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Orte und Wohnplätze in OstpreußenOrtsnamenveränderungen und ihre Bedeutung Warum es diese vielen Umbenennungen gab und warum Ortsnamen in Ostpreußen zur politischen Angelegenheit wurden
Als die Deutschen in der ersten Hälfte des 13. Jhs. in die Heimat der dort seit Urzeiten ansässigen Prußen kamen, gab es dort keine Städte, nur Handelsplätze, Fluchtburgen und heilige Stätten, die Ortsnamen trugen, denn die Prußen bevorzugten die Siedlung in Streudörfern und Einzelgehöften. So wurden Ortsnamen einfach wie Flurnamen verwendet, haben sich entwickelt und verändert. Die Deutschen haben ihre Burganlagen zur Abwehr und zur Beherrschung des Landes gebaut, nicht selten an oder dicht bei den Stellen, an denen die Prußen bereits ihre Erd- und Holzburgen angelegt hatten, und haben ihnen der Zeit gemäß ihre deutschen Namen gegeben. Die Phase der freien Entwicklung Dort herum haben sich die Städte entwickelt, die i.d.R. auch diese deutschen Namen behalten haben. Im Lande aber wurden durch hoheitliche Akte Dörfer, Mühlen usw. angelegt, die nicht unbedingt deutsche Namen bekamen, denn wenn an selbiger Stelle bereits eine Siedlung bestand, wurde deren Name oft übernommen, evtl. der deutschen Sprache etwas angepaßt. Abgesehen von einigen Handfesten und anderen Urkunden wurden die Ortsnamen nicht weiter dokumentiert. Da der Deutsche Orden oder die Bischöfe als Landesherren auch keine nationalen Interessen verfolgten - es ging um Christianisierung und natürlich Machtgewinn, sonst nichts! - hatten sie auch nichts gegen ihnen fremde Ortsnamen. Dieser Umstand galt dort genauso wie im deutschen Westen, wo sich beispielsweise auch ein Name wie Celle angeblich aus dem keltischen Wort Kellu, oder auch Köln aus Colonia entwickelt hat. Die Ortsnamen entwickelten sich gemäß dem Sinn der dort lebenden Bevölkerung. In diesen älteren Zeiten wachten Ämter noch nicht über die Einhaltung oder Eindeutigkeit von Ortsnamen. Hinsichtlich der Ortsnamen war dies die Phase der unamtlichen freien Entwicklung, so nenne ich sie einmal. Auch in der weiteren Folge der Anlage von Siedlungen wurden nur selten prußische Ortsnamen durch deutsche ersetzt, obwohl die prußische Bevölkerung immer mehr in der deutschen aufging, und sogar ihre Sprache im 17 Jh. als gesprochene Sprache ausstarb. Neue Orte erhielten jedoch naturgemäß deutsche Namen, die aus der alten Heimat mitgebracht wurden, so z.B. Osterode, die an den Namen des eingesetzten Lokators erinnerten oder von Komturen oder Bischöfen verliehen wurden. Zeit der Besiedelung durch Litauer und Masovier Die bereits gegen Ende der Ordenszeit einsetzende Besiedelung des Südens durch Masovier, des Nordostens durch Litauer, die als geduldete aber auch willkommene Siedler das dünn besiedelte Land besetzten und sich leichter mit der dortigen prußischen Bevölkerung vermischten als dies die deutsche Bevölkerung tat, sorgte allerdings für masurische bzw. litauische Ortsnamen, die ggf. die alten prußischen ersetzten. Aber sogar ursprünglich deutsche Namen wurden in diesem Verlauf durch fremde Namen verdrängt. Dies gilt z.B. für Schloßberg, das als solches gegründet worden war, für das aber wegen der schließlich überwiegend litauischen Bevölkerung Pillkallen gebräuchlich wurde. Entsprechendes gilt beispielsweise auch für Weißenfluß und Weißensee, für die sich das masurische Wolla bzw. Bialla einbürgerte. Litauer und Masovier kamen in das Land, weil