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Honore de Balzac
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Balzac in "Ferragus, das Haupt der Verschworenen"
 

Die meisten von einem Ball zurückkehrenden Frauen werfen, ungeduldig, sich schlafen zu legen, ihre Kleider, ihre verwelkten Blumen und ihre Sträuße, deren Duft verdorben ist, rings um sich hin. Sie lassen ihre kleinen Schuhe unter einen Sessel stehen, schreiten auf schlürfenden Kothurnen, nehmen ihre Kämme ab und entrollen ihre Flechten, ohne irgend Sorgfalt auf sich zu wenden. Was kümmert es sie, dass ihre Gatten die Spangen, Doppelnadeln und umständlichen Haken sehen, mit welchen sie den kunstvollen Bau ihres Haares oder Putzes zusammenhielten? Es gibt keine Geheimnisse mehr, alles sinkt vor dem Gatten zu Boden, vor dem bedarf es keiner Schminke mehr. Das Korsett, die meiste Zeit überängstlich verborgen, bleibt liegen, wenn die allzuschläfrige Kammerfrau es fortzunehmen vergisst. Kurz, die Bauschen aus Fischbein, die mit Gummileinwand benähten Ärmellöcher, der ganze trügerische Flitterkram, die vom Friseur gekauften Haare, kurz, die ganze falsche Frau liegt rings verstreut. Disjecta membra poetae, die künstliche Poesie, die von denen, für die sie erfunden und ausgearbeitet wurde, so bewundert wird, die hübsche Frau liegt in allen Ecken des Zimmers. Der Liebe des gähnenden Gatten zeigt sich nun die wahre Frau, die ebenfalls gähnt, unordentlich, ungepflegt, in einer zerknitterten Nachthaube, die sie schon gestern trug, und die sie morgen wieder tragen wird.

Ist es nicht eine stärkende Wegzehrung, wenn man abends den Kopf auf das Kissen legen und sich sagen kann: Ich habe nicht die Werke anderer abgeurteilt, ich habe niemandem Kummer bereitet, mein Geist hat nicht wie ein Dolch die Seele eines Unschuldigen durchbohrt, meine Scherze haben kein Glück getrübt, sie haben nicht einmal die glückliche Einfalt gestört; ich habe die leichten Triumphe des Epigramms verabscheut, kurzum, ich habe nie meine Überzeugung verleugnet?

(Balzac in "Verlorene Illusionen")

Will man sich ein Bild über Umfang und Tiefe (Höhe) des Balzac'schen Werkes machen, so fällt mir ein Abschnitt aus "Vater Goriot" über Paris ein, den man aber auch auf die "Menschliche Komödie" für die immer wieder "suchenden Leser" beziehen könnte:

"... Aber Paris ist ein wirklicher Ozean. Wirft man das Senkblei aus, so wird man niemals seine Tiefe ermessen können. Man mag Paris durchlaufen und beschreiben: Welche Mühe man sich auch dabei gibt, so zahlreich und so sorgfältig auch die Erforscher dieses Meeres sein mögen, immer wird man auf eine unbekannte Stelle stoßen, auf eine unentdeckte Höhle, auf Blumen, Perlen, Ungeheuer, auf irgend etwas Unerhörtes, das die literarischen Taucher vergessen haben. ..." 

Wer könnte es treffender sagen als der Meister selbst? 

Schlusswort:

Ergötzliche Geschichten. R. Piper & Co. MünchenMancher wird sagen, das Buch kenne ich nicht oder das Zitat lautet ganz anders. Der Grund dafür ist, dass fast jeder Übersetzer eines Werkes von Balzac, diesem, unabhängig von dem französischen Originaltitel, seinen eigenen Titel "verpasst" hat. So wird aus der 'Base Lisbeth' die 'Tante Lisbeth' und schließlich 'Tante Bette'.  Die 'tolldreisten Geschichten' werden zu  'derbdrolligen Geschichten' oder die 'tolldrastischen Geschichten' usw. Das ist noch nachvollziehbar. Wenn aber aus dem 'Junggesellenheim',  die 'Junggesellenwirtschaft' oder  die 'Fischerin im Trüben' wird, kann man schon verzweifeln. So ähnlich verhalten sich auch die Übersetzungen. Man sollte daher das Zitat immer in Verbindung mit der jeweiligen Übersetzung sehen. Aber wir wollen die Sache positiv sehen. Sie haben jedenfalls die Möglichkeit zwischen einem 'ballspielenden Kater' und einer 'ballspielenden Katze' zu wählen, beides ist im Angebot. Einen deutschen Musiklehrer namens Schmücke werden Sie in anderen Übersetzungen unter dem Namen Schmucke wiederfinden und Ursule wird auch mal Ursula heißen. Aber was soll's, das ist   "Die Menschliche Komödie".

