Lernfeld Europa - Europäische
Schüleraustauschprojekte und multilaterale Schulpartnerschaften
Victor Hugo hielt 1849
eine berühmt gewordene Rede, in der er an die europäischen Staaten
appelliert, sich eng zu einer höheren Gemeinschaft
zusammenzuschliessen und die grosse europäische Bruderschaft
zu begründen. Die von ihm ersehnten „Vereinigten Staaten von Europa” sollten
bis zur Gründung einer politischen Union europäischer Staaten noch durch
viele Opfer teuer erkauft werden. Dennoch bleibt auch heute noch Europa im
Bewusstsein vieler Bürger ein defizitär bestelltes Kenntnis- und
Erfahrungsfeld, abgesehen davon, dass wir aufgrund der Partikularinteressen
im EU-Europa von einer „europäischen Brüderschaft” noch weit entfernt sind.
Wer das Haus Europa bauen will, muss deshalb in eine Aufklärung
für Europa investieren. Dazu gehören umfassende Informationen zu
europarelevanten Themen wie auch der grenzüberschreitende Austausch von
Menschen und Ideen zum Wohl eines europäischen Bewusstseins und einer
europäischen Identität.
Die ersten drei Wochen
nach den Osterferien standen bei uns ganz im Zeichen der „Europäisierung des
Schullebens”. Das Pius-Gymnasium ist in den letzten zwei Jahren zahlreiche
Schulpartnerschaften eingegangen, von denen Schüler/innen der
Jahrgangsstufen 7, 8, 10 und 11 besonders profitieren. Die europäisch
intonierten Austauschmassnahmen sind eingebunden in projektorientierte,
fächerübergeifende Kultur- und Begegnungsprogramme, die, so das pädagogische
Konzept, vor allem das sprachliche und interkulturelle Lernen fördern
sollen.
„Alles wirkliche Leben
ist Begegnung”, sagt der große jüdische Philosoph Martin Buber. Was er
damit meint, ist nicht nur die prinzipielle Dialogfähigkeit des Menschen,
sondern auch und vor allem die jeder mitmenschlichen Begegnung innewohnende
Möglichkeit authentischer Kommunikation. Das läßt sich durchaus auf das von
uns organisierte europäische Netzwerk multilateraler Schulpartnerschaften
übertragen. Was wir uns von diesen Schulpartnerschaften erhoffen, sind echte
Kooperationen, unkonventionelle Lernprozesse, Offenheit gegenüber den
Lebenssituationen, Lebensgewohnheiten und Lebenszielen der europäischen
Partnerschüler/innen und letztlich zwischenmenschliche Begegnungen im Sinne
Martin Bubers.
Unser europäisches
Partnerschulnetz reicht bis an die walisische Grenze zur englischen St.
Peter’s Catholic High School in Gloucester, führt von dort weiter zum
Collège et Lycée Saint Charles im bretonischen Saint-Brieuc, verdichtet sich
noch einmal in Frankreich bei der Institution Notre-Dame im elsässischen
Strasbourg, macht einen Sprung zum Humboldt-Gymnasium im sächsischen
Leipzig, um vorerst beim tschechischen Unesco-Gymnasium F.X.Saldy in Liberec
und einem kooperierenden polnischen Gymnasium in Luban in der Euregio
Neisse vor Anker zu gehen. Der Genius Europas lebt vom Reichtum an
Sprachen und Kulturen, von der Einheit in der Vielfalt, und wir
werden - aller Europhorie zum Trotz - Europa nur dann innerlich
stabilisieren und optimistisch gemeinsam den Weg ins dritte Jahrtausend
beschreiten können, wenn junge Menschen ganz natürlich in ein europäisches
Bewusstsein hineinwachsen. Erst dann werden sie die anderen Kulturen Europas
besser verstehen und sie als wesentliche Bereicherung ihrer nationalen
Identität empfinden. Multilaterale Schulpartnerschaften sind für das
Schulleben eine echte Chance. In der Begegnung mit anderen Menschen,
Mentalitäten und Kulturen lassen sich Verständnisbarrieren ab- und
europäische Identitäten sukzessive aufbauen.