sie vor den wirtschaftlich schlechteren und unsicheren Verhältnissen in ihrer Heimat flohen oder auch weil sie dem Druck der einsetzenden Gegenreformation auswichen, was insbesondere für die Masovier gilt. Die Phase der Festschreibung und der Peuplierung Vor allem zum Ende der folgenden Herzogszeit hat (Ost-)Preußen infolge von Kriegen, Tartareneinfall und gut 50 Jahre später durch die große Pest 1709-11 viel an seiner Bevölkerung eingebüßt. Allein durch die Pest starb etwa ein Drittel der Menschen, so daß viele Orte 'wüst' standen, d.h. menschenleer waren. An die Stelle dieser Verluste kamen die Glaubensflüchtlinge aus halb Europa nach Ostpreußen, die von Friedrich Wilhelm I. in der als Peuplierung bekannten Aktion angesiedelt wurden. Doch hat beispielsweise die Ansiedlung der Salzburger nicht für einen einzigen neuen (salzburger) Ortsnamen gesorgt; sie wurden alle in bereits bestehende Dörfer integriert, d.h. daß sich diese starke Veränderung in der ethnischen Zugehörigkeit der Bevölkerung nicht auf der Landkarte widerspiegelte. Mit dem etwa gleichzeitig aufkommenden Zeitalter des Absolutismus schrieben die königlichen Verwaltungsämter aber die Ortsnamen immer stärker fest und entzogen sie so der bis dahin ablaufenden natürlichen Wandlung. Dabei wurde manch fremder Name von den Schreibern der deutschen Sprache angepaßt, der bis dato nur gesprochen worden war. Seit dem 18. Jh. achtete der preußische Staat zusehends auf die Ortsnamen und erließ in verschiedenen Edikten und Ordnungen, Verbote eigenmächtiger Änderungen durch die Besitzer (von Gütern oder Hufen) oder bestimmte Vorgaben, z.B. derart, daß ein neuer Abbau oder ein neu errichtetes Vorwerk nur einen Namen bekommen durfte, der auch den Namen des Ortes beinhaltet, zu dem der neue Abbau gehörte. Das führte zu den vielen Ortschaften mit Vorsilben wie Klein, Groß oder Adlig. Der Sinn und Zweck dieser Staatsbemühungen liegt heute auf der Hand, denn heute kann keine Gemeinde einfach ihren Namen wechseln. Immerhin hat es noch sehr lange gedauert, bis die Einnamigkeit und Möglichkeit der eineindeutigen Zuweisung von Name und Ort durchgesetzt worden ist. Selbst 1830/40 mußte zur Anlage der Prästationstabellen jedesmal nachgeprüft werden, ob der Ort neben dem amtlichen noch einen weiteren Namen führte. Der Beginn der nationalen Zeit Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges haben nationale Interessen innerhalb Ostpreußens keine Rolle gespielt. Wenn dem jemand entgegenhalten möchte, daß schon bei der Peuplierung litauische oder prußisch-deutsche Bauern von ihren Höfen mußten, um Salzburgern Platz zu machen, wenn also Salzburger bevorzugt worden seien, so kann man dem nur entgegenhalten, daß Friedrich Wilhelm I. dies lediglich aus dem Grunde getan hat, weil die Litauer als 'schlechtere Wirthe' galten. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, nicht die Volkstumszugehörigkeit war das Kriterium. Also blieben die fremdsprachigen Ortsnamen durch die Festschreibung auch dann bestehen, wenn die Bevölkerung mittlerweile mehrheitlich deutsch war oder sich längst zum 'Preußentum' bekannte. Die Sprachlichkeit der Ortsnamen läßt seit dem 18. Jh. keinen Rückschluß auf ethnische Mehrheiten zu, so wie dies aber seit Ende des Ersten Weltkrieges und dem Erwachen der polnischen und auch litauischen Nationalgefühle immer wieder angeführt wird. Eine Germanisierung, zumindest der Bevölkerung, wie sie heute von Halbwissenden oft genannt