Fleyh
 
 

Erinnerungen an eine verlorene Heimat

aufgeschrieben von Frank Preißler


 
 
 

Fleyh gibt es nicht mehr. An seiner Stelle glitzert der Wasserspiegel einer großen Talsperre und außer der Erinnerungen in den Köpfen existiert wohl nur noch die alte Holzkirche, die nach Georgendorf versetzt wurde.

Erinnerungen an eine verlorene Heimat - für die meisten, die sich mit Fleyh verbunden fühlen, werden das wohl Geschichten und Bilder sein, die mit dem 3. Juli 1945 ein jähes Ende nahmen. Mich verbinden mit dem ehemaligen Dorf auf dem Erzgebirgskamm Ereignisse, die viel weiter zurückliegen. Mein Vorfahr und siebenfacher Ur-Großvater hat Fleyh bereits im Jahre 1668 als Heimat verloren.

Die Ereignisse, die sich damals im Dorf zutrugen, werden in jüngeren Veröffentlichungen recht knapp dargestellt. So schreibt der letzte Bürgermeister von Fleyh, Josef Straßberger, im Heimatbuch des Heimatkreisverbandes DUX e.V. dazu folgendes:

"Um die Mitte des 16. Jahrhunderts wurde Fleyh, wie die meisten Grenzorte im Erzgebirge, protestantisch und blieb es bis zur Gegenreformation, die unter dem Grundherrn Fürsterzbischof Johann Friedrich v. Waldstein 1667/70 ohne Anwendung von Gewaltmitteln erfolgte. Mehrere Familien flüchteten wohl nach Sachsen, jedoch der weitaus größere Teil der Einwohner blieb in der Heimat. Darunter auch der nachher wieder katholisch gewordene Anführer der Unzufriedenen, Ortsrichter Kaspar Panzner, wohnhaft in der Mühle, Haus Nr. 28. Die alte katholische Pfarrkirche war bereits verfallen. Johann Friedich erneuerte 1670 die im 16. Jahrhundert eingegangene Pfarrei Fleyh. Dem katholischen Gottesdienst wurde die 1563 mitten im Dorf erbaute Holzkirche zu St. Johannes d. T. übergeben."

Da ich mich im Zusammenhang mit der Erforschung meiner Familiengeschichte mit den damaligen Vorgängen befaßt und auch Quellenstudium betrieben habe, möchte ich die Bemerkungen von Herrn Staßberger ergänzen und auch die Ereignisse in einem etwas anderem Licht erscheinen lassen. Ich erzähle die Geschichte des Exulanten Samuel Preußler.

Fleyh ist im Jahre 1654 ein Dorf, welches dem Grundherren nicht viel einbringt. Die Steuerrolle enthält zwar 25 zinspflichtige Häusler und einen Gärtner mit insgesamt 86 Hufen Land, aber am Schluß der Auflistung kann sich der Schreiber folgender Bemerkungen nicht enthalten:

"Die Gebäude des Dorfes sind in erträglichem Zustand; die Äcker erbärmlich. Wegen des vielen Schnees kann nur Sommersaat ausgebracht werden und durch das Wild ist viel Schaden zu ertragen. Das Dorf liegt 2 Meilen von Dux an der sächsischen Grenze. Seine Nahrung erhält es von Viehzucht, Fuhrwerk und Holzfuhren in das Land des Kurfürsten. Sie haben eine neuerbaute lutheranische Kirche und einen Prädikanten namens Bartholomäus Kirchner erhalten und sind alle unkatholisch."

Letzteres birgt Zündstoff. Die Zeit, da Kaiser Rudolph II mit Majestätsbrief Religionsfreiheit zugesichert hatte, ist schon lange vorbei. 1621 veranlaßte er die Ausweisung kalvinischer Prediger und der Böhmischen Brüder, 1624 wurden in Prag alle lutherischen Pfarrer entlassen; es sollten schließlich alle akatholischen Prädikanten Böhmens folgen. Aber die Durchsetzung der Gegenreformation ist schwierig. Viele Bewohner wollen nicht einfach ihre Religionszugehörigkeit wechseln.

1649 wird ein kaiserliches Reformpatent erlassen, welches es dem Grundherrn verbietet, lutherische Pastoren oder Beamte auf ihrer Herrschaft zu dulden. Die Untertanen sind durch Ermahnungen und strenge Mittel zum katholischen Glauben zu bewegen. Ein Patent von 1650 verpflichtet freie Grundbesitzer entweder katholisch zu sein oder ihren Besitz zu veräußern und auszuwandern.

Doch Samuel Preußler ist kein freier Grundbesitzer, er und die anderen Bewohner von Fleyh sind dem Grafen Maximillian von Waldstein auf Dux verpflichtet. Und der scheint es mit der Bekehrung seiner Untertanen nicht sehr eilig zu haben. Infolge des Krieges und seiner häufigen Abwesenheit sind bisher nur geringe Erfolge zu verzeichnen. 1652 zählt eine Statistik für seine gesamte Duxer Herrschaft nur 46 Bekehrte und 6 Exulanten auf. Im Jahre 1653 wird in Fleyh sogar noch die in der Steuerrolle erwähnte Kirche als einfacher, viereckiger Holzbau errichtet. Den Baugrund stellt der Ortsrichter Kaspar Pantzner unentgeltlich zur Verfügung.

