Europ. Austauschprojekte

Dienstag, Januar 25, 2005

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Lernfeld Europa - Europäische Schüleraustauschprojekte und multilaterale Schulpartnerschaften

Victor Hugo hielt 1849 eine berühmt gewordene Rede, in der er an die europäischen Staaten appelliert, sich eng zu einer höheren Gemeinschaft zusammenzuschliessen und die grosse europäische Bruderschaft zu begründen. Die von ihm ersehnten „Vereinigten Staaten von Europa” sollten bis zur Gründung einer politischen Union europäischer Staaten noch durch viele Opfer teuer erkauft werden. Dennoch bleibt auch heute noch Europa im Bewusstsein vieler Bürger ein defizitär bestelltes Kenntnis- und Erfahrungsfeld, abgesehen davon, dass wir aufgrund der Partikularinteressen im EU-Europa von einer „europäischen Brüderschaft” noch weit entfernt sind. Wer das Haus Europa bauen will, muss deshalb in eine Aufklärung für Europa investieren. Dazu gehören umfassende Informationen zu europarelevanten Themen wie auch der grenzüberschreitende Austausch von Menschen und Ideen zum Wohl eines europäischen Bewusstseins und einer europäischen Identität.

Die ersten drei Wochen nach den Osterferien standen bei uns ganz im Zeichen der „Europäisierung des Schullebens”. Das Pius-Gymnasium ist in den letzten zwei Jahren zahlreiche Schulpartnerschaften eingegangen, von denen Schüler/innen der Jahrgangsstufen 7, 8, 10 und 11 besonders profitieren. Die europäisch intonierten Austauschmassnahmen sind eingebunden in projektorientierte, fächerübergeifende Kultur- und Begegnungsprogramme, die, so das pädagogische Konzept, vor allem das sprachliche und interkulturelle Lernen fördern sollen.

 „Alles wirkliche Leben ist Begegnung”,  sagt der große jüdische Philosoph Martin Buber. Was er damit meint, ist nicht nur die prinzipielle Dialogfähigkeit des Menschen, sondern auch und vor allem die jeder mitmenschlichen Begegnung innewohnende Möglichkeit authentischer Kommunikation. Das läßt sich durchaus auf das von uns organisierte europäische Netzwerk multilateraler Schulpartnerschaften übertragen. Was wir uns von diesen Schulpartnerschaften erhoffen, sind echte Kooperationen, unkonventionelle Lernprozesse, Offenheit gegenüber den Lebenssituationen, Lebensgewohnheiten und Lebenszielen der europäischen Partnerschüler/innen und letztlich zwischenmenschliche Begegnungen im Sinne Martin Bubers.

Unser europäisches Partnerschulnetz reicht bis an die walisische Grenze zur englischen St. Peter’s Catholic High School in Gloucester, führt von dort weiter zum Collège et Lycée Saint Charles im bretonischen Saint-Brieuc, verdichtet sich noch einmal in Frankreich bei der Institution Notre-Dame im elsässischen Strasbourg, macht einen Sprung zum Humboldt-Gymnasium im sächsischen Leipzig, um vorerst beim tschechischen Unesco-Gymnasium F.X.Saldy in Liberec und einem kooperierenden polnischen Gymnasium in Luban in der Euregio Neisse vor Anker zu gehen. Der Genius Europas lebt vom Reichtum an Sprachen und Kulturen, von der Einheit in der Vielfalt, und wir werden - aller Europhorie zum Trotz - Europa nur dann innerlich stabilisieren und optimistisch gemeinsam den Weg ins dritte Jahrtausend beschreiten können, wenn junge Menschen ganz natürlich in ein europäisches Bewusstsein hineinwachsen. Erst dann werden sie die anderen Kulturen Europas besser verstehen und sie als wesentliche Bereicherung ihrer nationalen Identität empfinden. Multilaterale Schulpartnerschaften sind für das Schulleben eine echte Chance. In der Begegnung mit anderen Menschen, Mentalitäten und Kulturen lassen sich Verständnisbarrieren ab- und europäische Identitäten sukzessive aufbauen.