Die erste Partnerschule,
die ich hier vorstellen möchte, ist das traditionsreiche
Humboldt-Gymnasium in Leipzig, das mit seinen 900 Schüler/innen und 60
Lehrkräften auch aufgrund der zahlreichen außerunterrichtlichen Aktivitäten
und interessanten Freizeitangebote in Elternkreisen einen exzellenten Ruf
genießt. Schüler/innen der Jahrgangsstufe 7 und 8 waren unter Leitung von
Frau Kronauer, Herrn Theißen und Herrn Wick im vergangenen Schuljahr im
Rahmen zweier Schüleraustauschprojekte in Leipzig. Die Halbmillionenstadt
Leipzig ist bekanntlich eine über 800 Jahre alte Handels- und Bürgerstadt,
die als Tor nach Osteuropa heute ein modernes, internationales Kultur- und
Messezentrum darstellt und deshalb auch als „München des Ostens” bezeichnet
wird. Von Leipzig ist es übrigens nicht weit nach Weimar, Dresden, Erfurt
oder Naumburg, so dass das Leipziger Kultur- und Begegnungsprogramm
unseren Schüler/innen viele interessante Aspekte bot. Der Gegenbesuch liess
nicht lange auf sich warten. Frau Kopf, Frau Berger und Herr Bergner
besuchten uns mit Humboldt-Schüler/innen und absolvierten in Aachen und
Umgebung ein abwechslungsreiches Programm. Die erste Ost-West-Begegnung
dieser Art wurde von beiden Seiten begeistert angenommen und einhellig als
„fruchtbringend und dem gegenseitigen Verständnis förderlich” anerkannt.
Die zweite Partnerschule
liegt in England, genauer gesagt in der Nähe von Wales in Gloucester,
Hauptstadt der Grafschaft Gloucestershire. Die malerische Stadt ist mit
ihren 100.000 Einwohnern bekannt für ihre Kathedrale, Holzindustrie und
Herstellung landwirtschaftlicher Geräte. Unsere neue englische
Partnerschule, die St. Peter’s Catholic High School and Sixth Form
Centre, ist eine katholische Gesamtschule mit ungefähr 1400 Schülern,
die Französisch, Deutsch und Spanisch als Fremdsprachen lernen. Die St.
Peter’s High School gehört nach Ansicht von Reverend Dr. Philip Smyth, der
uns bei den kontaktaufnehmenden Gesprächen unterstützte, zu den
angesehensten englischen private schools mit hervorragendem Renommee.
„The Head of German at the school” ist Mrs. Testoni-Ranken, eine deutsche
Lehrerin, die alles tat, um die erste bilaterale
Schüleraustauschmassnahme zu einem Erfolg werden zu lassen. Frau Cremer
und Frau Meier waren mit Schüler/innen der Jahrgangsstufe 11 in Gloucester
und besichtigten im Rahmen eines höchst attraktiven Kulturprogramms u.a.
Shakespeare’s Geburtshaus in Stratford, in Bath die Abtei und das römische
Bad und in Oxford die Universität. Der Gegenbesuch erfolgte in der Woche vom
24. April zum 2. Mai. Zu den Highlights des europäischen
Austauschprojekts zählt nach einhelliger Meinung der englischen
Schüler/innen die Besichtigung des Braunkohlekraftwerks Weisweiler, die
Gespräche mit der stellv. SPD-Fraktionsvorsitzenden und
Bundestagsabgeordneten Ulla Schmidt sowie Bürgermeister Dr. Daldrup wie auch
die ebenso anschauliche wie appetitliche Führung durch die
Printenbäckerei Klein
Unsere dritte
Partnerschule liegt in Tschechien in der Euroregio Neisse. Liberec,
ehemals Reichenberg, liegt in einer herrlichen Berglandschaft in Nordböhmen,
hat ca. 80.000 Einwohner mit einer traditionellen Textil-, Papier- und
Maschinenindustrie und ist bekannt für seine grossen Ausstellungsmärkte. Die
Stadt selbst hat neben anderen touristischen Attraktionen ein wunderschönes
Neurenaissance-Rathaus und pittoreske Fachwerkviertel. Unsere tschechische
Partnerschule, das Gymnázium F.X. Saldy Liberec, ist ein bilinguales
Unesco-Gymnasium, das zu den acht besten tschechischen Schulen
gehört. Herr Els und Herr Peters haben die Schule und Liberec Anfang des
Jahres persönlich besucht, und sie waren ausgesprochen beeindruckt von der
Qualität des Unterrichts, den kulturellen Sehenswürdigkeiten und vor allem
der tschechischen Gastfreundschaft.
