Der Schweizer Psychiater und Psychologe Carl Gustav Jung (1875-1961) gilt neben Sigmund Freud und Alfred Adler unbestritten als der dritte Urvater der Tiefenpsychologie. Die Beschreibung und Analyse der krisenanfälligen Übergangsphase von der Jugend in das reifere Alter und ihrer Sinnproblematik ist der wesentliche Beitrag Jungs zu einer allgemeinen Psychologie. Diese Schwellensituation in der Lebensmitte, die Jung aus persönlichen Gründen auf etwa das 35. Lebensjahr datierte, soll seiner Forderung gemäß in die "Individuation" einmünden, einen lebenslangen Selbstwerdungs- oder Reifungsprozeß, der zu einer größeren Vollständigkeit und Abrundung des menschlichen Wesens verhelfen soll. Jung betrachtete den gesamten Lebenslauf als eine Reihe seelischer Metamorphosen, wobei das Umschwenken von einer äußeren, auch beruflichen Expansion zu einer selbstbesinnlichen Beschäftigung mit existenziellen Fragen des eigenen Ich der zentrale Dreh- und Angelpunkt seines psychologischen Konzepts ist. Aus dem dumpf-betriebsamen Leben der ersten Lebenshälfte könne der Mensch entrinnen, wenn er sich höheren Werten und großen Idealen zuwendet, die das Leben sinnvoll erscheinen lassen. "Individuation bedeutet: Zum Einzelwesen werden und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichliche Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte 'Individuation' darum auch als 'Verselbstung' oder 'Selbstverwirklichung' übersetzen." (Jung 1928a G.W. Bd.7, 183)
Jung wurde bekannt und geehrt als der "Prophet der Individuation". Er griff damit eine Diskussion auf, die seit der Antike anhält. Aristoteles, Thomas von Aquin, Albertus Magnus, Giordano Bruno, Leibniz, Spinoza und Nietzsche hatten sich damit auseinander gesetzt, und es ist anzunehmen, dass es sich um ein zentrales Prinzip der Persönlichkeitspsychologie handelt (Wehr 1982, 277). Doch mehr noch erwuchs die Jungsche Psychologie aus den ganz persönlichen Erlebnissen und Erlebnisverarbeitungen des Autors.
Jung, 1875 in der Schweiz geboren und damit 19 Jahre jünger als Freud, wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf; sein Großvater väterlicherseits war Chirurgieprofessor in Basel, sein Vater war Pfarrer und auch sonst gehörten seine Vorfahren intellektuellen Berufen an. Als Schüler war er isoliert und an okkultischen Zusammentreffen beteiligt, über die er später eine distanzierte Doktorarbeit schrieb, obwohl er innerlich an derlei Hokuspokus glaubte. 1900 bis 1909 arbeitete er als Anstalts- und Universitätspsychiater in Zürich. Dort erlangte er erste Berühmtheit mit sogenannten Assoziationsexperimenten; die oft schwer kranken Patienten sollten zu ausgewählten Begriffen intuitiv Gedanken äußern, die einen verblüffenden Einblick in ihre verborgenen Stimmungen gaben. Freud erkannte darin eine Bestätigung seiner Theorie und die beiden Männer nahmen eine intensive Beziehung auf.
Die Krise der Lebensmitte findet nach Jung zwischen dem 35. und 40. Lebensjahr statt, und in der Tat befand er sich zwischen 1913 und 1919 in einer tiefen Krise, ausgelöst durch die Trennung von Freud, mit dem er knapp zehn Jahre lang eine zunehmend problematischere Beziehung pflegte. Freud, der wie viele große Psychologen im Alltag nur ein schwach ausgeprägtes psychologisches Gespür hatte, nahm Jung als Kronprinz an, doch Jung wollte sich eigentlich nie mit der Rolle des gehorsamen Sohnes zufrieden geben. 1913 trat Jung aus der Psychoanalytischen Vereinigung aus und gab die Funktion des Herausgebers des "Jahrbuchs für Psychoanalyse" ebenso auf wie seine Privatdozentur an der Universität Zürich.
Für Jung war sein 38. Lebensjahr wirklich eine einschneidende Lebenswende, und nachdem er 13 Jahre lang seine "Persona" als tüchtiger Psychiater und Verfechter der Psychoanalyse ausgefüllt hatte, gab er sich ganz seinem Unbewußten, seinen Träumen und seiner entfesselten Phantasie hin, was ihn an den Rand einer Psychose brachte. Er hörte eine weibliche Stimme in sich, die er "Anima" nannte. 1919 hatte Jung den Eindruck, allmählich aus einer langen Nacht aufzutauchen. Die Entdeckung der innersten Elemente seiner Persönlichkeit im Zustand der Trance nannte Jung Individuation (Ellenberger 1985, 900). Er gab ihr Struktur, indem er seine Träume malte und dieses Material mit seiner weitläufigen Lektüre kombinierte.
