Alfred Adler - eine biographische Skizze

Josef Rattner


Hinweis: Dieser Aufsatz ist veröffentlicht zusammen mit einer Reihe weiterer Aufsätze zur Individualpsychologie Adlers unter dem Titel:

Katharina Kaminski/Gerald Mackenthun (Hg.)
Individualpsychologie auf neuen Wegen
Grundbegriffe - Individualpsychologie als angewandte Ethik - Psychotherapie - Charakterkunde
Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg
251 S., ca. 48,00 DM, ISBN 3-8260-1324-7
(Erscheinungsdatum: Dezember 1997)

Email-Adresse des Verlages: verlag-KuN@t-online.de

Zur Inhaltsübersicht über das Buch



Alfred Adler - vierzehn Jahre jünger als Freud und fünf Jahre älter als Jung - wurde am 7. Februar 1870 in Rudolfsheim bei Wien geboren. Sein Vater Leopold Adler (1835-1922) war ein Getreidekaufmann, der es nie zu besonderem Wohlstand brachte. Aus der Ehe mit seiner Frau Pauline (geb. Beer) gingen sechs Kinder hervor, von denen Alfred das zweitgeborene war. Vor Alfred kam der Bruder Sigmund zur Welt, der später ein erfolgreicher Kaufmann wurde. Adler rivalisierte in seiner Kindheit mit diesem Erstgeborenen, der ihm in vieler Hinsicht überlegen zu sein schien. Nach seiner später formulierten Theorie werden zweitgeborene Kinder oft "Schnellläufer", weil sie durch den Wettbewerb mit dem älteren Kind zu besonderen Anstrengungen angeregt werden. Jedenfalls war das bei Adler so; sein Leistungswille und sein Ehrgeiz enthielten beträchtliche Dimensionen.

Der Vater war ein gütiger, den Kindern sehr zugewandter Mensch. Er hielt auf eine peinlich genaue Lebensführung, war humorvoll und lebenskundig. Alfred war sein Lieblingssohn, den er in Gesprächen an seiner Lebenserfahrung teilhaben ließ. Die Mutter war eine sanfte, feine, aber auch nervöse Frau, die sich in der Sorge für ihre sechs Kinder aufrieb. Alfred stand offenbar dem Vater näher als ihr.

Adler war zunächst ein kränkelndes Kind. Er litt an Rachitis und Stimmritzenkrämpfen; auch wurde er zweimal angefahren. Mit vier Jahren überstand er eine Lungenentzündung, an der er fast gestorben wäre. Der Arzt, der ihn betreute, imponierte ihm sehr; Adler leitet seine ärztliche Berufswahl von diesem Vorbild ab. Ein anderes Motiv mag gewesen sein, daß der kleine Alfred früh mit dem Tod eines Brüderchens konfrontiert wurde. Nach seiner Konzeption sind spätere Ärzte schon als Kinder vom Wunsch beseelt, den Tod zu besiegen. Zu dieser Idee gelangen sie, wenn in ihrer Umgebung Krankheit und Tod vorkommen und Angst und Unsicherheit im Heranwachsenden hervorrufen.

Adler überwand die Schwächen seiner Kindheit und wurde ein "Wiener Gassenbub", der sich mit Kameraden in den Feldern und Auen bei Wien herumtrieb. Er war später stolz auf diesen Anfang seiner Laufbahn; er meinte, "auf der Gasse" den Umgang mit allen möglichen Menschentypen gelernt zu haben. In seinem späteren Sprachschatz spielte das "Echt-Wienerische" keine kleine Rolle. Adler war ein typischer Sohn dieser Stadt, die vor der Jahrhundertwende eine Stadt der Lebensfreude, der Leichtlebigkeit und Beschwingtheit war.

In der Schule war Adler nicht herausragend. Aber er erzählte bei Gelegenheit einen Vorfall aus der Schulzeit, der offenbar prägend auf ihn gewirkt hat. Er galt zunächst als schlechter Mathematiker, der kaum den Klassendurchschnitt erreichte. Eines Tages nun stellte der Lehrer eine Aufgabe, die niemand in der Klasse lösen konnte, der Lehrer selbst hatte Mühe damit. Zufällig sah Adler die Lösung, ging an die Tafel und demonstrierte sie. Von da an war er in Geometrie und Rechnen an der Spitze. Später im Leben bekämpfte er den sogenannten Begabungswahn, die These nämlich, daß die meisten Fähigkeiten des Menschen angeboren und vererbt sind. Adler war davon überzeugt, daß Begabung hauptsächlich Mut und Training ist. Es komme nicht darauf an, was ein Mensch bei seiner Geburt mitbringt, sondern was er durch Lernen und Interesse erwirbt. Um den lähmenden Aspekt des "Vererbungswahns" zu bekämpfen, formuliert Adler sogar: "Jeder Mensch kann (prinzipiell) alles!" In praxi ist das natürlich nicht so; es gibt Grenzen in der Disposition, und was man leistet, hängt von sehr vielen Persönlichkeitsmerkmalen ab. Aber Adler hielt dafür, daß man zum Beispiel in der Erziehung am besten vom Grundsatz ausgeht, daß jedes Kind bei geeigneter Förderung alles können wird, was es für sein Leben braucht; und es ist verhängnisvoll für das Erziehen, wenn man beim Auftauchen von Lern- und Leistungsschwierigkeiten auf die fragwürdige "Begabung" rekurriert, die so oft zur Bemäntelung der Faulheit und der Erziehungsfehler herangezogen wird.

1889 immatrikulierte Adler an der Universität Wien für das Fach Medizin. In den folgenden sechs Jahren scheint er ein eifriger Student gewesen zu sein; aber wir wissen fast nichts über seine Studienzeit.

Wir wissen auch nicht, welche Fächer er neben den medizinischen studiert hat. Vermutlich war es auch Philosophie, denn in seinen späteren Werken und Entwicklungen erwies er sich als ein "philosophischer Kopf". Auch war er gewiß politisch interessiert. Er muß Kontakt mit dem Austromarxismus gehabt haben, jener Spielart des sozialdemokratischen Denkens, das sich in Österreich entfaltete. Adler war zeitlebens ein (nicht parteigebundener) Sozialist, und sein Lebenswerk selbst ist ohne den antiautoritären Sozialismus kaum zu denken.

1895 bestand Adler sein medizinisches Doktorexamen. Er leistete seinen Militärdienst und arbeitete in der Wiener Poliklinik. In jener Zeit lernte er Raissa Timofejewna Epstein kennen, die später seine Frau wurde. Frau Raissa war eine Russin, die in Zürich und Wien ein Studium der Naturwissenschaften zu absolvieren gedachte. Ihre Ehe mit Adler wurde 1897 in ihrem Elternhaus in Smolensk gefeiert. Das junge Paar bezog eine Wiener Wohnung, und 1899 eröffnete Adler seine erste Praxis.

Aus dieser Ehe sind vier Kinder hervorgegangen: Valentine, Alexandra, Kurt und Nelly. Valentine wurde später Nationalökonomin und ging in den Dreißigerjahren nach Rußland; sie ist bei Stalins "Säuberungen" umgekommen. Alexandra und Kurt wurden Psychotherapeuten; beide leben heute in New York. Nelly wurde Schauspielerin, brach aber nach einer Heirat ihre Karriere ab.

Die Ehe mit Raissa scheint nicht immer leicht gewesen zu sein. Die junge Frau war politisch radikaler als ihr Gatte. Sie hatte Sympathien für den Bolschewismus, in Adlers Haus verkehrte u.a. der exilierte Bolschewistenführer Trotzki. Nach der Meinung von Phyllis Bottome ("Alfred Adler - A Portrait From Life", London 1938) war Adler in seinem eigenen Haushalt mit dem "männlichen Protest" konfrontiert, den er gemäß seiner bekannten Lehre bei Männern und Frauen unserer Kultur als ein Erbübel diagnostizierte. Adlers Kinder jedoch bestreiten einen tieferen Antagonismus zwischen den beiden Ehegatten. Vielleicht hat Adler als großer Menschenkenner und Menschenbehandler es geschafft, die Härten in der Persönlichkeit seiner Frau geschickt zu umgehen. Raissa Adler überlebte ihren Gatten um mehr als zwanzig Jahre.

