1863 - 1869: Gründung der Arbeiterparteien

Während zwischen Revolution und Reichsgründung die Industrialisierung
ungemein an Fahrt gewinnt, liberalisiert sich das politische Klima
nach einem Thronwechsel in Preußen. Ferdinand Lassalle gründet
1863 in Leipzig den "Allgemeinen deutschen Arbeiterverein",
der sich auf dem Gothaer Kongress 1875 mit der 1869 von August
Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach gegründeten "
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" zur "Sozialistischen
Arbeiterpartei Deutschlands" vereinigt.
Zum Teil eigenständig,
zum Teil durch die Anstöße dieser Parteibildung, formiert
sich die deutsche Gewerkschaftsbewegung in Berufsverbänden
vornehmlich in der zweiten Hälfte der 1860er Jahre.
1871 - 1878: Reichsgründung und Sozialistengesetz
Die Gründung des Deutschen Reichs nach dem Krieg gegen Frankreich,
unter Führung Bismarcks und Preußens, führt zu
einem starken Wirtschaftsboom, in dem die Gewerkschaftsbewegung
belebt wird. Diese und die Arbeiterparteien erleiden fortan zum
Teil koordinierte Unterdrückungsmaßnahmen durch die
konservative Reichsleitung, die Regierungen der Bundesstaaten
und weite Kreise der Unternehmerschaft Nach zwei Attentaten auf
Kaiser Wilhelm I., mit denen Sozialdemokraten nichts zu tun hatten,
bringt Bismarck 1878 das Sozialistengesetz im Reichstag durch.
Mit ganz wenigen Ausnahmen - die Reichstagsfraktion besteht weiter
- werden alle sozialistischen und freigewerkschaftlichen Bestrebungen
verboten. Sozialdemokraten werden zu "vaterlandslosen Gesellen"
erklärt, das vertieft die Spaltung der Gesellschaft im Kaiserreich.
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1890 - 1891: SPD und Gewerkschaften im Aufwind
Durch die Industrialisierung nimmt der Anteil der Arbeiterschaft
an der Erwerbsbevölkerung im Deutschen Reich rasch zu. Trotz
des Sozialistengesetzes bleibt die Sozialdemokratie eine politische
Bewegung, die Unterstützung bei der arbeitenden Bevölkerung
findet. Als das Sozialistengesetz nicht wieder verlängert
wird, erreicht die SPD - so heißt sie seit 1890 - bei den
Reichstagswahlen 1890 mit 19,7 Prozent der Stimmen den höchsten
Wähleranteil. Sie gewinnt fortan durchgängig an Wählerstimmen
hinzu, steht 1912 bei 34,8 Prozent und bildet nun auch die stärkste
Fraktion im Reichstag. Die Gewerkschaften, deren Entwicklung in
der Zeit des Kaiserreichs eng mit der SPD verbunden ist, formieren
sich 1890 neu und erzielen seit 1895 ungeheure Mitgliederzuwächse.
Auf dem Erfurter
Parteitag 1891 wendet sich die SPD eindeutig hin zu marxistischen
Annahmen und Überzeugungen. Das "Erfurter Programm "
lehnt sich in seinem theoretischen Teil an die Gesellschaftsanalyse
von Marx und Engels an und fordert in seinem praktischen Teil
unverzügliche, tiefgreifende Reformen in Wirtschaft, Politik
und Gesellschaft. Mit Veröffentlichungen von Eduard Bernstein,
Karl Kautsky, Rosa Luxemburg und anderen setzen seit dem Ende
des 19. Jahrhunderts scharfe interne Auseinandersetzungen über
die theoretischen Grundlagen und den politischen Kurs der Sozialdemokratie
ein. Im Vorfeld der Sozialdemokratie entfaltet sich eine breite
Arbeiterkultur-bewegung mit zahlreichen Kultur- und Freizeitorganisationen.
Vor allem gründen sich eigene Organisationen für die
Belange der sozialdemokratischen Frauen und Jugendlichen. Diese
Vereine und Verbände verstärken die Bindung der Mitglieder
an die Sozialdemokratie. Unter den sozialistischen Parteien, die
sich 1889 in Paris zur sogenannten II. Internationale zusammengeschlossen
haben, erringt die SPD eine Führungsrolle.