Von der extremen Introversion schritt Jung im Alter von 44 Jahren zu einer erneuten Extraversion voran; den Rest seines Lebens widmete er sich der Verbreitung seiner Lehre. Er behielt einen Hang zu intuitiven Ideen, übersinnlichen Erlebnissen und bedeutungsvollen Träumen immer bei. Diesen seinen persönlichen Erfahrungen maß er einen allgemeingültigen Wert zu, eine Unsitte, die er mit Freud und Adler teilte. Die Zeit zwischen dem 35. und 40. Lebensjahr bringe für die meisten Menschen eine bedeutende Veränderung der Seele, meinte Jung (Jung 1931 G.W. Bd.8, 434; Ellenberger 1985, 901). Sein System veröffentlichte er 1921 in "Psychologische Typen". Oft zog er sich in einen selbst gebauten Wohnturm am Zürichsee zurück, wo ihn niemand stören durfte, Individuation war für ihn gleichbedeutend mit Rückzug. Paul Stern (1977) schreibt, im persönlichen Umgang sei Jung unleidlich gewesen. Der hünenhafte, ausdauernde und bärenstarke Jung sei spöttelnd-verletzend gewesen. Er habe ausschließlich um sich selbst gekreist, so dass er - wie eine Anekdote zu berichten weiß - seine Frau nach dem Namen seiner Kinder fragen mußte, wenn er sie ansprechen wollte. Von seiner Individuation hatte die Familie offensichtlich wenig. Seine kluge und tüchtige Frau schirmte ihn von allen alltäglichen Anforderungen ab. Für die zugereisten Bewunderer aber, die mit Andacht an seinen Lippen hingen, wurde er zum "Weisen vom Zürichsee". Jung starb, hoch geehrt, 1961.
Es drängt sich geradezu auf, in Jungs Theorie eine Spiegelung seiner Lebensereignisse zu sehen. Die wichtigste Quelle seines schöpferischen Denkens blieb für ihn die eigene Persönlichkeit. Bestimmend für die spezifische Interpretation des Unbewußten waren seine persönlichen Erfahrungen. Es war wesentlich seine eigene Krise in der Lebensmitte, die den Stoff zu seiner Theorie bildete, so dass man sich fragen muss, ob das Individuationskonzept überhaupt etwas ist, das auch für andere Menschen gelten könnte.
Jung formulierte mehrere Ebenen, die während des "Individuationsprozesses" erobert werden müssen, damit das Individuum tatsächlich ein "Selbst" ausbilden kann. Diese Individuation erfolgt natürlich am besten in einer Therapie der Jungschen Richtung, doch sind die Schritte so allgemein gehalten, dass sie hier als übergreifende Prinzipien formuliert werden können. Die Schritte zur Individuation orientieren sich an den Elementen des "Selbst". In ihm sind versammelt die Persona, der Schatten, Anima und Animus, Archetypen und das persönliche sowie das kollektive Unbewußte. Was ist jeweils darunter zu verstehen?
- Die Persona ist jener Teil der Persönlichkeit, der durch Amt, Beruf, Titel und soziale Rolle gekennzeichnet ist. Persona ist Außendarstellung, Fassade, Rolle, Anpassung, Gewohnheit, Maske. Sie hat ihre positive Bedeutung, wo sie die Zusammenarbeit mit der Außenwelt ermöglicht. Eine gut funktionierende Persona ist elastisch; sie ist auch ein Schutz nach außen. Eine negative Persona hingegen ist wie ein Panzer, der schützt, aber auch abkapselt. (Jung 1928b G.W. Bd.7, 165ff) Jung postulierte, die erste Lebenshälfte ist im wesentlichen der Entwicklung und Konsolidierung der Persona gewidmet.
- Unter Schatten subsumierte er alle diejenigen Ereignisse, Vorstellungen, Wünsche, Impulse und Phantasien, die vom Individuum aufgrund seiner Moralvorstellungen sowie aufgrund von kollektiv wirksamer Tabuisierung verleugnet und verdrängt werden. Dieses verdrängte Material, zu dem der Einzelne keinen direkten und willentlichen modifizierbaren Zugang besitzt, meldet sich in Form von Träumen, Fehlleistungen, neurotischen, psychotischen oder psychosomatischen Symptomen. Im Grunde sah Jung den Schatten als Sammelstelle für alles Böse an: unsoziale Eigenschaften, Schwächen, Unterlassungen, irrationale Gefühle, Vorurteile, Projektionen etc. Ihre Bewußtwerdung führe zu einer freieren Lebenseinstellung.
- Anima und Animus sind weitere "Unterpersönlichkeiten" des Einzelnen. Sie sind im Grunde auch Archetypen, oder anders gesagt, sie sind unbewußte Seelenbilder und archaische Phantasiebilder, Bruchstücke des kollektiven Unbewußten (Jung 1921/1950 G.W. Bd.6, 451ff und 510). Sie sind "Elterngeister", vom Unbewußten produziert, gleichzeitig auch Vorurteile und Meinungen, die jeder über das eigene und das andere Geschlecht verinnerlicht hat und auf den anderen projiziert (Jung G.W. Bd.4, 197ff). Sie sind teils angeborene psychische Strukturen, teils durch Erziehung vermittelt. Dem Mann werden geistige Überlegenheit und Tatkraft, der Frau Gefühlsabhängigkeit und Passivität zugeschrieben. Meist ist dieses Bild starr und festgelegt. Mann und Frau leiden unter dieser Vereinseitigung; die Beziehung zwischen den Geschlechtern wird kompliziert. Beide müssen sich entgegenkommen; die Frau solle ein Stück Männlichkeit und Rationalität erwerben, der Mann sich dem Eros und dem Seelischen öffnen. Zur Ganzheit und Vollendung der Person bedarf die Liebe des Geistes und der Geist der Liebe. Jung verfolgte offenbar das Ideal eines androgynen Wesens, welches die jeweils positiven Eigenschaften von Mann und Frau in sich vereint.
- Archetypen sind bei Jung einerseits ererbte Urbilder der Seele, menschheitsgeschichtliche Symbole, abgelegt im kollektiven Unbewußten, andererseits stammesgeschichtlich angenommene, instinktive Verhaltensweisen wie zum Beispiel das unwillkürliche Lächeln. Symbolische Archetypen steigen aus dem kollektiven Unbewußten auf und drücken sich in Träumen und Ängsten, Wahnvorstellungen und Psychosen aus. Symbolische Archetypen sind beispielsweise das Gottesbild, die Wandlung, die Vierzahl oder Viereinheit, die Große Mutter, der ewige Jüngling, der Alte Weise, die Bilder von Vater und Mutter, Mann und Frau und vieles mehr.
