Gülle fürs Herz
(Nightsoil for the Heart)
von
Ajahn Lie Dhammadharo
(Phra Suddhidhammaransi Gambhiramedhacariya)
© Nur zur unentgeltlichen Verteilung


Schönes entsteht aus Schmutzigem, nicht etwa aus Sachen, die erfreulich und sauber sind. Zum Beispiel wachsen Feldpflanzen und Bäume gesund und schön heran, weil sie mit faulem, übelriechendem Kompost und Gülle gedüngt werden. Genauso bringt die Begegnung mit Unangenehmem ein schönes Herz hervor. Wenn uns Schlechtes widerfährt, hat das Herz Gelegenheit zu reifen.

Mit "Schlechtem" sind hier Verlust von Reichtum, Verlust von Ansehen, Anfeindungen und schmerzliche Erlebnisse gemeint. Wenn so etwas einer Person widerfährt, deren Herz in rechter Weise innerlich gesammelt ist, dann verwandet es sich in Gutes. Erst waren diese Dinge unsere Feinde, aber am Ende werden sie zu unseren Freunden. Damit ist gemeint, dass diese vier schlimmen Dinge, wenn sie uns zustoßen, uns zur Vernunft bringen können: "Oh ja. Das ist das Schlimme am Verlust von Reichtum. Das ist das Schlimme am Verlust von Ansehen, an schmerzlichen Erlebnissen, an Anfeindungen. So kann der Lauf der Welt sich ändern und sich gegen uns wenden, also sollte man sich nicht mitreißen lassen, wenn die Welt sich von ihrer guten Seite zeigt."

Wenn Meditierende auf diese vier Arten von Schlechtem treffen, entwickelt sich ihr Herz weiter. Die Kehrseiten dieser vier schlechten Dinge — Reichtum, Ansehen, Freude und Lob — verlieren immer mehr an Reiz und Anziehungskraft für sie; sie lösen sich immer mehr von ihnen ab, bis sie, wenn ihnen Gutes widerfährt, nicht mehr dazu gebracht werden können, sich daran festzuhalten oder sich davon mitreißen zu lassen, sondern stattdessen ihr Herz auf eine höhere Stufe heben. Wenn sie hören, dass jemand sie heruntermacht oder ihnen Böses nachsagt, dann ist das für sie, als wären sie ein Bleistift, der mit dem Messer geschärft wird. Je länger sie geschärft werden, desto feiner wird ihre Spitze.

Verlust an Reichtum ist eigentlich gut für euch, wisst ihr. Ihr könnt davon lernen, nicht an Geld und materiellen Gütern, die Andere euch anbieten, festzuhalten oder euch davon den Kopf verdrehen zu lassen. Andernfalls sinkt ihr um so tiefer, je mehr ihr habt — bis ihr schließlich ertrinkt, weil ihr in eurer Gier nach Besitz steckenbleibt.

Verlust an Ansehen ist auch gut für euch. Wenn sie euch, zum Beispiel, als wohlgelittenem Bürger den guten Namen wegnehmen und euch einen Hund nennen — dann macht das die Dinge für euch nur einfacher, denn Hunde haben keine Gesetze. Sie können ungehindert tun, was sie wollen, ohne dass ihnen jemand eine Geldstrafe aufbrummt oder sie ins Gefängnis steckt. Aber wenn sie euch zu einem Prinz oder Herzog machen, dann seid ihr wirklich übel dran. Plötzlich seid ihr ganz groß: Arme, Hände, Füße und Beine werden übergroß und sind bloß noch im Weg, wo ihr auch hingeht oder was ihr auch tun wollt.

Reichtum, Ansehen, Freude und Lob sind nicht im Geringsten dauerhaft oder verlässlich. Je mehr man über diese Dinge richtig nachdenkt, desto weniger beeindruckend oder anstrebenswert findet man sie, bis man schließlich feststellt, dass man ihnen gegenüber gleichgültig geworden ist: man ist weder angenehm noch unangenehm berührt von ihnen. Dadurch entwickelt sich Gleichmut im Herzen, so dass es sich in unerschütterlicher Sammlung einigen und auf dem Übungsweg immer weiter vorankommen kann — wie bei Salat und Kohl, den chinesische Bauern in Reihen anpflanzen: je mehr Gülle sie zur Düngung bekommen, desto schneller, schöner und gesünder wachsen sie heran. Würde man ihnen bloß klares, sauberes Wasser geben, wären sie am Ende ganz kränklich und verkrüppelt.

Deswegen sagen wir, dass es Leuten, die Achtsamkeit und innere Sammlung entwickelt haben, sogar noch besser geht, wenn der Lauf der Welt sich ins Hässliche kehrt und zum Schlechten wendet. Wenn die Welt sich nur von ihrer guten Seite zeigt, lässt man sich bestimmt davon umgarnen und bleibt darin stecken, wie ein Samenkorn, das in seiner Hülle bleibt und nie zum Wachsen kommt. Aber hat sich erst ein Schößling gebildet, dann wächst und gedeiht der Samen um so mehr, je mehr Sonne, Wind, Regen und Dünger er bekommt — das heißt, um so mehr wächst euer Einsichtsvermögen in immer neuen Verzweigungen zu Wissen und Weisheit heran und führt euch zu unmittelbarer Einsicht und weiter zum Überweltlichen, wie bei dem alten chinesischen Gemüsebauern, der mit lauter Exkrementen Millionen verdient hat und reich geworden ist.