Grußwort Hans Klemm Vorsitzender
der Gemeinderatsfraktion beim Neujahrsempfang der SPD SIndelfingen
am 22.01.08
Meine Damen und Herren,
auch ich darf sie, im Namen der SPD-Gemeinderatsfraktion zu unserem
gemeinsamen Neujahrsempfang recht herzlich begrüßen.
Vor allem unseren Gast Ivo Gönner, OB von Ulm und Vorsitzender
des Städtetages Baden-Württemberg, sowie den 1.Bürgermeister
Herrn Helmut Riegger, Herrn Walter Arnold Vorsitzender der CDU-Gemeinderatsfraktion,
und viele weitere Gemeinderäte und Kreisräte aus Sindelfingen
und Böblingen . Ich weiß nicht was uns Ivo Gönner
in seiner Rede heute alles sagen wird, aber ich kann mir gut vorstellen,
dass durch seine Mitwirkung, unser diesjähriger Neujahrsempfang
schwerpunktmäßig einen kommunalpolitischen Inhalt bekommt.
Das ist gut so, denn diese Themen werden in den Medien meistens
zu kurz behandelt, obwohl sie wichtig und oft der Schlüssel
zum Erfolg sind.
Lassen sie mich das
anhand eines gerade aktuellen Beispiels erklären:
Jugendkriminalität und Gewalt bei Jugendlichen ist ein wichtiges
Thema. Ein weniger wichtiges Detail in diesem Zusammenhang ist,
ob die Höchststrafe für Jugendliche von 10 auf 15 Jahre
erhöht werden soll,
aber genau das wird hochgepuscht. Dabei geht es, wie ich beobachte,
nicht um die Sache, sondern vielmehr darum, welcher Politiker
dem anderen was unterstellt.
Leider werden bei diesem lautstarken Getöse die Ursachen
wenig beachtet und dass der Beginn dieser kriminellen Karrieren
bereits im frühen Schulalter stattfindet. Es macht deshalb
sehr viel Sinn genau zu diesem Zeitpunkt mit Prävention und
pädagogisch lenkenden Maßnahmen helfend einzugreifen.
Wenn dies intensiv und erfolgreich betrieben wird, erübrigt
sich wahrscheinlich die Diskussion ob 10 oder 15 Jahre Haftstrafe
richtig sind.
Genau an diesem Punkt schließt sich der Kreis wieder bei
den Städten und Gemeinden und der Kommunalpolitik.
Jugend- und Schulsozialarbeit, Streetworker, Ganztagsbetreuung
in den Schulen, Schaffung von Kommunikationszentren für Jugendliche,
Sprachunterricht – auch für Eltern und vieles mehr
sind originäre Aufgaben der Kommunen. Das ist wegen der direkten
Nähe auch die richtige Adresse.
Allerdings kann eine
Stadt diese Aufgaben nur gut und umfassend machen, wenn sie in
die Lage versetzt wird eine finanzielle Grundausstattung zur Verfügung
zu haben, zudem sich das Land mit Zuschussmitteln immer mehr zurückzieht.
Die Erwartung, dass
durch die allgemeine konjunkturellen Verbesserungen diese und
viele anderen Aufgaben etwas leichter zu bewältigen sind,
war auch für uns in Sindelfingen groß.
Wir müssen feststellen, dass der Aufschwung nicht bei allen
Menschen, auch nicht bei allen Kommunen ankommt.
Wir hatten die nicht
unberechtigte Hoffnung, dass nach der Umstrukturierung und den
Rekordumsatzerlösen eines Sindelfinger Großbetriebes
sich die Situation im Gewerbesteuerbereich verbessert und rund
18 Jahre Haushaltskonsolidierung, Sparmaßnahmen und harte
Einschränkungen hinter uns liegen.
Leider ist dem nicht so, im Gegenteil. Die Presse hat darüber
schon teilweise berichtet, durch Rückzahlungen und andere
Korrekturen werden in 2008 die Gewerbesteuereinnahmen in der Summe
nochmals um 5 Millionen Euro zurückgehen.
Das hat keine betriebsbedingten Ursachen, sondern ist vielmehr
durch die aktuelle Gesetzeslage legal möglich.
Versierte Steuerfachleute der Großkonzerne finden in unserem
Steuersystem leider immer noch viele Möglichkeiten, wie Steuern
gespart werden und wie man sich aus der sozialen Verantwortung
für unser Gemeinwesen verabschieden kann, im Gegensatz zu
Arbeitnehmern, die brav ihre Steuern zahlen müssen.
Ich habe den Eindruck, dass in Berlin nicht versucht wird hier
etwas zu verändern, im Gegenteil.
Der Städtetag, Ivo Gönner, darf in dieser Richtung seine
Stimme nie verstummen lassen. Nur finanziell ordentlich ausgestattete
Kommunen können für das Wohl ihrer Bürger und letztlich
für eine anhaltend gute Konjunktur im Staat sorgen.
