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Das Amt Fischhausen 1783

Beschreibung einer Reise von Königsberg in das
Amt Fischhausen im August 1783

 

von Herrn H. aus Natangen

Sie wollen also im Ernst, Theuerster Freund, daß ich Ihnen meine kleine Spatzierreise von vier Tagen beschreiben soll ? Gut: es sei darum! - Sie wissen, daß ich den 11. August in Gesellschaft zweier lieben Freunde diese kleine Reise zu Pferde antrat. Unser Zweck war damals, nur nach dem Kirchdorfe Germau [1] zu reisen, und uns einige Tage bei dem dasigen Prediger T. zu vergnügen; allein schon auf dem Wege änderten wir unsern Entschluß dahin, auch einige andre Freunde dieser Gegend zu besuchen. Wir genossen der günstigsten Witterung: die bisherige Sonnenhitze hatte sich in eine angenehme Kühle verwandelt; der Himmel war mit Wolken bezogen, die aber zu hoch standen, als daß wir Regen befürchten durften. Wir ritten daher auch nicht durch die Kapornsche Heide, ob wir gleich gern die Vierbrüder besucht hätten [2]; sondern nahmen den nächsten Weg über Metgethen [u], Schorschehnen und Kragau, und kamen gegen Abend wohlbehalten an dem Ort unserer Bestimmung an.

Karte westl. Samland
Karte über den beschriebenen Teil des Samlands: die blauen Punkte sind hier genannte Orte

Diese schon mehrmals von mir gesehene Gegend hat dennoch immer für mich viel Reiz und Anmuth: Man findet hier Alles, was die Natur an schönen Abwechslungen hat, beisammen: und da man den Ort, wenn man aus Königsberg kömmt, nichts eher im Gesicht hat, als bis man dicht vor diesem ist, so macht der überraschende Anblick desto mehr Eindruck. Germau liegt etwas erhaben. Gleich dahinter erhebt sich der Hausenberg; und da die ganze Gegend des Abends einem dunklen Gemälde gleicht, so scheint die Kirche mit dem Thurm mitten darauf recht im Schatten aufgetragen zu sein. Rechter Hand ist ein angenehmer Hagebüchenwald; links schönes Erlengesträuch, mit fruchtbaren Feldern, Wiesen und Teichen vermischt; und hinter diesem die Ostsee. -

Tags darauf war unser erstes Geschäft, die Kirche zu besehn. Sie ist ganz massiv, und hat auch einen massiven Thurm; der Prediger sorgt unablässig, daß Alles gut erhalten werde. Daher fand ich auch hier Alles, auf seltene Art, dicht; Kirchen- und Thurmdach im besten Stande, und was man in Preußen so selten sieht, eine massive Mauer um den Kirchhof, welche der Prediger vor einigen Jahren von dem gesammelten Gesindegelde [3] hatte ausführen lassen. Seitdem das Begraben in den Kirchen untersagt worden [4], hat der Prediger für sich und die Seinigen auf dem Kirchhofe sich einen Begräbnisplatz eingezäunt, und mit schönen Blumen bepflanzt. Hier blühten Sonnenglanz, Stockrosen, Sommerlevkoien, Balsamin, und viele andre Blumen; und rundher waren, wie auch um den ganzen Kirchhof, junge Linden gesetzt, die mit der Zeit den schönsten Schatten versprechen. In der Kirche selbst war Alles gut und fest, der Fußboden durchgängig eben, die Bänke sämmtlich angestrichen, und der Name jedes Dorfs, dem sie gehören, darauf gezeichnet. Durch des Predigers Bemühung ist auch eine ganz neue Orgel mit Pedal angeschaft worden u. s. w. Uebrigens scheint die Kirche von den Ueberbleibseln eines alten Klosters oder Schlosses erbaut zu sein: wie sich denn noch itzt daran ein hohes viereckiges von großen Feldsteinen aufgeführtes Gemäuer anschließt, das von hohem Alterthume zeugt; die Gräben umher, welche dieses Schloß gehabt, sind noch zu kennen. Eine Zeitlang verwahrte man hier den am Ufer der Ostsee eingesammelten Bernstein, bis dieses in der Folge der Zeit nach Palmnicken verlegt ward.