- Das kollektive Unbewußte (das nicht wirklich klar von den Archetypen zu scheiden ist) reicht in der Vorstellung Jungs bis in die Anfänge des Menschseins zurück und wird vererbt. Wir tragen die stammesgeschichtlichen Erfahrungen unserer Ahnen, die charakteristischen Wesenszüge der Art Mensch, die Stimme einer unbeeinflußten Urnatur des Menschen in uns, die nach Ganzwerdung ruft (Jacobi 1977, 44). Das kollektive Unbewußte zeigt sich in den immer schon vorhandenen Archetypen, die in Märchen, Mythen und Träumen aufsteigen. In anderen Formulierungen ist das kollektiv Unbewußte die ererbte biologische Hirnstruktur, die allgemein menschliche Möglichkeit des psychischen Funktionierens, wie sie vom Gehirn vorgegeben wird, und die uns träumen und phantasieren läßt.
- Daneben existiert das persönliche Unbewußte. Es besteht unter anderem aus nicht erkannten persönlichen Motiven, übersehenen Begebenheiten während des Tages, nicht gezogenen Schlüssen und fehlenden Konsequenzen sowie Affekten und Kritik, die wir uns verbieten oder die uns verboten wurden. (Jung 1921 G.W. Bd.6, 527)
Neurosen in der Lebensmitte sind laut Jung Konsequenz einer zu einseitig vollzogenen Persönlichkeitsentwicklung, sei es, dass man zu stark extravertierte oder introvertierte, sei es, dass jeweils Denken, Fühlen, Intuieren oder Empfinden überbetont wurden. Dem in der ersten Lebenshälfte Introvertierten drohen Anpassungsprobleme und Realitätsverlust, wenn er sich nicht vervollkommnet, dem extravertiert Bleibenden stehen Selbstentfremdung und Hysterie bevor. Der Zugang zu diesen Selbst-Anteilen ist für Jung Bedingung dafür, ein ganzer Mensch zu werden. Nur derjenige, der bei sich erkennt, dass er männliche und weibliche Qualitäten, Fähigkeiten und Eigenarten aufweist, der seine Schattenseiten anerkennen und integrieren kann und der eine lebendige Beziehung zu den unvermeidlichen Archetypen und dem kollektiven Unbewußten hat, kann eine authentische Individualität kraftvoll aufbauen. Aufgabe des Menschen in der "zweiten Lebenshälfte" ist es also, sich über all diese Seelenbestandteile klar zu werden, um zu einem selbstbestimmten und überindividuell wertvollen Leben zu gelangen.
- Extraversion in seiner einseitigen Ausrichtung bedeutet Identifikation mit der Außenwelt, Anpassung an das kollektive Man und die Modeströmungen sowie das Ausgerichtetsein auf Beruf, Prestige und Einkommen. Diese Phase wird von Jung zwiespältig gesehen. Positiv wirkt bei der Extraversion die Tatkraft, das Streben, das Vollbringen von Aufgaben, das Erfahrungsammmeln und überhaupt das pulsierende Leben. Der junge Mensch (bei Jung eigentlich immer: der junge Mann) wächst in Beruf, Ehe und Gesellschaft hinein. Doch nicht alle Anlagen, die die Natur ihm mitgab, können zum Tragen kommen. Alles, was abgespalten werden muss, wird ins Unbewußte verdrängt. Das steht im Gegensatz zu dem naturhaften "unbewußten Lebensplan", der auf Entwicklung, Reifung und Selbstverwirklichung aus ist. Jung scheint der Meinung, dass Anpassung an die Gesellschaft letztlich unbefriedigend bleibt, jedoch Bedingung für die höhere Stufe der Selbstwerdung ist. Es gibt kritische Äußerungen, so wenn er vor der "Massenpsyche" warnt, die in zwei Weltkriegen "die Oberhand gewonnen" hatte. Eine Gesellschaft könne moralisch und intelligenzmäßig zu einem großen, dummen und gewalttätigen Tier werden. Der Einzelmensch laufe Gefahr, vom kollektiven Bewusstsein aufgesogen zu werden. (Jung 1984, 37) Jung nahm seine politischen Pflichten als Schweizer Demokrat ernst, aber es finden sich auch viele Äußerungen, aus denen seine Verachtung für den "kleinen Mann" und den "Massenmenschen" hervorgeht. Die Anpassung an kollektive Forderungen, die Jung als biologisch-instinktive Verwirklichung der menschlichen Natur zur "Brutaufzucht" ansah, soll deshalb spätestens zur Zeit der Lebensmitte durch eine geistige Ausweitung der Persönlichkeit vervollständigt werden. (Jung 1931 G.W. Bd.8, 425ff) Der Mensch bedarf, nachdem er sich tüchtig im alltäglichen Leben bewährt hat, auch einer transzendierenden Idee und eines Sinns im Leben. Die Stunde der Introversion ist gekommen.