Werner Fuchs-Hartmann schrieb 1940 in seinem Brevier "Balzac – Geliebtes Leben" folgende Einschätzung, welche ich als  Resümee verwenden möchte:

Bei Amazon -Geliebtes Leben, Ein Brevier von Werner Fuchs-Hartmann,Diogenes  Verlag Zürich 1999Balzac ist Enzyklopädie, ist Lexikon und Dictionnaire zugleich. Selbst wenn wir sämtliche anderen Quellen zur Geschichte Frankreichs aus jener Zeit verlieren sollten, so würde die Comédie hinreichend sein, diese Epoche in ihrer geistigen und äußeren Haltung erstehen zu lassen.

Das gilt nicht nur für den Bereich der Tatsachen, sondern auch für den geistigen Raum. In seinem aphoristischen Prägungen ist Balzac von erstaunlicher Fülle, von ungewöhnlicher seelischer Tiefe und geistigem Weitblick; seine in die Handlung eingestreuten Charakteristiken, Milieuschilderungen, modischen Anmerkungen und kulturgeschichtlichen Miniaturen sind Meisterwerke in der Plastik des Stils und in der Geschlossenheit dichterischer Schau. In dem heißen Verlangen, alle Abgründe und Tiefen dieses Daseins zu durchleuchten, verschließt Balzac die Augen selbst nicht vor dem Hässlichen. Man hat daher, wie etwa Le Breton, dem Verfasser der Comédie gelegentlich vorgeworfen, dass er Pessimist sei. Diese Folgerung trifft nicht zu. Balzacs eigenes Dasein spricht dagegen, sein unersättlicher Lebensdurst, seine Lust am Schönen, seine Genussfreudigkeit auch in den alltäglichsten Dingen. Zudem bleibt seine Darstellung ohne Bitternis, er kennt nicht die düsteren, revolutionsschwangeren Anklagen des späteren Naturalismus. Wenn er auch keine Illusionen aufkommen lässt und die Welt der Tatsachen in dämonischer Verstrickung und Hörigkeit entfesselten Trieben hingegeben sieht, so liebt er doch dieses Leben, so sagt er doch ja zu diesem Leben und wirft sich im Geist und in der Tat in seine wilden Strudel!

Die Universalität der Gegenstände und Fragen, die er behandelt, ist erstaunlich. So kann sich jeder angesprochen fühlen. Es bedarf keiner inneren Vorbereitung oder geistigen Umstellung, um in die Welt Balzacs einzudringen. Er zeichnet keine Wesen, die in den irdischen Bereichen nicht leben könnten, und selbst dort, wo er sich rein tatsachenmäßig aus der Welt des Möglichen entfernt, geht es doch wiederum um Wunschträume, die den Forderungen des Alltags eng verhaftet sind.

... und so blieb vieles auch in seinen Romanen spontanes Bekenntnis; nicht zuletzt macht dies Balzac so liebenswert. Jedes seiner Bücher offenbart ihn so unverkennbar, als spräche der Mensch selbst zu uns – er lebte mit seinen Gestalten, darum ist er unsterblich, und seine Gestalten leben durch ihn, darum sind sie unvergesslich. [3] 

   

Eine Frage noch Herr Balzac, halten sie ihr Werk für unsterblich?

>> Alles ändert sich, entweder auf der Stelle oder in jahrhundertelangen Perioden. Das ist, um es in wenige Worte zusammenzufassen, auch bei unserm Werk der Fall. <<

(in "Physiologie der Ehe").

              Ich bewundere Ihre Bescheidenheit.

 
   

Honoré, wir denken an Dich.

Quellenverzeichnis

Tolldreiste Geschichten

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