Noch am selben Morgen begaben wir uns nach dem sogenannten Hausenberge. Diese Benennung ist in dasiger Gegend mehrern Bergen eigen, z.B. der Kleindirschkeimsche, der Fischhausensche Hausenberg, u. s. w. Der Germauische indeß übertrifft diese alle an Größe. Ich habe mich gewundert, von diesem Berge in den Preußischen Schriftstellern keine Nachricht zu finden; da er doch, meines Erachtens, neben dem Galgarbschen und dem Goldberge bei Neidenburg, gewiß zu den höchsten in Preußen gehört. Freilich sah ich nicht das vor mir, was ich im Vaterlande sah, wenn ich den Zobtenberg oder das Riesengebirge bestieg; aber ich fand doch auch hier Etwas, was ich dort nicht hatte, nehmlich den schönen Anblick der See, der dem Auge zwar eine einförmige, aber gewiß sehr erhabne Aussicht darstellt. - Ehe man auf diesen Hausenberg kömmt, siehet man zur linken Hand, ein wenig abwärts vom Berge, einen hohen runden und oben ganz platten Stein, den die dasigen Einwohner den Opferstein nennen. Ob er von den alten heidnischen Opfergebräuchen der Preußen seine Benennung hat, kann ich nicht ausmachen; da er indeß nicht weit vom Ufer der See ist, so kann er vielleicht auch dazu gedient haben, was der Verfasser der Wirthschaftlichen Naturgeschichte Th. II, S. 562, aus dem Henneberger von einem andern ehemaligen Opferheerde bei Frauenburg anführt, nehmlich, daß die Fischer die Erstlinge ihres Fangs dem Kurcho [a] oder auch dem Perdeyto [b] daselbst geopfert haben. - Der Berg selbst sowohl als dessen Gegend ist mit vielem Gesträuch bewachsen; wir fanden Birken, Haselstauden, niedrige Hagebuchen [c], und vielen Wachholder, oder, wie man ihn hier zu nennen pflegt, Kaddick. Warum, um Ihnen dies beiläufig zu sagen, wird hier von den so häufigen Wachholderbeeren doch so wenig Gebrauch gemacht? In sehr wenigen Gegenden bereitet man nur daraus das sogenannte Kaddickmuß; hingegen erinnere ich mich aus Schlesien, daß man daselbst den, bei ansteckenden Krankheiten, wie auch die Wachholderbeeren, Johandelbeeren heißen - daraus in Menge bereitet. - Wir passirten verschiedene kleine Anhöhen und das dazwischen liegende Defileen [d], ehe wir die Höhe des Berges erreichen konnten. Und oben hatten wir nun die vortreflichste Aussicht. Erstlich die ganze See dicht vor uns. Ein herrlicher Anblick! Eine ungeheure Fläche von hellblauer Farbe, und ganz glatt und eben; die weißschimmernden Wellen in der regelmäßigsten Bewegung, wie die geschlossenen Glieder einer heranrückenden Armee, auf deren Waffen sich die Sonne spiegelt! Ferner die umherstehende Gegend, man sieht das Strandamt Palmnicken; sodann längst dem Strande hin einzelne Hütten, wo die Strandreuter wohnen, welche Tag und Nacht wegen des Bernsteins den Strand bereisen müssen, weiter hin zur linken Hand eine Menge adlicher Höfe und Dörfer; das Amt Lochstädt und die Pfundbude vor Pillau; dann etwas rückwärts das Frische Haf, und die Stadt Fischhausen; auch wohl, wenn das Wetter recht heiter ist, bis über das andere Ufer des Hafs hin. Rechts hat man Heiligenkreuz, das Amt Dirschkeim, und viele andere Oerter. Man würde noch weiter sehn, wenn nicht der Galgarbsche Berg [e] die Aussicht verschlösse. Wir versetzten uns bei diesem Anblick im Geist in die Zeit des grauen Alterthums, wo noch unwissende Heiden diese Gegenden bewohnten, und vielleicht auch von diesem Berge herab, der wegen der rund herumgehenden Staden und Defileen zur Vertheidigung sehr bequem war, stritten. Wir sahen voll Mitleid in jene Gegend, wo der Apostel Adalbert den Märtyrertod erlitt,[5] und dann wieder rechter Hand in jene noch fernere Gegend, wo einst unter Anführung des Schindekopfs und Kinstaudt [f] das Blut so vieler Tausende vergossen ward [6].

