done with music. i hate it.

4. februar 2009, café lübke: dolf hermannstädter liest aus seinem buch "got me?". dolf ist sehr früh mit punk und hardcore in verbindung gekommen, gibt seit über 20 jahren das trust fanzine heraus, veranstaltet und bucht touren für bands. das buch sind seine gesammelten kolumnen. er wird sicherlich interessantes zu punk, hardcore, lebenseinstellung, ernährung, konsumverhalten, anarchie undundund berichten können. fragt ihn, was ihr wollt nachdem er gelesen hat! ich denke, das wird bestimmt gut - und außerdem: ich will euer geld. der eintritt ist frei, spenden erwünscht.

www.trust-zine.de

the problem with subversion. Ein paar Gedanken zum heiligen Rest. Nicht von Dolf, von mir ist das folgende Geschwätz:

Wie kann subversive Handlung heute noch realisierbar sein? Es ist schwer vorstellbar, dass die zahlreichen Protagonisten der frühen, prosperierenden Punk- und Hardcoreszene heute noch so handeln könnten, wie sie es im Deutschland Ende der 1970er, mitten im Deutschen Herbst, und in den 80er Jahren tun. Die Distinktion, die Abgrenzung, die hier zum Vorschein kommt, hat ihre Wirkung seit der Code auch vom Mainstream dekodiert werden kann weitgehend verloren. Texte, Musik und Kleidung sind in einer massenkompatiblen Form in die Gesamtgesellschaft eingegangen. Die Grenze zu einer als Subversion geltenden Haltung ist heute um ein vielfaches weiter entfernt als im Deutschland der 1970er und 80er Jahre. Subversion ist zu einem inflationär gebrauchten Begriff mutiert und kann heute nur noch schwer ausgemacht werden kann - ganz anders sicherlich in einem Land wie beispielsweise Saudi Arabien, in dem die Grenze zu einer als subversiv verstandenen Haltung oder Handlung gerade im religiösen Bereich aufgrund der Schari'a niedrig ist. Oder China, das noch vor Olympia einen Regierungskritiker der Subversion anklagte. Beispiele sind reichlich vorhanden. Es gilt der allgemeine Standpunkt der Gesamtgesellschaft als Indikator für den Grad der Subversion. Vor allem ein minoritär-distinktiver Habitus der Gegenkultur Punk, der sich stark von der Gesamtgesellschaft unterscheidet, ist noch in den Anfangstagen bis weit in die 80er Jahre hinein zu erfassen. Subversion wird in einem subkulturellen Diskurs als eine von minoritär-distinktiven Bewegungen getragene Form verstanden. Sub- oder Gegenkulturen sind minoritäre Gruppen, die eine distinktive Haltung zur Gesamtgesellschaft besitzen. Hans-Peter Rodenberg, ein Amerikanist, unterscheidet zum einen die einfache Subkultur, welche er regressive Subkultur nennt und zum anderen die Gegenkultur, welche hingegen als progressive Subkultur charakterisiert wird. Dabei steht die Gegenkultur - anders als die Subkultur an sich - „in entschiedener Opposition zum bestehenden System […] und will auch so verstanden werden“ (Rodenberg). Damit schreibt Rodenberg der Gegenkultur einen bewussten politischen Habitus zu und nennt sie autonom. Die Punk-Bewegung gilt somit als Beispiel für eine Gegenkultur. Mit Blick auf die oft kurzlebigen Subkulturen wundert es nicht, dass hier Subversion meist nur für eine kurze Zeit greifen kann. Danach spalten, verändern oder lösen sich die jeweiligen Subkulturen auf - sofern sie überhaupt je subversiv waren. Des Weiteren trägt der Mainstream zur Entkopplung von der Subversion bei, indem er Elemente übernimmt, kopiert und sie damit relativiert. Schon 1978 ist Punk bekannt, in aller Munde und in der Masse angekommen. Das heißt keineswegs, dass hier schon eine Mainstreamisierung im Sinne einer Vermarktung statt findet. Die ersten durch Punk entstandenen Bands haben