- In der Introversion wendet sich der Einzelne nach Innen, zieht sich zurück, reflektiert und vermeidet Außenkontakte. Es soll eine grundsätzliche Verlagerung von äußere auf innere Werte stattfinden. Die aktive Weltbewältigung muss zurücktreten zugunsten der Meditation und Kontemplation. Der Haltungswechsel von der Extraversion zur Introversion meint die Umkehr des Libidoflusses von der Progression zu Regression, vom Bewußten zum Unbewußten, von der Natur zur Kultur, vom Trieb zum Geist. Jungs Libidobegriff ist physikalisch-energetisch wie der von Freud und meint einen unspezifischen Antrieb, einen Lebensdrang, eine Werdelust. (Hess 1982, 290) Doch Regression ist bei Jung kein neurotisches Zurückkehren zu kindlichen oder pubertären Verhaltensweisen (wie bei Freud), sondern eine immer wieder notwendige Beschäftigung mit dem Unbewußten. Denn je unbekannter das Unbewußte ist, desto stärker wirkt es hinterrücks auf das Bewußtsein ein. Während die Psychoanalyse das Unbewußte als Rumpelkammer und unaufgeräumten Keller der Psyche ansah, glaubte Jung, das Unbewußte halte Schätze bereit. Je mehr man sich mit seinem Unbewußten bekannt macht, desto mehr kann das bewußte Ich vernünftig steuernd eingreifen. (Jung 1921/1950 G.W. Bd.6, 406ff)
Bewußtwerdung ist demnach identisch mit Reifung, Persönlichkeitsbildung und -entfaltung, ein psychischer Prozeß, der nach Jacobi (1971, 163) parallel zum Alterungsprozeß abläuft. Angestrebt wird ein geistig inhaltsreiches Leben, das für ein großes Ideal oder einen hohen Wert eintritt, kämpft oder sich dienend hingibt. Was aber ist bedeutsam und wertvoll? Jungs Konzepte lassen eine Ethik mehr erahnen als konkret werden. Er glaubte mit Sigmund Freud, dass die Gesellschaft eine "künstliche Verkrüppelung" der menschlichen Individualität bewirke, und er war sich mit Alfred Adler sicher, dass die freie Einzelexistenz eine Bereicherung für die Gemeinschaft sei. Individuation kann deshalb nicht Individualismus und Hedonismus heißen.
Ziel der Introversion ist vielmehr die Selbstwerdung. Das Selbst integriert die vielfältigen Persönlichkeitsanteile, nachdem sie bewußt gemacht wurden durch den radikalen Rückzug in die Träume, das Selbst und die Religion. Das Selbst sind die von Geburt mitgegebenen Anlagen und Neigungen, ferner ein unbedingter Entwicklungsantrieb (eine physische Energie) und ein ethisches Streben, überdies ein Ich mit Wahrnehmungen, Erinnerungen, Stimmungen und konkreten Wünschen. Im unbewußten Selbst lagern die archetypischen Symbole und Handlungsmuster, die kollektiv vererbt werden. Das Selbst ist insofern größer als das Ich. Selbstwerdung heißt, seine eigene seelische Mitte zu finden. Jung schränkte ein, dass das Ziel der vollkommenen Persönlichkeit nie erreicht werden kann.
Der zentrale Aspekt in Jungs Individuationstheorie, der dann auch zur Therapie überleitet, ist, dass man minderwertige Anteile des Selbst in sich erkennen und tolerieren soll. Dazu gehört es, sich mit seinen Mängeln auseinander zu setzen, um sich in seiner Ganzheit (einschließlich des Schattens und der anderen Anteile) verstehen zu lernen und als harmlosen Gast aufzunehmen. Die "Schattenanalyse" ist wesentlicher Teil der Selbstwerdung in der Lebensmitte und Kernstück der Individuation. Sie erfolgt in Trance und über Träume, die aufgeschrieben oder gemalt werden, im Auffinden von Idealen und Archetypen wie Anima/Animus oder des Alten Weisen/der Großen Mutter, sowie durch Eintauchen in Mystik, Alchemie, in die Weltseele und das kollektive Unbewußte als allgegenwärtiger und allwissender Geist sowie durch religiöse Spekulationen wie die der Wiedergeburt. Zusammen mit dem Therapeuten werden die Trance- und Traumbilder in der Art Jungs assoziativ gedeutet. Jeder Archetypus muss erkannt, gedeutet und ins Bewußtsein übernommen werden. (Zur Therapie siehe Jung G.W. Bd.6, Erster Teil: Allgemeine Probleme der Psychotherapie.)
Seelisch-geistige Erweiterung ist hauptsächlich ein Bewußtwerden des eigenen Wesens im Sinne des bislang Verwirklichten und der größeren Vollständigkeit und Verfeinerung in der Zukunft. Das Individuum kann Anima oder Animus und die anderen Archetypen so gestalten, dass sie ihm zu einer Quelle der Weisheit, Inspiration und Kreativität wird. Der Mensch findet erst eine annähernd ruhige Einstellung zu sich selbst, wenn er sich von allen Extremen abwendet. Gute Anteile sollen fortgesetzt und zur Wirkung gebracht, negative ohne Groll ruhen gelassen werden. Es gilt, sich mit dem bisher Erreichten auszusöhnen. Jung betont dabei die Bedeutung der Bewußtheit. Viele Neurosen hätten ihren Ursprung in zu großen Anteilen der Unbewußtheit. Seine Therapie hat das Ziel, den Menschen in der Realität, das heißt der Realität des Unbewußten zu verankern. Den Zweck der Ehe sah er darin, dass sich beide Partner bei der Individuation unterstützen.
