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SCHLÜSSELBEGRIFFE der INDIVIDUALPSYCHOLOGIE
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Die folgenden Originalzitate Alfred Adlers zu Schlüsselwörtern
der Individualpsychologie sind entnommen aus:
Heinz L. und Rowena R. Ansbacher:
Alfred Adlers Individualpsychologie. Eine systematische Darstellung
seiner Lehre in Auszügen aus seinen Schriften. München/Basel
1975.
- Zusammengestellt von Dr.Rüdiger Schlott und Dipl.Psych.
Marianne Roehl-Schlott (Berlin) -
(siehe Impressum)
| Einheit der Person | Erziehung | Finalität / Zielorientierung |
| Gemeinschaftsgefühl | Geschwisterkonstellation | Grundsätze der Individualpsychologie |
| Kindheitserinnerungen und Träume | Kompensation | Lebensstil |
| Machtstreben | Männlicher Protest | Minderwertigkeitsgefühl |
| Minderwertigkeitskomplex | Neurose | Streben nach Überlegenheit |
| Verstehen des Patienten | Zurück zum Überblick... | Impressum |
- Der Mensch ist aus der natürlichen Evolution des Lebens als soziales Lebewesen hervorgegangen. Als solches ist er weder raubtierhaft noch böse. Für die Mißstände des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens können wir nicht die menschliche Natur anschuldigen. Sie stammen vielmehr aus historischen Altlasten, die wir noch nicht beseitigen konnten (Autoritarismus, Patriarchat, religiöser Dogmatismus, grobe Vernachlässigung von Erziehung und Bildung, empörende Gegensätze zwischen Armut und Reichtum, Nationalismus und Militarismus). Unter annehmbaren kulturellen und erzieherischen Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten lernt der Mensch, Solidarität und gegenseitige Hilfe an den Tag zu legen. Das Gemeinschaftsgefühl als spontanes soziales Bemühen ist als Disposition angeboren, muß aber eigens entwickelt werden.
- Menschsein heißt auch, sich unzulänglich und minderwertig fühlen. Diese Gefühle sind mit der Angst verwandt und tief in der fragilen menschlichen Seinsverfassung verankert. Da sie aber ein entscheidendes Stimulans des Wachstums und der kulturellen Entwicklung sind, sollten wir in den eigentlichen Minderwertigkeitsgefühlen etwas Positives sehen. Nur unter sehr unguten Bedingungen verstärkt sich das Minderwertigkeitsgefühl zum Minderwertigkeitskomplex, der jegliche Entwicklungsbestrebungen blockiert.
- Die vielfältigen Komplikationen der individuellen und kollektiven Existenz können auf falsche Kompensationen der Ohnmachts- und Minderwertigkeitsgefühle zurückgeführt werden. Sie bestehen in Verhaltensweisen und Institutionen, die Macht und Herrschaft intendieren. Je unsicherer und in seiner Selbstachtung bedrohter sich ein Individuum oder ein Kollektiv fühlt, um so mehr wird es um Geltung, Überlegenheit und Herrschaft ringen.
- Die einzig richtige Kompensation von Unzulänglichkeitsgefühlen sind Solidarität und produktive Zusammenarbeit. Unsere Ängste können sich mildern, wir können produktiv und glücksfähig werden, wenn wir Gleichwertigkeit und Kooperation praktizieren.
- Der Charakter des Menschen ist nicht angeboren. Er ist die soziale Antwort, die sich der Mensch als Kind auf seine Umgebung gegeben hat. Was das Kind vorfindet an familiären, gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen, das verwendet es in schöpferischer Weise als Bausteine seiner Selbstgestaltung: Es wird zum Künstler seines Charakters und seines Lebensstils. Der Mensch ist Bild und Künstler zugleich.
"Bedenkt man, daß eigentlich jedes Kind dem Leben gegenüber minderwertig ist und ohne ein erhebliches Maß von Gemeinschaftsgefühl der ihm nahestehenden Menschen gar nicht bestehen könnte, faßt man die Kleinheit und Unbeholfenheit des Kindes ins Auge, die lange anhält und ihm den Eindruck vermittelt, dem Leben nur schwer gewachsen zu sein, dann muß man annehmen, daß am Beginn jedes seelischen Lebens ein mehr oder weniger tiefes Minderwertigkeitsgefühl steht. Dies ist die treibende Kraft, von der alle Bestrebungen des Kindes ausgehen, und sich entwickeln, die ein Ziel erfordert, von dem das Kind alle Beruhigung und Sicherstellung seines Lebens für die Zukunft erwartet und die einen Weg einzuschlagen zwingt, der zur Erreichung dieses Zieles geeignet erscheint."
(Menschenkenntnis 1927, S. 47f. / Ansbacher S.125)
"Das Minderwertigkeitsgefühl beherrscht das Seelenleben und läßt sich leicht aus dem Gefühl der Unvollkommenheit, der Unvollendung und aus dem ununterbrochenen Streben des Menschen und der Menschheit verstehen."