Nachmittags setzten wir unsre Reise nach dem zwei Meilen [g] davon entfernten Städtchen Fischhausen fort. Ich besuchte hier den würdigen Mag[ister]. F., einen Mann, der, wie Sie wissen, das Beste der Landschulen sich sehr angelegen sein läßt. Er hat aus seinen eignen Mitteln einige tausend Gulden [g] zur Errichtung einer Mädchenschule hergegeben; auch bereits 2000 Reichsthaler zur Verbesserung des Schulmeisterseminars zu Dargen [u] bestimmt. Was er sonst noch zum Besten seines Nachfolgers im Amt, und zum Unterhalt einer Diakonswitwe bestimmt hat, das wird nebst vielen anderen guten Legaten einst nach seinem Tode offenbar werden. Seine ansehnliche Bibliothek wird nach seinem Tode zum Besten der dasigen Prediger offen stehn; auch haben die dasigen schlechtbesoldeten Schullehrer alsdann eine ansehnliche Zulage ihres Gehalts zu hoffen. Je seltner heut zu Tage solche Vermächtnisse und Stiftungen sind, desto mehr verdienen sie öffentlich bekannt gemacht zu werden! An die Verbesserung der Landschulen wird gar zu selten gedacht. Ueberhaupt sind hier in Preußen noch viel zu wenig Schulen im Lande: in Preußisch Polen besonders, wie auch in Litthauen, sind oft 4 bis 5 Dörfer zu einer einzigen Schule geschlagen. Was Wunder, wenn dann nur wenige Eltern ihre Kinder zur Schule schicken, da sie oft eine halbe Meile [g] weit von derselben entfernt sind ? Im Herbst, Winter und Frühjahr können sie wegen Ueberschwemmungen und tiefen Schnees die Schulen nicht besuchen. Wo soll aber der Fond herkommen, daß jede Dorfschaft ihre eigene Schule habe ? Selbst das große Kapital von 50000 Rthlr. (der sogenannte Mons pieratis) welches Friedrich Wilhelm I. zum Schulenfond ausgesetzt hat, ist nicht hinreichend; von den daraus fallenden Interessen [h] können die Schullehrer nur kümmerlich unterhalten werden, wie den auch Keiner aus demselben über 10 Rthlr. erhält. Ueberhaupt steht sich kein Schulhalter viel über 30 Reichsthaler, wenn auch alles was er an Naturalien bekömmt, zu Gelde gerechnet wird; und sehr viele haben auch das nicht. Welcher geschickte Mensch wird sich nun zu einer Lebensart entschließen, wo man im eigentlichen Verstande darben muß ? Triebe nicht die Noth so manchen Menschen noch dazu, so würde Keiner so leicht Schuldienste machen.

Wir verließen noch an demselben Tage Fischhausen; und eilten um noch das Städtchen Pillau zu erreichen. Der Weg ist freilich sehr sandig, aber die angenehme Gegend, wo man zur linken Hand das Haf und zur rechten die See hat, hält den Reisenden wieder schadlos. Ueberdies ist der Weg mit einer ziemlich guten Allee bepflanzt; und das sogenannte Preußische Paradies [i], welches einer unsrer Gelehrten mit so vielem Feuer beschrieben hat [7], giebt eine angenehme Abwechslung. Sehr prächtig fällt auch der Anblick ins Auge, wenn man durch Altpillau kommt, und dann gleichsam auf einmal einen ganzen Wald Mastbäumen der vor Anker liegenden Schiffe vor sich sieht. Wir ritten langsam, um den Eindruck der mancherlei Gegenstände hinreichend zu genießen. Der Wind wehte uns die Flaggen sanft entgegen; das Geräusch des Wassers, und das verschiedne Geschrei der Schifsleute, vermischt mit dem Geklapper der mit Ausbesserung ihrer Schiffe beschäftigten Arbeiter, sammt den unzähligen Tönen der Abendglocken, wodurch die Matrosen zum Essen zusammengerufen werden, gaben uns von fernher eine angenehme Abendmusik. Wir traten in der Königsbergschen Herberge ab, wo wir aus den Fenstern unsers Zimmers die See vor uns hatten. Als der Mond sich in seiner schönsten Pracht zeigte, gingen wir am Ufer der See spazieren. Es war ein vortrefflicher Abend; die Wellen murmelten sanft; und von den auf der Rhede liegenden Schiffen sah man hin und wieder den Glanz eines Lichts hervorschimmern, dessen Stralen sich in der See brachen. Von fern hörten wir, theils von den Schiffen, theils von den am Ufer noch herumgehenden Fremden mancherlei Stimmen verschiedener Nationen.