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1890 - 1914
Von Bismarck (1815-1898) zum "Reichsfeind" gestempelt,
wurde die SAP durch das Gesetz "wider die gemeingefährlichen
Bestrebungen der Sozialdemokratie" 1878 verboten. Desgleichen
wurden alle Organisationen der SAP, ihre Presse und die von ihr
aufgebauten Gewerkschaften durch dieses "Sozialistengesetz"
verboten, die Reichstagsfraktion jedoch blieb weiter bestehen.
Ausnahmegesetze, polizeistaatliche Unterdrückung und Terror
konnten den Aufstieg der Sozialdemokratie aber nicht verhindern.
Unter dem
"Sozialistengesetz" verdreifachte die Partei ihre Stimmen
und erhielt 1890 bei den Reichstagswahlen mit knapp 20 Prozent
erstmals die meisten der abgegebenen Stimmen. Aufgrund des Mehrheitswahlrechts,
der gegen sie gerichteten Wahlbündnisse der bürgerlichen
Parteien sowie der sie stark benachteiligenden Wahlkreiseinteilung
erhielt sie als stimmenstärkste Partei jedoch nur 35 der
391 Mandate. Die Verfolgung unter dem "Sozialistengesetz"
hinterließ in der SAP tiefe Verbitterung und machte marxistische
Ideen attraktiv und populär. Nach der Nichtverlängerung
des "Sozialistengesetzes" gründete sich die SAP
1890 offiziell als Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)
neu.
Das 1891 verabschiedete
Erfurter Programm vertrat einen dogmatischen Marxismus, gegen
den die sozialreformerische Politik der Freien Gewerkschaften
sich jedoch immer stärker behauptete. Unbeschadet des innerparteilichen
Streits um die richtige Theorie war die SPD die mit Abstand mitgliederstärkste
Partei vor dem Ersten Weltkrieg und stellte 1912 erstmals auch
die stärkste Reichstagsfraktion. Die SPD war vor allem die
Partei protestantischer und konfessionsloser Industriearbeiter,
aber sie hatte auch im Mittelstand Anhänger. Keine andere
Partei unterhielt im Kaiserreich ein so dichtes Organisationsnetz
von Vereinen, keine andere Partei prägte das soziokulturelle
Milieu ihrer Anhänger so wie die SPD das der Arbeiterschaft.
Noch vor dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich im Reichstag eine
parlamentarische Zusammenarbeit zwischen der SPD und den bürgerlichen
Mitte-Links-Parteien, auf regionaler Basis hatte es bereits vorher
Koalitionen gegeben.
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1914 - 1919: Weltkrieg und Revolution in Deutschland
Obwohl die SPD nach ihrem Programm eine Partei bleibt, die revolutionäre
Veränderungen in Wirtschaft und Politik fordert, wirkt sie
teilweise in den Kommunen, in manchen Ländern sowie insbesondere
mittels ihrer engen Verbindungen zu den Gewerkschaften an konkreten
Reformvorhaben mit. Nicht zuletzt unter dem Einfluss der Gewerkschaften
entscheidet sie sich bei Ausbruch des von Deutschland maßgeblich
mitverursachten Ersten Weltkrieges für die Unterstützung
des Reichs in der militärischen Auseinandersetzung. Diejenigen
Teile, die diesen "Burgfrieden" nicht mittragen wollen,
gründen zunächst den Spartakusbund und, seit 1917, die
Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD)
. Anfang 1919 entsteht aus einem lockeren Palamentsbündnis
die Weimarer Koalition, das Regierungsbündnis aus MSPD ,
Zentrum und Deutscher Demokratischer Partei, aus dem das erste
Reichskabinett der Weimarer Republik hervorgeht. Bis zu den Reichtstagswahlen
im Juni 1920 verfügt die Koalition über eine parlamentarische
Dreiviertelmehrheit.
Als im Zuge
der militärischen Niederlage eine breite Volksbewegung die
deutschen Monarchien hinwegfegt, übernehmen die Mehrheits-
und die Unabhängige Sozialdemokratie (MSPD, USPD) im "Rat
der Volksbeauftragten" die Reichsleitung und führen,
von den Mehrheitssozialisten unter Friedrich Ebert vorangetrieben,
allgemeine, gleiche Wahlen zu einer deutschen Nationalversammlung
durch.
