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Fischerleben auf der Frischen Nehrungein Zeitungsbericht von 1907
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Ein Zeitungsbericht über die schwierige Arbeit und die Lebensverhältnisse der Fischerfamilien zu Beginn des 20. Jhs. auf der Frischen Nehrung, der im Ablauf des Jahres skizziert wird, über die Lachsangelei, den Flundernfang und das Warmräuchern der Fische. Nur selten, meistens nur dann, wenn einer der kühnen Fischer bei seinen waghalsigen Streifzügen im kleinen Boot auf See oder Haff verunglückt ist, gelangt ein Daseinszeichen von den Fischerortschaften auf der Frischen Nehrung in die große Öffentlichkeit. Und doch bietet das Leben und Wirken, der heroische Daseinskampf dieser Leute, die ihren Wohnsitz auf den beiden Nehrungen haben, eine außerordentliche Fülle des Interessanten. Die tägliche harte und dabei sehr oft ergebnislose Arbeit, der ständige Kampf mit den elementaren Gewalten hat diese Leute ernster gemacht als die andern Berufen angehörigen, und doch findet man hier gleichsam eine weichere und flüssigere Empfänglichkeit für allerhand Bildung, Tugend und Tüchtigkeit. Sie klagen nicht, wenn auch die Not des Lebens an ihre Türen klopft, sie schreien nicht nach Staatshilfe und lassen ihre Sorgen nicht durch die Führer der ewig Unzufriedenen in die Welt hinausposaunen. Und es ist auch - wenn auch nicht unmöglich - sehr schwierig, ihnen zu helfen.
Kartenauschnitt der Frischen Nehrung: Elbinger und Fischhausener Anteile.
Der einzige Grund ihrer immer mehr zunehmenden Verarmung ist der ständige Rückgang der Fischgründe der Ostsee. Fischgründe sind jene Meeresteile, in denen Fische in reichlichen Mengen vorkommen, so daß sich die Ausrüstung von Booten und Segelfahrzeugen und auch der Fang selbst lohnt. Die Ostsee und namentlich das örtliche Becken waren ja von jeher ärmer an Fischen als die Nordsee. Aber in den letzten Jahren hat sich der Ertrag der Fischerei in erheblicher Weise verringert, und namentlich die Zahl und Durchschnittsgröße der Plattfische und Dorsche, sowie die Menge der Störe ist sehr vermindert. Allein in dem zum Fischereiaufsichtsbezirk Pillau gehörigen Anteil ist im Jahre 1904/05 das Ergebnis des Fischereiertrages um 399.040 Mark gegen das vorhergehende Berichtsjahr zurückgeblieben.
Das Verfrachten der geräucherten Fische auf die große Lomme
Die Ursachen liegen wohl zum Teil in der Beseitigung der Steinlager in der Danziger Bucht und an der samländischen Küste, die in umfangreicher Weise zu Molen- und Wegebauten ausgebeutet wurden, und an dem zu spärlichen Pflanzenwuchs am Strande und am Meeresgrunde, wodurch der Laich, die Eier der Fische, zum größten Teil der Vernichtung anheimfällt. Da es ein Charakteristikum fast aller Fischarten ist, zum Laichen wieder jene Plätze aufzusuchen, an denen sie geboren sind, so werden die Fischzüge dadurch naturgemäß in der östlichen Ostsee immer geringer. Wenn die Fischer dann an stürmischen Perioden tagelang warten, daß der Sturm abflaut und die Wogen sich glätten, damit sie es wagen können, auf ihren kleinen Booten hinauszusegeln, kehren sie sehr oft mit nur sehr kargem Fange, der vielleicht gerade zum eigenen Verzehr reicht, heim. Dann kommt trotz bescheidenster Ansprüche die Not. Die Ersparnisse, für die Garn zu neuen Netzen oder andere Ausrüstungsgegenstände gekauft werden sollten, müssen angegriffen werden und werden täglich geringer, bis dann bald der Krämer borgen und die Schulden schnell wachsen. Da gibt es wenige Familien, die über diese Zeit der Herbst-, Winter- und Frühjahrsstürme hinüberkommen, ohne Schulden zu machen, die dann im Sommer, in der besseren Fangzeit, allmählich wieder abgetragen werden müssen.