Am andern Morgen sahen wir die Sonne aus dem Haf emportreten. Ihre Stralen spiegelten sich auf der ebenen Fläche, der Horizont war gereinigt, und alles kündigte einen schönen Tag an. Ein guter Freund führte uns auf ein großes dreimastiges Schif, welches mit Leinwand nach Bristol befrachtet war. Der Kapitän ließ die Flaggen wehn, und zeigte uns die ganze innere Einrichtung des Schifs. - Hierauf fuhren wir in einem Boot längst dem Hafen hin, um ein Preußisches Schif zu besehn, welches einige Tage zuvor vom Wetterstrahl getroffen worden. Der mittelste Mast war bis auf die Mitte abgeschlagen, und das noch stehende stumpfe Ende gleichfalls an vielen Orten abgesplittert. Der Strahl war hierauf in die Küche hinabgefahren, und hatte das Vorgelege des Heerdes abgerissen und die dabei stehenden kupfernen Kessel wie dünnes Blech zusammengebogen. Ein dabei stehender länglichter Kasten war bei Seite geworfen, und ein Matrose der darauf lag, ohne Beschäftigung eine gute Ecke weggeschleudert worden. In gerader Linie vom Mastbaum waren zur rechter Hand die eichenen Planken inwendig und auswendig abgerissen. Eben so sah es am Vordermast aus. Die eisernen Nägel waren überall krumm zusammengebogen, und wie Zwirnsfäden in einander gerollt. Man hatte mit verdoppelten Kräften arbeiten müssen, um das Sinken des Schifs zu verhindern. Der Schaden und die Kosten des Reparatur wurden auf 6000 Thaler berechnet.

An unserer Rückreise ritten wir zuerst den Berg hinan, auf welchem die Pfundbude steht. Dies ist ein massives ziemlich hohes Gebäude, an welchem ehemals die Schiffe, da der Hafen noch bei Altpillau war, den Zoll erlegen mußten. An dem einen Giebel, der gegen die See steht, ist der Pharus [j], oder die große mit eisernen Stäben versehene Laterne, in welcher bei dunklen Nächten Kohlen angezündet werden, die wegen der inwendig angebrachten messingnen Hohlspiegel ihren Glanz weit in die See werfen. Der Wind war eben zum Auslaufen günstig; daher mehr als 20 Schiffe in die See stachen, die, weil sie hintereinander in gerader Linie fortgingen, unserm Auge das schönste Schauspiel gewährten. - Dicht an diesem Sandberge ist die Altpillausche Kirche und der Pillauer Begräbnißort. Der Zugang zu beiden ist sehr traurig und beschwerlich. Man klettert mit Mühe den Sandberg hinan; und der Ort, wo die Leichen begraben werden, unterscheidet sich bloß dadurch, daß man hie und da von den umherstehenden hölzernen Epitaphien [k] die Hälfte, bei einigen aber nur die Spitzen, hervorragen sieht. Um die Kirche liegt der Sand mehrentheils mit dem Dache in gleicher Linie; nur mit vieler Mühe schaft man ihn von den Mauern weg, um nur einigermaßen Licht und Eingang in die Kirche zu haben. Hätte man die Häuser von Altpillau nicht im Gesicht, so würde man glauben, in der Arabischen Wüste zu sein. Das Glück war uns günstig, daß eben kein starker Wind wehte; sonst würden wir ganz in Staub- und Sandwolken eingehüllt worden sein. - Wir kamen hierauf ins Preußische Paradies. Die angenehmen Hagebuchen, aus denen dieser Wald besteht, und die, weil sie nicht dicht, sondern weit auseinandern stehn, einen weiten Blick verstatten, wie auch das schöne Grün, das im Walde selbst den ganzen Erdboden bedeckt, machen den Weg hindurch doppelt reizend, Nur das fand ich nicht, was die allgemeine Sage von diesem Walde rühmt, nehmlich, daß hier keine Insekten, keine Fliegen, Mücken u. s. w. angetroffen würden. Wer diese Meinung aufbrachte, kam vielleicht zu einer Zeit in diesen Wald, wo ein scharfer Wind aus der See denselben durchstrich, welcher dergleichen Ungeziefer schnell zu vertreiben pflegt; das aber auch alsdann bei stillem Wetter und warmem Sonnenschein in desto größerer Menge wieder zum Vorschein kömmt, wie dies eben itzt der Fall war.