wird, hat es in Ostpreußen gar nicht gegeben. (Zur 'Germanisierung' der Ortsnamen selbst weiter unten.) Als Beispiel gegen einen Germanisierungsvorwurf sei hier der Fall der Philipponen genannt: Die Philipponen waren eine kleine, in Russland verfolgte Sekte, von der sich um 1832 etwa 900 Menschen im Kreis Sensburg ansiedelten. Die Besiedelung wurde vom Forstmeister Eckert geleitet. Als es darum ging, den neu entstandenen Forstkolonien Ortsnamen zu geben, wünschten die Philipponen russische Ortsnamen, der Regierungspräsident natürlich deutsche. Er stimmte dann aber Namen zu, die auf masurischen Flurnamen oder auf den Namen des ersten Siedlers zurückgehen, jedoch deutsche Namensendungen tragen sollten. So entstanden Onufrigowen, Piasken, Galkowen, Kadzidlowen. Die Namen hatten bis 1938 Bestand. Die Reaktion auf die Gebietsabtretungen Nach dem Ersten Weltkrieg, nach der erfolgten Abtretung fast ganz Westpreußens an Polen, der Abtrennung Danzigs und damit auch der wirtschaftlich schwerwiegenden Abtrennung Ostpreußens vom Rest des Reiches, mit der großen Frage, ob man als Einwohner eines südlichen Kreises in Ostpreußen nun bald polnischer Bürger werden müßte, ist auch die nationalpolitische Bedeutung von Ortsnamen in Ostpreußen ins Bewußtsein gerückt. Nachdem 1920 die Bewohner dieser fraglichen Landesteile äußerst deutlich für Deutschland gestimmt hatten, obwohl die Masuren den Polen doch ethnisch näher standen als den Deutschen, haben bald auch Ortsumbenennungen in Ostpreußen begonnen. Fritz Gause läßt sich im Vorwort seines Buches [1] zu der politischen Frage und Motivation auf S. 14ff eingehend aus, führt Pro und Contra einer Verdeutschung - so sachlich bezeichnete man dies damals - von Ortsnamen aus. Er schrieb dies 1935 und erklärte den Vorgang dieser Umbennungen, der immer von der Gemeinde selbst initiiert worden sei und dann mehreren Prüfungen u.a. durch das Königsberger Staatsarchiv und das Inst. für Heimatforschung an der Albertus-Universität standhalten mußte. Der bekannteste dieser Fälle ist wohl die Umbenennung von Marggrabowa zu Treuburg, mit deren Genehmigung diese masurische Stadt für ihr überwältigendes Bekenntnis zum Deutschen Reich in der Abstimmung von 1920 geehrt wurde. Mit Ausnahme von zwei Fällen (Kgl. Damerau und Kgl. Lichteinen) ist kein Zwang durch die Regierung auf die Gemeinden ausgeübt worden. Seine kleine Statistik der Verdeutschungen reicht natürlich nur bis zum Jahre 1934. Ich habe sie durch eine grobe Zählung ergänzt. ![]() Man kann tatsächlich erkennen, daß die Ostpreußen nach den Zerstörungen des Weltkrieges andere Sorgen als Ortsnamen hatten, daß aber das Bewußtsein für die heimatlichen Ortsnamen allmählich anwuchs, daß durch das Gesetz vom Dezember 1927, welches die Neubildung vieler Gemeinden erzwang, ein Sprung in den Verdeutschungen stattfand. Die Aktion von 1938 Vor allem aber fällt in der Grafik die einmalige Großaktion der Nationalsozialisten vom Juni 1938 ins Auge. Sie ist ein klarer Bruch in der Folge der bis dahin vorgenommenen Verdeutschungen. Weit mehr als 1670 Orte wurden dabei umbenannt! (Ich konnte in meiner unvollständigen Liste nur 1670 zählen.) Und dies ist dann wirklich eine überwiegend politisch motivierte Angelegenheit gewesen, eine Aktion, die sich teilweise in einem 'Wahn' auswuchs, der an Lächerlichkeit grenzt. Bei der großen Anzahl konnte von einer gewissenhaften Prüfung der neuen Namen durch die Institute und staatlichen Stellen mit Sicherheit