http://home.arcor.de/g.mackenthun/psysom1.htm

Dr. Gerald Mackenthun, Berlin

Charité-Kurs "Einführung in die Psychosomatik und Somatopsychologie"

1. "Ich möchte mit einer kleinen Geschichte beginnen..."

(Berlin, Oktober 1997)

Zurück zur Übersicht...

Ich möchte mit einer kleinen Geschichte beginnen, um den Zugang zur Psychosomatik und Somatopsychologie zu finden.

Eine langjährige Freundin, die in Wien lebt, schloss 1998 ihre Promotion in Soziologie ab - mit allen Begleiterscheinungen der Euphorie und der Erschöpfung, der Zuversicht und des Ausgebranntseins, des Vorwärtsschreitens und der Stagnation. Kurz vor Abgabe der schriftlichen Arbeit schrieb sie mir, sie habe einen "bellenden Husten, Gliederschmerzen, Kopfweh sowie einigen Tagen Fieber", die Symptome einer etwas schwereren Erkältung. Hinzu kam, dass in dieser Zeit ihr Mann eine Prüfung zu absolvieren hatte und der Sohn mitten im Abitur steckte. Es war ihr Ehemann, der die Erkältung psychosomatisch deutete: Sie huste wohl auf die Dissertation und jetzt, wo das Ende in Sicht sei, gehe ihr langsam die Luft aus.

Ich antwortete ihr, dass ihre Erkältung vermutlich auf eine Ansteckung durch Viren beruhe und weitere psychosomatische Erklärungen in diesem Fall überflüssig seien. Es gebe pathogene Keime, die - wenn sie in ausreichender Zahl auf den Menschen treffen - eben eine Erkrankung hervorrufen. Und um meine Haltung zu bekräftigen, fügte ich noch hinzu, diese Suche nach "Gründen" für Krankheiten komme mir doch ein wenig wie "Psycho-Tamtam" vor.

Ich hätte vielleicht besser von "Sprachspiel" sprechen sollen, denn das Wort "Psycho-Tamtam" gefiel ihr nicht. Sie sei davon überzeugt, schrieb sie mir, dass wir alle zu unterschiedlichen Zeiten und je nach dem individuellen Befinden mehr oder weniger belastbar sind. In guter, hoffnungsvoller, zukunftsfreudiger Stimmung wird man die Schnupfenbazillen (in der U-Bahn beispielsweise) wegstecken; wenn aber vieles schiefläuft, man sich innerlich unglücklich fühlt und einen die Sorgen drücken, dann nisten sich die Schnupfenbazillen aus der U-Bahn ein und man bekommt eine Erkältung. Sie sei z.B. nie krank geworden, wenn sie verliebt war. Verantwortlich für die Annahme oder Nichtannahme der Krankheitserreger seien beide nicht, weder der psychisch Gesunde noch der psychisch Angeschlagene, fuhr sie fort. Andererseits gebe es Krankheiten und auch Unfälle, die zu denken geben. Manchmal falle einem schnell ein Zusammenhang von psychischem Status und Erkrankung auf, manchmal erst nach Jahren (und dann vielleicht nur mit Hilfe einer Psychotherapie), und manchmal interessiert er auch einfach nicht.

Sie habe beobachtet, dass es bei einigen Menschen körperliche "Schwachstellen" gebe, die immer wieder reagieren; bei ihrer Tochter Karoline sei es der Magen. Wenn die Abwehrkräfte schwach sind, dann reagiere dieses Organ am ehesten und am empfindlichsten. Die Symptome sind ein Signal: Halt, irgendwas stimmt nicht, belastet mich, überfordert mich. Dieses "Irgendwas" gelte es aufzuspüren. Man müsse aber die Krankheiten und ihre Schwere unterscheiden; einen Krebskranken nur psychotherapeutisch zu behandeln, sei natürlich unverantwortlich.

Das, was ihr Mann zur ihrer Erkrankung im speziellen und meine Freundin zu Psychosomatik im allgemeinen gesagt hat, ist vermutlich weit verbreitete Meinung und in dieser Form kaum problematisch oder angreifbar. Aber zufrieden bin ich nicht damit. Ich will die Psychosomatik noch einmal wissenschaftslogisch angehen.