Deutsch wird in der
gymnasialen Oberstufe am F.X. Saldy-Gymnasium in einer Deutschen
Abteilung unterrichtet, die von Herrn Hans-Jürgen Liske, Cousin des
derzeitigen Rektors der RWTH Aachen, umsichtig geleitet wird. Die deutschen
Lehrer/innen bereiten die tschechischen Schüler/innen auch in den
gesellschaftswissenschaftlichen Fächern auf ein deutsch-tschechisches Abitur
vor, das die Absolventen berechtigt, in Tschechien, in Deutschland und an
allen Universitäten der EU zu studieren. Die tschechischen
Oberstufenschüler/innen, die am Austausch teilnehmen, haben sehr gute
deutsche Sprachkenntnisse, so dass es keine Sprachbarrieren zwischen den
Pius- und F.X. Saldy-Schüler/innen gab. Herr Kreus und Frau Gruber fuhren
mit 18 Schüler/innen nach Tschechien und besuchten im Rahmen eines
bilateralen ökologischen Projekts eine Wasseraufbereitungsanlage, eine
Glashütte und Brauerei, aber auch besondere kulturelle Sehenswürdigkeiten in
Liberec und Prag. Die ökologische Projektarbeit kam dabei nicht zu
kurz! Während unsere Schüler/innen die Umweltschäden in der Euregio
Neisse in Arbeitsgruppen analysierten, erfuhren die von Herrn Foy und
Herrn Taibr begleiteten tschechischen Schüler/innen durch Oberforstdirektor
Rainer Kerz wichtige Details über „Naturschutz und Waldnutzung im Aachener
Wald”. Der eloquente Stararchitekt Peter Busmann führte Tschechen und
Deutsche einen ganzen Nachmittag in Köln in die Grundlagen der ökologischen
Architektur ein, und Dr. Maria Vankann, Projektkoordinatorin des Aachener
Baudezernats, stellte in einem sachkundigen Vortrag Aachen als „ökologische
Stadt der Zukunft” vor. Die Auswertung der deutsch-tschechischen
Erfahrungsbögen macht es deutlich: Europa kann zu einem interessanten
Lernfeld werden...
Unsere erste
französischen Partnerschule in Strasbourg, die Institution Notre-Dame,
ist bereits in einer Jahresschrift ausführlich vorgestellt worden. Nach
längeren Bemühungen haben wir eine zweite geeignete Austauschschule in
Frankreich gefunden haben. Es handelt sich um das angesehene Collège et
Lycée Saint Charles in Saint Brieuc, ein staatlich anerkanntes
katholisches Gymnasium mit Sekundarstufe I und II, das von 1500 Schülerinnen
und Schülern besucht wird. Die Schule ist 150 Jahre alt, liegt im
Stadtzentrum von Saint Brieuc und hat ein kleines Internat für die
Oberstufe. Saint Brieuc ist eine historische Stadt in der Nordbretagne, die
direkt am Meer liegt und als Hauptstadt des Départements „Côtes D’Armor”
vorwiegend vom Tourismus lebt. Da am Collège et Lycée St. Charles
Deutsch ab der Klasse 5 als erste Fremdsprache unterrichtet wird, sind die
jungen französischen Schüler/innen sehr daran interessiert, gleichaltrige
deutsche Gymnasiasten kennenzulernen und ihre Sprachkenntnisse in der Praxis
zu erproben. Der verantwortliche Koordinator Jean-Luc Méal kam dann auch in
Begleitung seiner charmanten Kollegin Monique Huon und 26 Schüler/innen in
der letzten Woche vor den Weihnachtsferien nach Aachen, und alle waren vom
Aachener Weihnachtsmarkt schlichtweg begeistert. Der Gegenbesuch erfolgte
kurz vor den Sommerferien. 26 Pius-Schüler/innen der Jahrgangsstufe 8, die
von Frau Bardt und mir begleitet wurden, erlebten la belle
Bretagne: Saint Brieuc, Saint-Malo, der Mont-Saint-Michel, die
Rosagranitküste, Dinan und viele erlebnisreiche interkulturelle
Aktivitäten liessen unsere Herzen höher schlagen. Die Bretagne ist eine
Reise wert.