Erstmals gibt
es in Deutschland ein Frauenwahlrecht , das die SPD schon im Erfurter
Programm 1891 gefordert hatte. Als erste Frau spricht Marie Juchacz
1919 in einem deutschen Parlament. Im Zuge der Revolution werden
die Gewerkschaften endlich von der Unternehmerseite als Tarifpartner
anerkannt. Friedrich Ebert wird Reichspräsident. Die SPD
wird zur maßgeblichen politischen Kraft auf dem Boden der
Weimarer Verfassung, die sie als demokratische Grundordnung in
weiten Bereichen mitgestaltet hat.
Am linken
Rand der politischen Arbeiterbewegung formiert sich an der Jahreswende
1918/19 die KPD als neue, revolutionäre Kraft. Die KPD wird,
indem sie den linken Flügel der Unabhängigen Sozialdemokraten
an sich bindet, zur Massenpartei und gerät bald unter den
Einfluss des sowjetischen Kommunismus. Die reformorientierten
Teile der USPD vereinigen sich 1922 wieder mit der Mehrheitssozialdemokratie.
Scheidelinie zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten ist die
Frage der Demokratie ; die Kommunisten streben eine Diktatur nach
sowjetischem Vorbild an.
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1919 - 1933: Spaltung - Kampf um Demokratie - Niederlage
Die Frühzeit der Weimarer Republik ist von scharfen innenpolitischen
Auseinandersetzungen um den Versailler Friedensvertrag und um
die Konsolidierung der neuen Machtverhältnisse im Innern
des Reichs geprägt. Mit Hilfe eines Generalstreiks gelingt
es im Frühjahr 1920, den reaktionären Kapp-Lüttwitz-Putsch
niederzuschlagen. Erst in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre
stabilisiert sich das politische System. Die SPD kann, etwa im
Bereich des Arbeitsrechts und der Sozialpolitik, wichtige Reformen
durchsetzen, die einen modernen Sozialstaat zum Ziel haben. Sie
führt die Regierungen in einer Reihe von Bundesstaaten, vor
allem Preußen, und wird auch in vielen Großstädten
bereits zur wichtigsten gestaltenden politischen Kraft.
Mit dem Hereinbrechen
der Weltwirtschaftskrise ab 1930 erstarken die extremen Kräfte
in der deutschen Politik. Die Arbeitslosigkeit nimmt ein nie gekanntes
Ausmaß an. Begünstigt durch konservative und reaktionäre
politische Kreise, die bis weit in das bürgerliche Parteienspektrum
hineinreichen, gewinnt die extreme Rechte in der Hitler-Bewegung
ungemein an Einfluss. Die anhaltende Spaltung der deutschen politischen
Arbeiterbewegung , die sich alltäglich in scharfen Auseinandersetzungen
dokumentiert, begünstigt diesen Aufstieg, verursacht ihn
aber nicht. Ende Januar 1933 wird Hitler Reichskanzler.
Der
Terror der Nationalsozialisten gegen Kommunisten und Sozialdemokraten,
später auch gegen bürgerliche Kräfte, setzt ein.
In der Abstimmung im Reichstag über das Ermächtigungsgesetz,
mit dem alle bürgerlichen Parteien Hitler formell zum Diktator
machen, bäumt sich die deutsche Sozialdemokratie unter Führung
von Otto Wels als einzige politische Kraft gegen diese furchtbare
Entwicklung auf.
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1933 - 1945: Widerstand und Emigration
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung werden Sozialdemokraten
wie auch andere Gegner des Nationalsozialismus verhaftet, misshandelt,
ermordet. Führungskräfte der Sozialdemokratie halten
als Exil-Parteivorstand (Sopade) zunächst von Prag, später
von London aus die Führungsstruktur der Sozialdemokratie
aufrecht. Sie versuchen, Kontakt zu halten und, wo das möglich
erscheint, Widerstandszirkel zu organisieren. Solche Widerstandsgruppen
bilden sich vielfach im Arbeitermilieu, teilweise auch unter dem
Einfluss linkssozialistischer Gruppen.
Die Sozialdemokraten,
die seit den frühen 1920er Jahren energisch gegen die Hitler-Bewegung
gekämpft haben, setzen den Kampf fort und versuchen im Prager
Manifest von 1934, die demokratischen Kräfte zu bündeln.