Für uns in Sindelfingen
bedeutet die neueste Entwicklung, den laufenden Betrieb im Verwaltungshaushalt
der Stadt weiterhin an der kürzesten Leine zu halten und
nötige Investitionen auf Kredit zu finanzieren.
Meine Damen und Herren,
soziale Verantwortung
kann ein Konzern oder Großbetrieb auch außerhalb des
Steuerbereichs wahrnehmen, aber auch das scheint nicht mehr zur
Führungskultur der Vorstandsebene zu gehören.
Seit über 80 Jahren
gibt es die Wohnstätten Sindelfingen GmbH, die rd. 4.500
Wohnungen in ihrem Besitz hat.
Ein Wohnungsbauunternehmen, das eine hervorragende Wohnungswirtschaft
– immer unter sozialen Gesichtspunkten betrieben hat und
betreibt und sich trotzdem immer im Gewinnbereich, mit deutlich
schwarzen Zahlen bewegt.
Die Anteilseigner waren von Beginn an Daimler und Stadt Sindelfingen
je zur Hälfte. Es war kein Anlass für eine Änderung
zu erkennen.
Aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen hat vor ca. 1 ½
Jahren Daimler erklärt, sich nur noch auf sein Kerngeschäft
konzentrieren und aus den Wohnstätten auszusteigen zu wollen.
Trotz verschiedenster Bemühungen war der Daimler-Vorstand
von dieser Absicht nicht abzubringen.
Wir haben deutlich gemacht, dass ein Gesamtverkauf an sogenannte
Heuschrecken, wie in Dresden oder anderswo, nicht in Frage kommen
kann.
Wir sind als gewählte Vertreter unseren Mitbürgern gegenüber
verpflichtet den sozialen Frieden in unserer Stadt zu bewahren
und den vielen Mietern schuldig, dass sie neben anderen Alltagssorgen
nicht auch noch Angst um ihre Wohnungen haben müssen.
Das Ergebnis der Verhandlungen ergab zum Jahreswechsel, dass die
Wohnstätten selbst den Eigentumsanteil Daimler von über
80 Millionen Euro erworben hat und die Stadt alleiniger Gesellschafter
wurde.
Das auch dies nicht
ohne große finanzielle Auswirkungen für den Haushalt
sein wird, kann sich jeder unschwer vorstellen, wenn man alleine
an die Grunderwerbsteuer denkt, die 7,5 Millionen Euro ausmacht.
Die Wandlung ist vollzogen, wir hoffen und werden alles tun, dass
die Wohnstätten in den nächsten 5-7 Jahren sich von
diesem schweren Aderlass erholen kann und zur gewohnten Stärke,
auch ohne Daimler, zurückfindet.
Meine Damen und Herren.
Es ist zwar gegen unsere
schwäbische Natur, aber Kreditaufnahmen werden unausweichlich
auf uns zukommen.
Der Haushalt 2008 wird in den nächsten Tagen von der Verwaltung
eingebracht und bietet diesbezüglich sicher einigen Zündstoff.
Lassen sie mich ein paar Beispiele nennen, an denen klar wird,
dass wir inhaltlich und auf der Zeitschiene keine großen
Alternativen haben werden.
Begonnen und auf den
Weg gebracht wurde die Umstrukturierung unserer Schulen zu Ganztagsschulen
und zur Ganztagsbetreuung.
Es ist unser fester politischer Wille dieses Angebot flächendeckend
für alle Schularten zu schaffen.
Das Ziel ist:
- besser verteilte Bildungschancen für alle Kinder zu erreichen,
- das gemeinschaftliche Sozialverhalten zu stärken,
- Grundlagen für ein geändertes Schulsystem zu schaffen
(z.B. gemeinsam bis zur 6.Klasse)
und nicht zuletzt die Berufstätigkeit der Eltern zu erleichtern.
Dazu sind hohe Investitionen nötig. 12 Millionen Euro hat
der Gemeinderat schon beschlossen, das ist aber nur der Anfang,
es werden weitere Millionen unmittelbar folgen müssen.
In diesem Jahr soll
tatsächlich der Ausbau der Bahnlinie Böblingen-Renningen
gestartet werden, dass in 2010 Sindelfingen an das S-Bahn-Netz
angeschlossen werden kann. Dazu ist unumgänglich notwendig,
dass der Kreuzungsbereich Calwer-Brücke total umgebaut wird.
Daimler übernimmt den Anteil der Kosten, die durch die Ansiedlung
des Technologiezentrums auf dem Mittelpfad verursacht werden,
Verlegung Calwer Strasse usw.
Die Baumaßnahmen, die ohne das MTC notwendig wären,
müssen von der Bahn und der Stadt finanziert werden –
auch ein mehrfacher Millionenbetrag.
Das Nadelöhr A81
muss und wird ausgebaut werden und das relativ schnell. Auch Lärmschutzmaßnahmen,
welche die Lärmgrenze einhalten gehören dazu –
da sind sich alle einig und ist finanzielle Sache des Bundes.
Strittig ist nach wie vor die Überdeckelung und deren Finanzierung.