An den Verhältnissen in Fleyh sollte sich in den nächste 15 Jahren nicht viel ändern. Mein Vorfahr Samuel, 1629 geboren, lebte 1654 mit seiner Frau Margarete, dem dreijährigem Sohn Georg, dem zweijährigen Samuel und dem neugeborenen Caspar noch bei einer der vier Preußler-Familien des Ortes. Irgendwann übernimmt er dann den Hof. Daß es ihm mit seinem Glauben an Gott ernst ist, zeigen die Taufpatenschaften von ihm und seiner Ehefrau. Schwierig ist es freilich. Einen eigenen Pfarrer gibt es im Ort bald nicht mehr und die meisten Eintragungen von den beiden stehen im Kirchenbuch von Oberleutensdorf.

Die katholische Kirche sieht das anders. Für sie sind die Bewohner der Bergdörfer "roh und verwildert, zu Gewalttätigkeiten geneigt, der katholischen Lehre schon seit vielen Jahrzehnten ganz entwöhnt ..." Als die Duxer Herrschaft von Johann Friedrich Graf Waldstein übernommen wird, selbst ein eifriger Katholik, soll es mit der Glaubensfreiheit auch in Fleyh und den Nachbardörfern vorbei sein. Am 15. Februar 1667 wendet sich der Graf in einem Schreiben an den Visitator des böhmisch-österreichischen Kapuzienerordens. Er bittet um die Zusendung von zwei Missionaren. Am 18. Juni treffen sie in Fleyh ein, am 24. halten sie bereits die erste Predigt. Obwohl sie bis zum 8. Oktober eifrig wirken, können sie nur wenig ausrichten. Den alten Caspar Neuber können sie überzeugen. Bereits am 22. Juli schwört er seiner "Irrlehre" ab. Waldstein "schenkt" ihm dafür den Hof und die 4½ Hufen vom Schindler Georg, der wohl in Vorahnung kommender Dinge bereits ausgewandert ist. Daß sich Neuber, der selbst schon auf 4 Hufen saß und als Tischler und Büchsenmacher bekannt ist, damit im Dorf keine Freunde macht, ist verständlich.

Nun mußten wohl etwas härtere Saiten aufgezogen werden. Am 28. September treffen zwei weitere Kapuzinermönche in Fleyh ein. Pater Heinrich und Pater Zacharias sind mit Vollmachten des Kaisers, ihrer Ordensoberen und Bischof Schleinitz ausgerüstet und halten am 7. Oktober ihre erste Predigt. Während die Bewohner sich früher in ihrem protestantischen Bethause zahlreich versammelten, weigern sie sich nun trotz dringlicher Aufforderung, die Missionare überhaupt anzuhören. Die Predigten finden in dem kleinen Holzkirchlein vor fast leeren Bänken statt.

Nun befiehlt Graf Waldstein unter Androhung von Strafen, daß aus jedem Hause wenigstens eine Person der heiligen Messe und Predigt beizuwohnen habe. So verschafft er den Mönchen letztlich doch eine Zuhörerschaft.

Diese halten sich anfänglich mit ihren Bekehrungsversuchen noch etwas zurück. Im Spätherbst und Winter, wo Auswanderungen weniger zu befürchten sind, werden die Predigten schärfer. Bei sogenannten "Kontroversreden" kommt es immer häufiger zu Murren und Widerspruch der Zuhörer, zu Gelächter und höhnischen Zwischenrufen. Auf Befehl von Waldstein sorgen Herrschaftsbeamte aus Dux und Oberleutensdorf durch ihre Anwesenheit für Ruhe.

Die Bewohner von Fleyh und den Nachbarorten fühlen sich in ihrem Bekenntnis bald so bedrängt, daß sie am 23. März 1668 durch ihre Ortsrichter eine Bittschrift an ihren Grundherren richten. Sie wollen bei Anerkennung der Bemühungen der beiden Missionare ihren lutherischen Glauben behalten. Waldstein ergeht sich anfangs in väterlichen Belehrungen und Ermahnungen, offenbart ihnen dann aber seinen unabänderlichen Beschluß, sie zum wahren Glauben zurückzuführen. Er verlangt von den Ortsrichtern eine entsprechende Zusage und entläßt sie erst, als sie sich nach langem Zögern zu einem Handschlag entschließen.

Am nächsten Tag, also am 24. März, begibt sich Waldstein selbst nach Fleyh. Er verlangt nun von allen Einwohnern die Zusage, innerhalb der nächsten 14 Tage die heiligen Sakramente zu empfangen. Wer sich weigert, den kann er auf seiner Herrschaft nicht mehr dulden. Das Versprechen wird von den meisten, wenn auch erst nach langem Zureden, abgegeben.

