Die traditionelle Östliche Medizin in Vietnam, Dông Y, besteht aus
ganzheitlichen Heilmethoden, die vor der Verbreitung der allopathischen
europäischen Medizin im 20. Jahrhundert in ganz Vietnam angewandt wurde und
während der französischen Kolonialzeit von der Oberschicht vernachlässigt,
aber nach 1945 in Nord-Vietnam und seit 1976 in Süd-Vietnam wieder entdeckt
wurde.
Wie alle traditionelle Medizin der Welt trennt die Dông Y den Menschen
nicht von der Natur. Ihre Grundlage ist nämlich die Wechselbeziehung zwischen
dem Makrokosmos, also der Natur, und dem Mikrokosmos, dem Menschen. Der Mensch
ist eine untrennbare Einheit von Körper und Seele.
Die östliche Medizin Dông Y in Vietnam besteht aus der
"Süd-Medizin" (thuôc Nam), die die eigentliche traditionelle
vietnamesische Medizin ist, und der "Nordmedizin" (thuôc Bac), der
traditionellen chinesischen bzw. der Sino-vietnamesischen Medizin. Vietnam ist
das Land im Süden im Vergleich zu China, dem Land im Norden, daher diese
Benennung. Die beiden Medizinen werden in Vietnam unter dem Begriff "Dông
Y" (östliche Medizin) zusammengefaßt, da China und Vietnam im Osten
liegen, im Vergleich zu Europa, zum Westen.
I Thuôc Bac: Die Nord-Medizin, die
Traditionelle Chinesische Medizin in Vietnam
Ich möchte bezugnehmen auf die vielen Bücher über die Traditionelle
Chinesische Medizin, die bereits auf dem Markt existieren. Wir brauchen sie hier
nicht ausführlich zu erörtern.
Wir müssen jedoch betonen, dass der Übergang zwischen der thuôc Bac und
thuôc Nam, also zwischen der Traditionellen Chinesischen und der Traditionellen
Vietnamesischen Medizin, fließend ist. Beide werden zusammen angewandt, meist
ergänzend. Ein guter Mediziner beherrscht in Vietnam beide Künste.
II Thuôc Nam, thuôc dân tôc, Süd-Medizin, Volksmedizin oder die
traditionelle vietnamesische Medizin
Da unser Land zwischen China und Indien liegt, wird unsere Kultur, also auch
unsere Medizin von diesen Großmächten stark beeinflußt. Vietnam mit seiner
4000 jährigen Existenz kennt 1000 Jahre chinesische Unterwerfung und über 80
Jahre französische Kolonialzeit .
Die Einzigartigkeit des vietnamesischen Volkes ist die Fähigkeit, fremde
Kulturen bzw. Kenntnisse fremder Länder zu assimilieren, sie aber so zu
verändern und meistens so zu vervollkommnen, dass die ursprünglichen
Kenntnisse oder Werke nicht mehr zu erkennen sind! Alles wird
"vietnamenisiert", so dass das vietnamesische Volk optimalen Nutzen
daraus ziehen kann.
Die Thuôc Nam stammt aus den Kenntnissen der Heilkünste des Volkes
"Kinh - Viêt" und der anderen 53 verschiedenen Völkergruppen, die Vietnam
bevölkern.*
Wie bei der TCM ist das Ziel der Thuôc Nam, ein harmonisches Gleichgewicht der Lebensenergien- auf vietnamesisch khi-, zu
erlangen beziehungsweise Mangel- oder Füllzustände auszugleichen.
Grundlage für eine Therapie ist eine
gründliche Diagnostik.
Der Luong Y, der traditionelle Arzt, fragt sich zuerst, ob es sich um eine
Yin-oder Yang-Erkrankung, dann um eine
Kälte-oder Hitze-Erkrankung, dann um eine
Leer-oder Fülle Erkrankung, und schließlich um eine
Tiefe-oder Oberflächen-Erkrankung
handelt.
Dafür benutzt er vier diagnostische Verfahren:
Befragen,
Riechen und Hören,
Betrachten,
Betasten.
Er fragt z.B. nach den Lebensgewohnheiten sowie nach Umgang mit Emotionen.
Er sucht nach auffallendem Geruch der Körperausdünstungen. Er hört wie der
Patient hustet, atmet oder spricht.
Er betrachtet das gesamte Aussehen des Patienten. Eine besondere Aufmerksamkeit
widmet er der Betrachtung der "Zungenqualität".
Er fühlt verschiedene Pulsqualitäten an unterschiedlichen Körperbereichen.
Ausserdem fühlt er, wie bestimmte Punkte im Körper, z.B die MU-Punkte, auf
unterschiedlicher Tastenstärke reagieren bzw. sich anfühlen.
Manche Mediziner bevorzugen die Körperpulse: Um die Leberenergie z.B. zu bestimmen, tasten wir den Punkt Ngu Ly (Le 10) im Scarpaschen Dreieck über der Arteria femoralis. Bei einer Frau bevorzugen wir aber den Punkt Thai Xung (Le 3) über der Arteria dorsalis.
Aus der Vielzahl von Symptomen stellt er dann eine Diagnose und legt die Behandlung fest.
Innerhalb einer Therapie können verschiedene Behandlungstechniken angewandt
werden:
Die Diätetik und Qi Gong (khi công, hôi sinh phap), sind Bestandteil
der traditionellen Medizin und machen circa 10% - 20% der Behandlung aus. Das
sind Methoden, mit denen sich der Patient täglich allein helfen kann.
Die Akupunktur, die Moxibustion und die Tui Na Massage machen circa 10% -
20% der Therapie aus, und werden vom Arzt bzw. Therapeuten durchgeführt
. Die Moxa-Therapie wurde bereits in Vietnam im 3. Jahrhundert vor Christus,
unter der Herrschaft des Königs An Duong Vuong der Dynastie der Thuc, also vor
der chinesischen Herrschaft in Vietnam, angewandt (gemäß dem "Linh Nam
chich quai" von Vu Quynh und Kieu Phu, 15. Jahrhundert). Vergessen wir
nicht zu erwähnen, dass die Moxa auch in Ägypten und in Indien zu dieser Zeit
praktiziert wurde.
Bei der Kräuterbehandlung, circa 60% - 70% in der traditionellen Heilkunde,
trennt sich die Thuôc Nam von der Thuôc Bac: Der vietnamesische Arzt behandelt
den Patienten mit Kräutern, die in Vietnam wachsen, die "hoa giai"
sind angepasst an das vietnamesische Klima und den Menschen.
Die häufige Zubereitung der asiatischen Arzneien ist das Dekokt ( Abkochung ) .
Dennoch bevorzugen einige traditionelle vietnamesische Mediziner bei bestimmten Disharmonien die Wirkung der frischen Kräuter über die Mundschleimhäute.
Auf 10 Millionen Hektar Fläche wachsen in unserem Land mehr als 10.000 Pflanzenarten, darunter 1856 Heilpflanze. Bei uns leben mehr als 300 Säugetierarten, einige tausend Vogel- und Fischarten, viele Reptilien-Amphibien- und Insektenarten, nicht zu vergessen die Haus - und Nutztiere (1).

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