Die Altersphase verlangt aus naturgegebenen Gründen Introversion. Aber selbst kluge und gebildete Menschen seien darauf gänzlich unvorbereitet. Es fehlt an Schulen für Erwachsene, die Selbst- und Menschenkenntnis vermitteln und auf das kommende Leben vorbereiten. (Jung G.W. Bd.8, 438f; Jung 1954a, II, 419) Er klagte darüber, dass das 20. Jahrhundert keine weltlichen Klöster für jene habe, die den leeren Betrieb der Alltäglichkeit müde seien und ihrer Introspektion leben wollen. Damit drückte er einen eigene, tiefen Wunsch aus. Das Entwicklungsdefizit und die Stagnation, die Jung bei seinen Patienten aus der Schweiz, den USA und England erkannte, nannte er auch ein "Ausweichen vor der Erweiterung des Lebens", das heißt in der zweiten Lebenshälfte ein Zurückweichen vor der Erweiterung des geistigen Lebens und der inneren Lebendigkeit. Der Sinn des Lebens besteht in der Jungschen Psychologie in einer kontinuierlichen Persönlichkeitsentwicklung, die niemals als abgeschlossen betrachtet werden kann. Sie ist es, die den unverlierbaren, unvergleichlichen Wert bringt und damit den inneren Frieden und die höchste Art des Glücks. (Jacobi 1971, 72)
Bei genauerer Untersuchung zeigt sich, dass Jungs Konzept der Individuation an einer Reihe von Einseitigkeiten krankt, vor allem an der weltanschaulichen Enge Jungs. Das beginnt damit, dass Jung das Konzept der Individuation aus fragwürdigen Beobachtungen im Bereich des Okkultismus entwickelte, wo er aus dem Dämmerbewußtsein des Mediums verborgene Persönlichkeitsanteile durchbrechen sah. Diese aus der Tiefe aufsteigenden Inhalte hielt er für Abkömmlinge eines weiten Wirklichkeitsbereichs, der gehaltvoller und weiser sei als das Wachleben. In diesen Seelengrund sah er die Archetypen abgelagert, von denen er annahm, dass sie vererbt sind. Diese Inhalte treten in Trance und in den Träumen an die Oberfläche und wurden von Jung wie Edelsteine gesammelt und betrachtet.
Jung legte unbewußt sehr viel in seine Träume, wobei ihm seine wache Neugier und seine weitläufige Lektüre ausreichend Material lieferte, doch er war unfähig zu sehen, dass seine Träume inhaltlich erstaunlich dem glichen, womit er sich gerade beschäftigte. Seine Auseinandersetzung mit diesem Seelengrund bescherte ihm Größenideen und Allmachtsphantasien, denen er sprachmächtig Ausdruck zu verleihen verstand. Er glaubte, Zugang zu tiefen Geheimnissen zu haben, was ihn zu einem elitären und singulären Dasein berechtige. Jung nahm Geister, Mächte, Dämonen, Götter und Archetypen als "wahr" an, weil sie von so vielen Menschen ähnlich wahrgenommen werden, wovon er sich in mehreren Auslandsreisen überzeugen konnte. Er erhielt Unterstützung durch das Studium der Gnostiker, die ihre Blütezeit Mitte des 2. Jhdts. vor Christus hatten. Sie behaupteten, ihre Visionen seien real, und glaubten, damit im Besitz religiösen Wissens zu sein, im Unterschied zum reinen Glauben.
Jung empfahl deshalb seinen Klienten, sich mit den Mythen vergangener Jahrhunderte zu beschäftigen. Er pries das Mittelalter, wo die Menschen angeblich von einem liebevollen Gott umsorgt wurden und noch genau wußten, was sie zu tun hatten und wo ihre Grenzen lagen. Die Naturwissenschaft hat diesen holden Schleier längst zerrissen (Jung 1928c G.W. Bd.10, 98). Jung huldigte eine Zeit lang Hitler und erklärte das Erstarken des Nationalsozialismus mit dem Erwachen des heidnisch-germanischen Wotans, der aus irgendeinem Grunde zu wüten anfange und das Unterste zu oberst kehre. Seine Ausführungen über die Unterschiede des arischen vom jüdischen Unterbewußtsein bezweckten eine Denunziation Freuds, eine Anbiederung an die neuen Machthaber und sollten Vorarbeiten für eine judenreine Psychologie sein. Seine vermeintlich unpolitische Haltung mündete mit zunehmenden Alter in eine Absage an die Möglichkeit der Vernunft und schloß Schicksalsergebenheit (auch gegenüber den Nazis) und Anpasserei ein, doch kann man nicht sagen, dass Jung ein Nationalsozialist war. Dazu war er zu versponnen.
Hauptziel der Individuation nach Jung ist die Wiedererweckung des religiösen Gefühls und sonst kaum etwas darüber hinaus. Neurose war ihm gleichbedeutend mit Gottesentzug. Auf diese simplifizierenden Gleichung setzte er die naive Verquickung von Gottesglaube und mentaler Hygiene. Laut Jung ist es Aufgabe der Religion, den Menschen mit dem ewigen Mythos zu verbinden. Er behauptete, es gebe unter seien Patienten jenseits des 35. Lebensjahres keinen einzigen, bei dem der Verlust des lebendigen religiösen Gefühls nicht das Hauptproblem sei (Jung 1932 G.W. Bd.11, 362). Jolande Jacobi, die der Individuation ein ganzes Buch gewidmet hat (1965), stellt fest, dass es darauf ankommt, die in jedem vorhandenen Gottesbilder (sie lagern im "Selbst"), ins bewußte Ich zu heben. Das "Selbst" ist immer religiös, auch wenn die Betreffenden es nicht wissen. Jung befand sich damit in einem selbstverstärkenden Prozeß, einer beruflichen Selbstwahrnehmungsfalle: Aufgrund seiner mythisch-religiösen Weltanschauung zog er nur religiöse Menschen und Theologen an (und stieß andere von vorn herein ab), so dass er den überzeugenden Eindruck gewann, die Welt sei voller Christen mit mythisch-religiösen Bedürfnissen. Die Vorselektion seiner Klienten war ihm nicht bewußt, eben so wenig, dass er Teil und Motor eines weltanschaulich hermetischen Kreislaufs der Selbsterfüllung war.