Ich nehme an, dass meine gute Freundin in Wien keine Statistik über den zeitlichen Zusammenhang von Befinden und Erkrankung geführt hat. Was sich darüber sagen lässt, beruht auf der Erinnerung, und die ist bekanntlich unzuverlässig. Und gibt es, wenn man darüber nachdenkt, überhaupt je eine Stunde im Leben, die nicht irgendwie belastet wäre, sei es durch einen Gedanken an Früheres, durch eine Sorge um Zukünftiges oder durch eine aktuelle Schwierigkeit bei gleichzeitig allgemeinem gutem Wohlbefinden? Müssten wir, so gesehen, nicht alle ständig krank sein?

Wenn wir also die Aussage verifizieren wollen, dass zwischen Erkrankung und Befinden ein Zusammenhang besteht, müssen wir Krankheit und Befinden gewichten. Das könnte, mit viel Aufwand, vermutlich gelingen und ist vielleicht auch schon versucht worden, aber wir sind uns darüber einig, dass die Grenzen zwischen Gesundheit und Krankheit ebenso fließend sind wie zwischen Wohlbefinden und mangelnder Lebensqualität. Wir haben es mit der grundlegenden Schwierigkeit von Definitionen und Abgrenzungen zu tun.

Seitdem ich mich selbst psychologisch betrachte, was bei der Beschäftigung mit Tiefenpsychologie und Psychosomatik so gut wie unvermeidlich ist, habe auch ich wieder immer auf diesen Zusammenhang geachtet - und glaube keinen gefunden zu haben. Ich wurde krank mitten in den schönsten Sommerferien und, was vielleicht noch wichtiger ist, ich wurde nicht krank unter dem Stress der Doktorarbeit oder starker beruflicher Belastung. Hinzu kommt, dass ich leichtere Erkrankungen wie beispielsweise eine Erkältung als etwas durchaus Positives empfinde. Ich kann mich aus dem Beruf zurückziehen, einige schöne Bücher lesen (sobald der Kopfschmerz nachgelassen hat) und lasse mich meistens so lange krankschreiben, bis ich wirklich regeneriert bin.

Wie meine Freundin in Wien vertrete ich die Meinung, dass man die Menschen für ihre psychosomatischen Erkrankungen nicht oder nur eingeschränkt "verantwortlich" machen kann. Es gibt ohne Zweifel eine Modulation des Immunsystems durch psychische Zustände (darauf wird in diesem Kurs noch eingegangen werden). Wieweit Gesundheit willentlich gesteuert werden kann, ist über weite Strecken noch unklar, doch gibt es Autoren, die diese Möglichkeit behaupten, ebenso wie es jene gibt, die sie negieren.

Wir stehen vor dem Phänomen, dass in Einzelfällen ein Nichtraucher Lungenkrebs bekommt und nicht alle starken Raucher an Lungenkrebs erkranken. Epidemiologisch allerdings ist der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs eindeutig belegt. Allerdings kommt man nicht um die Tatsache herum, dass Menschen mit gesundem Lebenswandel Krebs und Herz-Kreislauf-Krankheiten bekommen können und Unfälle haben, genauso wie es Nichtsportler und Kettenraucher gibt, die ein hohes Alter erreichen. Immanuel Kant erkrankte in hohem Alter (mutmaßlich) an Alzheimer, trotz seines Gehirntrainings.

Wir hörten bereits die These von der "körperlichen Schwachstelle"; meine Bekannte hatte berichtet, dass ihre jetzt 14jährige Tochter bei Anspannung und Konflikten mit Magenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen reagiert. Der Psychosomatiker und Individualpsychologe Alfred Adler hat in der Tat die Theorie vertreten, dass jeder Mensch eine schwache körperliche Stelle hat, die auf Belastung vor anderen Organen reagiert. Das ist durchaus der Fall, muss aber nicht immer so sein. Mir war in der Schulzeit oft schlecht, wie ich glaube, nach dem Genus von Eiern, aber das hat sich völlig gegeben. Heute reagiere ich häufig mit den oberen Atmungsorganen. Wie ich las, scheint das nichts Spezifisches zu sein; die Bundesbürger sollen im Durchschnitt zweimal im Jahr erkältet sein, Kinder häufiger als Erwachsene.