1898 publizierte Adler seine erste Schrift unter dem Titel "Gesundheitsbüchlein für das Schneidergewerbe". Es handelt sich um eine Broschüre, die auf die gesundheitsschädlichen Arbeitsverhältnisse in diesem Beruf aufmerksam machen wollte. Adler stellt sich hierbei auf den Standpunkt der Sozial- und Präventivmedizin und wirbt dafür, daß man dem kostbaren Gut der Volksgesundheit mehr Aufmerksamkeit und mehr Geldmittel zuwenden solle.

Hinsichtlich der Wahl einer medizinischen Spezialität war Adler zunächst tastend und suchend. Er betätigte sich als Augenarzt, Neurologe und Allgemeinpraktiker. Die "Ärztliche Standeszeitung" fand in ihm einen geschätzten Mitarbeiter. Aber noch war kein Weg in Sicht, auf dem Adler zu seinen ureigensten Zielen vorstoßen konnte.

Das änderte sich, als er Sigmund Freud kennenlernte. Wie diese Bekanntschaft zustande kam, ist heute nicht mehr zu rekonstruieren. Nach der Meinung von Bottome schrieb jemand einen kritischen Aufsatz über Freuds "Die Traumdeutung" (1900) für die "Neue Freie Presse". Adler habe diese Kritik ungerecht gefunden und eine Erwiderung darauf publiziert. Infolgedessen habe ihn Freud zu sich eingeladen. Für diese Behauptung konnte allerdings kein Beleg ermittelt werden.

Freud gründete bekanntlich (auf Anregung seines Patienten und Gefolgsmanns Wilhelm Stekel) 1902 seine "Mittwochsgesellschaft", bei der Adler eines der ersten Mitglieder wurde. Er war tief beeindruckt von Freuds Größe und Geistesart und arbeitete mit ihm bis 1911 zusammen. In der Schule bei Freud entwickelte sich seine eigene Gedankenwelt. Aber er betrachtete sich nie als "Schüler des Meisters", sondern als eigenständiger Forscher in der Nähe eines Genies.

Der Freudkreis um 1902 war recht klein; er umfaßte lediglich fünf Personen. Die ersten Mitglieder waren Freud, Adler, Stekel, Reitler und Kahane: alles Ärzte. Auch bei der steten Vergrößerung der "Mittwochsgesellschaft" waren die Ärzte in der Überzahl; aber bald stellten sich Intellektuelle aus anderen Wissenschaftsbereichen ein, so daß keine medizinische Einseitigkeit vorherrschte.

Nach den publizierten "Protokollen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung" (4 Bände, Frankfurt 1976-81) war Adler im erfaßten Zeitraum von 1906 bis 1911 fast immer anwesend und beteiligte sich eifrig an den Debatten. Jedesmal mußte ein Vortrag gehalten werden; auch Adler referierte öfters. So verzeichnen die "Protokolle" u.a. folgende Adler-Vorträge: "Über die organischen Grundlagen der Neurosen" (7. November 1906); "Eine Psychoanalyse" (6. März 1907); "Ein Beitrag zur Paranoiafrage" (29. Januar 1908); "Sadismus in Leben und Neurose" (3. Juni 1908); "Ein Fall von Zwangserröten" (3. Februar 1909); "Zur Psychologie des Marxismus" (10. März 1909); "Über die Einheit der Neurosen" (2. Juni 1909); "Psychischer Hermaphroditismus" (23. Juni 1910); "Ein kleiner Beitrag zur hysterischen Lüge" (19. Oktober 1910) und "Über die Rolle der Sexualität in der Neurose" (4. Januar 1911).

Im Februar 1911 hielt Adler drei Vorträge, die er später unter dem Titel "Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie des Seelenlebens" veröffentlichte. Damit leitete er seinen Bruch mit Freud ein; die orthodoxen Freudianer und Freud selbst konnten diese abweichenden Gedankengänge nicht akzeptieren und legten Adler den Austritt aus der "Psychoanalytischen Vereinigung" nahe.

Überblickt man Adlers Diskussionsbeiträge im Freudkreis, so fällt auf, daß er oft milder über Produkte seiner Kollegen urteilte als so mancher andere Mitdiskutant; die Debatten unter den frühen Freudianern verliefen oft sehr leidenschaftlich und unnachsichtig, aber Adler scheint keinen Gefallen daran gefunden zu haben, andere Leute in ihrer wissenschaftlichen oder publizistischen Produktivität zu entmutigen.

Seine eigenen Vorträge enthalten wichtige Bereicherungen der psychoanalytischen Gedankenwelt. Wir heben nur hervor, daß Adler der erste Psychoanalytiker war, der einen Brückenschlag zwischen Marxismus und Psychoanalyse versuchte. Auch war er es, der den "Aggressionstrieb" (1908) in die Debatte einführte. Freud lehnte zunächst diesen Begriff ab, hat aber in seinen späteren Theoriebildungen davon sehr reichlich Gebrauch gemacht, wenn auch in anderem Sinne als Adler. Adler selbst rückte bald von der Idee eines "naturgemäßen Aggressionstriebes " ab und proklamierte die Lehre, daß jegliche Aggressivität eine überschießende Reaktion auf Angst und Minderwertigkeitsgefühl sei. Das war für ihn wichtig, weil er im Konzept des "von Natur aggressiven Menschen" eine "reaktionäre Theorie" sah, welche zum Beispiel den Krieg naiverweise auf die "menschliche Natur" abwälzt, anstatt die institutionalen, erzieherischen und kulturellen Kriegsursachen zu berücksichtigen. Konrad Lorenz hat später auf den Spuren von Freud ("Das sogenannte Böse - Naturgeschichte der menschlichen Aggression") mit einer solchen "Erklärung" von Krieg, kapitalistischem Wettbewerb und Kampf und Zwist im Alltag einen bemerkenswerten literarischen Erfolg gehabt.

Nicht alle Freudianer sahen Adler als einen freundlichen Menschen im Freudkreis. Ernest Jones schreibt in "Das Leben und Werk von S. Freud" (Bd.2, S. 161): "Mein eigener Eindruck von Adler war der eines mürrischen, zänkischen Menschen, der immer zwischen Streitsucht und Verdrießlichkeit hin- und herpendelte. Es war offensichtlich, daß er sehr ehrgeizig war, und ständig fand man ihn im Streit mit den anderen um Prioritätsansprüche hinsichtlich gewisser theoretischer Punkte. Als ich ihn dann Jahre danach wiedersah, bemerkte ich freilich, daß ihm der Erfolg zu einer gewissen Milde verholfen hatte, von der man in seinen früheren Jahren wenig spürte ."

Diese Beobachtung muß mit Vorsicht aufgenommen werden. Seit der Abwendung Adlers von Freud haben die Psychoanalytiker unter der Führung ihres Meisters den "Renegaten Adler" mit Verleumdungen und übler Nachrede verfolgt. Freud selbst setzte das Märchen in die Welt, daß Adler nur infolge eines überspitzten Ehrgeizes seine theoretischen und praktischen Neuerungen eingeführt habe. Hierbei wurde Adlers Ausspruch gegenüber Freud, er wolle nicht "dauernd in seinem Schatten stehen", falsch interpretiert; Adler meinte damit, er sei es leid, für die Irrtümer und Abwegigkeiten des "Freudianismus" mithaften zu müssen, aber die unfreundlichen Interpreten sprachen von Geltungssucht und "Verwässerung der psychoanalytischen Befunde" zugunsten des Publikumsgeschmacks.

Schon vor dem endgültigen Bruch mit Freud hatte sich die Beziehung Adlers zur Psychoanalyse merklich verschlechtert. Freud wollte 1910 Jung zu seinem offiziellen "Kronprätendenten" ernennen; alle Aufsätze und Arbeiten aus dem Freudkreis sollten durch Jung eine Zensur erfahren. Adler und die anderen Wiener Analytiker lehnten sich gegen diese Bevormundung durch die "Zürcher Gruppe" auf und forderten mit Recht die "Freiheit der Wissenschaft". Noch konnte Freud diesen Gegensatz überbrücken, indem er Adler zum Vorsitzenden der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und zum Redakteur des neu gegründeten "Zentralblattes für Psychoanalyse" machte. Dieser Kompromiß hielt aber nur ein Jahr lang.