Jung geht es letztlich um das Verstehen der Innenwelt des Individuums; biologische, soziale, zeithistorische und familiendynamische Einflußfaktoren werden von ihm kaum angesprochen und zugunsten der "Einmaligkeit der Person" hintangestellt. "Wesentlich ist in letzter Linie nur das subjektive Leben des Einzelnen." (Jung 1933 G.W. Bd.10, 172f) Er glaubte mit Sigmund Freud, dass die Gesellschaft eine "künstliche Verkrüppelung" der menschlichen Individualität bewirke. Individuation bedeutet Rückzug in die Träume, in das Selbst und die Religion unter Vernachlässigung der Außenwelt und auf Kosten des Bezugs zu den Mitmenschen.
In einer exzessiven Selbstbespiegelung, die Jung seinen Patienten und Bewunderern vorlebte, liegt die Gefahr der Vereinsamung. Mit Archetypeninterpretationen findet niemand den Weg zu überindividuellen Werten und einer humaneren Gesellschaft. Jung selbst ist das Beispiel dafür. Er blieb grobschlächtig. Seine langwierige Selbstanalyse befähigte ihn nicht, die Gefühlsseite seiner Persönlichkeit zu entfalten. (Stern 1977, 141) Mangel an Gefühlswärme und Zuneigung wurde von vielen, einschließlich seiner Familie, schmerzlich konstatiert.
Die Dichotomie von Extraversion und Introversion und ihre Synthese in der Individuation geriet Jung zu einem absoluten Ordnungsschema, in das die gesamte seelische Wirklichkeit eingebettet wurde, auch wenn es dabei nach der Art des Prokrustes zuweilen recht gewaltsam zugeht. Das durch endlose Variationen ausgelaugte Leitmotiv von der Kluft zwischen Extraversion und Introversion und dem in der Lebensmitte gebotenen Umschwung vom einen zum anderen ist kraß simplifizierend und auch in sich undeutlich. Es bleibt unbestimmt, ob Introversion und Extraversion kompensatorisch oder gegensätzlich gemeint sind, nacheinander erworben werden sollen oder in sich verflochten sind, gleichwertig sind oder ungleichwertig mit einer Höherwertigkeit der Introversion. Auch geht der gedankliche Weg immer nur von der Extraversion zur Introversion; der umgekehrte scheint nicht vorgesehen zu sein. Jung suggerierte, die Krise in der Lebensmitte sei unvermeidlich und sie werde neurotisch bewältigt, es sei denn man trifft auf einen so kompetenten Psychotherapeuten wie ihn. Selbst die gut Angepaßten und Tüchtigen (die Jung aufsuchten) stagnierten in Wahrheit. (Wie anders ging Aristoteles an das mittlere Lebensalter heran; das sei die glücklichste, die beste Zeit des freien Mannes, befinde er der sich doch im Vollbesitz seiner Ausgewogenheit und Besonnenheit.)
Was speziell die Frau und das Geschlechterverhältnis betrifft, so hat die Jungsche Psychologie nicht wirklich etwas beizutragen. Jung begrüßte halbherzig die Emanzipation der Frau, wenngleich er ganz sicher nicht an eine so weitgehende Auflösung des Rollenverständnisses gedacht hat, wie es sich heute offenbart. Im Prinzip hatte Jung noch die traditionelle Ehe im Auge, in welcher die Frau geistig ganz in ihrem Mann, der Mann gefühlsmäßig ganz in seiner Frau aufgeht. (Stern 1977, 71-82) Die ungelebten Anteile werden in den Ehepartner projiziert, was nicht grundsätzlich ein Nachteil sein müsse, doch oft kann der Partner nicht die "ungelebten Wünsche" erfüllen. Der Animus der Frau könnte Mut, Unternehmergeist sowie geistige und ökonomische Selbständigkeit bedeuten, doch solche Frauen stellte sich Jung allenfalls als "femme inspiratrice" des Mannes vor (Stern 1977, 144), was erneut ganz von seinen eigenen Erfahrungen mit Ehefrau und der Geliebten Toni Wolff geprägt war. Eine Gleichstellung von Mann und Frau intendierte er offenbar nicht, doch plädierte er dafür, das Mann und Frau ihre überholte unbedingte Fixierung auf Logos einerseits und Eros andererseits aufgeben, dass Frauen "ein Stück Männlichkeit" und Männer "ein Stück Weiblichkeit" erwerben, um der Welt des jeweils anderen nicht völlig blind gegenüber zu stehen (Jung 1927 G.W. Bd.10, 148).
Jung wurde deshalb zum Objekt feministischer Kritik (Weiler 1985): Seine "Anima" sei einerseits ein Vorurteil, andererseits eine Chimäre; reale Frauen könnten seinem Mütterlichkeits- und Prinzessinnenideal niemals gerecht werden. Die Jungschen Archetypen des Weiblichen entspringe dem Geist des Patriarchats des 19. Jahrhunderts, nicht einer menschlichen Urzeit. Für ihn gründet sich die Psychologie der Frau auf den Eros und die des Mannes auf den Logos. Das war ihm kein Problem, sondern eine Tatsache (Jung 1927 G.W. Bd.10, 145). Wie stark Jung dem Glauben an die Überlegenheit des Mannes anhing, zeigt sich darin, dass er Epilepsie durch die Mutter vererbt annahm, Begabung jedoch durch den Vater. (Jung 1954b, 99; 1938, 407) Zu den erhaltenswerten weiblichen Anteilen zählte er Bewahren, Geborgenheit geben, Güte, Besonnenheit und Lebenswissen.