auch keine Rede mehr sein. Nach 1938 war erst einmal Schluß mit der Masse der Umtaufen, doch kamen vereinzelte Umbenennungen noch bis 1941 vor, als sie schließlich wegen des Krieges auf höhere Weisung eingestellt worden waren. Auch wenn unter Ostpreußen diese oktruierte Wahl der neuen Ortsnamen i.allg. als nationalsozialistisches Unrecht an ihrer Kultur angesehen wird, so ist es zum einen so, daß dieser gesetzliche Akt nie rückgängig gemacht worden ist, und die Namen daher heute noch gelten. Auch die Vermeidung von mehrfach vorkommenden Ortsnamen in Ostpreußen, wie beispielsweise Sawadden, ist bei einer auch damals infolge der immer besser werdenden Infrastruktur, der Verbesserung der medialen Versorgung der Bevölkerung, insgesamt also einer bereits damals näher zusammenrückenden Welt, durchaus gerechtfertigt. Es ist aber zum anderen auch so, daß damals durch das Erkennen der nationalpolitischen Bedeutung selbst von Dorfnamen und angesichts der offenen Begehren polnischer Politiker, auch noch nach 1920, wie auch der damals faktischen Besetzung des Memellandes durch Litauen, diejenigen Umtaufen, die man als Rückbenennungen in die alten Namen ansehen muß, in gewisser Weise durchaus gerechtfertigt waren. Zu diesen Rückbennungen gehören u.a.: Pillkallen zu Schloßberg, Wolla zu Weißenfluß, Bialla zu Weißensee, Brosowken zu Birkenhöhe (obwohl als Birkenfeld gegründet), Regulowen zu Borkenwalde, Possessern zu Großgarten, Wilkowen zu Geroldswalde (obwohl als Geroldsmeßwolle gegründet), Rudzisken zu Rudau, Brosowen zu Hartenstein, Ittowen zu Gittau, Dorothowo zu Darethen, Schloßberg, Kr. Angerburg, zu Heidenberg, Przytullen zu Kleinkutten, Pristanien zu Paßdorf, Prinowen zu Primsdorf, Kühnort zu Doben u.v.m., die dem Interessierten erst dann auffallen, wenn er sich mit der ältesten Historie dieser Ortschaften befaßt und lesen kann, welche Namen den Orten als erstes verliehen worden waren. - Aber nichtsdestotrotz erkenne ich persönlich die urige Schönheit von Worten wie Darkehmen oder Pillkallen an, die in bestimmter Weise treffender wohl kaum sein konnten ... Weitere Gründe für Ortsnamenveränderungen Natürlich hat es schon zuvor immer wieder zwingende Ortsnamenveränderungen gegeben, beispielsweise weil Orte eingegangen waren. a) Ortsnamen verschwanden durch
Infolge von Kriegsereignissen sind in Ostpreußen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges keine Ortsnamen verschwunden, denn alle um 1915 zerstörten Orte wurden wieder aufgebaut. Seit 1945 sind allerdings Ortschaften in großer Zahl aus der Landschaft verschwunden. b) Ortsnamen änderten sich von Amts wegen u.a. durch
Zum Typus der alten ostpreußischen Ortsnamen Die ältesten Ortsnamen sind die, die prußischen Ursprunges sind bzw. die sich direkt aus den prußischen Namen ableiten. Zu dieser Gruppe gehören sehr viele Orte, die sich v.a. im östlichen Teil Ostpreußens befanden und in der 1938er Aktion leider zumeist umbenannt wurden. Stablacken ist einer dieser Ortsnamen und bedeutet Steinfeld(chen), Darkehmen entwickelte sich aus Dargekyem (1539)/Darkyem und bedeutet ...dorf (Bed. der ersten Silbe ist unsicher). Eylau stammt von Yle (1326)/Yladia/Ylow/Eylaw und bedeutet soviel wie "Ort im Schlamm", denn die dortige prußische Burg (in Pr. Eylau) war völlig von Sumpf umgeben. Weitere charakteristische Namensendungen ostpreußischer Orte sind:
Mit den sehr häufig verwendeten Verniedlichungen (...ken) [2] haben die Menschen Ostpreußens ihre besondere Verbindung und Zuneigung zu ihren Höfen und Dörfchen ausgedrückt. Bedauerlicherweise ist diese Eigenart bereits in den Umbenennungen von 1938 verloren gegangen. Die heutigen Ortsnamen lassen überhaupt nichts von dieser Art Verliebtheit erkennen, denn die neuen Bewohner haben gar keinen Zugang zu diesem Land, das einem Teil von ihnen als leeres geschichtsloses Etwas hingeworfen worden ist. Da das Prußische leider nicht als Sprache erhalten geblieben ist, es aber über das Schalauische mit dem Litauischen nahe verwandt ist und viele litauische Siedler sich im östlichen Ostpreußen (Preußisch-Litauen) niedergelassen haben, ist es oft nicht ohne weiteres möglich, den sprachlichen Ursprung eines Ortsnamens als prußisch bzw. litauisch zu bestimmen. Dieser Umstand ist schon zur Zeit des Wiedererstehung des litauischen Staates von verschiedenen nationalen Kräften Litauens verwendet worden, um das östliche Ostpreußen zu Litauen zugehörig zu proklamieren. Fritz Gause führt am Ende seines Vorwortes einen Zeitungsartikel an. Er schreibt:
Auch wenn der unbekannte Verfasser mit der Tatsache der Verwandtschaft Recht hat, so ignoriert er einfach, daß das Land Ostpreußen ohne die Menschen und ihre Kultur so gut wie nichts ist und die baltischen Prußen nun einmal im überwiegend deutschen Gemisch der Siedler in Ostpreußen aufgegangen sind, keinesfalls ausgerottet worden - wie auch heute manchmal in der Absicht zur schlechten Darstellung des Deutschen behauptet wird. Sie haben ihre Kultur in das Ostpreußische eingebracht, genau so wie andere auch. Dies zeigt sich insbesondere in der Sprache, die manches prußische Wort enthält. Oder kennt niemand Meschkinnis ? Das Interesse Litauens (und ebenso Polens) am nördlichen Teil des heutigen Ostpreußens ist übrigens immer noch wach - ganz im Gegensatz zu einem berechtigten Interesse der bundesdeutschen Regierung. In Litauen ist der Begriff Klein-Litauen für den nördlichen Teil Ostpreußens nicht ungewöhnlich. (Siehe dazu evtl. auch: Die Ortsnamen Kleinlitauens.) Eine andere eigene Gruppe sind die masurischen Ortsnamen des südlichen Ostpreußen, die, sofern es sich nicht um Neugründungen handelte, auch durch einfache Übertragung des vorgefundenen Namens ins Masurische entstanden sind: Brosowken aus Birkenfeld, Jakubowiborek aus Jakobswalde usw. Und zuguterletzt gibt es ein paar Ortsnamen, vorwiegend im westlichen Ostpreußen, die die Siedler aus ihren heimatlichen Gegenden mitgebracht haben. Osterode wurde oben schon erwähnt, aber auch Hermsdorf, Saalfeld gehören in diese Reihe. Zu den Ursprüngen anderer preußischer Ortsnamen
Zum heutigen Namensgebrauch Rückblick: Mit dem oben bereits erwähnten Erwachen der nationalen Identität in Litauen und Polen mit dem Ende des Ersten Weltkrieges, schlugen diese Staaten in der Weise über die Stränge, daß sie durch einzelne Politiker und Medien, immer deutlichere Gebietsansprüche an das Deutsche Reich - aber nicht nur an dieses, so z.B. Polen auch an die Tschechoslowakei, auch Litauen an Polen - stellten. Die Forderung einzelner Sejm-Abgeordneter in Polen ging so weit, die Westgrenze bis an die Elbe zu setzen! Das war natürlich fantastisch, aber die über die alliierten Siegermächte durchgesetzten (Posen, westl. Westpreußen) wie auch zur Volksabstimmung gelangten Gebietsansprüche Polens (südl. Ostpreußen, östl. Westpreußen, Oberschlesien) an das Deutsche Reich aber waren real. Auch der Wunsch Polens nach Danzig war real. Die