Der Gegensatz zwischen Freud und Adler erstreckte sich über charakterliche, weltanschauliche und wissenschaftliche Bereiche. Adler setzte sich in seinen "Abschiedsvorlesungen" im Freudkreis in folgenden Punkten von der Psychoanalyse ab:

1. Er wollte im Sexualtrieb weder die hauptsächliche noch alleinige Motivationskraft im Seelenleben anerkennen;

2. Einen strengen psychischen Determinismus hielt er für abwegig;

3. Daher schienen ihm kausale Ableitungen hinsichtlich der seelischen Entwicklung und der Neurosenentstehung nicht glaubwürdig, was einen Zweifel an der verursachenden Macht der "Kindheitstraumen" in sich schloß;

4. Der "Ödipuskomplex" galt Adler als ein künstliches Konstrukt mit zweifelhaftem Erklärungswert; er räumte ein, daß solche seelische Sackgassen möglicherweise entstehen, aber nicht aus spontanen Triebbedürfnissen des Kindes heraus, sondern aus elterlicher Verwöhnung und aus dem Kontrast der Erziehungshaltungen von Mutter und Vater;

5. Die Theorie der Verdrängung sollte nach Adler revidiert werden; nicht das Ich oder die Moral im Menschen verdrängen sexuelle Regungen, sondern der "Wille zur Macht" oder der "männliche Protest" im Menschen retuschiert Wahrnehmungen, Erinnerungen und Erlebnisse, um nur das zu behalten, was dem Ich und seiner Eitelkeit schmeichelt;

6. Folglich ist es zweifelhaft, daß die menschliche Kultur aus der Verdrängung hervorgegangen ist; eine solche These führt nach Adler zu einem Zirkel, indem die Kultur aus der Verdrängung entsteht, aber auch die Kultur der Urheber aller Verdrängungen ist;

7. Es ist vernünftiger anzunehmen, daß der Mensch außersexuelle seelische und geistige Kräfte besitzt, die ihn zur Kulturleistung bewegen;

8. Die frühkindliche Entwicklung ist nicht "polymorph-pervers", und Perversionen sind keine Fixierungen oder Regressionen auf infantile Strukturen; Perversionen und Neurosen entstehen durch mangelhaftes soziales Training.

9. Die Neurose bricht dann im späteren Leben aus, wenn der Mensch vor Aufgaben gestellt wird, die er mit seinem sozialen und intellektuellen Repertoire nicht lösen kann; sie bedeutet allemal eine "Flucht in die Krankheit" um der Verantwortung und dem Scheitern zu entrinnen.

10. Daher sollen seelische Störungen nicht kausal, sondern final verstanden werden; man muß dem Patienten klarmachen, was er mit seinen Symptomen und seiner Krankheit "will". Ein solches Verfahren ist direkter und hilfreicher als uferlose Vergangenheitsforschung, die im Seelenleben wenig Wirkung ausübt.

Abgesehen von diesen "fachlichen" Antagonismen gab es - wie bereits erwähnt - auch einen weltanschaulichen Dissens zwischen Adler und Freud. Als Sozialist mußte Adler das Freudsche System als zu pessimistisch und bürgerlich empfinden. Für ihn bestand Heilung in der Hinführung des Patienten auf soziale und kulturelle Aufgaben; Freud beschränkte sich darauf, die "Herrschaft der Vernunft über die Triebe" innerhalb der Psychotherapie anzustreben. Charakterlich mag ins Gewicht fallen, daß Freud ein ehemaliger "ältester Sohn" und Adler ein Zweitgeborener war. Freud ambitionierte Macht und Herrschaft, und Adler war ein geborener Rebell gegen jegliche Bevormundung. Freud hatte aristokratische Allüren und war ein "exakter Denker"; Adler gab sich volkstümlich, liebte Umgang mit einfachen Menschen und vertrat eine Lebensphilosophie, die das allzu Exakte und Physikalisch-Lebensfremde perhorreszierte. Die Trennung wurde unvermeidlich.

Adler hatte bereits im Jahre 1907 mit seiner "Studie über Minderwertigkeit von Organen" seine intellektuelle Eigenständigkeit gegenüber Freud bewiesen. Die "Studie" ist der Grundstein zu Adlers Lehrgebäude. Sie geht aus von der These, daß nicht alle Organe im menschlichen Organismus vollwertig sind. So kann es Anomalien der Lage, der Gestalt, der Funktion und der inneren Morphologie geben. Sind mehrere bedeutende Minderwertigkeiten dieser Art vorhanden, erliegt das Individuum frühzeitig irgendwelchen Krankheiten. Leichtere Organminderwertigkeiten machen unter Umständen die Lebensführung und die Bewältigung von sozial-kulturellen Aufgaben recht kompliziert. Es besteht aber die Möglichkeit der Kompensation und Überkompensation; eine besonders wichtige Stätte der Kompensationen ist die Psyche. Nach Adler kann man fast jedes biologische Manko durch psychische Mehrleistung ausgleichen.

Oft sogar schießt dieser Ausgleich über die Durchschnittswerte hinaus; überkompensierte Organminderwertigkeiten sind nach Adler mitunter das Lebenselement der fortschreitenden Kultur. So manches Genie begann mit einem organischen Handicap, aber wenn die übrigen Bedingungen gut waren, erzwang es von seinem diffizileren Organismus höhere seelische Anpassungsleistungen.

In diesem Buch wurde Adler zu einem Pionier der Psychosomatik. Er wies darauf hin, daß manche Menschen in Bedrängnis mit ihrem minderwertigen Organ reagieren; sie sprechen sozusagen eine Organsprache (Organdialekt), wobei man Körpersymptome als Ausdruck psychischer Bedrängnis auffassen kann. In historischen Darstellungen der psychosomatischen Medizin wird diese Pionierleistung Adlers fast immer stillschweigend übergangen.

Als Adler aus dem Freudkreis austrat, nahm er fast die Hälfte von dessen Mitgliedern mit sich; nahezu alle seine Gefolgsleute waren Sozialisten. Zunächst gründete diese Splittergruppe den "Verein für freie Psychoanalyse"; später entschied sich Adler dafür, seine Lehre "Individualpsychologie" zu nennen. Er wollte hiermit betonen, daß die individuelle Persönlichkeit in ihrer Einheit und Ganzheit der Gegenstand seines Studiums sei. Das war ein polemisches Abrücken von der Psychoanalyse, die die menschliche Person in Instanzen aufspaltet (Ich, Es, Über-Ich); sodann war es aber auch eine Vorwegnahme der später im Universitätsbereich entwickelten Ganzheits- und Strukturpsychologie. Adlers Intentionen laufen merkwürdig parallel zu dem, was Wilhelm Dilthey 1894 in seinen "Ideen zu einer beschreibenden und zergliedernden Psychologie" verkündet hat; aber es ist durch nichts zu belegen, daß Adler damals schon Dilthey, den großen Begründer der modernen Hermeneutik und der geisteswissenschaftlichen Psychologie, gekannt und gelesen hat. Erst in den zwanziger Jahren nahm Adler auf Dilthey und Eduard Spranger Bezug; auch seine Schüler arbeiteten die Parallelen zwischen Individualpsychologie und geisteswissenschaftlicher Psychologie heraus.

Es ging nun alles darum, dieser neuen Form von Tiefenpsychologie ein theoretisches Fundament zu geben. Darum arbeitete Adler fieberhaft an seinem Hauptwerk, das 1912 unter dem Titel "Über den nervösen Charakter" erschien. Es war eine meisterhafte Darstellung der neurotischen Psyche und zugleich eine umfassende "Normalpsychologie" auf dem Boden der Nietzscheschen Philosophie und eines neukantianischen Seelenverständnisses. Adler war offenbar vertraut mit der von Schopenhauer und Nietzsche praktizierten "entlarvenden Psychologie", die jedes seelische Detail auf die psychische Ganzheit bezieht und in harmlosen Seelenäußerungen oft das Walten untergründiger Triebkomponenten aufdeckt. Genau das macht Adler souverän bei der Beschreibung neurotischer Symptome, Lebenseinstellungen und Verhaltensweisen. Er liest in der Seele des "nervösen Menschen" wie in einem offenen Buch. Geistreich demonstriert er, wie der Neurotiker durch falsche Ziele und Werte dazu verleitet wird, einen irrigen Standpunkt gegenüber dem Leben einzunehmen. Verführt durch falsche Zielsetzungen, rennt er gegen die Mauern der Wirklichkeit an. Kein Wunder, daß er zurückgeworfen wird und irgendwo im Schlupfwinkel seiner Neurose sein Ressentiment gegen die Realität und die Mitmenschen auslebt.