Die erste Partnerschule, die ich hier vorstellen möchte, ist das traditionsreiche Humboldt-Gymnasium in Leipzig, das mit seinen 900 Schüler/innen und 60 Lehrkräften auch aufgrund der zahlreichen außerunterrichtlichen Aktivitäten und interessanten Freizeitangebote in Elternkreisen einen exzellenten Ruf genießt. Schüler/innen der Jahrgangsstufe 7 und 8 waren unter Leitung von Frau Kronauer, Herrn Theißen und Herrn Wick im vergangenen Schuljahr im Rahmen zweier Schüleraustauschprojekte in Leipzig. Die Halbmillionenstadt Leipzig ist bekanntlich eine über 800 Jahre alte Handels- und Bürgerstadt, die als Tor nach Osteuropa heute ein modernes, internationales Kultur- und Messezentrum darstellt und deshalb auch als „München des Ostens” bezeichnet wird. Von Leipzig ist es übrigens nicht weit nach Weimar, Dresden, Erfurt oder Naumburg, so dass das Leipziger Kultur- und Begegnungsprogramm unseren Schüler/innen viele interessante Aspekte bot. Der Gegenbesuch liess nicht lange auf sich warten. Frau Kopf, Frau Berger und Herr Bergner besuchten uns mit Humboldt-Schüler/innen und absolvierten in Aachen und Umgebung ein abwechslungsreiches Programm. Die erste Ost-West-Begegnung dieser Art wurde von beiden Seiten begeistert angenommen und einhellig als „fruchtbringend und dem gegenseitigen Verständnis förderlich” anerkannt.

Die zweite Partnerschule liegt in England, genauer gesagt in der Nähe von Wales in Gloucester, Hauptstadt der Grafschaft Gloucestershire. Die malerische Stadt ist mit ihren 100.000 Einwohnern bekannt für ihre Kathedrale, Holzindustrie und Herstellung landwirtschaftlicher Geräte. Unsere neue englische Partnerschule, die St. Peter’s Catholic High School and Sixth Form Centre, ist eine katholische Gesamtschule mit ungefähr 1400 Schülern, die Französisch, Deutsch und Spanisch als Fremdsprachen lernen. Die St. Peter’s High School gehört nach Ansicht von Reverend Dr. Philip Smyth, der uns bei den kontaktaufnehmenden Gesprächen unterstützte, zu den angesehensten englischen private schools mit hervorragendem Renommee. „The Head of German at the school” ist Mrs. Testoni-Ranken, eine deutsche Lehrerin, die alles tat, um die erste bilaterale Schüleraustauschmassnahme zu einem Erfolg werden zu lassen. Frau Cremer und Frau Meier waren mit Schüler/innen der Jahrgangsstufe 11 in Gloucester und besichtigten im Rahmen eines höchst attraktiven Kulturprogramms u.a. Shakespeare’s Geburtshaus in Stratford, in Bath die Abtei und das römische Bad und in Oxford die Universität. Der Gegenbesuch erfolgte in der Woche vom 24. April zum 2. Mai. Zu den Highlights des europäischen Austauschprojekts zählt nach einhelliger Meinung der englischen Schüler/innen die Besichtigung des Braunkohlekraftwerks Weisweiler, die Gespräche mit der stellv. SPD-Fraktionsvorsitzenden und Bundestagsabgeordneten Ulla Schmidt sowie Bürgermeister Dr. Daldrup wie auch die ebenso anschauliche wie appetitliche Führung durch die Printenbäckerei Klein

Unsere dritte Partnerschule liegt in Tschechien in der Euroregio Neisse. Liberec, ehemals Reichenberg, liegt in einer herrlichen Berglandschaft in Nordböhmen, hat ca. 80.000  Einwohner mit einer traditionellen Textil-, Papier- und Maschinenindustrie und ist bekannt für seine grossen Ausstellungsmärkte. Die Stadt selbst hat neben anderen touristischen Attraktionen ein wunderschönes Neurenaissance-Rathaus und pittoreske Fachwerkviertel. Unsere tschechische Partnerschule, das Gymnázium F.X. Saldy Liberec,  ist ein bilinguales Unesco-Gymnasium, das zu den acht besten tschechischen Schulen gehört. Herr Els und Herr Peters haben die Schule und Liberec Anfang des Jahres persönlich besucht, und sie waren ausgesprochen beeindruckt von der Qualität des Unterrichts, den kulturellen Sehenswürdigkeiten und vor allem der tschechischen Gastfreundschaft.