widerrechtlichen und von den Alliierten schlicht tolerierten Besetzungen Oberschlesiens (1921) und des neutralen Memellandes (1923) sind Existenzbedrohungen gewesen. Man stelle sich vor, man hätte zu der Zeit in einem dieser zur Disposition gestellten Landschaften gelebt. Da war es natürlich, daß als Gegenreaktion der Wunsch in der Bevölkerung nach einer stärkeren und offenkundigeren Zugehörigkeit zu Deutschland wuchs, der sich eben auch in einer einsetzenden Verdeutschung der Ortsnamen manifestierte. Daß die Nationalsozialisten mit ihrer 1938er Aktion maßlos waren, braucht heute nicht mehr erklärt zu werden. Eine recht unbedeutende politische Bedeutung von Ortsnamen war in der Geschichte schon bei anderen Orten vorhanden. Man denke nur an frühere Umtaufen wie Konstantinopel zu Istanbul, Kristiania zu Oslo, Helsingfors zu Helsinki usw. Doch die Wichtigkeit selbst für Namen von Dörfern und kleinen Siedlungen wurde in Deutschland erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges mit dem Werden des Nationalismus in seinen östlichen Nachbarländern deutlich. In der Folge ist in litauischen und polnischen Zeitungen immer wieder darauf hingewiesen worden, daß die Existenz litauischer oder prußischer bzw. masurischer Ortsnamen in Ostpreußen ein Beweis für die litauische bzw. polnisch-masurische Nationalität der dortigen Bevölkerung sei und deren Bekenntnis zu dieser Nationalität vom deutschen Staat unterdrückt werde. Oben ist ausgeführt, daß dieser Beweis wegen der unnationalen vorherigen geschichtlichen Entwicklung ungültig ist. Der zweite, die Unterdrückung betreffende Teil trifft ebenfalls nicht zu, wenn man auch nicht von einer Förderung anderer Nationalitäten sprechen kann, was aber langfristig nur zu ethnischen Konflikten hätte führen müssen. Nein, die Ortsnamen waren zu einem Bestandteil der Argumentation der östlichen Nachbarn geworden, mit der sie Ansprüche vorbrachten. So verwundert es auch nicht, daß Litauen im von ihm besetzten Memelland alsbald mit amtlichen Umbenennungen der Ortschaften begann, Polen dies ebenso in seinen durch das Versailler Diktat hinzugewonnenen Gebieten tat und die Ortsnamenumbenennungen nach dem Zweiten Weltkrieg als eine der ersten Verwaltungsakte durchgeführt wurden. Die Polen hatten für die meisten ostpreußischen Orte seit alter Zeit polnische Namen, so daß sie eigentlich nur auf alte Karten und Listen zurückgreifen mußten, als sie das Land 1945 in Besitz nahmen. So hat schon am 15. April 1945 eine Kommission zur Namenänderung in den "wiedergewonnenen" Gebieten getagt, die als Grundlage einen "Atlas von geographischen Namen des westlichen Slawentums" von Stanislaw Kozierski aus den Jahren 1934-37 (!) benutzt hat. Die Bezeichnungen, die die neuen Herren im nördlichen Ostpreußen, die Russen, den Ortschaften gegeben haben, sind beinahe sämtlich aus der Luft gegriffen und drücken die ganze Ignoranz der ostpreußisch-deutschen Kultur aus. Insterburg beispielsweise hat seinen neuen Namen Tschernjachowsk oder Cernjahovsk beispielsweise dadurch erhalten, daß der Armeegeneral, der Insterburg mit seinen Truppen eingenommen hatte, Tschernjachowski hieß. Königsberg erhielt seinen neuen Namen am 4. Juli 1946 nach einem sowjetischen Politiker namens Kalinin, einem Weggenossen Stalins. Ohne Königsberg würden wir ihn wohl kaum kennen. Dazu heißt es in dem Buch "Die Königsberg-Papiere. Schicksal einer deutschen Stadt. Neue Dokumente aus russischen Archiven" von Eberhard Beckherrn und Alexej Dubatow. 