Honore de Balzac
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Die Kritiken sind so süß, wenn sie von Freundeshand kommen. Man glaubt an sie, weil sie ohne Zweifel wahr sind, aber sie reißen keine Wunden.

(Balzac in einem Brief an Mme Hanska, 1834) [117]

   
Johann Wolfgang Goethe, 1831  

Johann Wolfgang von Goethe"Ich las La peau de chagrin weiter... Es ist ein vortreffliches Werk neuester Art (das Produkt eines ganz vorzüglichen Geistes), welches sich jedoch dadurch auszeichnet, dass es zwischen dem Unmöglichen und Unerträglichen mit Energie und Geschmack hin- und herbewegt, und das Wunderbare als Mittel, die merkwürdigsten Gesinnungen und Vorkommenheiten sehr konsequent zu gebrauchen weiß, worüber sich im einzelnen viel Gutes würde sagen lassen."

Stefan Zweig, Balzac 1947

"Der wirkliche Balzac ist jener, der in zwanzig Jahren nebst einer Unzahl vonStefan Zweig Dramen, Novellen, Aufsätzen vierundsiebzig fast immer vollwichtige Romane geschrieben und in diesen vierundsiebzig Romanen eine eigene Welt mit hundert Landschaften, Häusern und Straßen und zweitausend Gestalten geschaffen hat. Nur an diesem Maß darf Balzac gemessen werden, nur an diesem Werk wird sein wirkliches Leben erkenntlich. Der seinen Zeitgenossen als Narr erschien, war in Wirklichkeit die disziplinierteste Kunstintelligenz der Epoche; der Mann, den sie als einen maßlosen Verschwender verspotteten, ein Asket mit der unverbrüchlichen Beharrlichkeit eines Anachoreten, der großartigste Arbeiter der modernen Literatur." 

 

Victor Hugo, Grabrede am 21.08.1850

Victor HugoDer Name Balzac wird eingehen in die leuchtende Spur, die von unserer Epoche einmal in der Zukunft künden wird... Ach, dieser gewaltige, nimmermüde Arbeiter, dieser Philosoph, dieser Denker, dieser Dichter, dieses Genie hat unter uns jenes Leben voll von Stürmen und Kämpfen gelebt, das allen großen Männern beschieden ist. ... An einem und demselben Tage geht er ein in das Grab und in den Ruhm. Er wird fortan oberhalb der Wolken, die über unsere Häupter ziehen, unter den Sternen unseres Vaterlandes glänzen.

 

Sainte-Beuve, Balzac. 2.9.1850

Sainte-Beuve

Balzac war ein Sittenmaler unserer Zeit, und er ist vielleicht ihr originellster, befähigtster und tiefschürfendster gewesen. Früh schon sah er dieses 19. Jahrhundert als etwas ihm Untertäniges, als seine Sache an; er hat sich mit Leidenschaft hineingestürzt und ist nicht mehr daraus emporgetaucht. Die Gesellschaft ist wie eine Frau, sie will ihren Maler für sich allein haben: er wurde es. 

Baudelaire

Charles Baudelaire, 1845

Ja, er war es, er, der gewaltigste Händler- und Literatenkopf des neunzehnten Jahrhunderts; der das poetische Gehirn wie das Sprechzimmer einer Bankiers mit Zahlen tapeziert hat; er war es, der Mann mit dem mythologischen Bankrott, den hyperbolischen und phantasmagorischen Unternehmungen, deren Laterne er stets anzuzünden vergisst; der große Traumjäger, ohne Unterlass auf der Suche nach dem Absoluten; er, die merkwürdigste, die wunderlichste und eitelste Persönlichkeit der Menschlichen Komödie, er, dieses Original, das im Leben so unerträglich wie köstlich in seinen Büchern ist, dieses dicke, von Genie und Eitelkeit strotzende Kind, das so viele Qualitäten und so viel Querköpfiges hat, dass man das eine einzuschränken zögert, aus Furcht das andere zu verlieren, und so diese unverbesserliche und unvermeidliche Ungeheuerlichkeit zu verderben!

Anm. F.W.: Es gibt über Balzac, genau in der Vielfalt wie die "Menschliche Komödie" geschrieben ist, gute und schlechte Kritiken. Einer schätzt kritisch sein Leben ein, ein anderer sein Werk und ein Dritter vermischt beides und gibt darüber sein Urteil ab. Der eine schreibt kritische Werke, ein anderer einen Artikel, viele tun es über Fußnoten, Randglossen, Vor- oder Nachwörter und Sonstiges. Der Leser glaubt dem einen oder dem anderen, je nachdem welches Buch er gerade liest. Kritische Leser haben ihre Zweifel an mancher Darstellung und fragen sich, wer hat nun recht?

Hier kann ich Sie echt beruhigen, da Balzac in seinen "Verlorenen Illusionen" auf all diese Fragen eine Antwort gibt:

1. zur Kritik:

"Die Spöttelei entehrt das Werk, aber eine strenge und ernste Kritik ist zuweilen ein Lob."

2. zur Beleidigung:

"Wir verzeihen die Grausamkeiten, wer uns verletzt, muss noch an uns glauben; aber die Gleichgültigkeit!...Die Gleichgültigkeit ist das Eis der Pole, sie erstickt alles."

 

3. zur Verleumdung:

 

In der Vorrede zur "Menschlichen Komödie" gibt Balzac so etwas wie ein Versprechen ab, in der Form: "Meine Hand für mein Produkt." Er verspricht, auf ca. 15000 Seiten nicht einmal seine Prinzipien zu verletzen:"...Wenn man mich daher mir selbst gegenüberstellen will, dürfte sich ergeben, dass man irgend etwas Ironisches falsch gedeutet oder die Worte einer meiner Romangestalten in schlechter, unsinniger Absicht wider mich gekehrt hat, welches Verfahren allen Verleumdern eigentümlich ist."