Adler und andere haben versucht, einzelne Körperteile oder -stellen mit spezifischen Belastungen zu assoziieren. Es gibt eine Fülle sprachlicher Redewendung, die sich mit Körperteilen assoziieren lassen: in die Knie gehen, eins auf die Nase bekommen, Last auf den Schultern tragen, auf den Magen schlagen, sich etwas zu Herzen nehmen, etwas im Kopf nicht aushalten können, etwas nicht mehr tragen können oder wollen usw. Davon gibt es sehr viele und zwei hatte meine Wiener Bekannte in ihrem Briefe erwähnt: sie huste wohl auf die Dissertation und jetzt, wo das Ende in Sicht sei, gehe ihr langsam die Luft aus.

Es gibt aber offensichtlich viele Körperteile, zu denen eine sprachliche Assoziation nicht existiert oder unbekannt ist, beispielsweise beim Unterschenkel oder dem Ringfinger oder der Hirnanhangsdrüse, von Synapsen oder HDL-Cholesterin ganz zu schweigen. Zu vielen Organen und Körperstellen fällt dem Volksmund nichts Gesundheitliches ein, wie ich meine vor allem, weil sie den Blicken entzogen oder weil sie im Alltag unbedeutend sind. Die sprachliche Assoziation stammt aus der Frühzeit der Medizin, als unter anderem noch die antike Säftelehre im Schwange und der medizinische Blick noch nicht in den Körper dringen konnte. Gleichwohl wird wohl niemand leugnen wollen, dass sich auch an jene Stellen Krankheiten heften können, die den Blicken der Laien entzogen sind.

Offensichtlich ist sprachvermittelte Psychosomatik begrenzt auf Organe und Körperteile, die wir sehen oder spüren. Das aber wiederum bedeutet, dass diese Art der Psychosomatik an unsere grobe und oberflächliche Wahrnehmung gekoppelt ist, oder anderes gesagt: Die im Alltag gebräuchliche Psychosomatik ist so begrenzt wie die Wahrnehmung des Nicht-Wissenschaftlers. Neuere medizinische Erkenntnisse, die sich allein schon aus dem Gebrauch des Mikroskops ergeben, fallen aus einem solchen Psychosomatikkonzept heraus (wenn der Begriff "Konzept" nicht schon zu hoch gegriffen ist). Und noch ein Argument: In anderen Sprachen werden andere Metaphern für gleiche Aussagen benutzt. "Sich etwas vom Herzen reden" heißt im Englischen "make a clean breast of something". Die Verknüpfungen sind andere. Heißt das, die Engländer sehen andere psychisch-somatische Zusammenhänge als die Deutschen? Haben sie auch eine andere Medizin?

Die sprachvermittelte Psychosomatik hat trotzdem Sinn und Wert: Sie muss nicht "wahr" sein, aber sie stellt Metaphern zur Verfügung, um Patienten so behandeln zu können, dass diese ihr Leben besser verstehen. Ihre Erklärungen sollen uns beruhigen, indem sie körperlichen Phänomenen Bedeutung und Sinn unterlegt. Die Sinnsuche scheint einem zutiefst menschlichen Bedürfnis zu entspringen. Es gibt den starken Wunsch nach Deutung und Auslegung. Deren Ergebnisse ordnen das Individuum in das Universum ein und geben ihm einen Platz, den es so dringend bedarf. Denn das Universum ist riesig und der Einzelne kann in ihm untergehen oder von ihm zermalmt werden.

Alles soll einen Grund und einen Zweck haben, auch eine Krankheit. Es ist wunderbar, nach einem Sinn zu suchen; es wärmt das Herz, erweitert die Erkenntnis, eröffnet Handlungsperspektiven für die Zukunft und ist damit ein eminenter Gesundheitsfaktor. Das heißt nicht, dass die Frage nach dem Sinn wissenschaftlich sinnvoll ist. Man kann bei einer Autostoßstange oder bei einem Staudamm nach dem Warum fragen, aber die gleiche Frage verdient nicht unbedingt auch dann eine Antwort, wenn man sie im Zusammenhang mit einer Krankheit, einem Zufall oder dem Universum stellt. Fragen können intellektuell und emotional unangemessen sein, so sehr sie auch von Herzen kommen mögen.