auch außerhalb der ohnehin stark gewachsenen Punk-Szene Erfolg. Die Erfolge der deutschen - und vor allem auch auf Deutsch singenden - Bands in Charts und Medien erreichen neben dem baldigen Ausverkauf der so genannten Neuen Deutschen Welle auch ein neues, erstarktes Nationalbewusstsein. Der Ausverkauf von Punk, New Wave und vor allem der Neuen Deutschen Welle - aber auch der Kunst wird von Dietrich Diederichsen anschaulich dargestellt: „Beide Prozesse, Punk wie neue Malerei, wurden von den Medien, nach dem üblichen, zögerlich abwartenden Beginn […] gleichermaßen begrüßt, als einer längst überfälligen, entarteten Form.“ Zu Beginn gibt es keine klaren Regeln, die Jugendlichen dieser Gegenbewegung befinden sich in einer Testphase, in der alles erlaubt ist - die einzige Bedingung: es muss gegen alle anderen Bewegungen und gegen den Rest der Gesellschaft sein. So werden zahlreiche Möglichkeiten, Distinktion durch Provokation im Aussehen, im Habitus und im Denken zu erreichen, entdeckt. Vor allem durch Distinktion wird zur Aufbruchszeit des Punk Subversion betrieben: der Mainstream versteht die Bewegung nicht und fühlt sich von ihr abgestoßen. Der distinktive Habitus arbeitet mit einem für das Gesamt zunächst nicht zu entschlüsselnden Code. Erst als dieser dekodiert wird, geht Punk über New Wave und schließlich die Neue Deutsche Welle im Mainstream in vielen seiner Facetten auf. Über andere, aus Punk entstandene Musikformen entstehen neue Ansätze zur Subversion: Hardcore, Anarcho-Punk, Grindcore, und viele andere Musikstile sind letztlich das Resultat von Punk und können sich für einige Zeit in ihren distinktiven Codes behaupten, in einigen Facetten - genau wie Punk - auch heute noch. Jedoch ist beispielsweise die Kleidung schon sehr bald kein Element der Subversion mehr. Die meisten durch Punk eingeführten Kleidungsstile sind heute bei H&M und ähnlichen Shops zu erstehen. Diese Kleidung trägt der kaufkräftige und Konsum orientierte Mainstream ganz selbstverständlich. Subversiv wirkt das dadurch nicht mehr. Die revolutionäre Idee des Independentlabels ist bis auf wenige Ausnahme versickert. Manche sind schlicht Pleite gegangen, andere wurde von Musikindustrie aufgekauft und geschluckt. Der Begriff des Independentlabels ist meist nichts mehr Wert. Majorlabel, die Trends aufzuspüren suchen, züchten unbekannte Bands mit neuen Stilen wie Blumen und pflücken sie, wenn sie reif sind. Der Anstrich des Independentlabels meist ist eine Fassade, hinter der heute oft das Majorlabel steht. Es gibt nur wenige - erfolgreich operierende, wirklich im Sinne des ursprünglichen Begriffs independent - unabhängige Ausnahmen, die über einen längeren Zeitraum überlebt haben; so beispielsweise das Post-Punk Label Dischord, das einen klaren Punk-/Hardcorebackground besitzt. Hier greifen subversive Strategien nur schwer - allerdings gibt es zahlreiche Kleinstlabel, die durchaus völlig unabhängig operieren und auf ihre Art durch Kommunikationsverweigerung mit dem Mainstream, und oft starke distinktive Kodierung in Form einer nur für Insider zu verstehenden Underground-Sprache, subversiv wirken können. Dialogverweigerung findet hier in besonderem Maße statt: ohne das Besuchen von Konzerten oder dem Wissen bestimmter Mailorder/Labelseiten ist die Musik oft nur schwer zu bekommen. Moderne Musikplattformen wie Myspace.com bieten - allerdings aus rein kommerziellem Interesse - die Möglichkeit der einfach zu handhabenden Vernetzung. Oft jedoch ist diese Form der Vernetzung sinnvoll und die Zukunft wird zeigen, ob sich eine Alternative zu Myspace.com ergeben wird, kommerziell