(Der Sinn des Lebens 1933, S. 67 / Ansbacher S.126)
"Schwierige Fragen im Leben, Gefahren, Nöte, Enttäuschungen, Sorgen, Verluste, besonders solche geliebter Personen, sozialer Druck aller Art, sind wohl immer im Bilde des Minderwertigkeitsgefühls zu sehen, meist in allgemein bekannten Affekten und Stimmungslagen , die wir als Angst, Kummer, Verzweiflung, Scham, Scheu, Verlegenheit, Ekel usw. kennen."
(Der Sinn des Lebens 1933, S.71 / Ansbacher S.126)
"Minderwertigkeitsgefühle sind nicht an sich abnormal. Sie sind die Ursache für alle Verbesserungen in der Lage der Menschheit. Selbst die Wissenschaft z.B. kann nur entstehen, wenn Menschen ihre Unwissenheit und die Notwendigkeit empfinden, die Zukunft vorauszusehen. Sie ist das Ergebnis des Strebens der Menschen, ihre ganze Lage zu verbessern, um mehr vom Universum zu wissen, um es besser kontrollieren zu können. Unsere ganze menschliche Kultur scheint tatsächlich auf Minderwertigkeitsgefühlen zu ruhen."
(What Life Should Mean To You 1931, S.55 / Ansbacher S.126)
"Um die Lösung der wichtigsten Fragen, wie aus dem Minderwertigkeitsgefühl und seinen körperlichen und seelischen Folgen beim Zusammenstoß mit einem Lebensproblem der Min-derwertigkeits(symptom)komplex entsteht, habe ich lange gerungen. Mir ergab sich die Lösung wie bezüglich aller anderen Fragen im Gesichtsfeld der Individualpsychologie, wo alles aus einem und eines aus allem zu erklären war. Der Minderwertigkeitskomplex, das heißt die dauernde Erscheinung der Folgen des Minderwertigkeitsgefühls, das Festhalten an demselben, erklärt sich aus dem größeren Mangel an Gemeinschaftsgefühl."
(Der Sinn des Lebens 1933, S.78 / Ansbacher S.248 )
"Wir sollten nicht überrascht sein, wenn wir in den Fällen, wo wir einen Minderwertigkeits(gefühl)komplex sehen, mehr oder weniger versteckt einen Überlegenheitskomplex finden. Auf der anderen Seite können wir, wenn wir einen Überlegenheitskomplex untersuchen und seine Fortsetzung studieren, immer einen mehr oder weniger verborgenen Minderwertigkeits(gefühl)komplex finden."
(The Science of Living 1929, S.78f. / Ansbacher S. 248f.)
"Im Jahre 1907 habe ich in einer >Studie über Minderwertigkeit von Organen< ... den Nachweis erbracht, daß die angeborenen Konstitutionsanomalien nicht nur als Erscheinungen der Degeneration aufzufassen seien, sondern daß sie auch oft den Anlaß geben zu kompensatorischen Leistungen und Überleistungen sowie zu bedeutungsvollen Erscheinungen der Korrelation, zu denen die verstärkte psychische Leistung wesentlich beiträgt. Diese kompensatorische, seelische Anstrengung geht oft, um die Anpassung im Leben bewältigen zu können, auf anderen, neuen Wegen, und erfüllt so den Zweck, ein gefühltes Defizit zu decken."
(Praxis und Theorie der Individualpsychologie 1920, S. 21 / Ansbacher S.235)
"Je größer das Minderwertigkeitsgefühl, um so dringender und stärker wird das Bedürfnis nach einer sichernden Richtungslinie, um so schärfer tritt sie hervor, und wie die Kompensation im Organischen ist die Wirksamkeit der psychischen Kompensation an die Leistung einer Mehrarbeit geknüpft und bringt auffallende, oft mehrwertige und neuartige Erscheinungen im Seelenleben mit sich."
(Über den nervösen Charakter 1912, S.35 / Ansbacher S.109)
"Das Ziel: groß zu sein, stark zu sein, ein Mann, oben zu sein, wird in der Person des Vaters, der Mutter, des Lehrers, des Kutschers, des Lokomotivführers usw. symbolisiert, und das Gebaren, die Haltung, identifizierende Gesten, das Spiel der Kinder und ihre Wünsche, Tagträume und Lieblingsmärchen, Gedanken über ihre künftige Berufswahl zeigen uns an, daß die Kompensationstendenz am Werke ist und Vorbereitungen für die zukünftige Rolle trifft."
(Über den nervösen Charakter 1912, S.25 / Ansbacher S.110)
"Nur dasjenige Kind, welches zum Ganzen etwas beizutragen wünscht, dessen Interesse nicht auf sich selbst gerichtet ist, kann erfolgreich an der Kompensation von Fehlern arbeiten. Wenn Kinder nur wünschen, Schwierigkeiten loszuwerden, werden sie zurückbleiben. Sie können nur dann mutig bleiben, wenn sie ein Ziel für ihre Anstrengungen haben und das Ziel für sie bedeutender ist, als die Hindernisse, die ihnen im Weg stehen."