Trotz Annäherungen gibt es keine Einigung mit den kommunistischen
Exil- und Widerstandskräften. Sozialdemokraten und Gewerkschafter
wie Julius Leber und Wilhem Leuschner beteiligen sich an dem gescheiterten
Aufstandsversuch vom 20. Juli 1944 und werden von Hitlers Schergen
umgebracht.
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1945 - 1949: Neubeginn und Teilung
Die Zerstörung Deutschlands durch die nationalsozialistische
Diktatur führt am 8. Mai 1945 in die bedingungslose Kapitulation
und in die Aufteilung des Deutschen Reichs in Besatzungszonen.
Unter Kurt
Schumacher, der eine Vereinigung mit den Kommunisten kategorisch
ablehnt, formiert sich in den Westzonen die SPD als eine demokratisch-sozialistische
Volkspartei, die eine Öffnung zu den Mittelschichten anstrebt.
In der Ostzone
gelingt es der KPD unter Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht mit
Unterstützung der sowjetischen Machthaber, die starken sozialdemokratischen
Kräfte in ein Parteibündnis zu zwingen (Zwangsvereinigung
1946) und die SED als diktatorische Einheitspartei zu konstituieren.
Mehr als fünftausend SPD-Mitglieder werden verhaftet, Tausende
müssen flüchten. Kommunisten besetzen die Schlüsselpositionen
der neuen Partei, und der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund gerät
unter deren Herrschaft.
In den Westzonen
können sich die Gewerkschaften zunächst unter der Aufsicht
der Westalliierten neu formieren. Sie überwinden ihre richtungsgewerkschaftliche
Spaltung und bilden 1949 in München den Deutschen Gewerkschaftsbund
als Einheitsgewerkschaft, die parteipolitisch unabhängig
ist, gleichwohl aber in ihren Zielen vielfach mit der Sozialdemokratie
übereinstimmt.
1949 entstehen
die Bundesrepublik Deutschland und die DDR; am Bonner Grundgesetz,
das in den Verfassungsberatungen des Parlamentarischen Rats vorbereitet
wurde, haben Sozialdemokraten, allen voran Carlo Schmid, maßgeblich
mitgewirkt. Die SPD erreicht im Westen bei den ersten Wahlen zum
Deutschen Bundestag 29,2 Prozent der Stimmen. Mit ganz knapper
Mehrheit kann die CDU die Führung der jungen Republik übernehmen,
während die SPD sich in der Rolle der "konstruktiven
Opposition" sieht. Sie wird nach Schumachers Tod 1952 von
seinem Nachfolger Erich Ollenhauer geführt, der sich erfolgreich
um den innerparteilichen Zusammenhalt von Funktionären und
Mitgliedern bemüht, dessen Erfolg bei den Bundestagswahlen
aber sehr begrenzt bleibt.
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1949 - 1969: Wiederaufbau, Kalter Krieg, Westintegration
Als Oppositionspartei im Bundestag gewinnt die SPD in den 1950er
Jahren immer stärkeren Einfluss in den Städten und Ländern.
Außenpolitisch zunächst von dem Vorrang der Wiedervereinigung
geleitet, lehnt sie - obgleich prinzipiell proeuropäisch
orientiert - Adenauers Westpolitik ab. Sie bejaht die Römischen
Verträge und schwenkt Ende der 50er Jahre auf den Kurs der
Westintegration ein, ohne das Ziel der Wiedervereinigung aus den
Augen zu verlieren. In der DDR haben am 17. Juni 1953 gegen den
Massenaufstand von Arbeitern nur noch sowjetische Panzer die Herrschaft
des SED-Regimes gerettet: Der Aufstand wird blutig niedergeschlagen.
1961 vollendet der Mauerbau auch physisch die Spaltung des Landes.
Die SPD verabschiedet
1959 nach einem längeren kontroversen Diskussionsprozess
das Godesberger Grundsatzprogramm und öffnet sich damit endgültig
zur Volkspartei. Sie gewinnt breite Wählerschichten hinzu,
nicht zuletzt aus kirchlich gebundenen Kreisen. Willy Brandt und
Herbert Wehner führen die Partei in die Regierungsverantwortung
- zunächst ab 1966 im Rahmen einer Großen Koalition
mit der CDU, seit 1969 in einer sozial-liberalen Koalition mit
der FDP.