Die Liebhaber der "Menschlichen Komödie" sollten sich hinsichtlich von Angriffen folgenden Spruch aus den "Verlorenen Illusionen" zu Herzen nehmen:

"Diejenigen, deren Energie und Widerstandskraft durch den Angriff geweckt werden, unterliegen rasch. Wer hingegen ruhig bleibt und das tiefe Vergessen abwartet, in das ein beleidigender Artikel versinkt, entfaltet den wahren literarischen Mut."

4. zur Historie und Geografie

Manche spitzfindige Historiker oder Geografen bemängeln Ungenauigkeiten hinsichtlich des Ablaufes geschichtlicher Ereignisse bzw. der Existenz örtlicher Darstellungen. Hierauf gibt uns Balzac in "Die Bauern" eine Antwort:

"Er betont hiermit ein für allemal, dass seine Ungenauigkeiten gewollt und berechnet sind." (Anm.: der Verfasser) 

"Man wird uns wohl demnächst auch noch fragen, auf welcher Landkarte La-Ville-aux-Fayes, die Avonne und Soulanges zu finden seien. All diese Orte und diese Kürassiere existieren auf dem riesigen Himmelskörper, auf dem sich auch der Turm von Ravenswood, die Wasser von Saint-Ronan, das Land Tillitudlem, Gander-Cleug, Liliput, die Abtei Thélème, die Geheimräte Hoffmanns, die Insel Robinson Crusoes, die Güter der Familie Shandy befinden - eine Welt, in der es keine Steuern gibt; wer dorthin reist, zahlt zwanzig Centimes für jeden Band." 

5. zur Anekdote

Manchmal packt man die Kritik richtig schön ein, in eine Anekdote, der "Wolf im Schafspelz" sozusagen. Es ist keine scharfe Kritik, nein das Opfer wird als etwas dümmlich, einfältig oder naiv dargestellt. Man verwendet zwar Gegebenheiten aus dem Leben desjenigen, stellt sie aber in eine völlig falsche Beziehung. Das eigentliche Ziel des Angriffs ist die Herabwürdigung der Person. Die Anekdote soll leicht verständlich, leicht einprägbar und mit einer meist lustigen Pointe versehen sein. Konkrete Quellenangaben gibt es nicht, sie werden überspielt. Balzac sagt dazu:.

"Heutzutage sind die Anekdoten der Freipass aller Moral

und das Antinarkotikum aller Bücher."

(Balzac in "Physiologie der Ehe")

 

6. Biografien

 

Die Biografien sind hoch an der Zahl. Es wäre etwas spitz zu behaupten, dass Balzac von den Biografen zu dem gemacht wird, was man in ihm sehen will; aber man hat häufig den Eindruck. Dahingegen wird Eva Balzac von 90% der Historiker als kalt und berechnend dargestellt. Balzac behandelt die gesamte Bandbreite der Gesellschaft. Seine Romane sind Sittenstudien. Er zeigt uns die Welt wie sie sich ihm darstellt, unabhängig davon, von welcher Seite er gesehen wird.

 

Tipp von mir: Man sollte sich bei der Lektüre der Biographien an die Fakten halten. Interpretationen über seine Gedanken, Gefühle oder Ansichten können nur spekulativ sein. Hier schießen die Ideen der Biografen in alle Richtungen. Wer dennoch Lust hat zu philosophieren, sollte die Menschliche Komödie lesen und sich dann "seinen eigenen Vers zusammenreimen".

 

7. Lobhudelei

 

Ein übergroßes Lob kann auch in eine Negativ-Kritik umschlagen, wenn es unglaubwürdig klingt. Balzac antwortete in einem Brief, vom 11. Oktober 1840,  dem Redakteur Hyppolite Castille der "Semaine", der am 4. Oktober 1840 eine derartige Kritik veröffentlicht hatte:

 

" Sehr geehrter Herr, ich danke ihnen in erster Linie für Ihren kritischen Artikel, der in ihrer Zeitung über die "Menschliche Komödie" veröffentlicht wurde. Das Lob, das Sie mir haben zuteil werden lassen, ist zu groß, als dass ich es annehmen könnte. Der Last der Verpflichtungen, die es mir auferlegte, würde ich erliegen...." [108]

 

Hinweise zur Beurteilung der Kritiken:

Versuchen Sie den Anlass einzuschätzen, aus welchem der Artikel geschrieben wurde. Ist es ein Journalist, der aus Anlass seines Geburtstages etwas "zusammenschreibt", der sich aber aus der Situation heraus gar nicht eingehend mit der Person: "Balzac", beschäftigen kann, weil er am nächsten Tag schon wieder einen Artikel über einen anderen Autor schreiben muss? Ist es eine Schülerin, welche einen Auftrag (z.B. Arbeit im Französischunterricht) hat und unter der Absicht eine gute Note zu bekommen, schreibt oder ist es ein Liebhaber, der eigentlich nichts negatives gelten lassen will? Sie werden wahrscheinlich nie "die objektive" Beurteilung finden. Am glaubhaftesten erscheint mir die Einschätzung von Leuten, ... aber finden sie es selbst heraus! Jeder muss sich seine Meinung bilden :-)

Trotz aller positiven und negativen Kritik steht für mich fest, wäre Balzac nicht der gewesen, der er war, dann wäre die "Menschliche Komödie" nicht das geworden, was sie ist: Das herrlichste Werk, welches ich bisher gelesen habe und noch lese.

Du hast ein schönes Buch geschrieben,

und der Kritiker hat nur einen Artikel verfasst.

(aus "Verlorene Illusionen")

Balzac als Kritiker



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