(What Life Should Mean to You 1931, S.36 / Ansbacher S.122)
"Als normale Gefühle sind das Streben nach Überlegenheit und das Gefühl der Minderwertigkeit von Natur aus komplementär; wir würden nicht nach Überlegenheit und Erfolg streben, wenn wir in unserem gegenwärtigen Zustand nicht einen gewissen Mangel empfinden würden."
(The Science of Living 1929, S. 79 / Ansbacher S. 249)
"Der Überlegenheitskomplex ist ein Weg, den ein Mensch mit einem Minderwertigkeits(gefühl)komplex einschlägt, um seinen Schwierigkeiten zu entkommen. Er nimmt an, daß er überlegen ist, wenn er es nicht ist; und dieser falsche Erfolg kompensiert seinen Zustand der Minderwertigkeit, den er nicht ertragen kann. Der Normale hat keinen Überlegenheitskomplex, er hat nicht einmal ein Überlegenheitsgefühl. Er besitzt das Streben nach Überlegenheit in dem Sinne, daß wir alle den Ehrgeiz haben, erfolgreich zu sein; aber solange das Streben in der Arbeit seinen Ausdruck findet, führt es nicht zu falschen Wertschätzungen, die die Ursache der seelischen Krankheit sind."
(The Science of Living 1929, S.85 / Ansbacher S.250)
"Der Überlegenheitskomplex, wie ich ihn beschrieben habe, erscheint meist klar gekennzeichnet in Haltung, Charakterzügen und Meinungen von der eigenen übermenschlichen Gabe und Leistungsfähigkeit. Auch in den übertriebenen Ansprüchen an sich und die anderen kann er sichtbar werden. Die Nase hoch tragen, Eitelkeit in bezug auf äußere Erscheinung, sei diese nobel oder vernachlässigt, aus der Art fallende Trachten, übertrieben männliches Auftreten bei Frauen, weibisches bei Männern, Hochmut, Gefühlsüberschwang, Snobismus, Prahlsucht, tyrannisches Wesen, Nörgelsucht, die von mir als charakteristisch beschriebene Entwertungstendenz, übertriebener Heroenkult sowie eine Neigung, sich an Prominente anzubiedern oder über Schwache, Kranke, über Personen von geringen Dimensionen zu gebieten, Betonung der besonderen Eigenart, Mißbrauch von wertvollen Ideen behufs Entwertung von anderen usw., können die Aufmerksamkeit auf eine aufzufindenden Überlegenheitskomplex lenken. Ebenso Affektsteigerungen wie Zorn, Rachsucht, Trauer, Enthusiasmus, habituell schallendes Lachen, Weghören und Wegblicken beim Zusammentreffen mit anderen, das Lenken des Gesprächs auf die eigene Person, habitueller Enthusiasmus bei oft nichtigen Angelegenheiten bezeugen recht häufig ein Minderwertigkeitsgefühl, auslaufend in einen Überlegenheitskomplex. Auch gläubige Annahmen, Glaube an telepathische oder ähnliche Fähigkeiten, an prophetische Eingebungen erwecken mit Recht den Verdacht auf einen Überlegenheitskomplex."
(Der Sinn des Lebens 1933, S. 81f. / Ansbacher S. 250)
"Das neurotische Ziel der Überlegenheit wird immer - mehr oder weniger - mit der männlichen Rolle identifiziert, der sowohl reale als auch imaginäre Privilegien eingeräumt werden, mit denen unsere derzeitige Kultur den Mann belohnt hat. Das Minderwertigkeitsgefühl eines Mädchens kann sich enorm steigern, wenn es bemerkt, daß es eine Frau ist; und das eines Jungen, wenn er an seiner Männlichkeit zweifelt. Beide kompensieren mit einer Übertreibung dessen, von dem sie meinen, daß es männliches Verhalten sei. Diese Form der Kompensation, die den Umständen gemäß die mannigfachsten und verworrensten Folgen haben kann, entspricht dem, was ich den männlichen Protest genannt habe."
(Problems of Neurosis 1929, S.42 / Ansbacher S.293)
"Der Neurotiker strebt nach persönlicher Macht und, indem er so handelt, erwartet er einen Beitrag von der Gruppe, in der er lebt, während der Normale nach Vollendung strebt, die allen dient."
(Beihefte Zeitschrift für angewandte Psychologie 1931, S.1-14 / Ansbacher S. 124)
"Die Anschauungen der Individualpsychologie verlangen den bedingungslosen Abbau des Machtstrebens und die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls. Ihre Losung ist der Mitmensch, die mitmenschliche Stellungnahme zu den immanenten Forderungen der menschlichen Gesellschaft."
(Beihefte Zeitschrift für angewandte Psychologie 1931, S. VI / Ansbacher S. 124)
"Gemeinschaftsgefühl ist die wahre und unvermeidliche Kompensation für all die natürlichen Schwächen eines Einzelmenschen. Der Mensch ist, sogar biologisch betrachtet, eindeutig ein soziales Wesen, das bis zu seiner Reife über viel längere Zeit als das Tier von anderen abhängig ist. Die menschliche Mutter ist ebenfalls vor, während und nach der Niederkunft viel abhängiger. Solange das Minderwertigkeitsgefühl nicht zu groß ist, wird ein Kind immer auf der nützlichen Seite des Lebens streben. Ein solches Kind, das sein Ziel verfolgt, interessiert sich immer für andere. Gemeinschaftsgefühl und soziale Anpassung sind die richtigen und normalen Kompensationen."