Dem gehen
wichtige Veränderungen auf der Ebene der Bundesländer,
so 1966 die Übernahme der Regierungsverantwortung in Nordrhein-Westfalen,
und 1969 die Wahl des Sozialdemokraten Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten
voraus. In den meisten Großstädten der Bundesrepublik
hat die SPD in den 1950er und 1960er Jahren das Vertrauen der
Mehrheit der Wähler in der Kommunalpolitik gewonnen.
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1969 - 1982: Reformen, Demokratie, Frieden
Die Zeiten sind reif für den Aufbruch aus konservativer Erstarrung
und für Reformen und neue Wege der Friedenssicherung und
Entspannung. 1969 wird Willy Brandt der erste sozial-demokratische
Bundeskanzler der Nachkriegsgeschichte. Er ergänzt die Westintegration
durch die "neue Ostpolitik", die durch Verträge
mit der Sowjetunion, Polen, der Tschechoslowakei und durch einen
Grundlagenvertrag mit der DDR, der durch weitere Verträge
ausgefüllt wird, zu einem geregelten Nebeneinander mit den
kommunistisch regierten Ländern führt. Sie erreichen
Erleichterungen für die Menschen in Deutschland und stärken
die Verbindungen zwischen den beiden Teilstaaten. Für diese
Politik, an deren Entwicklung auch Egon Bahr einen wichtigen Anteil
hat, erhält Willy Brandt am 10. Dezember 1971 den Friedensnobelpreis
.
Ende der 1960er
Jahre kann sich die SPD zugleich an die Spitze starker Reformkräfte
der westdeutschen Gesellschaft setzen, die auch von der Studentenbewegung
in Gang gesetzt worden sind. 1972 erringt Willy Brandt einen überzeugenden
Wahlsieg. In diesem Jahr gründet sich die Arbeitsgemeinschaft
sozialdemokratischer Frauen (ASF) und überholte Rechtsnormen,
z.B. der § 218, werden reformiert. Die Regierung nimmt das
Verlangen nach Gleichberechtigung der Frau ernst und wird Anwalt
eines modernen Ehe- und Familienrechts. Nach Enttarnung eines
DDR-Spions im Kanzleramt übergibt Willy Brandt 1974 das Amt
des Bundeskanzlers an Helmut Schmidt . Unter sozialdemokratischer
Führung wird in den 1970er Jahren die Herausforderung des
Links-Terrorismus überwunden, und es gelingt der sozial-liberalen
Regierung, die Folgen der Ölkrisen und andere weltwirtschaftliche
Turbulenzen zu meistern.
Die Politik
dieser beiden sozialdemokratischen Kanzler für ein modernes
Deutschland mehrt die soziale Gerechtigkeit durch den Ausbau des
Sozialstaats und verschafft der Bundesrepublik Deutschland internationales
Ansehen. Die Sozialdemokratie führt eine intensive Debatte
über Abrüstung, Rüstungspolitik und Friedenssicherung.
1982 - 1989: Opposition, Erneuerung, deutsche Wiedervereinigung
1982 verlässt die FDP die sozialliberale Koalition und verschafft
den Unionsparteien die Mehrheit in Bonn. Die SPD wird auf die
Rolle der Opposition zurückgeworfen und beginnt einen anhaltenden
Prozess programmatischer Erneuerung, in dem sie ihre Rolle als
demokratische Partei in einem hochentwickelten Industrieland neu
definiert und Antworten auf die Herausforderungen durch die neuen
sozialen Bewegungen formuliert. Als politische Kraft erstarkt
sie in den Landtagen und übernimmt Regierungsverantwortung
in der Mehrheit der Länder. Obwohl 1987 Willy Brandt den
Vorsitz der Partei in die Hände von Hans-Jochen Vogel übergibt,
bleibt seine Stimme in der Politik von Gewicht.
Sie wird besonders
deutlich gehört, als 1989 die Berliner Mauer fällt -
"Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört"
-, die kommunistischen Diktaturen zusammenbrechen und die beiden
deutschen Staaten vereinigt werden können. Noch unter der
SED-Diktatur wird in der DDR von mutigen Bürgerrechtlern
wie Markus Meckel und Martin Gutzeit die SDP (Sozialdemokratische
Partei in der DDR) als Bruderpartei der westdeutschen SPD gegründet;
noch vor der deutsch-deutschen Vereinigung verschmelzen 1990 beide
Parteien.