In Jungs Typologie trägt jeder den Keim zu allen Verhaltensweisen in sich (sie sind angeboren), doch warnte er davor, die jeweils gegengeschlechtlichen Anteile zu stark zur Geltung zu bringen. Das sei wider die Natur und verursache Störungen des seelischen Gleichgewichts (Jung 1927, G.W. Bd.10). Sein Entwurf zu einer Androgynität basiert eher auf dem natürlichen "Abschleifen" extremer männlicher oder weiblicher Eigenschaften im Laufe der Lebensjahrzehnte, wenn Erwachsene langsam rundlicher und fülliger werden und innerlich zur Ruhe kommen. Auch das Ineinanderaufgehen in einer geistigen Androgynie war nicht das, was er sich vorstellte: "Ein Mann sollte als Mann leben und eine Frau als Frau." (Jung 1927 G.W. Bd.10, 140).
"Wo Es war, soll Ich werden", postulierte Freud. Das gefährliche des Unbewußten sollte vom bewußten Ich domestiziert werden. Jung hingegen hielt es für unmöglich, die elementare Dynamik des Unbewußten durch ein bewußtes Ich "depotenzieren" zu wollen. Die einzig adäquate Einstellung des Bewußtseins gegenüber dem Unbewußten sei willige Kooperation. Nur wenn das Bewußtsein sich nach dem Unbewußten richte, könne es (das Bewußtsein) bestimmungsgemäß funktionieren als das Licht, das die Finsternis begreift (Stern, 270). Ellenberger hingegen zitiert Jung dahingehend, dass das Ich die Inhalte des Unbewußten sich unterwerfen muss, so wie der Held der Mythen gegen ein Ungeheuer kämpft und schließlich siegt (Ellenberger, 938f). Vielleicht kommt beides vor. Der Patient gilt als gesund, wenn Bewußtes und Unbewußtes im lebendigen Bezug zueinander stehen, wobei das Unbewußte immer die stärkere Seite bleiben müsse.
Jungs Typologie (1921) begnügt sich mit den zwei Kategorien Extraversion und Introversion, die sich in vier Grundfunktionen (Fühlen, Denken, Wahrnehmen und Intuieren) aufspalten. Diese Typologie beruht keineswegs auf Empirie (obwohl die Jungianer nicht müde werden, das Gegenteil zu behaupten), sondern läßt sich unschwer aus den charakterlichen Besonderheiten ihres Urhebers ableiten, vor allem aus Jungs Krise und Rückzug nach dem Bruch mit Freud und seine Vorliebe für die Zahl vier. Die Betonung der Introversion, der Geisterwelt und des Aberglaubens sollte eine in der Psychoanalyse und Individualpsychologie vernachlässigte und als neurotisch abgestempelte Seinsweise rehabilitieren, wie Jung überhaupt bestrebt war, seine Ideen von denen Freuds und Adlers abzugrenzen, wobei er durchaus bemüht war, den beiden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Hinter der Zurückweisung des psychoanalytischen Anspruchs auf universale Gültigkeit erhob sich nun seinerseits ein Absolutheitsanspruch, den das ganze Werk Jungs durchzieht. Gegen die Zerlegung des Psychischen in seine Bestandteile (Freud: Ich, Es, Überich) setzte Jung eine "Ganzwerdung" oder "Vervollständigung" der Psyche, ohne zu bemerken, dass er selbst mit einem halben Dutzend Teilpersönlichkeiten und -psychen hantierte.
Das Gemeinsame der darauf gefundenen Antworten ist die Auffassung, dass der Sinn des Lebens in der Entwicklung der Persönlichkeit und einer geistigen Erweiterung zu suchen ist, die nicht im Gegensatz zu humanen und demokratischen Tendenzen der Gesellschaft stehen. Im Einzelnen wurden unterschiedliche Lösungen vorgeschlagen, die von einem unbedingten Primat der Partei (Marxismus) bis hin zu einem ausschweifenden Individualismus (Romantik) reichen.
Jungs Verdienst besteht darin, die Sinnfrage erneut aufgeworfen zu haben. In Ergänzung zu Freud, der frühe Kindheitserlebnisse als determinierend ansah, hatte sich Jung speziell der vermeintlich typischen Problematik des Menschen in der Lebensmitte zugewandt und diesem Entwicklungspotentiale zugestanden. Doch seine Antwort auf die Sinnfrage ist überwiegend fragwürdig. Er plädierte dafür, ein geistig inhaltsreiches Leben anzustreben, womit er die Kultivierung eines religiös-mystischen Lebens meinte. Jung behauptete, Individuation schließe die Welt nicht aus, sondern ein (Jung 1931 G.W. Bd.8, 432), aber praktisch meinte er ohne Frage die innere Welt der Archetypen, des Unbewußten, des Schattens - Begriffe, die den Weg in den täglichen Sprachgebrauch gefunden haben. Die Krise in der Lebensmitte sei unvermeidlich, ein unerbittlicher Prozeß erzwinge die Verengung des Lebens (Jung 1931 G.W. Bd.8, 438); jugendliche Attraktivität und körperliche Spannkraft lasse langsam nach und Prestige, Status und Reichtum könnten nicht wirklich befriedigen. (Das schrieb Jung, als er Prestige, Status und Reichtum errungen hatte.) Es drohten Sinnlosigkeit, innere Leere, Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit. Der Mensch bedürfe aus diesem Grunde der psychologisch angeleiteten Befreiung, doch die Kultur biete dazu nichts an. Jung offerierte den religiös-mysthische Rückzug von der Gesellschaft und das Frönen eines überbordenden Individualismus, doch die Individuation könnten selbst in seiner Psychotherapie nur die wenigsten erreichen, so schwierig sei sie.