(The Education of Children 1930, S. 10f. / Ansbacher S. 159)
"Die Erkenntnis und das Gefühl, wertvoll zu sein, die einzige Erlösung aus dem stets antreibenden Minderwertigkeitsgefühl, stammt aus der Beitragsleistung zum allgemeinen Wohl. So wie diese Empfindung, wertvoll zu sein, durch nichts anderes ersetzt werden kann, so verspricht auch in dem allgemein menschlichen Streben, die fliehende Zeit festzuhalten, nicht ganz zu verschwinden aus der Gemeinschaft der Menschen, der Beitrag zum Wohle der Allgemeinheit den Anspruch auf Unsterblichkeit. Der Geist unserer Vorfahren, die etwas zur Wohlfahrt der Menschen beigetragen haben, lebt dauernd unter uns."
(Religion und Individualpsychologie 1933, S. 84 / Ansbacher S. 159)
"Es ist kaum möglich den Wert, den die Steigerung des Gemeinschaftsgefühls mit sich bringt, zu übertreiben. Der Geist wird besser, denn Intelligenz ist eine Gemeinschaftsfunktion. Das Selbstwertgefühl, das Mut und einen optimistischen Standpunkt verleiht, wird gesteigert. und man findet sich mit den allgemeinen Vor- und Nachteilen seines Geschicks ab. Das Individuum fühlt sich im Leben zu Hause und erkennt, daß seine Existenz in soweit wertvoll ist, wie es für andere nützlich ist und wie es allgemeine statt private Minderwertigkeitsgefühle bewältigt. Nicht nur die ethische Natur, sondern auch die richtige Einstellung in Ästhetik, das beste Verständnis für das Schöne und das Häßliche, wird immer im wahrsten Gemeinschaftsgefühl be-gründet sein."
(Problems of Neurosis 1929, S. 79 / Ansbacher S.160)
"Ich will nicht viel über den gewöhnlichen oder kopflosen Fall sprechen, der gelegentlich innerhalb unseres Kreises bei Anfängern gefunden wird, und außerhalb unseres Kreises, als ob das, was wir Gemeinschaft nennen, etwa ein Privatzirkel in unserer Zeit wäre oder ein größerer Kreis, dem man sich anschließen müsse. Gemeinschaftsgefühl besagt viel mehr; vor allem besagt es: Fühlen mit der Gesamtheit >sub specie aeternitatis<, ein Streben nach einer Gemeinschaftsform, die für ewig gedacht werden muß, wie sie etwa gedacht werden könnte, wenn die Menschheit das Ziel der Vollkommenheit erreicht hat. Es handelt sich niemals um eine gegenwärtige Gesellschaft oder Gemeinschaft, auch nicht um politische oder religiöse Formen, sondern das Ziel, das zur Vollkommenheit am besten geeignet ist, müßte ein Ziel sein, das die ideale Gemeinschaft der ganzen Menschheit bedeutet, die letzte Erfüllung der Evolution."
(Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 1933, S.260f./ Ansbacher S.147f.)
"Es gibt nur einen einzigen Grund, warum ein Mensch auf die unnnützliche Seite abbiegt: die Furcht vor einer Niederlage auf der nützlichen Seite. In dieser Furcht kann man das vergrößerte Minderwertigkeitsgefühl des Patienten, ferner sein Zögern, Haltmachen oder seine Flucht vor der Lösung eines der sozialen Probleme des Lebens (es gibt keine anderen) sehen. Da alle Fragen des Lebens ein entwickeltes Gemeinschaftsgefühl fordern, der Patient dieses aber in seinem Lebensstil vermissen läßt, so hat er >gewissermaßen< recht, auszuweichen, solange er nicht besser vorbereitet ist. Den Mut, auf der nützlichen Seite vorwärts zu gehen können natürlich nur diejenigen aufbringen, die sich als Teil des Ganzen betrachten, die auf dieser Erde, in dieser Menschheit heimisch sind."
( Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 1927, S.409 / Ansbacher S.162f.)
"Solange sich ein Mensch in einer günstigen Situation befindet, können wir seinen Lebensstil nicht deutlich sehen. In neuen Situationen jedoch, in denen er mit Schwierigkeiten konfrontiert wird, erscheint der Lebensstil klar und deutlich. Ein geübter Psychologe könnte vielleicht sogar den Lebensstil eines Menschen in einer günstigen Situation verstehen. Der Lebensstil wird aber für jeden sichtbar, wenn der Mensch in eine ungünstige oder schwierige Situation gerät."
(The Science of Living 1929, S.99 / Ansbacher S. 175)
"Das Ganze des Lebens, von mir konkret Lebensstil genannt, wird vom Kinde in einer Zeit aufgebaut, wo es weder eine zureichende Sprache noch zureichende Begriffe hat. Wächst es in seinem Sinne weiter, dann wächst es in einer Bewegung, die niemals in Worte gefaßt wurde, daher unangreifbar für Kritik, auch der Kritik der Erfahrung entzogen ist. Man kann hier nicht von einem etwa gar verdrängten Unbewußten reden, vielmehr von Unverstandenem, dem Verstehen Entzogenen."