Unser Mittagsbrot nahmen wir im Amte Lochstädt. Hier ist noch ein Theil des uralten von den Kreuzherren erbauten Schlosses. Es liegt auf einer Anhöhe, und nirgends kann man Haf und See so nahe beisammen sehn, als hier. Wir bestiegen einen Gang, den man den Danziger nennt, vermuthlich, weil die Aussicht nach der Danziger Nehrung geht [l]. Hier ist der schmalste Erdstrich zwischen dem Haff und der See: beide sind nur einige hundert Schritt von einander entfernt; so wie auch die Tiefe noch sehr deutlich zu sehen ist, durch welche See und Haf mit einander verbunden worden. Da in dieser Tiefe bloß fliegender Sand ist, so darf nicht eben ein Erdbeben, sondern ein recht starker Sturm entstehn: dann bricht die See wieder durch, die Tiefe wird geöfnet, und Pillau entweder zu einer wahren Insel, oder auch von der See völlig verschlungen. - Hier steht noch eine Kapelle, an deren Fenstern verschiedne Verzierungen von Stein das hohe Alterthum derselben bezeugen. Am Rande der Fenster wird man eine alte Inschrift gewahr, die von Stein ausgehauen ist, wovon ich aber nichts mehr als die Namen Adalbert, Maria und Johannes, herausbringen konnte. In diese Kapelle, worin alle vierzehn Tage Gottesdienst gehalten wird, sind der Altar und die Bilder gebracht, die ehmals in der dem heil. Adalbert zu Ehren erbauten Kapelle standen. - In einem Keller wird der Leichnam eines vor 70 oder 80 Jahren gestorbenen Kommandanten aus Pillau gezeigt, der es sich von der Landesherrschaft zur Gnade ausgebeten hat, hier beerdigt zu werden. Sein Leichnam wird bei dem jedesmaligen Anzuge eines neuen Amtmanns demselben als ein Inventarienstück übergeben.

