Begegnungen
Und trotzdem ist mir jeder Mensch
täglich immer wieder ein Ereignis,
als wenn er eben
vom Orion herunter gefallen wäre.
Max Beckmann
(ausgehängt in einer Würzburger Straßenbahn)
Spontan oder geplant, bedeutend oder bedeutungslos, traurig oder fröhlich, wortlos oder wortgewandt
Geschichten über Begegnungen.
täglich immer wieder ein Ereignis,
als wenn er eben
vom Orion herunter gefallen wäre.
Max Beckmann
(ausgehängt in einer Würzburger Straßenbahn)
Spontan oder geplant, bedeutend oder bedeutungslos, traurig oder fröhlich, wortlos oder wortgewandt
Geschichten über Begegnungen.
Mensa
21.02.07 Die Nachfrage nach "Hähnchenpiccata auf Tomatenrahmsoße" hat ihren kurz nach 12 Uhr Zenit bereits überschritten und manifestiert sich in einer überschaubaren Schlange vor der Essensausgabe."Anja, da bist du ja", freut sich eine Studentin und schreitet mit der Mensakarte winkend zum hinteren Ende der Schlange. Anja winkt an vorletzter Stelle zurück. Dabei strahlt sie über ihr ganzes Gesicht, als hätten sich die beiden Jahre nicht gesehen.
"Ich hab dir Messer und Gabel mitgenommen!" offenbart Anja und schafft es dabei die Entzückung in ihrem Blick noch zu steigern. Der Ausdruck ihrer Freundin ist, als sie Anja erreicht, ebenso der von unendlicher Begeisterung. Nur langsam, ganz langsam schließt sich ihr Mund zu einem verblüfften Gesichtsausdruck.
Wie ein verzögertes Spiegelbild schaut nun auch Anja immer verstörter. Einige Momente der gegenseitigen Verwunderung vergehen, bis die Erklärung für den plötzlichen Sinneswandel folgt: "Anja, ich hab dir auch Messer und Gabel mitgebracht!". Anja, mit fassungsloser Miene, scheint erst nach und nach den vollen Umfang des Missgeschicks zu verstehen und bringt schließlich kleinlaut, mit gesenktem Blick hervor: "Ich denk halt an dich."
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Residenz
11.01.07 Eine ältere Frau schiebt ziellos ihren Gehwagen durch den italienischen Teil vom Hofgarten der Residenz. Die Bäume kleiden sich schon in roten und gelben Farbtönen und das Herbstwetter zeigt sich heute von seiner schönen Seite. Sie genießt sichtlich ihren Aufenthalt und nimmt beim Weitergehen bewusst einen tiefen Atemzug.In dem Moment, als der Gehwagen eine weiße Bank passiert, schaltet die Ampel auf der gegenüberliegenden Seite der Residenz, jenseits des riesigen, menschenleeren Vorplatzes auf Rot.
Ein junger Mann auf einem Fahrrad, daß schon bessere Zeiten gesehen hat, hält auf der linken Spur vor der Ampel an, aber er macht keine Anstalten abzusteigen. Stattdessen balanciert er sein Gewicht so auf dem Rad, daß es im Gleichgewicht bleibt und offensichtlich macht er dies nicht zum ersten Mal.
Der Autofahrer, der auf der rechten Spur angehalten hat, beobachtet erst erstaunt, dann amüsiert diesen nur in allerkleinsten Ausgleichsbewegungen vollzogenen Tanz auf dem Rad. Alsbald kurbelt er sein Fenster herunter und feuert den Radfahrer lautstark an. Ein abrupter Gewichtswechsel von links nach rechts entlockt dem Autofahrer einen hörbaren Aufschrei der Bestürzung, aber der Radler steht schon wieder kerzengerade und muss mittlerweile breit über das ganze Gesicht grinsen.
Die Frau des Autofahrers auf dem Beifahrersitz schaut indessen peinlich berührt in Richtung Frankonia Brunnen. Ihr begeisterter Mann lässt sich nicht beirren und als die Ampel wieder auf grün springt klatscht er schallend in die Hände.
Der Radfahrer fährt immer noch grinsend los und winkt zum Abschied.
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akw!
17.12.06 Mit zwei randvollen Schnapsgläsern in den Händen gibt es für einen Mittzwanziger ab dem DJ-Pult kein Weiterkommen mehr. Hier, wo die Tanzfläche direkt an die Wand grenzt wird gerade intensiv getanzt. Ein junger Mann in blauem T-Shirt ist ganz in seine Beinarbeit vertieft und beansprucht dabei einen stattlichen Teil der Tanzfläche für sich.Aber auch der Schnapsglasträger nimmt seine Sache ernst. Ein Glas in jeder Hand und sehr darauf bedacht keinen Tropfen der kostbaren, braunen Flüssigkeit zu vergießen wagt er den Vorstoß an der Wand entlang. Aber wie das so ist mit Ausweichmanövern, steuert der entrückte Tänzer einen Augenblick später in die gleiche Richtung und unser furchtloser Held des Hochprozentigen ist gezwungen sich zurückzuziehen. Der nächste Versuch geht in Richtung Tanzfläche, aber eine schwungvolle Drehung des Tänzers erstickt die Hoffnung aufs Weiterkommen im Keim.
Der Schnapsbesorger vollführt bei seinen Bemühungen unfreiwillig einen eigenen skurrilen Tanz: links vor - zurück - rechts vor...
Einer der Umstehenden bekommt schließlich Mitleid mit dem armen Kerl und steuert in Ermangelung einer besseren Idee auf den zum Hindernis gewordenen Tänzer zu.
Er streckt den Arm zum Antippen aus und wird in diesem Moment selbst von rechts angetippt. Verwundert dreht sich der verhinderte Helfer um und schaut unvermittelt in die großen, braunen Augen eines Mädchens. Sie sagt nachdrücklich:
Siehst Du nicht?
Er tanzt mit Seele!"
Mittlerweile befindet sich der Schnapsglasträger mitten auf der Tanzfläche und hat hier endlich mehr Erfolg seine wertvolle Fracht durchzubringen, zumindest den größten Teil davon.
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Wöhrl
04.12.06 Ein junges Paar tritt mit vollen Einkaufstüten aus dem gläsernen Haupteingang vom Wöhrl und biegt nach rechts in Richtung oberer Mainkai ein. Während die beiden Seite an Seite laufen redet sie heftig auf ihn ein. Er betrachtet dabei stumm und konzentriert die Pflastersteine zu seinen Füssen.Kurz vor den Fahrradständern, hebt sich sein Blick und heftet sich an ihre Augen. Plötzlich zieht er sie an sich und küsst sie mitten im Satz mitten auf die Lippen. Jäh verstummt ihr Monolog. Sie erwidert den Kuss zunächst zaghaft, dann mit jeder Faser ihres Körpers.
Die Magie des Augenblicks liegt knisternd in der Luft und verflüchtigt sich erst als sie sich langsam und mit einem tiefen Blick von ihm löst. Ohne weiteren Kommentar nimmt sie nahtlos ihren unterbrochenen Satz wieder auf. Eine Minute später verschwinden die beiden um die Ecke.
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