Adler bezeugt, daß ihn die Lektüre des genialen Werkes von Hans Vaihinger ("Die Philosophie des Als Ob", 1911) bei der Ausarbeitung des "Nervösen Charakters" mächtig gefördert hat. Vaihinger war ein berühmter Neukantianer. Er ist der Schöpfer des sogenannten "Fiktionalismus". Nach Vaihinger benötigt der Menschengeist zur Orientierung in der Wirklichkeit Fiktionen, also konstruierte Annahmen, die nicht wahr sein müssen, aber nützlich sein können. So ziehen wir Längen- und Breitengrade über den Globus, womit wir jeden Ort auf der Erde genau bezeichnen können; aber diese Meridiane gibt es faktisch nicht, sie sind Erfindungen. Adler folgert nun, daß auch seelisch kranke Menschen Fiktionen verwenden; nur: sie glauben fest daran. Sie leiden also lediglich unter größeren Irrtümern als der Normale, der seine Annahmen je nach Situation ändert oder auch fallen läßt. Neurose und Psychose sind Lebensirrtümer, die durch Aufklärung und Belehrung korrigiert werden können. Das ist die humane Botschaft von Adlers "Grundbuch".

"Über den nervösen Charakter" beantwortet aber auch die Frage, warum die neurotische Psyche so sehr zu lebensfremden und starren Fiktionen (Dogmatisierungen) neigt. Von Nietzsche übernahm Adler die Erkenntnis, daß jeder Mensch sein Ichgefühl so hoch wie möglich halten will, das heißt, jedermann möchte ein Machtgefühl genießen, durch das er sich als "Herr der Situation" empfindet. Etwas neutraler läßt sich dieses Faktum so ausdrücken:

Der Mensch hat im Innersten seiner Person ein "Selbstwertstreben" - er möchte nie und nimmer wertlos sein. Aber dieser Selbstwert kann nur direkt und offen angestrebt werden, wenn man in der Kindheit ein geeignetes Training hierfür absolviert. Unter den bisherigen Kulturbedingungen lernen die Menschen sehr schlecht, auf richtigem Wege zum Wertgefühl zu gelangen. Mit den Begriffen "Minderwertigkeitsgefühl" und "Geltungsstreben" leuchtet Adler tief hinein in die verborgene Dynamik der normalen und neurotischen Psyche. Wer in der Kindheit unter der Ungunst von Organschwächen, Krankheit, falscher Erziehung (Verwöhnung, Härte, Lieblosigkeit usw.), verschiedener Traumatisierungen, Armut, sozialer Isolierung oder Diskriminierung usw. leidet, wird Adlers Auffassung nach ein Opfer von verstärkten Minderwertigkeitsgefühlen, die sich zum Minderwertigkeitskomplex steigern können.

Damit wird der inneren und äußeren Entwicklung ein Hemmschuh entgegengesetzt. Das betroffene Individuum antwortet auf diese Notlage mit einem zugespitzten Streben nach Geltung und Macht, aber nicht auf der Seite der sozial-kulturellen Nützlichkeit, sondern auf derjenigen des Scheins, der Eitelkeit und der "Angst vor der Niederlage". Diese Konstellation der Mutlosigkeit erzwingt den Aufbau von Lebensfiktionen, von Selbst- und Fremdtäuschungen, die das Wesen der Neurose ausmachen.

Adler hat um 1914 mit seinem geistvollen Hauptwerk versucht, sich an der Universität Wien für das Fach Medizinische Psychologie zu habilitieren. Dieses Vorhaben scheiterte am Einspruch des Dekans Julius Wagner-von Jauregg. Wagner war ein bedeutender Psychiater, der aber von psychologischen Methoden in der Medizin wenig oder gar nichts hielt; er hat später den medizinischen Nobelpreis für die Einführung der Malaria-Fieberkur bei Spätstadien der Syphilis und für andere Arbeiten von Weltrang bekommen. Mit hanebüchener Oberflächlichkeit zerpflückte Wagner Adlers Gedankengänge; offenbar ging ihm jedes Verständnis für das Wesen der Tiefenpsychologie ab. Es war für Adler sehr schmerzlich, auf eine Universitätskarriere verzichten zu müssen; aber er tröstete sich damit, daß der Siegeszug seiner Individualpsychologie dadurch nicht aufgehalten werden könne.

Tatsächlich wurde Adlers Lehre sehr bald zu einer großen Bewegung, der sich viele Intellektuelle im deutschen Sprachbereich anschlossen. Schon 1914 konnte die "Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie" gegründet werden; während des Krieges erschienen nur wenige Nummern, aber nach 1918 war dieses Periodikum ein vielgelesenes Organ in ganz Europa. Der Kreis der Schüler und Mitarbeiter um Adler vergrößerte sich rasch. Anders als Freud liebte Adler informelle Zusammenkünfte im Kaffeehaus, und so fanden die Sitzungen seiner Psychologenvereinigung meistens abends im Café Siller oder im Café Central statt. Manes Sperber, den Adler als 16jährigen Jüngling in seinen Kreis aufnahm, hat in seinem Buch "Alfred Adler oder Das Elend der Psychologie" (1970) seinen großen Mentor kritisch, aber doch liebevoll beschrieben. Er sagt zum Beispiel auf Seite 285 seines Buches:

"Was ich auf diesen Seiten über Alfred Adler ausgesagt habe, und gar vieles, was in einer detaillierteren, indiskreteren Schilderung, die ich nie schreiben würde, am Platz wäre, bezieht sich auf den Mann, den ich zwischen 1921 und 1931 aus der nächsten Nähe kennenlernen durfte. Ich habe den Fünfzigjährigen leben sehen. Außer während der Ferien und wenn er auf Reisen war, verging bis 1928 kaum ein Tag, an dem ich ihm nicht in seinen Kursen oder in den Sitzungen, zu denen sich ein engerer Kreis um ihn versammelte, und jedenfalls an seinem Stammtisch im Café Siller begegnete, wo sich seine Mitarbeiter und seine verläßlichsten Anhänger allabendlich einstellten. Auch wenn der Tag noch so anstrengend gewesen war und wenn ihn die Arbeit, wie es gar oft geschah, bis in den späten Abend beansprucht hatte, kam er doch noch ins Café und begrüßte jeden mit einem guten Wort. Man brach nicht auf, ehe er laut erklärte: 'Na also, jetzt is ka Schand' mehr, nach Haus zu gehn.'"

Sperber und die Biographin Phyllis Bottome schildern auch das äußere Erscheinungsbild Adlers, seine Schlichtheit im Umgang, seinen Humor und seine Güte. Adler war eher klein gewachsen, von pyknischem Körperbau. Er kleidete sich ziemlich nachlässig; aber wenn er sprach, dann wurde aus dem gemütlichen Wiener ein inspirierter Geist, der seine Hörer mitreißen konnte. Mit dem gesprochenen Wort belehrte und ermutigte er seine Mitmenschen. Viele, die ihn bei seinen Vorträgen gehört haben, behielten deren Inhalt jahre- und jahrzehntelang in Erinnerung; wir geben wieder Sperber das Wort (loc. cit. S. 13-15):

"Man hatte sagen hören, daß der Dr. Alfred Adler berühmt und weit bedeutender wäre, als er aussah - denn er sah aus wie ein Wiener Kleinbürger. So sprach er auch, so kleidete er sich zuweilen, und selbst sein Gesicht hatte eine unleugbare Ähnlichkeit mit dem gutmütig karikierten Antlitz des ewigen Wieners, dem man in so vielen Zeitungen und auf Plakaten begegnete.

Auf den ersten Blick imponierte er also niemandem und interessierte nur mäßig. Aus der Nähe betrachtet, überraschten seine Augen: ihr Ausdruck wechselte mit ungewöhnlicher, manchmal erschreckender Rapidität. Der Blick des aufmerksamen, doch harmlos gütigen Betrachters verwandelte sich unversehens, wurde forschend, stechend, ja feindselig, ehe er sich ebenso schnell wieder veränderte und schließlich ganz abgewandt wurde.

