Balzac in Beatrix
Kein erster Liebesbrief ist je, wie man glauben
könnte, ein glühender Erguss der Seele. Bei allen jungen,
unverdorbenen Menschen wird ein solcher Brief von allzu
überschwenglichen, allzu mannigfachen Aufwallungen begleitet, um
nicht die Quintessenz mehrerer versuchter, verworfener, von neuem
begonnener Briefe zu sein.
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Anm.F.W.:
Über den Briefwechsel Balzacs gibt es sehr viel zu sagen, sind doch
fast alle Briefe von ihm "gerettet" worden. Balzac führte
einen fast tagebuchgenauen Briefwechsel mit Eva Hanska. Am 7. November
1832 erhält Honoré de Balzac einen anonymen Brief, gezeichnet von
einer >Unbekannten< aus Odessa. Wie sich später herausstellt
ist die "Fremde", Evelina Hanska.
"Briefe
in Fülle...
Die
schönsten und unmittelbarsten gehen an Evelina von Hanska, jene Frau
im fernen Russland, die mächtig wie das Schicksal selbst in sein
Leben eingreift. Sechzehn Jahre, bis zu seinem Tode, währt dies Drama
seines Herzens. Er besucht die Geliebte in Neuchatel, in Genf, in
Wien, in Petersburg, in Baden-Baden; er begleitet sie nach Antwerpen
und Amsterdam, und durch Italien bis Neapel; danach muss er sie noch
dreimal in Russland besuchen, ehe er endlich, am 15. Mai 1850, sein
Ziel, die Vermählung mit Gräfin Evelina von Hanska erreicht.
Ein Traum Balzacs ging in Erfüllung.
Diese Briefe geben uns Auskunft über sein unermüdliches Schaffen
sowie die Gefühls- und Gedankenwelt Balzacs. >>
Schau, ein Brief,<< so schreibt er an seine Mutter, >>das
bedeutet für mich nicht bloß Geld, sondern eine Stunde Schlaf und
einen Tropfen Blut.<<
[3]
Balzac-Biograph Stefan Zweig
berichtet von einem unaufrichtigen Briefwechsel Balzacs. "Balzac wird
niemals oder nur selten der >>Unbekannten<< die Wahrheit über sich
sagen, und ihr ganzer Briefwechsel wird bis zum Ende so unaufrichtig
bleiben, wie er begonnen."
[65]
Wer sich daran stört, dem sei gesagt,
dass Balzac seine Briefe nicht für die Öffentlichkeit bestimmt hatte.
Zum Schutz der Intimsphäre seiner Geliebten und späteren Frau,
der Gräfin Hanska, hat er ihre Briefe auf Wunsch der Verfasserin am 3.
September 1847 verbrannt, dem schrecklichsten und traurigsten Tag
seines Lebens. (Quelle: Pierrot: Lettres à Madame Hanska*)
Dass uns dennoch seine Briefe erreicht
haben, haben wir einem Belgier zu verdanken,
Vicomte Spoelberch de Lovenjoul.
Dieser kaufte nach dem Tod der Frau Hanska alle Bücher und Papiere
Balzacs auf, denen er habhaft werden konnte.
Die Briefflut war
immens, so schrieb er 1548
Briefe außerhalb der
Korrespondenz an seine Geliebte. Die erhaltenen Briefe an Frau Hanska
zählen 414
Stück. Mit einem Teil ihrer Briefe wurde er durch seine Haushälterin,
Frau von Brugnol, erpresst, und verbrannte sie (s.o.).
Trotz einiger Lücken
bleibt Balzacs Briefwechsel monumental, und die Balzac-Forschung wird
durch ihn neue Impulse bekommen.
[78]
*) Seit 1960 wurde die gesamte Korrespondenz Balzacs
in mustergültiger Form veröffentlicht; dies ist einem einzigen "balzacien"
zu verdanken: Roger Pierrot.
[78]
Für die "Forscher" möchte ich noch eine andere
geheimnisvolle Korrespondenz Balzacs erwähnen, die 23 Briefe an eine
geheimnisvolle Louise. Louise Lefévre hatte mit Balzac lediglich
brieflichen Kontakt. Ein Jahr nach Balzacs Tod wollte ihr Ehemann
diese in der Zeitschrift "La Mode" veröffentlichen. Auf Grund einer
von Eva durchgesetzten gerichtlichen Verfügung, durften diese Briefe
nicht abgedruckt werden. Der geldgierige Ehemann musste die bereits
erhaltenen 3000 Franc zurückzahlen.[77]
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