2. A L B U M

Prinz 4/94
Vom Duo zum Quintett expandiert, beweisen First Chapter auf ihrem zweitem Album, dass man mit mittelalterlichen Instrumenten zeitgemäße Sounds entwickeln kann. Stimmige Harmonien wie in früheren Werken von Renaissance und Paul Rodgers, Dance-Beats, die z.T. an Depeche Mode erinnern, Walter von der Vogelweide und erstklassige Vokals machen die CD zu einem Muß. Experimentell und verträumt, originell und gefühlsbetont - eine schon längst vergessene Welt. (Stef)
Tip 7 / 94
Aus Alt mach Neu
Das Intro weist die Richtung, Pferdehufe und elegische Weiten läuten die Kreuzfahrt ein. Synthetische Wogen schwellen an, werden abgelöst von bedrohlich wirkenden Beats, und das Ganze könnte auch der Soundtrack zu einem Sandalenfilm sein. Dramatisch geht´s zu, auf dem zweiten Album, dem Konzeptwerk "The Crusade" der Band First Chapter. Grandiose Klangspielereien, Texte in englisch, lateinisch, mittelhochdeutsch und altarabisch lassen kaum ahnen, dass sich das private Nest der Musiker gleich gegenüber des Berliner Botanischen Gartens befindet. Der Gesang von Henry Ramthun wirkt eher britisch als teutonisch, seine weiche, samtige Popstimme hat viel Gefühl aber kein Gramm Schmalz und markiert den nötigen Kontrast zum Bombastsound von Kollege und Freund Ralf-Peter Herold. Kraftvolle Keyboardstürme fügen sich an arabische Dancebeats, Zink- und Krummhörner, Sopraninoflöte, Oboe, Leier und Fidel gehen Hand in Hand mit den Errungenschaften des elektronischen Zeitalters. Die musikalische Spanne zwischen Pop und Weltmusik lässt beinahe alles zu, der Trip in die Ära der Kreuzzüge hat Methode, wie Ramthun ausführt: "Die Kreuzzüge waren deshalb so interessant, weil viele Leute gar nicht wissen, dass sehr viele Sachen aus dem kulturellen Bereich durch die Kreuzzüge erst nach Europa kamen. Die ganzen Blasinstrumente kommen alle aus dem Orient. Es war ein bestialischer Krieg und es wurde eine ganze Menge geklaut."
Seit vier Jahren brüten die beiden Köpfe von First Chapter zusammen, haben inzwischen zwei weitere Mitspieler gefunden und die neue CD mit zahlreichen Gästen bereichert.
Zur Zeit arbeiten sie an einer Live-Inszenierung von "The Crusade", die sie am liebsten auf der Waldbühne oder wenigstens in der HdK aufführen würden. Noch ist kein Label in Sicht, dass die sich selbst als Eigenbrötler bezeichnenden Künstler haben möchte. "Den Porsche vor der Tür erwarten wir nicht, wir wollen die Musik machen, die uns aus dem Herzen kommt und lassen uns da nicht reinreden", erklärt Herold und lachend erzählen die beiden von ihren Erfahrungen mit dem Business. "Die Firmen sagen, es ist echt gut, aber ihr müsst mal was machen, was in die heutige Zeit passt." Ihr Plattencover, versehen mit dem Templerwappen und einem Bibelspruch, wirkt ebenso zeitlos unmodern, wie ihre gesamte humanistische Haltung. Bibel ja, Kirche nein, lautet ihr Credo, doch im Vordergrund ihres Schaffens steht die Musik und nicht die Message. Dass es für ihre Musik keine Zielgruppe geben soll, halten die MDR- Musikpreisträger 1993 für eine Unterstellung, und vehement wirft Ramthun ein: "Wir sind einfach nicht gewillt, die ganze Welt für Blödmänner zu halten." (Anna-Bianca Krause)
EB / METRONOM Nr. 48 - April/Mai 1994
"He da, Stallbursche, bring mir mein Pferd! Heute geht es auf Jungfrauenjagd! First Chapter reiten wieder, und ihre Pferde entstammen einem besseren Stall denn je zuvor. Irgendwo einordnen wollen wir die Berliner Band lieber nicht. Die Musik klingt dafür zu sehr nach einer Zeit, in der noch niemand an meine Existenz gedacht hat. "Aber Herr Ritter, was machet er da?" Gute Frage, denn durch Zuhilfenahme der fehlenden Schublade kommen wir auch nicht weiter. First Chapter klingen nach dem nächtlichen Liebesspiel zwischen Lady Marian und dem schwarzen Ritter Ravengar, dessen gewaltiges Schwert im ganzen Lande sagenumwogen ist. Na ja, die Lady darf es heute aus der Nähe betrachten und versteht es, sich den harten Attacken des Ritters immer wieder sanft und gefühlvoll zu entziehen. Manchmal hat man den Eindruck, man stehe bei kaltem und nebligem Wetter an der Burgmauer und müsse da hinauf. Die Band nimmt diese Hürde vor allem bei den Instrumentalstücken und einem Song wie "Feel Me". Ein gelungenes Album zwischen Morgentau und Kreuzzug.
(Manfred Thomaser)
Titel:
(1) Anno 1228 (2) Introduction (3)
Feel me "in those times" (4) Judgement day
(5) Saladin (6) Jerusalem (7) Zypria (8)
The crusade"part one"
(9) 12
th september "A.L.+" (10) Granada (11) Carcere (12) heim ganc
(13) Caos of love (14) In my dreames (15) My friend
(16) palestinalied (17) Gratia (18) Feel me "instumental"
Gäste:
| Ernst Reuter & Gustl Lütjens |
- guitars |
| Peter Freimanis |
- bass, backing vocals, drum programming |
| Barbara Hoos de Jokisch |
- sopran vocals |
| Jan Böttcher |
- oboe |
| Jeff Rostagno |
- drums, percussion |
| Egbert Schimmelpfennig |
- Leier, Fidel |
| Arnold Riesthuis |
- Zink, Krummhörner, Sopraninflöte |