Wir wollen an dieser Stelle trotzdem zunächst annehmen, dass die Frage nach dem Warum einer psychosomatischen Krankheit angemessen ist, wenn wir schon nicht angeben können, wie das Wie zu beantworten ist. Um überleben zu können, brauchen wir ein möglichst widerspruchsfreies Bild der Welt, eine konsistente Erklärung der Wirklichkeit, wie sie "wirklich" ist. Philosophen weisen darauf hin, dass die Welt ist, was sie ist, und dass nur unser Wissen darum wahr oder falsch sein kann. Sinn und Ordnung in der Welt werden durch Akte menschlicher Zuschreibung gesetzt. Schopenhauer betonte, dass ein Zweck erst vom Verstand in die Natur hineingelegt wird, und jener Mensch, der dies tut, ein Wunder anstaunt, das er selbst geschaffen hat. Dieses Aktes der Setzung einer Wirklichkeit sind wir uns aber typischerweise nicht bewusst, doch ist eine Wirklichkeit solcher Art erst einmal gesetzt, dann leiten sich daraus scheinbar eherne, schicksalhafte Folgen ab. Wenn ein Weltbild geformt und damit eine Wirklichkeit geschaffen ist, will der Mensch deren Gesetze allumfassend verstehen, was ihn zu den größten Leistungen beflügeln wie in die tiefste Verzweiflung stürzen kann. Die Frage nach dem Sinn ist aber rückbezüglich, sie ist ja die Folge einer immer schon gegebenen Antwort, das heißt einer Sinnsetzung, die ihrerseits ja überhaupt erst die Frage nach dem Sinn auf den Plan ruft. Ohne die a priorische Setzung eines Sinnes gäbe es auch keine Sinnfrage. Wenn unsere Wienerin schreibt, eine körperliche Reaktion setzt ein Signal ("Halt, irgend etwas stimmt nicht"), dann setzt das bereits die Annahme voraus, das eine psychosomatische Krankheit eine Signalwirkung hat. Dem Wunsch, diesem "irgendwas" nachzuspüren, liegt unausgesprochen die These zugrunde, dass es dort auch wirklich etwas zu entdecken gibt.

Streng wissenschaftlich gesprochen ist diese Haltung ziemlich anfechtbar, aber ich hatte schon zugegeben, dass sie einen praktischen Sinn hat. Der Zweck der Sinnsuche liegt darin, in Zuwendung, Anerkennung und menschliche Wärme umgesetzt zu werden. Der gefundene Sinn erweitert unser Verständnis und damit unsere innere Bereitschaft zur Anteilnahme. Ich bin ein leidenschaftlicher Anhänger der gegenseitigen Hilfe, aber als Wissenschaftler mache ich mir doch Sorge um die Konsequenzen. Der Determinismus, d.h. die Annahme, dass alles Geschehen kausal bedingt ist, krankt an der Ungewissheit, ob dieser Determinismus nicht selbst wiederum determiniert ist, weil er eine willentliche Setzung der Wirklichkeit ist. Anders gesagt: Es gibt Kausalität und Determinismus manchmal auch deswegen, weil wir uns wünschen, dass es sie gibt. Unsere Wünsche und Interessen sind nicht leicht zu unterscheiden von den "harten" Zusammenhängen in Physik und Chemie. Die Geisteswissenschaften sind dafür bekannt, dass sie mit "weichen", d.h. eher unbestimmten Zusammenhängen arbeiten müssen - im Gegensatz zu den Naturwissenschaften.