Adler wirkte damals auf alle, die mit ihm zu tun hatten - besonders aber auf die jungen Leute, die von ihm lernen wollten, so ermutigend, daß jeder selbst nach einem ganz kurzen Gespräch mit ihm gleichsam einen neuen Glauben an sich selbst davontrug, eine zwar unformulierte, doch äußerst bestärkte Hoffnung auf die eigene nahe oder ferne Zukunft - und dies nicht etwa, weil man glaubte, fortab von anderen mehr erwarten zu dürfen. Man dachte, wußte auf einmal, daß man von sich selbst ungleich mehr fordern, mehr aus sich "herausholen" könnte, als man es vorher je für möglich gehalten hätte. Gar mancher fühlte sich wie verwandelt, in einen anderen, besseren, klügeren, aktiveren Mitmenschen verwandelt. Und dieses Gefühl hielt einen Abend lang vor, einen Tag, eine Woche, manchmal länger. Obschon allmählich verblassend, mochte diese Wirkung fortdauern und nie mehr ganz verschwinden."

Adler gründete in wenigen Jahren Ortsgruppen der Individualpsychologie in zahlreichen Städten Europas. Wo immer er über seine Lehre sprach, schlossen sich ihm Linksintellektuelle, Ärzte, Lehrer, Fürsorger und aufgeschlossene Eltern und Erzieher an. Die Zeit war für die Ausbreitung einer Psychologie, die das menschliche "Gemeinschaftsgefühl" in den Mittelpunkt der Betrachtungen rückte, recht günstig. Nach dem Zusammenbruch der alten Ordnungen am Ende des Ersten Weltkrieges hofften viele hochgesinnte Menschen auf den Aufbau einer gerechteren und humaneren Welt; die Individualpsychologie erschien ihnen als das geeignete Mittel, Kinder und Erwachsene heranzubilden, die den Sumpf der Vergangenheit hinter sich lassen könnten. Im Buch "Heilen und Bilden" (1914) haben Adler und seine Mitarbeiter die Grundzüge einer neuen Erziehungslehre und verbesserten Psychohygiene sorgfältig ausgearbeitet; hier entpuppte sich Adler als genialer Erziehungsreformer.

Die sozialdemokratisch regierte Stadt Wien unter dem Erziehungsminister Glöckel bot Adler die Chance, seine Vorstellungen über Kindererziehung und Kindertherapie in die Praxis umzusetzen. Sie ermöglichte die Gründung einer individualpsychologischen Versuchsschule unter der Leitung von Oskar Spiel und Ferdinand Birnbaum. Auch stellte sie Räumlichkeiten zur Verfügung, in denen Adler und seine Schüler unentgeltlich Erziehungsberatung durchführten. Im Laufe der Zeit gab es schließlich ca. dreißig derartige Erziehungsbera-tungsstellen, die Wien zu einem Zentrum der Child-Guidance-Bewegung machten.

Es muß besonders beeindruckend gewesen sein, Adler selbst bei solchen Beratungsgesprächen zu erleben. Schon nach wenigen Worten hatte er das Kernproblem des betreffenden Kindes und seiner Familie erfaßt. Besonders bewunderten die Zuhörer, die sich bei solchen Vorführungen einstellen durften, die ungewöhnliche Schlichtheit und den Takt, mittels derer Adler seine Erkenntnisse auch völlig ungebildeten Laien zu vermitteln wußte. Niemals posierte er als der große Psychologe und Psychotherapeut, der er war; er solidarisierte sich mit jedem Kind, das sein Gesprächspartner war, und stellte sich auf gleiche Stufe mit allen, die seinen Rat und seine Hilfe suchten.

1920 erschien sein zweites Hauptwerk "Praxis und Theorie der Individualpsychologie". Es ist eine Sammlung von Aufsätzen aus allen Bereichen der Tiefenpsychologie, der Psychotherapie, der Pädagogik und der geisteswissenschaftlichen Anwendung tiefenpsychologischen Wissens. Man ahnt hier ganz besonders Umfang und Reichweite der Adlerschen Gedankenwelt.

In den Zwanzigerjahren stand die Individualpsychologie bezüglich ihrer Weltgeltung durchaus vergleichbar neben der Psychoanalyse. Adler wurde in viele Städte des Kontinents eingeladen, um über seine Lehre zu referieren. Er gewann Ärzte, Psychologen und Laien für seine Psychologie und Weltanschauung. Patienten aus aller Welt konsultierten ihn in Wien, um sich helfen zu lassen.

Aber der prominente Arzt und Psychotherapeut Adler verschmähte es nicht, an seinen freien Abenden etwa auch im Volksheim Ottakring (Wien) vor Zuhörern aus der Arbeiterschaft seine Erkenntnisse darzulegen. Aus solchen Vorlesungen für ein schlichtes Publikum entstand Adlers am weitesten verbreitetes Buch "Menschenkenntnis" (1927). Es wurde nach Vorträgen mitstenographiert und anschließend stilistisch überarbeitet. Es setzt sich das Ziel, aus den Einsichten der Tiefenpsychologie ein handliche Lehre vom Menschen und seinen Verhaltensweisen abzuleiten, die für jedermann nützlich ist. Adler entfaltet hier die Charakterologie, die bereits in "Über den nervösen Charakter" angelegt war. Seiner Meinung nach ist der Charakter des Menschen nicht angeboren, sondern erworben; er wird vom Kind in einer frühen Lebensphase entwickelt in stetiger Auseinandersetzung mit der Umgebung, den Erlebnissen und den biologischen Gegebenheiten. Der Charakter entspringt einem "unbewußten Lebensplan", einem System von Zielsetzungen und Werten, die das Verhalten dirigieren. Pathologische Charakterzüge (Ehrgeiz, Eitelkeit, Haß, Neid, Geiz, Eifersucht, Trauer, Angst, Masochismus, Resignation usw.) sind inspiriert durch direkten oder indirekten Machtwillen; sozial wertvolle Charakterzüge (Freude, Mitleid, Hilfsbereitschaft, Fähigkeit zur Zusammenarbeit, Liebe usw.) sind Konkretisierungen des Gemeinschaftsgefühls, das zwar im Menschen von Natur disponiert ist, aber zu seiner Ausbildung Vorbild und Training benötigt. Hat der Mensch in seiner Kindheit ein schiefes Weltbild aufgebaut, dann folgt daraus mit Notwendigkeit eine asoziale oder doch sozial mangelhafte Lebensführung; diese kann korrigiert werden durch Charakterumstellung, die aber nur durch langwierige Prozesse der Selbsterkenntnis und Schulung möglich ist.

Der Psychohygieniker Adler befaßte sich nicht nur mit den Problemen von Individuen, sondern auch mit den Fragen der Politik und Kultur überhaupt. Aufschlußreich ist etwa ein kleiner Aufsatz aus dem Jahre 1919 unter dem Titel "Bolschewismus und Seelenkunde". Darin nimmt Adler zur Revolution in Rußland Stellung. Viele Menschen hofften in jenen Jahren, daß aus dem "russischen Experiment" etwas Großartiges und Menschheitsförderndes hervorgehen würde. Der klarblickende Adler jedoch warnte vor solchen Illusionen. Er wies darauf hin, daß die Bolschewiken von Anfang den Weg der Macht und Gewalt beschritten hatten. Schon 1919 war zu sehen, daß sie einen neuen Absolutismus errichten wollten, der dem von ihnen bekämpften Zarismus und Feudalismus in vielen Punkten glich. Als durchaus freiheitsliebender Mensch konnte Adler nicht annehmen, daß aus dem Terrorismus irgendwann (wie es die marxistische Theorie versprach) die wundervolle Gerechtigkeit und Brüderlichkeit entstehen würde. Gemäß der "Logik des Terrors" prophezeite Adler für den Kommunismus wachsende Exzesse der Tyrannei, Einführung von neuen Ungerechtigkeiten und Knebelung des freien Geistes. Adler hat mit seiner Einschätzung des Bolschewismus vollumfänglich recht behalten.

