Honoré de Balzac
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Andernach
(aus "Die rote Herberge")

Wahrhaft ins Schwärmen gerät  Balzac bei der Beschreibung des Weges zur   "Roten Herberge" in der Stadt Andernach:                                                       Marktplatz mit Bäckerjungenbrunnen... Dann und wann führten die Wege, auf denen die beiden Freunde einherritten, als sie sich nach Andernach begaben, sie auf den Gipfel eines Granitbergs, der höher als die andern war. Von dort hatten sie durch eine Waldschneise oder einen Felsspalt einen Ausblick auf den Rhein, der von Sandsteinfelsen eingerahmt oder von kräftigen Pflanzenbewuchs gesäumt war. Die Täler, die Pfade und die Bäume hauchten jenen Herbstduft aus, der zu träumerischen Sinnen verleitet; die Wipfel der Wälder begannen, sich zu vergolden und warme, braune Tönungen anzunehmen, Zeichen des Alterns; die Blätter fielen, aber der Himmel war nach wie vor von schönem Azur, und die trockenen Wege zeichneten sich wie gelbe Linien in der Landschaft ab, die jetzt von den schrägen Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet wurde. Etwa eine halbe Meile von Andernach entfernt ritten die beiden Freunde in tiefer Stille, wie wenn der Krieg dieses schöne Land nicht verheert hätte, und folgten einem Weg, der für die Ziegen durch die hohen, bläulichen Granitmauern gebahnt worden war, zwischen denen der Rhein brodelt. Bald stiegen sie einen der Abhänge der Schlucht hinab, in deren Tiefe eine kleine Stadt gelegen ist, sie hockt kokett am Flussufer und bietet den Schiffern einen hübschen Hafen dar. - >>Deutschland ist ein recht schönes Land<, rief einer der beiden Leute aus, der Prosper Magnan hieß, als er die bemalten Häuser von Andernach erblickte; sie lagen aneinandergedrängt da wie Eier in einem Korb, und zwischen ihnen befanden sich Bäume, Gärten und Blumen. Dann bewunderte er eine Weile die spitzigen Dächer mit den vorspringenden Giebeln, die Holztreppen, die Galerien tausend friedlicher Behausungen und die Boote, die im Hafen auf den Wassern schwankten...<<                           ......Jene Herberge war über und über rot getüncht und bewirkte einen reizvollen Effekt in der Landschaft, sei es, dass sie sich vom Gesamtbild der Stadt abhob, sei es, dass sie ihre breite, purpurne Wand dem Grün des unterschiedlichen Laubwerks entgegenstellte, und ihre lebhafte Färbung den grauen Tönungen des Wassers. Jenes Haus dankte seinen Namen dem Schmuck seiner Außenseite; es war ihm wohl schon vor undenklichen Zeiten durch die Willkür seines Gründers zuteil geworden. Ein bei den verschiedenen Besitzern dieser Unterkunftsstätte, die den Rheinschiffern in guten Ruf stand, recht begreiflicher merkantiler Aberglaube hatte ihr Äußeres sorglich bewahrt bleiben lassen. Als der Wirt der >Roten Herberge< das Pferdegetrappel vernahm, erschien er auf der Türschwelle. >Beim wahrhaftigen Gott<, rief er, >meine Herren, ein bisschen später, und sie hätten bei Mutter Grün übernachten müssen, wie die meisten Ihrer Landsleute, die auf der andern Seite von Andernach biwakieren. ....... (Balzac in "Die rote Herberge")

 

 

Ob es die "Rote Herberge" 

1831 in Andernach gegeben hat 

oder ist sie der Phantasie Balzac's entsprungen?

 

Anm. F.W.: In einem Brief vom 14. April 1839, gesendet von Balzacs Landsitz "Les Jardies", schreibt er an seine spätere Gattin Evelina Hanska: "... Ihr Plan, die Ufer des Rheins sehen zu wollen, lässt mein Herz höher schlagen, oh, kommen Sie, ..." Leider musste er sein Vorhaben verschieben. Ein Unwetter hatte in Les Jardies schwere Schäden verursacht und bei der Untersuchung des Ausmaßes dieser Schäden erlitt Balzac einen Unfall, der ihn einige Zeit an das Bett fesselte. Weiterhin Reparaturen, Schulden und die Hindernisse seiner Beziehung zu Eva, brachten ihn vorerst von diesem Vorhaben ab. Erst 1845 wird Balzac gemeinsam mit Madame Hanska den Rhein bereisen. (Quelle: Honoré de Balzac, Briefe an die Fremde, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, April 1999)

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