Oder nehmen wir die Teleologie: Sie beruht auf der Annahme, dass der Mensch mit seinem Tun einschließlich seiner psychosomatischen Krankheiten einen Zweck verfolgt. Wenn ich annehme, dass der Mensch zweckgeleitet ist, suche ich nach einem Motiv. In der psychischen Welt des Menschen macht es Sinn, nach Ziel und Motiv zu fragen, denn der Mensch kann seine Zukunft denken und planen. Das Problem in der Psychologie besteht darin, dass die Ziele in der Regel unbewusst und die Motive dafür überdeterminiert sind: Die Menschen werden meist von einem ganzen Bündel von Motiven beherrscht, die zudem widersprüchlich sein können. Trotzdem ist die Suche nach Sinn, Ziel und Motiv für unser Seelenleben eminent wichtig; Sinnloses scheint uns unerträglich zu sein, während befriedigende Antworten den praktischen Zweck erfüllen, uns besser in der komplizierten Welt zurechtzufinden.

Der Sinn, den wir erhalten, hängt von der Sinnfrage ab, die wir stellen. Die Sinnfrage selbst aber kann sich keinen Sinn geben; sie ist nicht ihr eigener Sinn, sie ist leer in dem Augenblick, in dem sie auf sich selbst zurückfragt. Mit anderen Worten: Solange die Frage nach dem Sinn des Sinnes nicht gestellt wird, kann psychosomatische Ursachenforschung funktionieren und bleibt widerspruchsfrei. Aber ich vermute, dass wir uns in diesem Fall wie der betrunkene Nachtschwärmer verhalten, der unter einer Laterne nach seinem Schlüssel sucht. Befragt von einem weiteren Spaziergänger, wo er den Schlüssel denn verloren habe, deutet er mit der Hand unbestimmt in die Dunkelheit hinein und sagt: "Dort hinten." Und auf die Frage, warum er unter der Laterne suche, erfolgt die Antwort: "Weil es hier hell ist."

Offensichtlich ist diese Schlüsselsuche absurd, und so geht es mir manchmal mit der Suche nach dem Sinn der psychosomatischen Krankheit. Wie lange müssen wir vergeblich suchen, bis wir nicht mehr glauben, an der richtigen Stelle gesucht zu haben, sondern uns fragen, ob es das Gesuchte überhaupt gibt? Wenn die Frage nach dem Sinn einer psychosomatischen Krankheit wegfällt, entfällt auch die Notwendigkeit einer Antwort. Ich erinnere an die Bemerkung des Königs in Alice im Wunderland, der nach dem Lesen des unsinnigen Gedichts des weißen Kaninchens zur erleichterten Schlussfolgerung kommt: "Wenn kein Sinn darin ist, so erspart uns das eine Menge Arbeit, denn dann brauchen wir auch keinen zu suchen."

Ich komme auf wissenschaftstheoretischen Umwegen zu jenem Schluss zurück, den ich schon in meiner Antwort an die Wiener Freundin schrieb: Zur Erklärung einer Erkältung reicht der Hinweis auf die Viren aus. Viren sind eine sowohl notwendige, als auch hinreichende Erklärung. Die Suche nach dem Sinn der Erkältung ist metapsychologischer Überbau, eine gedankliche Zusatzleistung, die uns beruhigt und beschwichtigt und den sinn- und zwecklosen Übergriff der Viren auf unser möglicherweise geschwächtes Immunsystem höhere Weihen verleiht.

Nach dem Sinn einer Krankheit zu suchen, scheint tendenziell rückwärtsgewandt und vergangenheitsorientiert zu sein; man versucht, aus Vergangenem eine Kausalkette in die Gegenwart zu knüpfen. Ich halte es eher mit Alfred Adler, dem es darauf ankam, was aus einer gegebenen Situation gemacht wird, wie mit ihr umgegangen wird, welche Haltung wir zu ihr einnehmen. Die Frage, was mache ich daraus? ist in die Zukunft gerichtet, blickt nach vorn. Es wäre aber falsch, sich für eine der beiden Haltungen zu entscheiden, vielmehr haben beide ihre Berechtigung. Der Blick zurück lässt einen erkennen, an welchen Stellen und zu welchen Zeiten man eventuell falsch gehandelt oder gelebt hat oder einem Irrtum aufgesessen ist. Die Erkenntnis, die sich möglicherweise daraus ergibt, ist wertvoll für die Zukunftsgestaltung. Ich meine jedoch festgestellt zu haben, dass das forcierte Nachdenken, das Grübeln über den Sinn der Krankheit oft zu keinem Ergebnis führt; für viele Malaisen lassen sich einfach keine Gründe angeben, die einen beruhigen könnten. Solange es biologisches Leben auf diesem Planeten gibt, gibt es auch deren Erkrankungen; das gilt auch für den Menschen, der mit Krankheiten leben lernen sollte, das heißt, krankheitliche Einschränkung als zum Leben gehörend zu betrachten.

