Anarchische Harmonie:

John Cages Klanginstallation 

E s s a y

in der Kunsthalle Bremen

Sorry, your browser doesn't support Java(tm). John Cage verfolgte zeitlebens das Ziel, die Musik von der Aura des Elitären zu befreien. Der Zugang zur Musik sollte entintellektualisiert, entmemoirisiert und entkrampft wer- den. Diese Absichtserklärung steht in krassem Gegensatz zu den Problemen, die viele Zuhörer mit Cages Kompositi- onen besitzen. Der Künstler hat dem entgegenzuwirken versucht, indem er ausführliche Programme anfertigte und Kompositionsabläufe minutiös darlegte. Doch ist damit der unmittelbare Zugang zur Musik nicht gerade verstellt? Der Weg ist zwar geebnet, er bedarf allerdings einer intellektu- ellen Vorarbeit, die der Auseinandersetzung mit Programm- musik gleicht. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen einer allgemein verständlichen Kunst und einem umfassenden Erklärungsapparat gehört zu den Widersprüchen, mit denen sich Cage zeitlebens aus- einanderzusetzen hatte. In den späten 60er Jahren fand er in der Person des amerikanischen Transzendentalisten Henry David Thoreau einen Seelenverwandten, den er als Sprachrohr für seine eigene Musikästhetik einsetzte. In dessen Naturerkundungen in der Mitte des 19. Jahrhun- derts entdeckte er eine Sensibilität für die Schönheit des Unscheinbaren vorgeprägt, die er selbst musikalisch und theoretisch zu exemplifizieren suchte. In der Klanginstal- lation Essay (1986) erteilt Cage dem Transzendentalisten das Wort, ohne dass der Sinn seiner Aussagen aus dem Textinhalt abgeleitet werden könnte. Der Hörer betritt einen Klangraum, der wie ein fortwährendes Orakel und eine rätselhaft Sphinx zugleich Cages Botschaft einer Klangästhetik erlebbar macht: die anarchische Harmonie.