(Der Sinn des Lebens 1933, S.10 / Ansbacher S.191)
"Der Lebensstil eines Individuums wird im ganzen in der frühesten Kindheit vollendet und er wird solange nicht verändert, wie das Individuum die unvermeidlichen Diskrepanzen zu den unausweichlichen Forderungen der sozialen Probleme nicht versteht. Ich zweifle nicht daran, daß einige Menschen durch Erfahrung ihren fehlerhaften Stil einer sozialen Anpassung näher bringen, aber immer nur dann, wenn ihr >common sense< (eine soziale Funktion) an einer Verbesserung arbeitet. Im andern Falle ändern sich die Fehler, die wir beobachten, nicht im geringsten."
(American Journal of Sociology 1937, S.777 / Ansbacher S.192)
"Nur auf den wiederholt und mit Nachdruck nachgewiesenen Punkt will ich noch einmal hinweisen, daß der verwöhnte Lebensstil in seiner lebendigen Ausgestaltung die Schöpfung des Kindes ist, die freilich von außen her häufig Förderung erfährt. So daß gelegentlich dieser Lebensstil auch dort zu finden ist, wo man gerechterweise nicht von Verwöhnung eher von Vernachlässigung sprechen könnte."
(Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 1936, S.132 / Ansbacher S.233)
"Um alle psychologischen Phänomene zu verstehen, ist, so meint die Individualpsychologie, die Finalität absolut unentbehrlich. Ursachen, Kräfte, Triebe, Impulse u.dgl. können nicht als erklärende Prinzipien herangezogen werden. Das Endziel allein kann Auskunft geben. Erfahrungen, Traumata, sexuelle Entwicklung und Mechanismen können keine Erklärung abgeben, aber die Perspektive, aus der diese Faktoren betrachtet werden, die Betrachtungsweise der Individualpsychologie, welche das ganze Leben dem Endziel unterordnet, kann es."
(Individual Psychology 1926, S.400 / Ansbacher S.104f.)
"Die Wissenschaft der Individualpsychologie entwickelte sich aus dem Versuch heraus, jene geheimnisvolle schöpferische Kraft des Lebens zu verstehen, die sich ausdrückt in dem Wunsch nach Entwicklung, nach Streben, nach Leistung und sogar nach Kompensation von Mängeln auf einem Gebiet, indem sie danach strebt, auf einem anderen Gebiet Erfolg zu haben. Diese Macht ist teleologisch. Sie drückt sich in einem Streben nach einem Ziel aus, und jede körperliche oder seelische Regung ist gezwungen, an diesem Streben mitzuarbeiten. Es ist deshalb absurd, physische Regungen und geistige Verhältnisse losgelöst von dem individuellen Ganzen zu studieren."
(The Science of Living 1929, S.32 / Ansbacher S.105)
"Das Endziel erwächst jedem bewußt oder unbewußt, immer aber in seiner Bedeutung unverstanden. Aus der Einschätzung des einzelnen aber, die meist aber zu einer dauernden Stim-mungslage im Sinne eines Minderwertigkeitsgefühls Anlaß gibt, entspinnt sich entsprechend der unbewußten Technik unseres Denkapparates ein fiktives Ziel als gedachte, endgültige Kompensation und ein Lebensplan als der Versuch einer solchen."
(Praxis und Theorie der Individualpsychologie 3.Aufl.1930, S.3f. / Ansbacher S.105)
"Im Innern eines jeden Menschen existiert die Vorstellung eines (fiktiven) Ziels oder Ideals, das darauf gerichtet ist, über den gegenwärtigen Zustand hinauszukommen und die gegenwärtigen Schwächen und Schwierigkeiten durch die Aufstellung eines konkreten Ziels zu überwinden. Mit Hilfe dieses konkreten Ziels kann sich das Individuum den Schwierigkeiten der Gegenwart überlegen fühlen, weil es den Erfolg der Zukunft im Auge hat."
(The Science of Living 1930, S.34 / Ansbacher S.110)
"Wenn wir die bisher gewonnenen Resultate überblicken, so ergibt sich uns eine fundamentale Anschauung über den Zusammenhang von kindlichem Minderwertigkeitsgefühl, beruhigender und orientierender Zielsetzung und den Anstrengungen und Wegsicherungen, die ein Näherkommen an das Ziel ermöglichen sollen. Es läßt sich nun leicht nachweisen, daß ein verschärftes Unsicherheitsgefühl in der Kindheit eine höhere und unabänderliche Zielsetzung, ein Streben über das menschliche Maß hinaus und zugleich auch die geeigneten Anstrengungen und Sicherungen herbeiführt, ein Ensemble, das uns das Bild jener Erscheinungen gibt, die wir Nervosität nennen, aus denen sich auffallend und schärfer hervortretend, mit aufgepeitschter Aktivität oder im Schein einer irreparablen Passivität, zuweilen in der Maske des Zweifelns und Schwankens der nervöse Charakter hervorhebt."