Wir wissen, dass sich statt dessen eine Anspruchshaltung breitgemacht hat, von Krankheiten gefälligst verschont zu werden. Behinderte fordern ein "Recht auf Gesundheit". Erwischt es einen dann doch, werden Ärzte und die Umgebung verantwortlich gemacht, was wahrscheinlich zu einer Prolongierung der Krankheit führt. Andererseits gibt es beeindruckende Beispiele dafür, wie Menschen mutig ihre manchmal auch starken Behinderungen und Einschränkungen akzeptieren und sie in ihr übliches Leben, das immer größer ist als nur die Krankheit, integrieren. Sie erfahren dabei, zumindest in den Industriestaaten, den Beistand hilfreicher, ausgebildeter Menschen, die gelernt haben, nicht nur ihre Persönlichkeit, sondern auch eine immer ausgefeiltere Technik zur Unterstützung einzusetzen.

Ein Grundproblem aller psychosomatischen Schulen und Konzepte besteht darin, dass sie immer nach dem fragen und suchen, was sie bereits von vornherein in die psychosomatische Krankheit hineingelegt haben. Eine solche nicht reflektierte Haltung kann problematisch werden, wenn sie die Komplexität der Psychosomatik reduziert. Die Aussagen werden dann ungenau, beispielsweise wenn Trauer nicht genau von Melancholie und Depression abgegrenzt wird, wenn Trauer rein innerpsychisch betrachtet und die äußeren Anlässe ignoriert werden, wenn psychosomatische Trauer ohne genaue Beschreibung ihrer Phänomenologie als Feindseligkeit gegen die Mitwelt aufgefasst wird. Ist es wirklich angemessen, Tränen ausschließlich als Druckmittel gegen Mitmenschen zu interpretieren? Ist der tiefste Grund der Depression wirklich der Wunsch, sich über alle anderen Mitmenschen zu erheben? Oder steht vielleicht nicht doch eine reale Not und ein auslösendes Ereignis dahinter? Ursache und Wirkung sind in der Psychosomatik schwer zu ermitteln, aber darf man diese Fragen ignorieren?

Darf man wirklich allen Menschen, die an Hämorrhoiden leiden, unterstellen, sie seien krankhaft ehrgeizig und hätten eine Vorliebe für Kot, Unrat und Schmierereien? Sind alle Neurodermitiker "Schuld" an ihrer Krankheit, auch die Kleinkinder und Säuglinge? Ist es angebracht, den Juckreiz der Neurodermitis abzutun mit dem Hinweis, es gebe schließlich andere und größere Probleme? Wird hier nicht die Bedeutung und Belastung durch diese Krankheit leichtfertig heruntergespielt? Ist es angemessen, die Rolle der Eltern von neurodermitischen Kindern nicht zu untersuchen? Wenn eine Psychosomatose ein multifaktorielles Geschehen ist, muss dann nicht auch die Familiendynamik mit in den Blick genommen werden? Wollen sich kratzende Neurodermitiker wirklich nur gegen ihre Mitwelt durchsetzen?

Ich stelle die Fragen, weil es wirklich einzelne Autoren gibt, die psychosomatische Patienten als Zumutung und Belästigung empfinden, also allein von sich und ihrer inneren Stimme ausgehend den Kranken betrachten. Aus dieser Perspektive erscheinen alle Neurodermitis-Patienten als angespannte, ängstliche, affektive, introvertierte, sadomasochistische und intellektualisierende Versager. Es wird manchmal nicht deutlich genug darauf hingewiesen, dass innerpsychische Konflikte und spezifische Charakterstrukturen weder notwendige noch hinreichende Bedingungen für eine somatische Erkrankung, sondern nur ein Beitrag zum Auftreten einer somatischen Erkrankung sind - und auch nur dann, wenn prädisponierende Faktoren vorliegen.