In einer anderen Schrift jener Zeit befaßte sich Adler mit "massenpsychologischen Überlegungen über die Schuld des Volkes am Krieg" (1919). Schon damals grassierte die These von der Kollektivschuld aller Menschen am Krieg; sie wurde 1946 wiederum aktiviert angesichts der Frage nach der Kollektivschuld der Deutschen hinsichtlich der Massenverbrechen des Nationalsozialismus. Adler verneinte entschieden eine solche Kollektivschuld-theorie. Für ihn war das Volk nicht kriegerisch. Der Mensch ist - im Sinne seiner Individualpsychologie - gut und nicht böse, aber unwissend und verführbar. Durch einen riesigen Aufwand an Propaganda und Verhetzung kann man das Volk zu jeder Untat motivieren. Das wird auch erleichtert durch die Erziehung zum Gehorsam und zur Unterwürfigkeit, zur Anbetung von Autoritäten, die Götzen aus Lehm sind. So kam der Erste Weltkrieg durch die entsetzliche Verantwortungslosigkeit der Führungsschichten zustande, die durch eine käufliche und korrupte Intelligenz unterstützt wurden, welche dem Volk eine Ideologie des Hasses, der nationalen Selbstbeweihräucherung und der militaristischen Destruktionsleidenschaft einflößte. Man solle nun nachträglich nicht das Volk anschuldigen, sondern ihm bessere Bildungsmöglichkeiten, wirtschaftliches Auskommen und geistige Unabhängigkeit ermöglichen. Die Politik, seit Jahrtausenden ein Tummelplatz von Machtgier und Lebenslüge, soll ein Betätigungsbereich von Gemeinschaftsgefühl und Vernunft werden.

Adler schreibt in der genannten "massenpsychologischen Studie": "Nun will man diesem Volk vor der Mitwelt die Schuld an diesem Kriege aufbürden. Nein! Wer in seiner Mitte geweilt hat, wird dieses Volk von jeder Schuld am Kriege freisprechen. Es war unmündig, hatte keine Richtungslinien und keine Führer. Es wurde zur Schlachtbank gezerrt, gestoßen, getrieben. Keiner sagte ihm die Wahrheit. Seine Schriftsteller und Zeitungsschreiber standen im Banne oder im Solde der Militärmacht. Aus der Schande seiner Entehrung versuchte es sich unter die Fahne seines Bedrückers zu retten. Aus Schamgefühl über die frühere und gegenwärtige Entehrung schweigt es noch heute. Wenn Menschen Sklavendienste leisten sollen, wenn sie hungern, frohnden, zahlen und büßen sollen, dann halte man sich an alle, die das Höllenwerk ersannen, vollbrachten und an ihm mit Vorbedacht teilgenommen haben, Dem Volke aber soll Abbitte geleistet werden. Wenden wir uns zur Beratung, wie ihm sein Schaden vergütet werden kann. (A. Adler: "Die andere Seite: eine massenpsychologische Studie über die Schuld des Volkes", Wien 1919, S.16)

Mit einer solchen Einstellung konnte Adler bei den Politikern nicht viel Sympathie finden. Er hatte auch in seiner eigenen "individualpsychologischen Bewegung" damit Schwierigkeiten. Unter seinen Schülern gab es Linksradikale und Reaktionäre, die nicht so recht in den Rahmen der "Individualpsychologie" paßten. Daher mußte es früher oder später zu Abspaltungen kommen.

Führende Kommunisten unter Adlers Schülern waren der bereits erwähnte Manes Sperber, Otto Rühle und seine Gattin Alice Rühle-Gerstl. Diese "kommunistische Fraktion" begann in den späten Zwanzigerjahren zu revoltieren. Der Nationalsozialismus drängte damals zur Macht, und viele meinten, die einzige Alternative zum Faschismus sei der Bolschewismus, der in der Großmacht Rußland seinen Stützpunkt habe. Adler konnte trotz aller Abscheu vor den Faschisten dieser Argumentation nicht folgen. Daher wurde er von Sperber und seinen Gefolgsleuten als "Sozialfaschist" deklariert - ähnlich wurden auch die Sozialdemokraten von den radikaleren Kommunisten als "Feind Nummer 1" tituliert. Das muß für Adler sehr schmerzlich gewesen sein; hatte er doch Sperber schon als Jüngling unter seine Fittiche genommen und sorgfältig herangebildet. Aber auch dieser Möchtegern-Revoluzzer kam einige Jahre später zur Besinnung. Als sich die Scheußlichkeiten von Stalins Terrorregime mehr und mehr enthüllten, gingen auch Sperber und anderen Radikalinskis die verschlafenen Augen auf: Er hat dann in seiner mit Recht berühmten Romantrilogie "Wie eine Träne im Ozean" von den politischen Illusionen seiner Jugend Abschied genommen.

Fast gleichzeitig mit der Trennung von der "individualpsychologischen Linken" mußte sich Adler mit dem rechten Flügel seiner Bewegung auseinandersetzen. Hier hatte er mit Leuten zu tun, die mit dem Katholizismus und sogar dem Faschismus liebäugelten. Katholische Adlerianer waren u.a. Oswald Schwarz und Rudolf Allers; auch Viktor E. Frankl gehörte zu dieser Gruppe. Adler brach mit dieser Fraktion, die die "thomistische Philosophie" mit seiner Individualpsychologie vermengen wollte, was der Atheist Adler als unerträglich empfinden mußte. Sowohl Oswald Schwarz als auch Rudolf Allers haben dann ihre "fromme Version" von Individualpsychologie in einigen Büchern publiziert; Frankl jedoch machte nach dem Zweiten Weltkrieg Karriere, indem er seine phänomenologisch und religiös revidierte Individualpsychologie als "Existenzanalyse und Logotherapie" zu einem "Originalprodukt" stempelte. Es ist verblüffend, wieviele Adlersche Konzepte und Einsichten bei Frankl in eleganter Formulierung umgetauft worden sind, nicht zum Schaden des Autors, der durch seine beredte Gegenaufklärung in der Tiefenpsychologie vor allem in den USA hohen Ruhm erlangte.

Ebenfalls ein konservativer Geist war Fritz Künkel, der in Berlin die Individualpsychologie repräsentierte. Er arbeitete viel mit protestantischen Geistlichen zusammen. Seine "dialektische Charakterkunde" und seine "Vitale Dialektik" fanden viel Anklang in den Zwanzigerjahren. Tatsächlich war Künkel ein ausgezeichneter Schriftsteller, der in einprägsamen Formulierungen Adlersche Befunde didaktisch auswertete. Dabei wurde das "Gemeinschaftsgefühl" zur "Sachlichkeit", das "Geltungsstreben" zur "Ichhaftigkeit", die "Gemeinschaft" zum "Wir" usw. Adler akzeptierte zunächst die Leistungen von Künkel und seiner Frau, aber mit der Zeit wurden auch hier unüberbrückbare Antagonismen fühlbar.

Künkel, ein Invalide des Ersten Weltkriegs (er hatte einen Arm verloren), liebte nationalistische und militaristische Gleichnisse und Musterbeispiele. Auch wurde das "Wir" bei ihm unversehens zur Volks- und Glaubensgemeinschaft: was Adler ablehnte. Denn für ihn bedeutete "Gemeinschaftsgefühl" das Anstreben einer universalen Menschengemeinschaft, ohne Barrieren von Rasse, Nation, Konfession, Klasse usw. Der Bruch mit Künkel wurde unvermeidlich, als dieser beim Mächtigerwerden der Nationalsozialisten sogar rassistische Töne in seine Texte einfließen ließ. Manes Sperber erzählt, daß er sich um 1930 um eine Versöhnung zwischen Adler und Künkel bemüht habe. Es kam zu einer Zusammenkunft im Berliner Hotel "Kempinski", aber die Stimmung blieb steif und frostig. In der allgemeinen Verlegenheit soll Adler halb ironisch geäußert haben, es gäbe doch etwas Gemeinsames zwischen ihm und Künkel: ihre Anzüge seien zufällig vom selben Stoff geschneidert.

Als Hitler an der Macht war, lud Künkel Adler nach Berlin ein, damit er die Errungenschaften des neuen Systems selbst beurteilen könne. Nach der Mitteilung von Phyllis Bottome sagte Adler dem Überbringer dieser Einladung, er solle Künkel erzählen, er (Adler) habe nur gelacht.

Aber die Zeiten waren keineswegs zum Lachen. In Österreich selbst hatte der Austrofaschismus, eine katholische Spielart der rechtsextremistischen Diktatur, die Herrschaft. Alle Sozialisten und Sozialistenfreunde waren in Gefahr, widerrechtlich eingesperrt und beruflich behindert zu werden. Die Erziehung in den Schulen wurde wieder autoritär und religiös ausgerichtet: Schon anfangs 1930 mußte der Schulalltag - wie früher - mit dem "Vaterunser" beginnen. Adlers Erziehungsberatungsstellen wurden in ihrer Arbeit eingeschränkt. So mußte er erkennen, daß er in seiner Heimat keine großen Entfaltungsmöglichkeiten mehr hatte.