Das Flundern werden gleich nach dem Fang sortiert
Am schlimmsten sind von den Nehrungsfischern die auf der östlichen Hälfte, in den Dörfern Narmeln, Vöglers und Neukrug wohnenden daran. Vor Jahren wurden diese Orte oft von Segelbooten und Ausflüglern besucht; in letzter Zeit aber kamen diese Besuche mehr und mehr in Wegfall, weil der aufstrebende Seebadeort Kahlberg und der bequeme Dampferverkehr dorthin die Sommerfrischler abzog. Durch die Entziehung des Fremdenverkehrs haben diese Orte wirtschaftlich sehr gelitten, und ihre Bewohner erklärten sich außerstande, selbst die geringe Summe von hundert Mark als Beitrag zu einem Hafenbau in Narmeln aufzubringen, der ihren Booten einen Schutz gegen die Stürme bieten soll. Die Lebensverhältnisse dieser Nehrunger sind typisch für das Leben der Fischer überhaupt, wenn ihnen nicht durch Fremdenverkehr oder reichliche Fischereiergebnisse und gute Absatzverhältnisse ein größeres Bareinkommen zufließt. Ihre Hauptnahrung sind Fische, besonders an der Luft getrocknete und schwach gesalzene Flundern, und Pellkartoffeln. Die Kartoffeln werden in einem Stückchen Dünenland mit vieler Mühe angebaut. Gedüngt wird dieser Acker mit Wasserpflanzen aus dem Haff, die freilich in reichlicher Menge eingegraben werden müssen, um ihren Zweck zu erfüllen. Wer von den Fischern eine Kuh besitzt, gilt für sehr reich, doch außer dem Dorfschulzen, dem Krugwirt stehen wenige auf dieser wirtschaftlichen Höhe. Die meisten Familien besitzen aber Ziegen, die ihren Tisch mit Milch versorgen. -- Um das Futter für das Milchvieh ist es natürlich kärglich bestellt, denn die am Haff gelegenen schmalen Wiesenstreifen sind in der Regel in wenigen Wochen von dem weidenden Vieh kahlgefressen. In der Hauptsache besteht das Futter aus Binsen vom Haffufer, die auf dem Dünensand getrocknet und dann wie Heu aufbewahrt und verfüttert werden. Viel schlimmer aber als diese traurigen Erwerbs- und Ernährungsverhältnisse sind die vielen Verwandtschaftsheiraten unter den Nehrungern, die nicht durch die große Abgeschiedenheit dieser Gegend bedingt sind, wie man annehmen möchte, sondern ihren Grund in großer Heimatliebe haben, denn die meisten der jungen Fischer, die nach der Nordseeküste auswanderten, um dort lohnenderen Erwerb zu suchen und zu finden 1, kehren nach der Heimat zurück, um hier eine Cousine zu ehelichen. Diese Heiraten wirken außerordentlich ungünstig auf Körper und Geist ein, und mit Krankheiten und Fehlern behaftete trifft man dort häufiger als anderswo. 2
Fischräucherei in einem Dorf auf der Frischen Nehrung