Die Situation bei den Alopezie-Patienten sei "zum Haareausraufen", sagt der Volksmund. Alopezie heißt Haarausfall, und wessen Haare ausgefallen sind, kann sie sich schlecht raufen. Darf in einem Buch über Haarausfall der genetische Unterschied zwischen Männern und Frauen unerwähnt bleiben? Der Asthmatiker teilt einem angeblich mit, dass er in dicker Luft lebt; der Verstopfungspatient habe Hingabeschwierigkeiten; der Magenpatient könne etwas Seelisches nicht verdauen; und der Hautpatient möchte einfach aus der Haut fahren, weil er sich allseitig bedrängt fühlt. Aber alle vier reagieren möglicherweise auf ein und denselben Konflikt oder eine traumatische Belastung. Die Frage, warum bei gleicher Belastung der eine mit dem einen Organ und der andere mit dem anderen reagiert, scheint nach wie vor ungeklärt. Vielleicht haben wir es hier mit einer unsinnigen Frage zu tun. Es reicht möglicherweise aus, die Tatsache einer "Organminderwertigkeit" festzustellen. Es gibt konstitutionelle Schwächen, ebenso wie es später erworbene Krankheiten gibt, die gewisse Organe schwächen können.

Diese Psychosomatik hat in ihren Sprachspielen nur allzu oft zu wilden Spekulationen und falschen Verknüpfungen geführt, die den Namen Wissenschaft nicht verdienen. Sie sind Beispiele dafür, dass nicht der Warnung Josef Rattners gefolgt wird, bei der Psychosomatik auch den Körper und seine teilweise unabweisbare Biologie mit einzubeziehen. Viele psychoanalytische und tiefenpsychologische Texte sprechen nur die psychische Seite an, als ob der Mensch nur aus Seele und Geist und ohne einen Körper besteht.

Ich komme zu dem Schluss, dass die Psychosomatologie in Teilen eine problematische Angelegenheit ist. In diesem ersten Zugriff auf die Psychosomatik muss ich feststellen, dass sie als Wissenschaft nicht von Spekulationen und Hypothesen frei ist, die sich widersprechen oder einander ausschließen. Darüber hinaus fehlen noch klar umrissene Maßstäbe, mit dem die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer psychosomatischen Krankheit abgeschätzt werden könnte. Es wäre nicht verwunderlich, wenn man sich, insbesondere nach einer Ausbildung in den Methoden wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens, den gesamten psychosomatischen Aspekt als eine Art spekulative Pedanterie betrachtet, die keiner ernsthaften Aufmerksamkeit wert ist. Wir werden später sehen, dass dem glücklicherweise nicht ganz so ist. Ich denke sogar, dass die Psychosomatik die "Medizin der Zukunft" sein wird. Sie liegt auf der Schnittstelle von Psychologie und Medizin. Beide Disziplinen sollten aufeinander zugehen und voneinander lernen, wollen sie ihren Beitrag zum Verständnis und zur Heilung kranker Menschen verbessert. Und indem wir darüber nachdenken, kann uns vieles über uns selber klarer werden.

Ich möchte das bisher Gesagte in Thesen wiederholen und zusammenfassen (Folie 1):

Die lediglich sprachassoziierte Psychosomatik kann den Anforderungen an Wissenschaft nicht genügen.

Die Fragen nach dem Wie und dem Warum von Psychosomatosen sind nach wie vor in der Regel nicht zu beantworten.

Es ist eher nicht anzunehmen, dass spezifische psychosoziale Konflikte zu spezifischen Psychosomatosen führen.

Die Sinngebung des Sinnlosen zeitigt Unsinn. Die Suche nach "Gründen" kann zur Konstruktion falscher Zusammenhänge führen.

Es gibt eine problematische Tendenz, psychosomatischen Patienten eine gewisse Mitschuld und einen gewissen Willen an ihrer Erkrankung zuzuschreiben.

Das Leben ist größer als die Krankheit.

In einem Satz: Es gibt auch eine voreilige und falsche Psychosomatik.

Mit dieser wohlmeinenden Warnung wollen wir uns auf den Weg in die Psychosomatik begeben.

*      *      *

Zurück zur Übersicht...