abhängig und Betrieben um der Musik und der Künstler, nicht des Geldes willen. Zur Zeit der Punk-Anfänge ist ein Einstieg in die Gegenkultur einfacher und Subversion besser zu verhandeln als in Zeiten von soapartigen TV-Formaten, wie Deutschland sucht den Superstar, die dem Publikum vor den Bildschirmen eine Klasse unabhängiger und eigenständig-origineller jugendlicher Künstler zu suggerieren versuchen. Dabei ist die Botschaft dieselbe, wie auch die von Punk: jeder kann mitmachen. Punk hat die Gesellschaft verändert; die Gesellschaft jedoch hat alles Revolutionäre und Subversive wie selbstverständlich geschluckt, in Massen reproduziert und an den Mainstream wie auch den Subkulturen Gewinn bringend zurück verkauft. Mit einem Interview aus dem Trust von 1996 sagt Pere Ubu: „Punk ist im Grunde eine sehr konservative Bewegung. Punkrock ist eins! Alles ist Punkrock! Der Präsident der Vereinigten Staaten ist ein Punk! Jeder ist ein Punk, alle im Fernsehen sind Punk. Punk war der Sieg von Verhalten über Substanz. Es war der Sieg von Erscheinung und Mode. Das hat Malcom McLaren schon damals gesagt, wir auch, nur uns hat niemand geglaubt und ihm natürlich auch nicht. Alle dachten, es sei nur clever, Attitude war alles. Wie verkauft man ein Auto? Man setzt ein Mädchen auf die Haube! Die amerikanische Kultur heute ist nur noch ein Attitude-Markt. Untereinander tauscht man Verhaltens-Gutscheine… Das ist alles, was Punk uns gebracht hat.“ Damit zieht Pere Ubu ein vernichtendes Resümee; allerdings ist fraglich, ob Ubu die heutige Kodierung überhaupt noch entschlüsseln kann. Auch Martin Büsser konzentriert sich - seit Diederichsen der Gegenkultur und der Popmusik das subversive Element abgesprochen hat - nicht mehr auf den Underground, sondern schließt sich Diederichsen an und untersucht Rechte und reaktionäre Tendenzen in der Popmusik. Wie soll jemand über eine Untergrund-Bewegung entscheiden, über dessen Dekodierung er nicht mehr verfügt? Auch Jürgen Teipel (Verschwende Deine Jugend) sieht im Interview keine Tendenz der Jugendlichen mehr zu einer Jugendkultur im Sinne einer Gegenbewegung hin: „Die Jugend von heute wäre so gern eine Jugendbewegung. Aber mit Bildung und genug Geld für Klamotten allein lässt sich das schwer realisieren. Dissidenz kann man nicht kaufen.“ Ein Blick in auch heute noch florierende Fanzines, Untergrund-Labelangeboten und Underground-Konzerten autonomer Jugendzentren allerdings zeichnet das Bild einer sehr wohl auch heute noch regen Gegenkultur - gerade seit dem Widererstarken der Linken Gruppen - nicht die Linkspartei ist gemeint – brodelt eine politische und gesellschaftskritische Szene im Untergrund, die ihre eigene distinktive und ästhetische Kodierung besitzt. Wann waren Ubu, Diederichsen, Büsser und Teipel zuletzt auf einem 30 Leute Punkkonzert? Ich weiß es nicht aber möglicherweise ist das schon eine ganze Weile her. Möglicherweise liegt hier eine bis zur Perversität der Neuen Deutschen Welle gesteigerte Dialektik von Punk: die Idee einer Befreiung von der Norm der Gesellschaft führt zu einem Teilhaben und Teilwerden an der Gesamtgesellschaft. Jedoch wird übersehen, dass sich Punk trotz anderer Behauptungen weiterentwickelt hat beziehungsweise aus Punk und auf Punk aufbauend zahlreiche weitere Musikstile und oft damit verbundene oder Musik unabhängige Habitusformen entstanden sind. Genauso, wie viele Moden, Musikarten, Literaturen, Persönlichkeiten und TV-Formate ohne durch schon vor Jahrzehnten aus Punk eingeflossenen Elemente denkbar sind, sind diese alle ohne jegliche Anzeichen von Subversion undenkbar.