1994 (München: Langen Müller) auf S. 98: "Kalinin hatte keinerlei politisches Gewicht. Er galt als politisch schwache Persönlichkeit. Stalin demütigte ihn, indem er seine Frau verhaften ließ, so wie übrigens auch die Frau des Außenministers Molotow. Stalin versprach Kalinin, seine Frau werde nach dem Krieg zurückkehren. Sie wurde tatsächlich wieder freigelassen. Im früheren und nun umbenannten Königsberg wurde vor dem ehemaligen Haupt- und jetzigen Südbahnhof eine aus Erz gegossene Statue des Michail Kalinin auf einem hohen Sockel aufgestellt. Sie stand dort auch noch im Jahre 1993, als anderswo längst die Erinnerung an Kalinin getilgt war, als er auch schon in Moskau vom Sockel geholt und der dortige Kalinin-Prospekt in Neuen Arbat umbenannt war und viele Bewohner Kaliningrads seinen Namen mit dem Zusatz 'Staatsverbrecher' versahen." Auch für rein propagandistische Namen wie Sovetsk anstelle von Tilsit war man geschmacklos genug: Tilsit, Tilse, Tilže, so hieß die Stadt, die sich zu einem grenzübergreifenden Kulturzentrum entwickelt hatte, seit ihrem Bestehen bei Litauern wie Deutschen. Etwa 1947 waren die Umbenennungen der Russen abgeschlossen, doch gab es auch danach noch Einzelfälle von 'Korrekturen'. Eine gegenüberstellende Übersicht der russischen zu den deutschen Namen war von sowjetischer Seite offiziell nie aufgestellt worden. Das hätte nicht in die Ideologie der angestrebten Auslöschung all dessen, was an die Vorbewohner Ostpreußens hätte erinnern können, gepaßt, und es macht es uns heute tatsächlich oft schwer genug, einen alten Ort wiederzufinden. Viele der Städtchen und Dörfer in Ostpreußen sind entweder schon durch die Kriegshandlungen 1945 oder aber durch die Russen selbst, bis in die jetzigen Tage hinein, vollkommen zerstört worden und sind auch wegen der geringeren heutigen Bevölkerungsdichte nicht wieder aufgebaut worden. Überdies ist die heutige Bevölkerung zu einem erheblich größeren Anteil städtisch als dies noch vor 1945 der Fall war. Und auch Litauen macht leider keinerlei Anstalten, im Memelland, so etwas wie deutsche Zweitnamen für die Ortschaften zuzulassen. Was in anderen Ländern, wie etwa Finnland, oder auch in sorbischen Landesteilen Deutschlands möglich ist, scheint dort undenkbar. Im Gegenteil: Wenn man sich beispielsweise "Die Ortsnamen Kleinlitauens" anschaut, dann fällt nicht nur auf, daß mindestens das nördliche Ostpreußen sehr großzugügig als Kleinlitauen bezeichnet wird, sondern auch, daß so fern liegende Orte wie Königsberg, Insterburg oder Domnau litauische Namen haben. Diese Namen dürften aber erst von den litauischen Siedlern geschaffen worden sein, die sich nach und nach im östlichen Ostpreußen ansiedelten und mit der prußischen und später auch der deutschen Bevölkerung vermischten. Nach der Reformation und Gegenreformation kamen nicht wenige aus religiösen Gründen und siedelten sich wild an, d.h. ohne die Genehmigungen der Landesherren. Später kamen diese Siedler nach Preußen, weil dort die wirtschaftlichen Verhältnisse sicherer waren und nicht Willkür und Gesetzlosigkeit herrschten, so wie dies immer wieder in Litauen selbst der Fall war. (Man bedenke dabei, daß die litauische Kultur später durch die Zaren stark unterdrückt worden ist, die lateinische Schrift verboten war, alle erreichbaren litauischen Bücher von den Russen verbrannt wurden, so daß nicht wenige alte litauische Bücher diese Zeit in Preußen 'überlebten'.) Durch