In einer viel besseren wirtschaftlichen Lage befinden sich die Bewohner der westlichen Nehrungshälfte. Durch Vermieten von Sommerwohnungen haben die Fischer in Kahlberg und in Liep alljährlich einen hübschen Nebenverdienst, und aus ihrem Fang, den sie auf den Wochenmärkten in Elbing und in Danzig durch ihre Frauen und Töchter verkaufen lassen, erzielen sie einen größeren Nutzen als die Fischer, die ihren Fang den Händlern überlassen müssen. Etwa vierundzwanzig Fischarten werden in diesem Teile der Ostsee und im Haff gefangen. Hauptsächlich Aale und Flundern, außerdem Barsche, Brassen, Dorsche, Gieben, Hechte, Karauschen, Kaulbarsche, Karpfen, Lachse, Meerforellen, Neunaugen, Plötze, Perpeln, Rotaugen, Schleie, Störe, Strömlinge, Stinte, Steinbutten, Stichlinge, Zärte und Zander. Während der Wintermonate ruht zum größten Teile die Fischerei, weil sie in dieser Zeit absolut unlohnend ist. Wer dann von den Fischern nicht in der Nähe Arbeit findet bei Bauten oder Forsten, der verheuert sich wohl als Matrose auf einem Nordseefischdampfer, um wenigstens seine Familie mit dem Notdürftigsten versorgen zu können. -- Wenn der erste fahle Schimmer des Tageslichts am Horizont aufleuchtet, dann beginnt das Tageswerk der Fischer. Gewöhnlich arbeiten immer zwei bis vier Familien zusammen, denen die Boote und Netze gemeinsam gehören. Die Ausrüstung eines solchen Bootes, Lomme genannt, mit allem Zubehör an Netzen, Angeln und Keschern repräsentiert einen Wert von 1.500 bis 3.000 Mark. Jedes Boot ist mit vier Mann besetzt, ausgenommen, die Hochseelachskutter, die nur zwei Mann Besatzung haben. Am "Beschicken" des Bootes, das heißt bei der gebrauchsfertigen Herrichtung der Netze und Angeln, arbeiten alle Familienmitglieder der Parteien mit, und der Fang wird unter die vier "Kompen" (aus Kumpan, Genosse verballhornt) gleichmäßig geteilt.
Reinigen und Einsalzen der Fische
Die Fischerei beginnt im zeitigen Frühjahr mit dem Angeln auf Lachse. An dieser Fischerei beteiligen sich nur wenige; es kann es auch nicht ein jeder, da dieser Betrieb ein ziemlich kostspieliger ist, denn eine Lachsangel kostet 1,20 Mark, und mit weniger als 200 Angeln lohnt es sich nicht, anzufangen. Bis 800 Angeln werden dann nach und nach von einem Boot in See gelegt, und nicht selten kommt es vor, daß sie sämtlich durch einen schweren Sturm oder durch Eisgang verloren gehen.3 Später, vom März bis Anfang Mai, wird mit dem Schwojegarn (Treibnetz) auf Lachse gefischt. Da fahren immer die Lachskutter eines Dorfes zusammen auf die Hochsee und bilden eine kleine Flottille, die bei gutem Wetter die ganze Zeit nicht heimkommt. Nur ein Boot vermittelt den Verkehr mit dem nächsten Hafen, verkauft den Fang und versorgt die andern Boote mit Wasser und Proviant.