Deutsch wird in der gymnasialen Oberstufe am F.X. Saldy-Gymnasium in einer Deutschen Abteilung unterrichtet, die von Herrn Hans-Jürgen Liske, Cousin des derzeitigen Rektors der RWTH Aachen, umsichtig geleitet wird. Die deutschen Lehrer/innen bereiten die tschechischen Schüler/innen auch in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern auf ein deutsch-tschechisches Abitur vor, das die Absolventen berechtigt, in Tschechien, in Deutschland und an allen Universitäten der EU zu studieren. Die tschechischen Oberstufenschüler/innen, die am Austausch teilnehmen, haben sehr gute deutsche Sprachkenntnisse, so dass es keine Sprachbarrieren zwischen den Pius- und F.X. Saldy-Schüler/innen gab. Herr Kreus und Frau Gruber fuhren mit 18 Schüler/innen nach Tschechien und besuchten im Rahmen eines bilateralen ökologischen Projekts eine Wasseraufbereitungsanlage, eine Glashütte und Brauerei, aber auch besondere kulturelle Sehenswürdigkeiten in Liberec und Prag. Die ökologische Projektarbeit kam dabei nicht zu kurz! Während unsere Schüler/innen die Umweltschäden in der Euregio Neisse in Arbeitsgruppen analysierten, erfuhren die von Herrn Foy und Herrn Taibr begleiteten tschechischen Schüler/innen durch Oberforstdirektor Rainer Kerz wichtige Details über „Naturschutz und Waldnutzung im Aachener Wald”. Der eloquente Stararchitekt Peter Busmann führte Tschechen und Deutsche einen ganzen Nachmittag in Köln in die Grundlagen der ökologischen Architektur ein, und Dr. Maria Vankann, Projektkoordinatorin des Aachener Baudezernats, stellte in einem sachkundigen Vortrag Aachen als „ökologische Stadt der Zukunft” vor. Die Auswertung der deutsch-tschechischen Erfahrungsbögen macht es deutlich: Europa kann zu einem interessanten Lernfeld werden...

Unsere erste französischen Partnerschule in Strasbourg, die Institution Notre-Dame, ist bereits in einer Jahresschrift ausführlich vorgestellt worden. Nach längeren Bemühungen haben wir eine zweite geeignete Austauschschule in Frankreich gefunden haben. Es handelt sich um das angesehene Collège et Lycée Saint Charles  in Saint Brieuc, ein staatlich anerkanntes katholisches Gymnasium mit Sekundarstufe I und II, das von 1500 Schülerinnen und Schülern besucht wird. Die Schule ist 150 Jahre alt, liegt im Stadtzentrum von Saint Brieuc und hat ein kleines Internat für die Oberstufe. Saint Brieuc ist eine historische Stadt in der Nordbretagne, die direkt am Meer liegt und als Hauptstadt des Départements „Côtes D’Armor” vorwiegend vom Tourismus lebt. Da am Collège et Lycée St. Charles Deutsch ab der Klasse 5 als erste Fremdsprache unterrichtet wird, sind die jungen französischen Schüler/innen sehr daran interessiert, gleichaltrige deutsche Gymnasiasten kennenzulernen und ihre Sprachkenntnisse in der Praxis zu erproben. Der verantwortliche Koordinator Jean-Luc Méal kam dann auch in Begleitung seiner charmanten Kollegin Monique Huon und 26 Schüler/innen in der letzten Woche vor den Weihnachtsferien nach Aachen, und alle waren vom Aachener Weihnachtsmarkt schlichtweg begeistert. Der Gegenbesuch erfolgte kurz vor den Sommerferien. 26 Pius-Schüler/innen der Jahrgangsstufe 8, die von Frau Bardt und mir begleitet wurden, erlebten la belle Bretagne: Saint Brieuc, Saint-Malo, der Mont-Saint-Michel, die Rosagranitküste, Dinan und viele erlebnisreiche interkulturelle Aktivitäten liessen unsere Herzen höher schlagen. Die Bretagne ist eine Reise wert.