Postkarte Samlandküste
Postkarte der samländischen Steilküste

Gegen Abend kamen wir in Palmnicken an, dem Strandamte, wo der Bernstein gesammelt wird. Es ist hier ein altes von König Friedrich I. gebautes Jagdschloß. Der Platz ist sehr schön gewählt: es liegt auf einer kleinen Anhöhe, mit freier Aussicht, und nur einige wenige Schritte vom Ufer der See. Rund umher findet man unter diesem Schloß schöne Keller; allein da es an Thüren fehlt, dringt jede Nässe ungehindert ein. Wie Schade, daß solche Gebäude nicht unterhalten werden! Indeß sind diejenigen Zimmer noch dicht, wo der Bernsteinvorrath aufbewahrt wird. Es war itzt nicht beträchtlich, da man ihn kurz vorher nach Königsberg geschickt hatte. Die Sortimentstücke werden sorgfältig ausgesucht und bei Seite gelegt, auch dafür den Bauern etwas besonders vergütet; der geringere aber wird in Fässern aufbewahrt, und es bekommen die Bauern, die ihn schöpfen, jeden Stoof [g] mit einigen Groschen bezahlt. Der Herr Strandinspektor Q. fuhr den Morgen darauf mit uns nach Großhubnicken. Hier wird, auf Veranstaltung des Hrn. Staatsministers von Gaudi, durch zwei Mindre der Bernstein gegraben; wie der Verfasser der Wirthschaftl. Naturgeschichte Th. II, vorläufig angezeigt hat. Die erste Einfahrt war anfangs auf dem Berge, ungefähr 100 Schritte vom Seeufer, gemacht. Bald darauf ward, ungefähr 200 Schritte davon, eine neue gemacht; und in diese begaben wir uns. Die Tiefe war 98 Fuß. Wir fanden wohl an 20 mit Halbholz und Planken gebaute Stellen. Mit unsern brennenden Lichtern gingen wir diese unterirdischen Gänge durch, je weiter wir aber kamen, desto schlechter war das Wetter, und die Lichter wurden nur mit Mühe brennend erhalten. Indeß konnten wir sehr deutlich die Strata oder Bernsteinadern sehn. Es sind schwarze Streifen von Holzkohlen, in welchen der Bernstein fest liegt, und erst davon gesondert werden muß; ich besitze etliche Stücke, wo der Bernstein noch fest im Holze sitzt. Die Kohle ist wahres Holz, und hat die braune Farbe des Torfs, so wie sie auch nach Torf und Harz riecht. Manches bröckelt auseinander, wenn es eine Zeit lang in freier Luft liegt; bei anderm indeß wird zwar die Farbe von der Luft ausgezogen, es bleibt aber doch so fest, wie es war. Gewöhnlich liegt der Bernstein Nesterweise in diesem Holz; allein es giebt auch Stückchen, wo der Bernstein ganz mit den Holzadern zusammengeflossen und in dieselben eingedrungen ist, so daß es eine Art der Versteinerung ausmacht: wie ich gleichfalls ein Stück davon besitze. Die Hypothese vom Ursprunge des Bernsteins scheint also wohl ganz richtig zu sein, daß derselbe ein Harz der Bäume war, die durch eine unterirdische Revolution in Brand geriethen, niedergerissen, aber bald wieder mit Sand und Wasser beschüttet wurden, so daß die Bäume nicht zu Asche haben brennen können. Daß die See übrigens darüber gegangen und den Sand allmälig aufgeschüttet hat, ist ganz deutlich zu sehen: denn die Strata des Sandes liegen wellenförmig übereinander [m]. Die Ausbeute sagte man mir, soll dieses Jahr sehr beträchtlich sein, und die Kosten weit übersteigen. Man hatte unlängst ein Stück von 4 bis 5 Pfund ausgegraben, und dafür 25 Dukaten bekommen. - Angenehm ist es übrigens bey diesem Bergwerk, daß der eine Stollen bis an das Seeufer hinausgeschlagen worden; wo man also, wenn die Brust zu enge wird, bald wieder frische Luft schöpfen kann. Wir standen eine Zeitlang an dem Ausgange dieser Höhle, und sahen zu unsern Füßen die Wellen, die sich vergebens hinaufzudringen emporthürmten. Als wir das Ufer hinabgingen fanden wie einige merkwürdige Steine, die von der See ein Paar Tage zuvor ausgeworfen worden, und von der Hand eines Künstlers zu sein schienen. Auch fanden wir am Ufer längst hin eine Menge von Quellen, wo das schönste süßeste Wasser herausfloß.

An eben demselben Tage trat ich meine Rückreise an, von der ich Abends glücklich in Königsberg ankam. Leben Sie wohl!

Königsberg in Preußen H.


Fußnoten im Original:

[1]

Germau liegt 6 Meilen von Königsberg, auf Samland, nicht weit vom Ufer der Ostsee.

