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Balzac in "Der Stein der Weisen"
Die Gesellschaft
befleißigt sich keiner der Tugenden, die sie von den Menschen verlangt;
stündlich begeht sie Verbrechen, aber sie begeht sie mit Worten; durch
Scherze bereitet sie böse Taten vor, wie sie das Schöne erniedrigt,
indem sie es lächerlich macht; sie spottet der Söhne, die ihre Väter
allzu sehr beweinen; aber sie tut diejenigen in Acht und Bann, die sie
nicht zur Genüge beweinen; ferner, so ist sie nun mal, amüsiert sie sich
damit, die Leichen zu wägen, noch ehe sie erkaltet sind.
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Anm. F.W.:
"Balzac faszinierte Gesellschaft. Er ähnelte einem ehrgeizigen
Soziologen, der von der Idee getrieben ist, die ganze Gesellschaft
dadurch zu erklären, dass er sie vollständig beschreibt. Nichts sollte
ausgelassen werden: keine Lebensform, kein Beruf, keine soziale Schicht,
keine Art sich zu kleiden, keine Region Frankreichs. Balzacs Romane
beschreiben das Leben in der Stadt und auf dem Lande, die Sphäre der
Wirtschaft, des Handels, der Banken und des Unternehmertums, die Welt
der Kunst und Literatur, das Privatleben in der Familie, die
Öffentlichkeit und die Politik mit ihren Ränken und Intrigen. Die
soziale Skala reicht von der Welt der Prostituierten über das
Spießbürgertum bis in die Höhen des Geldadels und der Aristokratie.
Balzac beobachtet die nachrevolutionäre Gesellschaft im Umbruch: den
Niedergang der Monarchie, die Verbürgerlichung der Gesellschaft, die
Bedeutung des Geldes, die Strukturveränderung in der Familie."
[86] Die Gesellschaft, ein weiter Begriff. Reden wir heute von
einer Gesellschaftsordnung, so wird dieser Begriff auch im
Geschäftsleben verwendet. Balzac sieht im Gesellschaftsbegriff, die
Menschen. Die Gesellschaft ist um uns herum und wir sind ein Teil von
ihr. Die Gesellschaft gibt, die Gesellschaft nimmt.
In seinem Roman
"Der Landarzt" berichtet er von den
Grundfesten der Gesellschaft:
"Nicht
ohne Grund, mein Lieber, wirft das Sprichwort die drei Schwarzröcke
zusammen, den Priester, den Mann des Gesetzes und den Arzt: der eine
sorgt für die Wunden der Seele, der andere für die des Geldsacks, der
letzte für die des Leibes; sie stellen die drei Grundfesten der Existenz
der Gesellschaft dar: das Gewissen, den Besitz, die Gesundheit."
Von Balzac wird berichtet, er wäre ein
Salonlöwe gewesen. Sein großes Ziel, seinen Eintritt in die "große
Gesellschaft", die Pariser "haute
société" des Stadtviertels Faubourg
Saint-Germain, wird von seinen Zeitgenossen oft mit spöttischen
Karikaturen belegt.
1830 verkehrt er in den Salons der
Comtesse Merlin,
der Madame Récamier,
Sophie Gay
und bei Baron Gérard.
Das ist für ihn umso beachtlicher, da er sich durch seine Verschuldung
oft auf der Flucht vor seinen Gläubigern befand. Wer aber glaubt, dass
Balzac sich in den oberen Schichten der Gesellschaft besonders wohl
gefühlt hat, wird durch seine Aussage in der
"Duchesse von Langeais"
: "Man findet in den Höhen der
Gesellschaft ebensoviel Schmutz wie in den Tiefen, er ist dort nur
härter und vergoldet." wieder auf den
Boden der Realität zurückgeholt. Für uns, seine Leser, hat er sehr dazu
beigetragen, die Mechanismen in der Gesellschaft zu verstehen.
Wer sind die Lebemänner, -frauen und Dandys
der "Menschlichen Komödie"?:
"... in der Welt der Pariser
Lebemänner, der de Marsay, der Ronquerolles, der Maxime de Trailles, der
des Lupeaulx, der Rastignac, der Vandenesse, der Ajuda-Pinto, der
Beaudenord, der La Roche-Hugon und der Manerville, die er bei der
Marquise d'Espard, bei den Herzoginnen von Grandlieu, von Carigliano,
von Chaulieu, bei den Marquisen d'Aiglemont und von Listomère, bei
Madame Firmiani, bei der Gräfin von Sérisy, in der Oper, ..."
(aus "Das Antiquitätenkabinet")
Balzac sagte mal:
>>Moi, j'aurai porté une société toute entière dans ma tête <<
[78] Zu deutsch etwa: "Ich trage
eine ganze Gesellschaft in meinem Kopf". Das hat er allerdings, mit den
fast 3000 Typen seiner "Menschlichen Komödie". |