(Heilen und Bilden 1914, S.134 / Ansbacher S.235)
"Die Neurose und die Psychose sind Kompensationsversuche, konstruktive Leistungen der Psyche, die sich aus der verstärkten und zu hoch angesetzten Leitidee des Kindes mit stärkerem Minderwertigkeitsgefühl ergeben. Die Unsicherheit dieser Kinder im Hinblick auf die Zukunft und auf ihren Erfolg im Leben zwingt sie zu stärkeren Anstrengungen und Sicherungen in ihrem fiktiven Lebensplan und zu Ausbiegungen vor den Fragen des Lebens. Je fixierter und starrer ihr Leitbild, je individueller ihr kategorischer Imperativ ist, umso dogmatischer und prinzipieller ziehen sie die Leitlinie ihres Lebens."
(Über den nervösen Charakter 1912, S.218 / Ansbacher S.267)
"Die Neurose und Psychose können wir in Berücksichtigung der großen Kosten seelischer Art als einen Zusammenbruch bezeichnen. Die Größe des Zusammenbruchs schätzen wir ab nach der Differenz des Neurotikers zum Mitmenschen, der im Gegensatz zum ersteren der Gemeinschaft, ihrer Forderungen und ihrer Güter teilhaftig ist. Dieses Abstandnehmen von den Forderungen der Gemeinschaft erfolgt immer nur bei exklusiven, isolierten Personen, deren Kontakt mit dem Leben immer nur ein loser war und zumeist nur durch den persönlichen Ehrgeiz hergestellt wurde. Die Erfahrung ergibt nun regelmäßig, daß man sämtliche Aufgaben des Lebens in gesellschaftliche, erotische und Berufsaufgaben einteilen kann. Neurotisch Disponierte zeichnen sich dadurch aus, daß sie zu allen diesen Fragen eine falsche Stellung einnehmen, daß sie in ihnen mehr oder weniger nur persönliche Privatangelegenheiten erblicken, daß sie die gemeinschaftlichen Zusammenhänge übersehen und das Allgemeingültige verkennen."
(Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 1923, S.42 / Ansbacher S.234)
"Es ist keine Frage, daß der Neurotiker leidet, aber er zieht dieses Leiden noch immer jenen größeren vor, nämlich bei der Lösung seiner Probleme wertlos zu erscheinen. Er nimmt lieber alle nervösen Leiden in Kauf als die Enthüllung seiner Wertlosigkeit. Er wird darauf bestehen: 'Ich möchte ja gesund werden, ich will von den Symptomen befreit sein.' Deshalb geht er auch zum Arzt. Was er aber nicht weiß, ist, daß er etwas noch mehr fürchtet: als etwas Wertloses dazustehen; es könnte sich etwa das düstere Geheimnis entpuppen, daß er nichts wert sei. Wir sehen nun, was eigentlich Nervosität ist: ein Versuch, dem größeren Übel auszuweichen, ein Versuch, den Schein des Wertes um jeden Preis aufrecht zu erhalten, alle Kosten zu zahlen, aber gleichzeitig zu wünschen, dieses Ziel zu erreichen, auch ohne Kosten zu zahlen."
(Der Sinn des Lebens 1933, S.108f. / Ansbacher S,.253)
"Wie jedermann erlebt auch der Neurotiker seine Konflikte. Sein Lösungsversuch aber unterscheidet ihn klar von allen anderen. Im Bewegungsgesetz des Neurotikers ist der Rückzug vor Aufgaben, die durch eine gefürchtete Niederlage seine Eitelkeit, sein vom Gemeinschaftsgefühl allzu stark getrenntes Streben nach persönlicher Überlegenheit, sein Streben, der Erste zu sein, gefährden könnten, von Kindheit her trainiert. Sein Lebensmotto: 'Alles oder nichts', meist wenig gemildert, die Überempfindlichkeit des stets von Niederlagen Bedrohten, seine Ungeduld, sie Affektsteigerung des wie in Feindesland Lebenden, seine Gier, bringen häufigere und stärkere Konflikte hervor als nötig und machen ihm den durch seinen Lebensstil vorgeschriebenen Rückzug leichter."
(Der Sinn des Lebens 1933, S.113 / Ansbacher S.277)
"Die Betrachtung der Einheit der Persönlichkeit führte uns zu der Überzeugung, daß schon früh (im menschlichen Leben), in den ersten vier oder fünf Jahren, ein Ziel zum Nutzen und zur Steuerung der psychischen Entwicklung aufgestellt wird. Es ist ein Ziel, zu dem alle anderen Strömungen fließen. Ein derartiges Ziel bestimmt nicht nur eine Richtung, die Sicherheit, Macht und Vollkommenheit verheißt, sondern weckt auch durch das, was es verspricht, die entsprechenden Gefühle und Empfindungen. Auf diese Weise mildert das Individuum sein Gefühl der Schwäche durch das Vorgefühl seiner Erlösung."