Die europäischen Schüleraustauschprogramme werden übrigens vom Bistum Aachen, vom Ministerium für Schule und Weiterbildung / Düsseldorf, vom Pädagogischen Austauschdienst / Bonn, von der Bezirksregierung Köln und der Regio Aachen e.V. finanziell unterstützt. Benefizkonzerte im Aachener Europa-Forum trugen mit dazu bei, einen schulinternen Europa-Fonds aus der Taufe zu heben, mit dessen Hilfe die multilateralen Schüleraustauschprojekte gezielt gefördert werden können. Was relativ abstrakt klingt, wird sehr konkret, wenn man soziale Härtefälle oder schulische Nöte in den Blick nimmt. Der Europa-Fonds ermöglicht uns, im Rahmen des jeweiligen  Schüleraustauschprojekts unbürokratisch da zu helfen, wo Hilfe notwendig ist.

Im März 1999 stand es in allen Zeitungen. Die Deutsche Presse-Agentur meldete: „INTERNET-PREIS AN AACHENER GYMNASIUM - Das Bischöfliche Pius-Gymnasium in Aachen und das Unesco-Gymnasium F.X. Saldy in Liberec haben für ihre Internet-Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Umwelterziehung den ersten Preis im Wettbewerb Schulen ans Netz des Ministeriums für Schule und Weiterbildung erhalten. Der Preis ist mit 5000 Mark dotiert.” Wir freuten uns über den Preis, auch wenn die Presseinformation nicht ganz stimmte. Wie das Glückwunschschreiben der Ministerin Behler schnell richtig stellte, wurden nicht die Projektrealisierung und die noch ausstehende Internetdokumentation gewürdigt, sondern die an den neuen Medien orientierte Planung und Konzeption des bilateralen ökologischen Modellprojekts, die dem Ministerium für Schule und Weiterbildung, der Bezirksregierung Köln und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst ein Jahr vor dem Austausch differenziert dargelegt werden mussten. Vielleicht mag jedoch auch unsere entschlossene Partnerschaftsinitiative und der tatkräftige Wille der Schulleitung, eine lebendige Schulpartnerschaft zum Unesco-Gymnasium F.X. Saldy in Liberec aufzubauen, bei der Entscheidung auf Ministerialebene eine Rolle gespielt haben. Auch gilt, wie ich meine, der besondere Dank den KollegInnen, die sich in der Vergangenheit selbstlos für die bilateralen zwischenmenschlichen Beziehungen - aus meiner Sicht das Wesentliche einer Schulpartnerschaft - engagiert haben. Zu Dank verpflichtet sind wir aber auch (den Referenten des Aachener Europa-Forums) Dr. Giri Grusa, Botschafter der Tschechischen Republik und einer der bekanntesten Lyriker seines Landes und Prof. Dr. Elmar Schenkel, Literaturwissenschaftler und Literaturpreisträger, die mithalfen, für’s Pius-Gymnasium eine geeignete Partnerschule in Liberec bzw. Leipzig zu finden.

Mein Fazit: Europäische Jugendbegegnungen ermöglichen unvergessliche Erlebnisse, die durch nichts substituiert werden können und zweifellos zum Bildungsprogramm und Schulprofil eines um Authentizität sich bemühenden Gymnasiums gehören. Der Euregio Maas-Rhein Rechnung tragend, stehen noch Schulpartnerschaften mit Schulen im benachbarten Belgien und den Niederlanden an.  Aber noch andere Projektideen werden in die Praxis umgesetzt werden. Wir müssen europäisch denken und lokal handeln, damit das Zukunftsprojekt Europa zum Modell einer Einheit wird, die jenseits von wirtschaftlichen Kategorien und politischen Strukturen ein menschliches Antlitz haben sollte.

Norbert Weitz

Koordinator für Internationale Begegnung

 

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Stand: 17.10.04