Wir wollen diesen Deckel für einen noch besseren Schallschutz,
auch für die nicht unmittelbaren Anlieger und zur Vermeidung
einer menschenunwürdigen städtebaulichen Situation.
Bis zu 14 m hohe Mauern sind eine für die Ewigkeit zementierte
Trennlinie mitten durch ein über jahrzehnte gewachsenes urbanes
Wohngebiet für rund 100.000 Einwohner.
Das Verkehrsministerium mit seiner Staatssekretärin Roth
(Genossin aus Esslingen) ist auf diesem Ohr ziemlich schwerhörig
und hat anklingen lassen, wenn überhaupt, dann nur mit einer
entsprechenden finanziellen Beteiligung der Städte Böblingen
und Sindelfingen.
Auch da müssen wir mit nicht einkalkulierten Millionen rechnen.
Eine gute Nachricht
kam heute aus Stuttgart. Gut für Darmsheim, Sindelfingen
und die ganze Region.
Das Kabinett der Landesregierung hat heute Vormittag beschlossen,
dass die Nordumfahrung Darmsheim realisiert wird und die Kosten
des Straßenbaus, im Gegensatz zu den bisherigen Vorstellungen,
zu 100% vom Land finanziert werden.
Das wurde möglich, weil das Land 6o Millionen Euro mehr für
den Straßenbau zur Verfügung hat, als ursprünglich
eingeplant.
Was an Sindelfingen hängen bleibt, sind die Verhandlungen
und Kosten für die Umorganisation des Steinbruchs Schäfer.
Um dem Land den Weg für den eigentlichen Straßenbau
zu ebnen, haben wir vor einem Jahr, die jetzt vom Kabinett beschlossene
Vorgehensweise, als Kompromiss und Option, vorgeschlagen.
Wir sind mit dem Ergebnis zufrieden und freuen uns mit den Darmsheimer
Bürgerinnen und Bürger.
- Trotz aller Freude, werden auch hier städtische Mittel
im Millionenbereich bereit gestellt werden müssen.
Meine Damen und Herren.
Ich könnte mit der Aufzählung von Maßnahmen, die
in unserer Stadt gemacht und angepackt werden müssen und
viel Geld kosten noch lange weitermachen.
Z.B. Reparaturstau öffentlicher Gebäude, Strassen, marodes
Stadion, Badezentrum usw., davon wäre keine einzige aus dem
„Wolkenkukuksheim“ sondern alle dringend notwendig.
Ich will aber heute zum einen nicht allzu sehr in Pessimismus
machen.
Mir hilft immer (vielleicht auch Ihnen) ein Blick auf unsere Erde,
der mir klarmacht und zeigt, dass unsere Sorgen und Nöte,
gemessen an anderen Regionen vergleichsweise klein sind.
Zum anderen wollen wir ja in erster Linie unseren Gast hören.
Die Gelegenheit war aber zu verlockend Ivo Gönner zu zeigen,
dass nicht in allen Städten Gold ist was glänzt.
Eines möchte ich
aber noch ansprechen und einen Wunsch für 2008 äußern,
der nicht viel Geld kostet, im Gegenteil, sogar einspart.
Die interkommunale Zusammenarbeit zwischen Böblingen und
Sindelfingen auf den verschiedensten Ebenen.
Wir haben es im laufe der Jahre geschafft Zweckverbände wie
das Flugfeld, technische Betriebsdienste, Kläranlage, Goldberggymnasium,
Rappenbaumschule, Volkshochschule usw. miteinander einzugehen.
Es ist daher für unsere Fraktion nicht nachvollziehbar, warum
die Bemühungen um die Ausweitung der Zusammenarbeit auf andere,
sich anbietenden Gebiete so festgefahren sind.
Leider haben wir in der Diskussion beobachtet, dass nicht kontroverse
Sachthemen ursächlich sind, sondern vielmehr persönliche,
emotionale Empfindlichkeiten, auch Kirchturmspolitik genannt.
Das gilt für beide Seiten der Autobahn. Ich weiß nicht
ob unsere nachfolgende junge Generation alle Entscheidungen diesbezüglich
nachvollziehen kann.
Ich wünsche mir deshalb mehr Toleranz und gegenseitiges Vertrauen
der Entscheidungsträger in beiden Städten.
Es entzieht sich meiner Kenntnis wie eng die Zusammenarbeit zwischen
Ulm und Neu-Ulm ist, aber eines habe ich festgestellt, dass diese
zwei Nachbarstädte aus verschiedenen Bundesländern eine
gemeinsame Homepeage haben, in der man mit einem Link von der
einen zur anderen springen kann.
Für Böblingen und Sindelfingen z.Z. noch undenkbar.
Meine Damen und Herren.
Ich bedanke mich fürs zuhören und wünsche Ihnen
und allen Mitbürgerinnen und Mitbürgern für das
Jahr 2008 Frieden auf der Welt, Erfolg, persönliches Glück
und Zufriedenheit und vor allem recht gute Gesundheit.