiche Mann zu Lebzeiten lesen können, wie er hätte handeln sollen, und dort können es seine fünf Brüder immer noch lesen. Die Erzählung weist also mit Nachdruck auf den Willen Gottes hin, wie er schon im Alten Testament steht. Das kann uns eine dritte Lehre aus dem Gleichnis sein.

Jetzt kennen wir alle Personen dieser Erzählung. In welchen davon können wir uns wiederfinden, fast 2000 Jahre später, mit einer anderen Kultur und mit anderen Lebensgewohnheiten?

Mancher, der in einer großen Not ist, mag sich in der Rolle des Lazarus wiederfinden. Kaum einer wird sich selber für einen gottlosen Prasser halten. Auch wer nicht reich ist, hat gute Gaben empfangen, hat irgendeinen Reichtum. Deshalb wird es richtig sein, wenn wir alle uns mit dem Schicksal des Reichen befassen.

Der Reiche wurde gerichtet, weil er Gutes unterlassen hatte. Das Genießen für sich allein ist nicht böse; aber wenn es uns gefangen nimmt, wenn es uns hindert, die Not des Nächsten zu sehen, dann kann es uns am Heil hindern. Wie beim reichen Mann kommt es auch auf das Gute an, das wir tun könnten und nicht tun.

Und da ist ja nicht nur ein Reicher; er hat fünf Brüder. Die dürfen wir uns auch als reich vorstellen. Der Reiche in der Hölle befürchtet, daß auch seine Brüder ihr Leben verfehlen. Es geht um die Rettung derjenigen, die noch nicht tot sind, auch um unsere Rettung. So kommen wir in der Erzählung vor, als Brüder und Schwestern des Reichen. Das Gleichnis will Menschen, die dem Reichen und seinen Brüdern gleichen, vor dem drohenden Verhängnis warnen.

Das ganze klingt wie reine Moralpredigt. Das klingt, als sollten wir uns einen Platz im Himmel durch gute Werke verdienen. Das klingt wie die Drohung: Wer das Gute nicht tut, kommt in die Hölle. Manche Leute sehen genau das als die Aufgabe der Kirche und des Religionsunterrichts: "Bringt den Menschen Moral bei, damit sie sich an die Zehn Gebote halten", oder genauer, "damit sie sich mir gegenüber an die Zehn Gebote halten". Besonders von Kirchenfernen hört man das. Und wenn ich nur über diese Erzählung aus der Bibel sprechen wollte, könnte ich hier aufhören.

Aber die Botschaft Jesu ist eine frohe Botschaft. Jesus hat uns zwar dieses Beispiel erzählt, aber noch viele andere Dinge mehr gesagt. Deshalb lasse ich seine Drohung hier nicht einfach so stehen.

Jesus ist nach seinen eigenen Worten nicht gekommen, um zu richten, sondern um zu retten. Er schildert uns Gott als seinen Vater und unseren Vater, der uns liebt, der uns nicht in irgendeine Hölle bringen will. Wir sollen Gott ernst nehmen, aber so, wie man einen Vater oder eine Mutter ernst nimmt.

Wir sollen Gutes tun, aber nicht aus Furcht, sondern aus Dank für alles Empfangene und aus Liebe zu Gott und mit Freude. Wenn wir die Not des Nächsten mit dem Herzen wahrnehmen, ergibt sich das Tun fast von selbst. Dann dürfen wir hoffen, daß Gott uns am Ende alle aufnimmt.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.


Eberhard Wegner / Dank; weitere Predigten