diese Siedler erst hat das östliche Ostpreußen die Bezeichnung Preußisch-Litauen bekommen, zuvor wurde die Gegend noch einfach als Wildnis bezeichnet. Die litauischen Ortsnamen 'Kleinlitauens' sind in den Ortsnamenlisten mitaufgenommen, denn sie werden zumindest teilweise von der litauischen Staatsbahn verwendet. Was aber ist mit unseren deutschen Landsleuten los ? Hier, d.h. in den Medien, aber auch bei staatlichen Stellen, setzt sich immer mehr die fragwürdige Haltung durch, daß die Orte 'nun einmal heute nicht mehr deutsch seien' und daher die neuen polnischen bzw. russischen Ortsnamen Verwendung finden müßten. Das ist eine naive Haltung, die mehr politischen Korrektheiten als an einer gründlich überdachten Meinung entspricht. Die radikale Umbenennung der Orte in Ostpreußen (und anderswo in den Vertreibungsgebieten) ist ein grundlegender Bestandteil der Vertreibung. Wie sonst ist es zu erklären, daß beispielsweise Polen die Verwendung der polnischen Ortsnamen von Deutschland erzwingt, indem es noch in den 90er Jahren Deutsche an seinen Grenzen abwies, die als Geburtsort z.B. Angerburg im Paß ausgewiesen hatten. Die Bundesregierung ist für diese Fälle zu einer Regelung gekommen, die diesen Menschen einen Zweitreisepaß mit beispielsweise Geburtsort Wegorzewko zugestand, damit sie die alte Heimat besuchen konnten. In der DDR hatten es Ostdeutsche mit ihren Geburtsorten besonders schwer: Sie waren z.B in Elblag oder Dobremiasto geboren.[4] Das mutet vielleicht befremdlich an. Richtig befremdlich wird es aber, wenn man weiß, daß bundesdeutsche Standesbeamte von ihrem Verband im Jahre 2000 die Empfehlung bekommen haben, als Geburtsland z.B. Polen oder Rußland einzutragen, so daß man seine Eltern, die evtl. eine sehr schlimme Zeit nach 1945 überlebt hatten, dann als 'geboren in Wehlau, Russland', also irgendwie als Russen beerdigen darf. Dann fehlt auf den Standesämtern auch hier nur noch der kleinere Schritt zum polnischen/russischen Ortsnamen.
Mitmenschen, die obiges Argument anführen und z.B. Klaipeda sagen,
sollten sich einmal kritisch fragen, warum sie gleichzeitig aber Moskau,
Bozen oder Straßburg statt Moskwa, Bolzano bzw. Strasbourg sagen.[5] Ganz offenkundig hat die Mißachtung der
ostdeutschen Ortsnamen etwas mit der Vertreibung zu tun. Die alten
Ortsnamen aus dem Gedächtnis der Deutschen auszulöschen, die
alten Orte auf modernen Karten und vor Ort nicht mehr auffindbar zu machen,
und auch die Namen als einen Bestandteil der deutschen Kultur zu
vernichten, ist das Ziel der gesamten Umbenennungen im nördlichen
Ostpreußen [3] und der Erzwingung der polnischen
Namen im südlichen Ostpreußen, wie auch in den anderen
ostdeutschen Landesteilen. Natürlich kann man von einem Polen nicht
verlangen, daß er jeden deutschen Namen ausspricht und
unverändert übernimmt, d.h. man kann durchaus Verständnis
für Dobremiasto statt Guttstadt haben, zumal es sich um eine
Übersetzung des deutschen Namens handelt, doch wenn sich die eigenen
Landsleute die Zunge verbiegen, ein Wort wie Železnodorožnyi (Gerdauen)
Buchstabe für Buchstabe abpinnen, um politisch korrekt zu
sein und sich aus einer völlig mißinterpretierten
Geschichtskenntnis schuldvoll dem Zwang bzw. der Willkür der
östlichen Nachbarn beugen, dann kann man auch als neutraler Beobachter
sicherlich nur den Kopf schütteln und wird nach einiger
Überlegung wohl sogar zugeben müssen: Thomas Salein
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