1990 bis heute: Die Zukunft gewinnen
1989 wird in Berlin ein neues Grundsatzprogramm verabschiedet,
das die Ergebnisse der gesellschaftlichen und innerparteilichen
Diskussion zur sozialen und ökologischen Erneuerung der Industriegesellschaft
bündelt. Nach einer Phase, in der die Sozialdemokratie ihre
Position in den Ländern ausbaut, doch bundespolitisch in
der Opposition bleibt, werden "Innovation und Gerechtigkeit"
die Leitbegriffe, unter denen die SPD unter der Führung von
Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder die Bundestagswahl
am 27. September 1998 gewinnt.
Der neue Bundeskanzler
Gerhard Schröder und seine Koalition aus Sozialdemokraten
und Grünen nehmen sich ein ehrgeiziges Reformprogramm vor,
das auf die Korrektur sozialer Ungerechtigkeiten, die Ordnung
der zerrütteten Staatsfinanzen, eine umfassende Steuerreform
und Investitionen in Zukunftsaufgaben zielt. Nach dem Rücktritt
Oskar Lafontaines von allen seinen Ämtern wird Gerhard Schröder
im April 1999 auch Parteivorsitzender. Der Berliner Parteitag
im Dezember 1999 bestätigt ihn in diesem Amt und wählt
Franz Müntefering zum neuen Generalsekretär der Partei.
Die SPD war an der Jahrhundertwende wieder die wichtigste gestaltende
politische Kraft in Deutschland.
Unter sozialdemokratischer
Führung hat eine umfassende Modernisierung der deutschen
Gesellschaft im europäischen Kontext begonnen.
Das Kabinett
Schröder setzt wichtige Akzente für einen gesellschaftspolitischen
Aufbruch: Familien rücken in den Mittelpunkt vieler politischer
Initiativen und profitieren so von spürbaren Entlastungen.
Bildung und Forschung werden massiv gefördert – die
Investitionen für die Verkehrsinfrastruktur erreichen einen
noch nie dagewesenen Spitzenwert. Damit Deutschland wieder zusammenwächst,
wird der Solidarpakt verlängert und die Ausgaben für
den Aufbau Ost werden erhöht.
Außenpolitisch
hat die Regierung Schröder große Herausforderungen
zu meistern: Im Kosovo-Konflikt sind deutsche Soldaten erstmals
an einem militärischen Einsatz beteiligt. Und auch in Mazedonien
sorgen Bundeswehrsoldaten für die Erhaltung des Friedens
und verhindern einen Bürgerkrieg. Ein souveränes Deutschland
findet eine neue, verantwortungsvolle Position in der internationalen
Politik.
Am 11. September
2001 erschüttern die Terroranschläge auf das World Trade
Center und das Pentagon in den USA die ganze Welt. Deutschland
ist von Beginn an ein wichtiger Partner in der als Reaktion auf
den Anschlag gebildeten „Koalition gegen den internationalen
Terrorismus“. Nach der gezielten Bekämpfung der Terror-Organisation
„El Kaida“ und der fundamentalistischen Taliban-Regierung
in Afghanistan begleitet die deutsche Regierung im Verbund mit
den europäischen Nachbarn den friedlichen und demokratischen
Neuanfang in Afghanistan. Dieser Zusammenhalt ist ein Beleg dafür,
dass Deutschland und vor allem Europa eine zunehmend wichtigere
Rolle in der Welt spielen.
Europa ist
enger zusammengewachsen; zum 1. Januar 2002 wird der gemeinsame
europäische Wirtschaftsraum auch für die Menschen erfahrbar.
In einer beispiellosen Währungsumstellung wird der Euro erfolgreich
als gesamteuropäische Währung eingeführt.
Am 22. September
2002 gewinnt Rot-Grün die Bundestagswahl. Die SPD wird zum
dritten Mal stärkste Partei im deutschen Bundestag. Olaf
Scholz, der neue Generalsekretär, sagt, die 140 Jahre alte
Partei pflege die Tradition und sei zugleich offen für Neues.
Unter der Kanzlerschaft Gerhard Schröders macht sich die
SPD auf den Sozialstaat zu erneuern, um ihn zu erhalten.
Auf dem außerordentlichen
Parteitag in Berlin am 21. März 2004 wird Franz Müntefering
zum Vorsitzenden der SPD gewählt. Klaus Uwe Benneter übernimmt
das Amt des Generalsekretärs der Partei, neuer Bundesgeschäftsführer
wird Karl-Josef Wasserhövel.