1926 reiste Adler erstmals in die USA, um dort seine Lehre zu propagieren. Er hielt Vorträge an vielen Universitäten und vor Laienpublikum, und sein Erfolg war gewaltig. Das erziehungsgläubige Amerika schien seine Botschaft von einer verstehenden, antiautoritären Pädagogik mit Begeisterung aufzunehmen. Dementsprechend war auch Adler von den US-Amerikanern entzückt. Bei seiner Rückkehr nach Wien feierte er die USA auch in kultureller Hinsicht als ein "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Dort sollte die Individualpsychologie Wurzel schlagen, wenn in Europa überall die diktatorische Regime triumphierten.

Damit vollzog Adler eine Einschätzung der Amerikaner, die merklich von derjenigen Freuds abwich. Auch Freud war 1909 in den USA gewesen und dort freundlicher empfangen worden, als er es in Europa gewohnt war. Gleichwohl äußerte der scharfe Menschenkenner: "Ich halte Amerika für ein sehr großes Experiment - aber es ist nach meiner Ansicht mißlungen!"

Politisch wache Geister sahen deutlich genug, daß in den USA die Technokratie, die reine Wirtschaftsmentalität und der Kulturmangel stehende Konstanten des gesellschaftlichen Lebens waren und sind. Den USA fehlt eine langdauernde Kulturtradition; daher ist das Leben abseits von den Großstädten beherrscht von Frömmelei und dürftigem Puritanismus, der durch kein "Jahrhundert der Vernunft" erschüttert wurde. Amerika hat weder ein Zeitalter der Aufklärung noch eine sozialistische Tradition gehabt. Man kann im Hinblick auf Geist, Freiheit, Vernunft und Fortschritt von diesem Land nicht allzu viel erwarten.

Der ansonsten scharfblickende Adler wollte diese traurigen Tatsachen nicht anerkennen; es blieb auch kaum eine Wahl: er mußte auf die "Karte USA" setzen. Denn in Europa war für ihn und seine Lehre nichts mehr zu hoffen.

So pendelte er seit 1926 zwischen Europa und den USA hin und her; monatelang war er jenseits des Ozeans, kehrte aber immer nach Hause zurück, da seine Familie in Wien blieb. Auch hielt er gerne Sommer- oder Winterkurse in europäischen Städten ab, sofern dies die politischen Verhältnisse noch ermöglichten. Ab 1929 war er Gastprofessor an der Columbia University von New York; 1932 erhielt er einen Lehrstuhl für Medizinische Psychologie am Long Island College (New York). Erst 1934 übersiedelte er mit seiner ganzen Familie in die USA.

Er war eifrig bemüht, weiterhin zu publizieren, um die Individualpsychologie auch theoretisch weiter auszubauen. 1929 veröffentlichte er das Buch "Problems of Neurosis", das sehr eingängige Falldarstellungen vermittelt. 1930 erschien "The Education of Children"; im selben Jahr "Die Technik der Individualpsychologie. Die Seele des schwer erziehbaren Schulkindes". 1931 wurde "What Live Should Mean to You" publiziert; zwei Jahre vorher war ein ähnliches Werk unter dem Titel "The Science of Living" erschienen. In diesen späten Texten wird Adler zum Lebensphilosophen. Er postuliert ein natürliches Vollkommenheitsstreben im gesamten Reich des Lebendigen, besonders aber im Menschen; nur unter dem Einfluß pervertierter Kulturverhältnisse entartet dieses Perfektionsbedürfnis in Machtgier und zügellose Eitelkeit, hinter denen allemal Angst und Todesfurcht lauern. Die einzig richtige Antwort auf die Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit des Menschen ist jedoch soziale und kulturelle Beitragsleistung. Daher ist "social interest" das Leitmotiv einer jeglichen Psychologie und Psychohygiene, die die conditio humana richtig einschätzt und beurteilt.

Man begreift: Adlers Spätphilosophie weicht merklich von derjenigen Freuds ab, die zutiefst pessimistisch und stellenweise sogar hoffnungslos zu sein scheint. Wie Freud in "Das Unbehagen in der Kultur" ausführt, sind die Menschen primär feindlich gegeneinander; die Aggression beherrscht in ihren tausenderlei Spielarten das Leben in der Geschichte und im Alltag. Aber diese Aggression selbst ist nur eine Äußerungsform des allmächtigen "Todestriebes", gegen den der "Eros" kaum ins Gewicht fällt. Das Ziel alles Lebens - so folgert Freud - ist der Tod.

Adlers Lebensgläubigkeit hebt sich vorteilhaft gegen diese Schwarzseherei ab, für die Freud allerdings angesichts der Zeitereignisse nicht wenig Beweismaterial vorführen konnte. Denn der faschistische Schock saß um 1930 allen Humanisten und Freunden der Kultur tief in den Gliedern. Es ist sehr bedauerlich, daß sowohl Freud als auch Adler sich nicht zusammenhängend über die Psychologie des Nationalsozialismus ausgelassen haben. In Freuds "Massen-psychologie und Ich-Analyse" aus dem Jahre1921 wird zwar vorweg nehmend sehr viel "Psychologie des Massenzeitalters" doziert; aber zum erstaunlichen Phänomen der deutschen Massenpsychose hat Freud (außer in einigen Briefstellen) geschwiegen. Auch Adler kommentierte das wahnwitzige Geschehen in Deutschland nur ganz beiläufig. Als Hitler gewählt wurde, sagte Adler in Anspielung an ein Theaterstück von Pirandello ("Sechs Personen suchen einen Autor") und auf Shakespeares "Sommernachtstraum", wo ein Mensch in einen Esel verwandelt wird und sich alle darüber wundern: "65 Millionen Menschen suchen einen Esel!"

Wilhelm Reich war der einzige Psychoanalytiker, der eine großangelegte "Massenpsychologie des Faschismus" (1933) ausarbeitete; sie ist aber leider extrem sexualistisch und marxistisch, so daß ihr intellektueller Wert nicht allzu hoch angesetzt werden darf.

Vielleicht hat die Bedrohung durch den Nationalsozialismus Adlers Einstellung zur Religion verändert. Wir nannten ihn bereits einen radikalen Atheisten, aber in den Dreißigerjahren war Adler doch bereit, mit gutwilligen Pastoren zusammenzuarbeiten. So publizierte er mit dem Pfarrer Ernst Jahn zusammen das Büchlein "Religion und Individualpsychologie" (1933), worin Übereinstimmungen zwischen dem Christentum und der Adlerschen Lehre gesucht und (etwas gewaltsam) gefunden werden. Nach Adler ist die Gottesidee eine der besten Konkretisierungen des "menschlichen Vollkommenheitsstrebens"; auch ist das Gebot "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!" eine frühe Verlautbarung der Stimme des unsterblichen Gemeinschaftsgefühls im Menschen. Pastor Jahn ist mit dieser "Säkularisierung" der religiösen Heilsbotschaft nicht recht zufrieden und demonstriert mit Theologen-Logik die Überlegenheit der Religion über die Psychologie als Wissenschaft. Der gütige Adler macht gute Miene zum bösen Spiel und läßt sogar durchblicken, daß Geistliche vortrefflich dazu disponiert seien, als Psychohygieniker zu wirken. Die Realität des "Dritten Reiches" hat allerdings diese Gutgläubigkeit des Psychologen arg widerlegt. Die ganze Geistlichkeit auf katholischer und protestantischer Seite schwenkte (von wenigen Ausnahmen abgesehen) in den Nationalsozialismus ein und unterstützte den "Führer" in seinem "herrlichen Abwehrkampf gegen den Bolschewismus im Osten". Der Klerus war zu allen Zeiten auf der Seite der weltlichen Machthaber!