(Individual Psychology 1926, S.399 / Ansbacher S.111)
"Das Ziel des menschlichen Seelenlebens wird so zum Dirigenten, zur causa finalis, und reißt alles seelische Bewegliche in den Strom des seelischen Geschehens hinein. Hier ist die Wurzel der Einheit der Persönlichkeit, der Individualität. Ihre Kräfte könnten woher immer gekommen sein, nicht woraus sie entstanden sind, sondern, wohin sie gehen, auf was sie hinauslaufen, macht ihre Eigenart aus."
(Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 1923, S.1 / Ansbacher S.106)
"Die Individualpsychologie geht über die Ansichten Kants und neuerer Psychologen und Psychiater hinaus, die ebenfalls den Gedanken der Totalität (Ganzheit) des Menschen angenommen haben. Bei meiner Arbeit fand ich sehr früh, daß der Mensch ein einheitliches Wesen ist. Die dringendste Aufgabe der Individualpsychologie besteht darin, diese Einheit in jedem Menschen zu beweisen - in seinem Denken, Fühlen und Handeln, in seinem sogenannten Bewußtsein wie Unbewußtsein, in jedem Ausdruck seiner Persönlichkeit. Diese Einheitlichkeit nennen wir den Lebensstil des Individuums. Was häufig als Ich bezeichnet wird, ist nichts anderes als der Lebensstil des Individuums."
(Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 1935, S.7 / Ansbacher S.177)
"Jedes Individuum stellt gleichzeitig eine einheitliche Persönlichkeit und die individuelle Gestaltung dieser geschlossenen Einheit dar. Auf diese Weise ist jeder Mensch Bild und Künstler zugleich. Er ist der Künstler seiner eigenen Persönlichkeit, aber als Künstler ist er weder ein unfehlbarer Gestalter noch eine Person, die ihren Leib und ihre Seele voll und ganz versteht. Er ist vielmehr ein schwaches, äußerst fehlbares, unvollkommenes menschliches Wesen."
(The Education of Children 1930, S.5 / Ansbacher S.178)
"Die bis jetzt in meiner Erfahrung am besten bewährten Zugänge zur Erforschung der Persönlichkeit sind gegeben in einem umfassenden Verständnis der ersten Kindheitserinnerungen, der Position des Kindes in der Geschwisterreihe, irgendwelcher Kinderfehler, in Tag- und Nachtträumen und in der Art des exogenen, krankmachenden Faktors. Alle Ergebnisse einer solchen Untersuchung, die auch die Stellung zum Arzt einschließen, sind mit größter Vorsicht zu bewerten und ihr Bewegungsablauf ist stets auf den Gleichklang mit anderen Feststellungen zu prüfen. Auf diese Weise gelingt es, ein getreues Bild vom einheitlichen Lebensstil eines Individuums zu erlangen, gleichzeitig im Falle eines Fehlschlages den Grad der Abweichung zu erfassen, der sich immer als ein Mangel an Anschlußfähigkeit herausstellt."
(Der Sinn des Lebens 1933, S.26 / Ansbacher S.306)
"Alle Mittel der Individualpsychologie, die zum Verständnis der Persönlichkeit führen sollen, rechnen mit der Meinung des Individuums über das Ziel der Überlegenheit, mit der Stärke seines Minderwertigkeitsgefühls und mit dem Grade seines Gemeinschaftsgefühls. Es kann nämlich das Ganze des Individuums nicht aus dem Zusammenhang mit dem Leben - man sagt wohl besser mit der Gemeinschaft - herausgerissen werden.
(Der Sinn des Lebens 1933, S.25 / Ansbacher S.306)
"Die Erinnerungen eines Menschen zählen unter all den seelischen Ausdrucksformen zu denjenigen, die am meisten enthüllen. Seine Erinnerungen sind die Mahner, die er mit sich herumträgt. Sie zeigen ihm seine eigenen Grenzen auf und erklären ihm die Bedeutung der Umstände. Es gibt keine >zufälligen Erinnerungen<: aus einer nicht zu berechnenden Anzahl von Eindrücken, die auf den Menschen einwirken, wählt er für seine Erinnerung nur jene aus, von denen er, wenn auch dunkel, fühlt, daß sie eine Beziehung zu seiner Situation haben. So stellen seine Erinnerungen die >Geschichte seines Lebens< dar; eine Geschichte, die er sich selbst immer wiederholt, damit er gewarnt oder ihm gut zugeredet wird, immer aber, damit er auf sein Ziel ausgerichtet bleibt. Er wird mit Hilfe vergangener Erlebnisse also so vorbereitet, daß er der Zukunft mit einem schon geprüften Handlungsstil gegenübertritt."
(What Life Should Mean to You 1931, S.73 / Ansbacher S.325f.)
"Die Entdeckung der Bedeutung der ersten Erinnerungen ist eine der bedeutendsten Errungenschaften der Individualpsychologie. Hierdurch ist die Zweckgerichtetheit anschaulich gemacht worden, die in der Wahl dessen liegt, was am längsten in der Erinnerung bleibt, obwohl die Erinnerung selbst ganz bewußt ist oder bei einer Befragung leicht ans Tageslicht gefördert werden kann. Richtig verstanden, weisen uns diese bewußten Erinnerungen auf Tiefen hin, die genauso wichtig sind wie jene, die während der Behandlung mehr oder weniger plötzlich ins Gedächtnis zurückgerufen werden."