Die Unzufriedenheit ist groß. Um einem Aufstand vorzubeugen, erscheint der Herrschaftsverwalter von Dux am 29. März mit 30 Bewaffneten im Dorf. Und obwohl sie die Wege über die Grenze nach Sachsen bewachen, gelingt es 6 Bewohnern mit ihren Familien zu entfliehen, nachdem sie ihr Hab und Gut aus den Häusern geräumt haben. Zu diesen Abtrünnigen gehört auch mein Vorfahr Samuel Preußler. Er verläßt seine Heimat mit 6 Kindern und seiner alten Mutter, als er 39 Jahre alt ist.

Die in Fleyh verbliebenen Männer werden am 7. und 8. April in die Kirche beordert, müssen dort die Beichte ablegen und empfangenen die heilige Kommunion. Am darauffolgenden Sonntag werden die Frauen bekehrt. Obwohl das Werk scheinbar vollendet ist, bleibt die Mißstimmung so groß, daß sich die meisten zur Flucht verabreden.

Am 12. Juni kommt es dann zum Ausbruch von offenen Feindseligkeiten. Aufgebrachte Männer versammeln sich nachts vor dem Wohnhaus der Missionare, rühren Trommeln, feuern Schüsse ab und blasen Sturm. Die herbeigelockte Einwohnerschaft wird von Caspar Pantzner, dem Ortsrichter zum Widerstand und zur Auswanderung aufgefordert. Herbeigeeilte Beamte verhaften ihn und bringen ihn zusammen mit seiner Frau nach Dux. Das macht Eindruck, die anderen beruhigen sich.

Später sorgt ein Ereignis noch einmal für Aufruhr. Adam Pantzner, Sohn des Ortsrichters, war immer noch nicht bekehrt, hatte aber einen Bürgen für seinen Glaubenswechsel benannt. Als sein kleiner Sohn, den er noch nicht taufen ließ, stirbt, weigern sich die Kapuziner, ihn kirchlich zu beerdigen. Für Adam Pantzner gibt es nun kein Halten mehr, er flieht nach Sachsen. Sein Bürge geht in den Arrest.

Es scheint unter den gegebenen Umständen nicht angebracht, von einer Reform ohne Gewalt zu sprechen. Unter dem Eindruck der Repressalien haben sich viele mit ihrem Schicksal abgefunden. Ortsrichter Pantzner hat es sich im Gefängnis überlegt, welcher Glaube für ihn der bessere ist.

Die Auswanderer wurden in Sachsen freundlich empfangen. Viele gingen in die Herrschaft Pfaffroda, die damals dem Berghauptmann Caspar von Schönberg gehörte. Am 28. Mai fand auf Schoß Pfaffroda ein Gerichtstag statt, der sich mit den Problemen der Auswanderer befaßte.

Bauer Kinder von Georgendorf berichtet, "daß er wegen der evangelischen Lehre, so er von Jugend auferzogen und gewiß wäre, hätte ausweichen müssen, könnte wider sein Gewissen nicht handeln sondern habe sein Haus und alles verlassen und sei davongegangen, ehe der Zwang erfolgt sei. Nach seinem Wegsein wären gleichwohl seine Nachbarn alle mit Gewalt gezwungen worden, das Heilige Abendmahl katholischer Weise zu empfangen, dem er gottlob noch entgangen wäre. Er bittet, man solle ihn nicht verstoßen, sondern um Christi Willen aufnehmen. Abzugs- oder Losbrief gebe die böhmische Herrschaft keinem Untertanen, sondern sie müßten ihre Lebtage leibeigen bleiben."

Samuel Preußler siedelte nach Schönfeld, dem Nachbarort von Pfaffroda. Mit ihm kamen von Fleyh Michael Einhorn mit Frau und zwei Kindern, Georg Einhorn mit Frau und drei Kindern sowie Margarethe Walter, eine Witwe. Samuel Preußler erwarb von Hans Schwabe ein Bauerngut für 200 Taler und lebte bis 1707 in Schönfeld. Der Hof blieb mehrere Generationen in Familienbesitz, direkte Nachkommen von Samuel Preußler leben noch heute im Dorf.

Anhang:

Zinspflichtige von Fleyh im Jahre 1654
 
Name Hufen Bemerkungen
Christoph Preußler Drechsler
Georg Schindler  
Samuel Schyfel  
Andreas Panzner 5 Müller
Christina Leyterin 6 Müller
Georg Rychter 4  
Michael Pantzner  
Abraham Helbig 3  
Christian Weifl 2  
Jakob Panzner 2  
Christoph Keller [Köhler]  
Caspar Preyßler  
Georg Aichorn [Eichhorn]  
Georg Kheller [Köhler] 2  
Georg Made  
Christoph Schindler 6  
Georg Biber 4 Fuhrmann
Caspar Panzner 8 Müller und Ortsrichter
Magdalena Richterin 8  
Caspar Neuber 4 Tischler; bekehrt am 22. Juli 1667
Christoph Preußler [d. Ä.]  
Lorenz Subr 2  
Michael Kleyser  
Michael Lippmann 1  
Georg Preußler 4  
Georg Einhorn   Gärtner

 

verwendete Quellen:

zurück zur Startseite