Die europäischen
Schüleraustauschprogramme werden übrigens vom Bistum Aachen, vom Ministerium
für Schule und Weiterbildung / Düsseldorf, vom Pädagogischen Austauschdienst
/ Bonn, von der Bezirksregierung Köln und der Regio Aachen e.V. finanziell
unterstützt. Benefizkonzerte im Aachener Europa-Forum trugen mit dazu bei,
einen schulinternen Europa-Fonds aus der Taufe zu heben, mit dessen
Hilfe die multilateralen Schüleraustauschprojekte gezielt gefördert werden
können. Was relativ abstrakt klingt, wird sehr konkret, wenn man soziale
Härtefälle oder schulische Nöte in den Blick nimmt. Der Europa-Fonds
ermöglicht uns, im Rahmen des jeweiligen Schüleraustauschprojekts
unbürokratisch da zu helfen, wo Hilfe notwendig ist.
Im März 1999 stand es in
allen Zeitungen. Die Deutsche Presse-Agentur meldete: „INTERNET-PREIS AN
AACHENER GYMNASIUM - Das Bischöfliche Pius-Gymnasium in Aachen und das
Unesco-Gymnasium F.X. Saldy in Liberec haben für ihre
Internet-Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Umwelterziehung den ersten Preis
im Wettbewerb Schulen ans Netz des Ministeriums für Schule und
Weiterbildung erhalten. Der Preis ist mit 5000 Mark dotiert.”
Wir freuten uns
über den Preis, auch wenn die Presseinformation nicht ganz stimmte. Wie das
Glückwunschschreiben der Ministerin Behler schnell richtig stellte,
wurden nicht die Projektrealisierung und die noch ausstehende
Internetdokumentation gewürdigt, sondern die an den neuen Medien orientierte
Planung und Konzeption des bilateralen ökologischen Modellprojekts,
die dem Ministerium für Schule und Weiterbildung, der Bezirksregierung Köln
und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst ein Jahr vor dem Austausch
differenziert dargelegt werden mussten. Vielleicht mag jedoch auch unsere
entschlossene Partnerschaftsinitiative und der tatkräftige Wille der
Schulleitung, eine lebendige Schulpartnerschaft zum Unesco-Gymnasium F.X.
Saldy in Liberec aufzubauen, bei der Entscheidung auf Ministerialebene eine
Rolle gespielt haben. Auch gilt, wie ich meine, der besondere Dank den
KollegInnen, die sich in der Vergangenheit selbstlos für die bilateralen
zwischenmenschlichen Beziehungen - aus meiner Sicht das Wesentliche
einer Schulpartnerschaft - engagiert haben. Zu Dank verpflichtet sind wir
aber auch (den Referenten des Aachener Europa-Forums) Dr. Giri Grusa,
Botschafter der Tschechischen Republik und einer der bekanntesten Lyriker
seines Landes und Prof. Dr. Elmar Schenkel, Literaturwissenschaftler und
Literaturpreisträger, die mithalfen, für’s Pius-Gymnasium eine geeignete
Partnerschule in Liberec bzw. Leipzig zu finden.
Mein Fazit: Europäische
Jugendbegegnungen ermöglichen unvergessliche Erlebnisse, die durch nichts
substituiert werden können und zweifellos zum Bildungsprogramm und
Schulprofil eines um Authentizität sich bemühenden Gymnasiums
gehören. Der Euregio Maas-Rhein Rechnung tragend, stehen noch
Schulpartnerschaften mit Schulen im benachbarten Belgien und den
Niederlanden an. Aber noch andere Projektideen werden in die Praxis
umgesetzt werden. Wir müssen europäisch denken und lokal handeln, damit das
Zukunftsprojekt Europa zum Modell einer Einheit wird, die
jenseits von wirtschaftlichen Kategorien und politischen Strukturen ein
menschliches Antlitz haben sollte.
Norbert Weitz
Koordinator für
Internationale Begegnung