Vermutlich gibt es eine Stellungnahme Adlers zum Faschismus sous-entendu in seinem tiefgründigen Alterswerk "Der Sinn des Lebens" (1933). Er verbreitet sich in diesem Buch über Fehleinstellungen bei Individuen und bei großen sozialen Gruppen; nicht nur der Einzelne, auch ganze Völker können den "Sinn des Lebens" falsch auffassen. Die Folgen sind dann verheerend (loc. cit. S. 185):

"Das Wohl der Allgemeinheit, die Höherentwicklung der Menschheit basieren auf den ewig unvergänglichen Forderungen unserer Vorfahren. Deren Geist bleibt ewig lebendig. Er ist unsterblich, wie andere es in ihren Kindern sind. Auf beide gründet sich die Fortdauer des menschlichen Geschlechtes. Sein Wissen darum ist überflüssig. Die Tatsachen gelten. Die Frage des rechten Weges scheint mir gelöst, wenngleich wir oft im Dunkeln tappen. Wir wollen nicht entscheiden, nur das eine können wir sagen: eine Bewegung des Einzelnen und eine Bewegung der Massen kann für uns nur als wertvoll gelten, wenn sie Werte schafft für die Ewigkeit, für die Höherentwicklung der gesamten Menschheit. Man soll sich, um diese These zu entkräften, weder auf die eigene noch auf die fremde Dummheit berufen. Daß es sich nicht um den Besitz der Wahrheit, sondern um das Streben danach handelt, ist selbstverständlich.

Noch schlagkräftiger, um nicht zu sagen selbstverständlicher, wird diese Tatsache, wenn wir fragen: was geschah mit jenen Menschen, die nichts zum Wohle der Allgemeinheit beigetragen haben? Die Antwort lautet: sie sind bis auf den letzten Rest verschwunden. Nichts ist übrig von ihnen, sie sind leiblich und seelisch ausgelöscht. Die Erde hat sie verschlungen. Es ging mit ihnen wie mit ausgestorbenen Tierspezies, die keine Harmonie mit den kosmischen Gegebenheiten finden konnten. Da liegt doch eigentlich eine heimliche Gesetzmäßigkeit vor, als ob der fragende Kosmos befehlen würde: Fort mit euch! Ihr habt den Sinn des Lebens nicht erfaßt. Ihr könnt nicht in die Zukunft reichen."

Erst heute können wir den prophetischen Charakter dieser Worte vollumfänglich würdigen. Wer spricht noch vom vielgerühmten "Führer" und seinen in den Himmel gehobenen Vasallen? Sie sind uns ein Greuel: "Nicht gedacht soll ihrer werden, nicht im Liede, nicht im Buche!" (H. Heine).

Aber immer noch wird Adlers Botschaft nicht gehört oder nicht verstanden. Mit seiner leisen und eindringlichen Stimme versuchte er die Menschen dafür zu gewinnen, "Mitmenschen" zu werden. Etwas weiter im genannten Text heißt es daher (S. 189/90):

"Eine genaue Betrachtung des persönlichen Lebens und des Lebens der Masse, der Vergangenheit und der Gegenwart zeigt uns das Ringen der Menschheit um ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. Es ist kaum zu übersehen, daß die Menschheit um dieses Problem weiß und von ihm durchdrungen ist. Was in der Gegenwart auf uns lastet, stammt aus dem Mangel sozialer Durchbildung. Was in uns drängt, um auf eine höhere Stufe zu kommen, von den Fehlschlägen unseres öffentlichen Lebens und unserer Persönlichkeit frei zu werden, ist das gedrosselte Gemeinschaftsgefühl. Es lebt in uns und sucht sich durchzusetzen, es scheint nicht stark genug zu sein, um sich trotz aller Widerstände zu bewähren. Es besteht die berechtigte Erwartung, daß in viel späterer Zeit, wenn der Menschheit genug Zeit gelassen wird, die Kraft des Gemeinschaftsgefühls über alle äußeren Widerstände siegen wird. Dann wird der Mensch Gemeinschaftsgefühl äußern wie Atmen. Bis dahin bleibt wohl nichts anderes übrig, als diesen notwendigen Lauf der Dinge zu verstehen und zu lehren.

Wir sind beim Schlußkapitel von Adlers Leben und Wirken angelangt. Seine letzten Jahre waren voller Tätigkeit und Anspannung, aber wahrscheinlich eher bedrückend. In den frühen Dreißigerjahren, als er in New York allein lebte, war er wohl umgeben von Freunden, Patienten, Schülern und Bewunderern, aber er vermißte seine über alles geliebte Familie, die noch in Wien weilte. Er entwickelte damals, wohl aus seiner Einsamkeit heraus, eine Leidenschaft für das Kino, in das er sich zurückzog, wenn er sich vom Trubel um ihn herum erholen wollte. Ein Herzleiden begann ihn damals zu belästigen und in seiner Wirksamkeit einzuschränken.

Es muß ihn stark irritiert haben, daß die orthodoxe Psychoanalyse in der Gunst der Amerikaner höher stand als seine eigene Lehre. Überall hörte man von Freuds Theorien, die trotz ihres problematischen Gehalts dem Menschen der Gegenwart mehr "einleuchten" als Adlers Konzept einer sozialen und humanistischen Psychologie. Die Schriftstellerin Gina Kaus berichtet in ihrer Autobiographie ("Und was für ein Leben", Hamburg 1979, S. 101) von einer Begegnung mit Adler in New York; Frau Kaus kannte Adler schon seit seiner Frühzeit:

"Fritz Wittels nahm mich mit zu einem Vortrag über Psychoanalyse, zu dem Adler als Gast geladen war. Adler führte aus, wie verschiedene seiner späteren Doktrinen unter anderer Bezeichnung in die psychoanalytische Lehre eingegangen seien. Ein anderer Psychoanalytiker stritt dies in der Diskussion ab. Adler hatte als Gast das Schlußwort, und seine letzten Worte waren: "Mir ist es gleichgültig, unter welchem Namen meine Ideen angewandt werden - solange sie Kranken von Nutzen sind."

Trotz der Mahnungen seiner Freunde fuhr Adler fort, anstrengende Vortragstourneen in den USA und in Europa zu absolvieren. Beim Hinweis auf seine angegriffene Gesundheit vertröstete er seine Ratgeber damit, daß er 1937 ein "Ferienjahr" einschalten werde. Aber im Mai 1937 ging er nach Schottland, um in Aberdeen an der Universität Vorlesungen zu halten. Bei einem Morgenspaziergang glitt er aus und stürzte hin; er konnte sich nicht mehr erheben. Ein vorbeigehender Student versuchte eine Herzmassage; aber Adler konnte nicht wiederbelebt werden. Ein akutes Herzversagen hatte seinem Leben ein Ende bereitet; das war am 28. Mai jenes Jahres. Er wurde in der schottischen Hauptstadt begraben.

Literaturhinweise

Alfred Adler (1909), Studie über Minderwertigkeit von Organen, Frankfurt 1977.
Ders. (1912), Über den nervösen Charakter, Frankfurt 1972.
Ders. (1913), Heilen und Bilden, Frankfurt 1973.
Ders. (1920), Praxis und Theorie der Individualpsychologie, Frankfurt 1974.
Ders. (1927), Menschenkenntnis, Frankfurt 1966.
Ders. (1933), Der Sinn des Lebens, Frankfurt 1973.
Ders. (1929), Individualpsychologie in der Schule 1+2, Frankfurt 1973.
Ders. (1930), Die Technik der Individualpsychologie, Frankfurt 1974.
H. L. u. R. R. Ansbacher, Alfred Adlers Individualpsychologie, München 1972.
Hannes Böhringer, Kompensation und Common Sense - Zur Lebensphilosophie A. Adlers, Frankfurt 1985.
Phyllis Bottome, Alfred Adler, A Portrait from Life, New York 1957
Almuth Bruder-Bezzel, Alfred Adler, Göttingen 1983.
Carl Furtmüller, Denken und Handeln, München 1983.
Bernhard Handlbauer, Die Entstehungsgeschichte der Individualpsychologie A. Adlers, Wien 1984.
Gina Kaus, Und was für ein Leben (Autobiographie), Hamburg
Josef Rattner, Individualpsychologie, München 1963.
Ders., Alfred Adler. Reinbek bei Hamburg 1972.
Ders., Alfred Adler zu Ehren, Berlin 1989.
Ders., Psychohygiene und Psychotherapie im Geiste Alfred Adlers, Berlin 1990.
Manes Sperber, Alfred Adler oder das Elend der Psychologie, Wien 1970.


Diese Datei wurde am 1. September 1997 ins Internet gestellt.

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