Seine Autobiographie "Erinnerungen, Träume, Gedanken" (1962), schreibt Paul Stern, lieferte den verblüffenden Beweis dafür, dass Jung im Grunde seines Wesens ein Spintisierer war. Mitten im 20. Jahrhundert lebte er in einer Welt der Geister und der Mythen. Was kann uns dieser Mann heute noch bedeuten, warum sollten wir uns noch mit ihm beschäftigen? Wenn eine schwierige Entscheidung über einen zwiespältigen Autor ansteht, ist es hilfreich zu fragen, ob der Betreffende zum humanen Fortschritt beigetragen hat. Diese Frage muss - mit Einschränkung - verneint werden; eine Bilanz fällt, unter dem Strich betrachtet, negativ aus. Jung war ein Anti-Aufklärer, ein Romantiker, ein Eigenbrötler, ein Träumer. Das Traumleben war für ihn wichtiger als die Begebenheiten des Wachens. Seine absonderliche Privatlogik wurde zu einer eigenen psychotherapeutischen Schule ausgebaut, die heute noch die verschroben ausgedrückten Ansichten des Meisters für bare Münze nimmt (z.B. Evers 1998). Die Analytische Psychologie Carl Gustav Jungs ist eher ein blamabler Unfall der Tiefenpsychologie als ein wissenschaftliche Plattform. Gleichzeitig war Jung aber auch ein Persönlichkeit von Format, vital, erfolgreich, belesen, ausdrucksstark, sensitiv bei seinen Patienten, von mitreißendem schöpferischen Elan beseelt (Stern 1977, 146). Seine Bücher enthalten viele genau beobachtete Details am Menschen, die in seinem schwer verdaulichen Jargon und seiner befremdlichen Begrifflichkeit fast wieder untergehen.
Doch wir dürfen festhalten: Die Individuation oder Selbstwerdung
bleibt eine dauernde Aufforderung an den Menschen, nicht nur in der Lebensmitte.
Es ist ganz sicher richtig, dass ein äußerliches, extravertiertes
Leben über kurz oder lang um eine Introspektion und mehr Selbstkenntnis
nicht herum kommt, um als "rund" und lebenswert bezeichnet werden zu können.
Auf alle Fälle ist es auf Dauer ein Unglück, wenn das Bewußtsein
dem unverstandenen Motiven fremd gegenüber bleibt. Deshalb ist Selbsterkenntnis
so dringend. Die Einsicht in die inneren Schattenseiten führt zu jener
Bescheidenheit, die zur Anerkennung der eigenen Unvollkommenheit notwendig
ist. Dem Menschen wird es dann eher gelingen, in realistischer Einschätzung
seines Könnens und Wollens gütig den Mitmenschen und verantwortlich
der Gemeinschaft gegenüber zu sein.
Literatur
Ellenberger, Henry (1985): Die Entdeckung des Unbewußten. Zürich
Evers, Dirk (1998): "Individuation als Therapie". In: Kraiker/Peter: Psychotherapieführer. C.H.Beck, München
Hess, Gertrud (1982): Psychische Energetik. In: Kindlers Psychologie des 20. Jahrhunderts, Bd.4. Weinheim-Basel
Jacobi, Jolande (1965): Der Weg zur Individuation. Freiburg 1971
Jacobi, Jolande (1971): Die Psychologie von C.G. Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk. Fischer-TB Frankfurt a.M. 1977
Jung, Carl Gustav (1921/1950): "Definitionen" und "Allgemeine Beschreibung der Typen". G.W. Bd.6 [Psychologische Typen, Abschnitt XI und X]
Jung, C.G. (1927): "Die Frau in Europa". G.W. Bd.10, 135-156
Jung, C.G. (1928a): Die Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewußten. Zweiter Teil: Die Individuation. G.W. Bd.7 [Zwei Schriften über Analytische Psychologie], 183ff
Jung, C.G. (1928b): Die Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewußten. Erster Teil: 3. Die Persona als Ausschnitt aus der Kollektivpsyche, G.W. Bd.7 [Zwei Schriften über Analytische Psychologie], 165ff
Jung, C.G. (1928c): "Das Seelenproblem des modernen Menschen", G.W. Bd.10 [Zivilisation im Übergang, Abschnitt IV], 91-113
Jung, C.G. (1931): Die Lebenswende. G.W. Bd.8 [Die Dynamik des Unbewußten, Abschnitt XVI], 425-442
Jung, C.G. (1932): Über die Beziehung der Psychotherapie zur Seelsorge. G.W. Bd.11 [Zur Psychologie westlicher und östlicher Religion, Abschnitt V]
Jung, C.G. (1933): "Die Bedeutung der Psychologie für die Gegenwart", G.W. Bd.10 [Zivilisation im Übergang, Abschnitt VII], 157-180
Jung, C. G. (1938): Die psychologischen Aspekte des Mutterarchetypus, in: Eranos Jahrbuch 1938, Zürich
Jung, C.G. (1954a): Briefe Bd.I-III, Olten 1972f
Jung, C.G. (1954b): Von den Wurzeln des Bewußtseins, Zürich
Jung, C.G. (1984): Persönlichkeit und Übertragung. Grundwerk Bd.3, Olten und Freiburg 1984
Rattner, Josef (1979): Carl Gustav Jung, in: Pioniere der Tiefenpsychologie. Europa Verlag, Wien
Stern, Paul J. (dt. 1977): C.G. Jung - Prophet des Unbewußten. Heyne, München 1979
Wehr, Gerhard (1982): Der Begriff der Individuation bei Jung. In: Kindlers Psychologie des 20. Jahrhunderts, Bd.4. Weinheim-Basel
Weiler, Gerda (1985): "Die 'leeren Frauen' des C.G. Jung. In: Psychologie heute, Oktober 1985, 64ff
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