[2]

So nennt man eine hölzerne Denksäule in der Kapornschen Heide, welche ungefähr 20 Fuß hoch ist, und oben vier Mannsköpfe mit ihren Helmen auf vier Armen und Trägern hält. Die wahrscheinlichste Meinung (man s. Erläut. Preußen, Th. I, S. 59) ist: daß die vier Brüder so viel Ordensritter waren, die wider die heidnischen Preußen im Sudauer Winkel oft sehr tapfer fochten und Viele erschlugen, an diesem Orte aber einst während der Mahlzeit, da sie ihre Waffen abgelegt hatten, unvermuthet überfallen und umgebracht wurden; wie denn auch zwischen den vier Köpfen vormals eine hölzerne Schüssel zum Andenken ihrer Mahlzeit angebracht gewesen. Zu den Zeiten Herzog Albrechts hat einige Schritte von der Säule noch ein großes Kreuz gestanden, vermuthlich um den Ort ihres Begräbnisses zu bezeichen.

[3]

Die Germauische Gemeinde zahlt jährlich etwas Gewisses (das Gesindegeld genannt) zur Unterhaltung eines Geländers oder Zauns um den Kirchhof und die Kirchengebäude, übernimmt aber dafür keine Reparatur der Zäune. Es wäre zu wünschen, daß diese heilsame Einrichtung überall üblich wäre: denn, wo die Gemeinden die Zäune selbst unterhalten müssen, sind sie gemeiniglich in sehr schlechtem Stande; und steht vollends der Prediger mit dem Lehnspatron oder dem Domänenamt in übelm Vernehmen, so liegt Alles überm Haufen.

[4]

Ist das in Preußen geschehn ? Warum kann es denn nicht im Brandenburgischen und den andern Provinzen eben so geschehn ? [n]

[5]

Der Pragische Bischof Adalbert war bekanntlich der Erste, welcher einen Versuch machte, die heidnischen Preußen zum christlichen Glauben zu bekehren. Er konnte aber sehr wenig ausrichten, und ward in der Gegend von Lochstädt erschlagen. Dies geschah d. 23. April im J. 997. Ihm zu Ehren ließ der Samländische Bischof Johann I. gegen das Ende des dreizehnten Jahrhunderts eine Kirche daselbst erbauen, wohin auch vor der Reformation viele Wallfahrten geschahen; bis sie 1669 vom Sturmwinde umgeworfen, und nachher nicht wieder aufgebaut worden. Jetzt sieht man nur noch ein Stück Fundament und Mauer davon.

[6]

Kinstaude, der heidnische Großfürst in Litthauen, Schindekopf, der Marschall des Deutschen Ordens, lieferten in der Gegend von Rudau im J. 1370 eine sehr blutige Schlacht, wo der Orden allein (ohne die gemeine Soldaten zu rechnen) 100 Ritter verlor, 26 Komthure, 2 Großgebietiger, und den Ordensmarschall selbst, welcher schwer verwundet auf dem Rückzuge starb. Zum Andenken steht nach der Rudau eine steinerne Säule.

[7]

Der ehemalige Herr Professor Rappolt. Man s. Erl. Preußen, Bd. V, S. 583


pers. Anm.:

[a]

Prußischer Korn- und Getreidegott

[b]

= Perdoitos, prußischer Gott des Fischfangs und Handels

[c]

Hainbuchen (im Zshg. mit veralt. Hag = Hecke)

[d]

Pässe, Hohlwege

[e]

wohl der Galtgarben

[f]

Hennig Schindekopf, Ordensmarschall v. 1359-70 - Kinstutte/Kynstutis, Litauerfürst

[g]

zu der Zeit: 1 Reichsthaler = 3 Gulden = 30 Groschen (Dittchen); 1 Meile = 7,53 km; 1 Stof = zw. 1 u. 2 Liter, abh. vom Meßgut

[h]

veralt. für Zinsen

[i]

der Lochstädter Wald ?

[j]

veralt. für Leuchtturm (nach dem antiken von Alexandria)

[k]

vornehm für Grabtafeln, hier sicherlich Grabkreuze

[l]

... oder weil es der Abort (Danzker) ist ?

[m]

kann genauso auf Windformation hindeuten

[n]

Die Bestattung der (sozial höher gestellten) Gemeindemitglieder im Boden der Kirche war in den westlichen Provinzen unüblich.

[u]

unleserlich


Quelle: Berlinische Monatschrift (1791) Bd. 1, S. 567-584
digitalisiert unter http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/Berlinische_Monatsschrift

 

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