(International Journal of Individual Psychology 1937, S.283 / Ansbacher S.326)
"Für die Zwecke der Psychologie ist es gleichgültig, ob die Erinnerung, die ein Mensch für die erste hält, tatsächlich das erste Ereignis ist, an das er sich erinnern kann - oder ob sie überhaupt eine Erinnerung an ein wirkliches Ereignis ist. Erinnerungen sind nur für das wichtig, wofür sie >gehalten< werden; für ihre Interpretation und für ihre Beziehung zum gegenwärtigen und zukünftigen Leben."
(International Journal of Individual Psychology 1937, S.283f.)
"Die Ergebnisse der Individualpsychologie weisen auf die Tatsache hin, daß alle Verhaltensformen eines Menschen in eine Einheit passen und daß sie ein Ausdruck vom Lebensstil des Individuums sind. Das sogenannte Bewußte und Unbewußte widersprechen sich nicht, sondern bilden eine einzige Einheit, und die Methoden, die bei der Deutung des >bewußten< Lebens angewandt werden, können auch bei der Interpretation des >unbewußten< oder >halbbewußten< Lebens, des Lebens unserer Träume, gebraucht werden. Nur wenn man die Träume als eine Ausdrucksform des Lebensstils betrachtet, kann man für sie eine angemessene Deutung finden."
(International Journal of Individual Psychology 1936, S.4,6f. / Ansbacher S.333)
"Es ist ein allgemeiner Irrtum anzunehmen, daß Kinder derselben Familie von derselben Umgebung geprägt werden. Vieles ist natürlich für Kinder mit demselben Zuhause gleich, aber durch die Stellung in der Geschwisterreihe ist die psychologische Situation jedes Kindes individuell und unterscheidet sich von der der anderen Kinder."
(Problems of Neurosis 1929, S.96 / Ansbacher S.248)
"Bei einer größeren Kinderzahl findet man den Erstgeborenen in einer einzigartigen Situation, die keines der anderen Kinder erlebt. Er ist eine Zeit lang einziges Kind und erfährt Eindrücke, wie dieses. Verschiedene Zeit später wird er >entthrohnt<."
(Der Sinn des Lebens 1933, S.151 / Ansbacher S.349)
"Wenn andere Kinder auf dieselbe Art und Weise ihre Stellung verlieren, empfinden sie dies wahrscheinlich nicht so stark, da sie schon das Erlebnis der Kooperation mit einem anderen Kind hatten. Sie waren nie alleiniger Gegenstand der Beachtung und Pflege. Wenn natürlich die Eltern dem Erstgeborenen die Möglichkeit gegeben haben, sich ihrer Liebe sicher zu fühlen, und wenn sie ihn vor allem auf die Ankunft eines Geschwisters vorbereitet, ihn zur Kooperation in der Sorge um das Kind erzogen haben, pflegt die Krisis ohne krankhafte Erscheinungen vorüberzugehen."
(What Life Should Mean to You 1931, S.145 / Ansbacher S.349)
"Der betonte oder unbetonte Vorrang eines der Geschwister in der frühen Kindheit wird oft zum Nachteil des anderen. Mit großer Häufigkeit findet man Fehlschläge des einen Kindes neben Vorzügen eines anderen. Die größere Aktivität des einen kann zur Passivität des anderen Anlaß geben. Auch die Größe, Schönheit, Kraft des einen wird seine Schatten auf den anderen werfen."
(Der Sinn des Lebens 19333, S.149f. / Ansbacher S.353)
"Eine Mutter steht nicht nur mit ihren Kindern in Verbindung, sondern auch mit ihrem Ehe-mann und der ganzen Gesellschaft. Diesen drei Bindungen muß gleiche Aufmerksamkeit ge-schenkt werden; man muß allen dreien ruhig und mit common sense entgegentreten: Wenn eine Mutter nur ihre Bindung zu ihren Kindern im Auge hat, wird sie es nicht vermeiden können, sie zu verzärteln und zu verwöhnen. Sie wird es ihnen schwer machen, Selbständigkeit und die Fähigkeit zur Kooperation mit anderen zu entwickeln. Nachdem es ihr gelungen ist, eine Verbindung mit ihrem Kind herzustellen, ist es ihre nächste Aufgabe, sein Interesse auf den Vater auszudehnen; und diese Aufgabe wird sich als fast unmöglich erweisen, wenn sie sich nicht für den Vater interessiert. Sie muß das Interesse des Kindes auch auf das gesellschaftliche Leben lenken, auf andere Kinder der Familie, auf Fremde, Verwandte und Mitmenschen im allgemeinen. Sie hat eine zweifache Aufgabe. Sie muß dem Kind das erste Erlebnis eines vertrauenswürdigen Mitmenschen bieten; und sie muß dann bereit sein, dieses Vertrauen und diese Freundschaft so weit auszudehnen, bis es unsere ganze menschliche Gesellschaft einschließt."
(Der Sinn des Lebens 1933, S.145 / Ansbacher S.345)
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