Das "Beschicken" der Geräte zum Angelfang
Während noch die Lachsfischerei im Gange ist, beginnt der Fang der Flundern, die im Anfange auch mit Angeln ausgeübt wird. Da sieht man in den späten Nachmittagsstunden Männer, Frauen und Kinder bis zur Brust im Wasser den Strand entlang gehen und einen Kescher hinter sich herziehen, um Krabben zu fischen, deren man als Lockspeise für die Flundern bedarf. Am frühen Morgen beginnt das Bestecken der Angelhaken mit Krabben, worauf dann die Männer soft die Angeln auswerfen, um sie nachmittags wieder an das Land zu holen. Diese Fangart bringt natürlich auch nicht viel ein, denn diese ersten Flundern sind noch klein, und mehr wie eine Mark bringt das Schock selten. Der Hauptfang der Flundern, der mit dem Flundernetz geschieht, beginnt Ende Mai und dauert bis Anfang September. Es beginnt dann eine schwere, arbeitsreiche Zeit für die Fischer und ihre Familien, es muß jede günstige Stunde ausgenutzt werden, und vom Morgengrauen bis spät in die Nacht mit nur kurzen Ruhepausen ist alles tätig. Wenn die Boote heimkehren, warten die Frauen und Kinder schon am Strande mit flachen Kästen, in die der Fang sortiert und geteilt wird. Ein Teil der Fische wird frisch oder gesalzen zu Markte gebracht, der größere Teil aber, namentlich Flundern, Aale und Perpeln (eine in die Familie der Heringe gehörende schmackhafte Fischart), wird geräuchert. Das Räuchern der Fische geschieht nach dem Prinzip der warmen Räucherei. Beim Warmräuchern wird ein Produkt gewonnen, das sehr wenig gesalzen ist, so daß man es kaum bemerkt, aber infolge der hohen Temperatur beim Räuchern mehr oder weniger gargekocht ist. Die Fische werden im Sommer, wenn die Sonne scheint, erst an der Luft ein wenig abgetrocknet, sonst aber müssen sie in die Räucherhöfe behufs Abtrocknens gebracht und mit mäßigem Feuer behandelt werden, denn nasse Fische lassen sich schlecht räuchern. Bei der Arbeit des Räucherns selbst ist ein Hauptwert darauf zu legen, daß die Fische schön goldartig glänzend werden und daß sie nicht zu lange dem Rauch ausgesetzt bleiben, damit das Fleisch nicht trocken und rauh wird. Die Räucheröfen sind rechteckige Ziegelbauten mit einem nach den Langseiten abgeschrägten Dach ohne Schornstein, im Innern etwa 2 Meter breit, 3½ Meter lang und 2½ Meter hoch. In der einen Schmalseite befindet sich eine Tür, in den drei Seiten eine Rauchklappe. Der Boden ist entweder ein gestampfter Lehmboden, oder er ist mit Ziegeln gepflastert und dient als Herd. An den Längsseiten und in der Mitte sind etwa je 60 Zentimeter übereinander drei starke Leisten angebracht, so daß sie von vorn nach hinten laufen. Auf diese Leisten werden die "Spiete" mit den Fischen gelegt.
Das Aufspieten der Perpeln zum Trocknen
Die Spiete sind etwas über einen Meter lang, und die Fische werden mit Zwischenräumen von ungefähr 3 Zentimeter nacheinander aufgesteckt, die Flundern am Schwanze, dicht an der Wirbelsäule, die übrigen Fische durch Kieme und Maul. Zum Räuchern wird nasses Fichtenholz benutzt. Nach drei bis vier Stunden langem Räuchern werden die Fische an der Luft noch etwas nachgetrocknet und dann schwach gesalzen und sogleich in Kisten versandfertig eingepackt. Die zum Räuchern bestimmten Aale werden erst 24 Stunden in Salz gelegt, damit sie sich selbst "abschleimen". Dann werden sie aufgespietet und ausgenommen, und einige Male durch kochendes Wasser gezogen, wodurch das Fleisch zarter und weicher wird.
Beim Ausweiden der Aale
Nur wenige Fischer verkaufen ihren Fang an die Händler, die Mehrzahl behandelt und räuchert die Fische selbst, um den ohnehin kargen Verdienst nicht noch schmäler werden zu lassen. -- Die Binnenländer aber, die für wenige Pfennige die appetitlichen Fische erstehen, ahnen nicht, welcher Mühe und Arbeit es bedurft hatte, um ihnen die Leckerbissen zu verschaffen. Das Fischervolk aber weiß, wie groß die Mühen waren, denen ein so karg bemessener Lohn zuteil wird. In diesem Jahre wird der Fischfang als ein mittelmäßiger bezeichnet.
Beim Trocknen der Netze
pers. Anmerkungen:
Quelle: Die Welt (1907) Bd. XVI, Nr. 8, S. 147-51 (mit 8 Fotographien im Text, ohne Autorenangabe) | ||||||||||||
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